Wir schreiben das Jahr 1985, das Jahr, das den österreichischen Weinbau maßgeblich veränderte. Der Katastrophe waren anonyme Anzeigen vorausgegangen. Und Getuschel gab es seit Jahren. Dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugehen würde, beim österreichischen Wein, vor allem beim Süßwein, der ja ein echter Exportschlager war. Es war sozusagen was im Busch. Die Staatsanwaltschaft begann widerwillig zu ermitteln. Und wurde schnell fündig. Glykol - ein Frostschutzmittel - im Wein.
Den ersten Untersuchungen folgten recht spät Verhaftungen. Ende Juli 1985 wurde der Golser Weinhändler Hans Sautner wegen Verdachts auf schweren gewerbsmäßigen Betrug inhaftiert, einige Tage später folgten vier weitere Weinmacher. Der Skandal weitete sich aus, als man in einer Spätlese der Gebrüder Grill aus Fels am Wagram die sagenhafte Menge von 48 Gramm Glykol feststellte - „absolute Vergiftungsgefahr", wie die Behörde festhielt.
Anfang August 1985 waren zwanzig Winzer und Kellermeister in Haft, Betriebe wurden geschlossen und deren Buchhaltung beschlagnahmt. Im Oktober 1985 kam es zu einer Reihe von Prozessen, die Urteile erstreckten sich von 15 Monaten bis zu zweieinhalb Jahren Haft. Der österreichische Weinexport, im Jahre 1984 noch 478.434 Hektoliter stark, sank bis 1986 auf 42.119 Hektoliter - eine ökonomische Katastrophe. Viele Winzer standen vor dem Ruin. Selbst die österreichischen Konsumenten, einst die verlässlichsten Abnehmer, tranken lieber italienischen Wein. Es war das Ende des österreichischen Weins. Und ein Neuanfang war nicht in Sicht.
Weingesetz, Marketing und junge Winzer
Dem Skandal folgte das strengste Weingesetz der Welt. Und diesem Weingesetz folgte die größte Marketingoffensive, die eine österreichische Branche je gestartet hatte, ein Canossagang auf Veranstaltungen und Messen, eine Bitte nur, Qualität zu erkennen und anzunehmen. Zeitgleich begannen die alten Winzer - teilweise hoch verbittert - abzudanken und ihren Töchtern und Söhnen das Ruder in die Hand zu geben - unabdingbares Zeichen für einen Neuanfang.
Diese jungen Winzer waren es auch, die das Experiment Weinmarketing stützten, das Ende 1986 begann und bis heute die wohl erfolgreichste österreichische Exportmaschine ist - die Verdienste im Inland nicht zu unterschätzen. Denn dem gemeinsamen Ziehen am Strang ist es zu verdanken, dass der österreichische Wein zuerst den inländischen und dann auch den ausländischen Konsumenten erreichte.
Der heute banale Satz: "Qualität vor Menge", war 1986 noch keine Garantie für Erfolg. Im Gegenteil: Viele alte Winzer taten sich schwer, Beeren von den Stöcken zu schneiden und auf gigantischen Chemieeinsatz zu verzichten. Doch was Jahre gut war, war in Österreich über Nacht nichts mehr wert. So wurde das Neue unausweichlich, so sehr man ihm auch skeptisch gegenüberstand.
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Ein bekanntes Markenzeichen auf der Kapsel. (Foto:ÖWM/Griesch) 





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