06.05.10 MEINUNG 17 Einem Freund senden

Weinkrise: Die Mittelschichts-Falle

Eventuell ein paar Flaschen zu viel gebunkertEventuell ein paar Flaschen zu viel gebunkert

Vom Großen ins Kleine dauert es eine Zeit lang. Was heute geschieht, zeigt morgen Folgen. Und während wir zähneknirschend zum täglichen Geschäft übergehen, wird für manchen von uns in dieser Woche die Zukunft entschieden. Ob sie, ob er es so will, spielt keine Rolle: Geschichte wird gemacht.

Was derzeit geschieht - und das ist kein utopisches Szenario mehr - kann das Ende der Europäischen Union einleiten, die Rückkehr zu Währungsräumen und Nationalstaaten bedeuten. Mit viel Pech bleibt nur eine Kernunion mit einer Freihandelszone über. Das wäre ganz im Sinne der Vereinigten Staaten, ihrer Banken und Ratingagenturen: Europa darf kein Player werden, Chinamerika soll der Welt den Stempel aufdrücken. Und ein möglichst dereguliertes Wirtschaftssystem. Wenn nach Obama in drei Jahren wieder die Republikaner an die Macht kommen, schlägt die große Stunde des wiedererstarkten Finanzmarktes und seines Diktats. Schon deswegen werden Obamas Reformen verhindert, als gelte es den Teufel zu bekämpfen.

Aufstände gegen das Finanzmarktsystem gibt es eigentlich nur in Europa und Teilen Lateinamerikas. Der Rest der Welt scheint mit dem Kapitalismus höchst einverstanden zu sein. Und das hat gute Gründe. Europa, sozialstaatlich befriedet und aus diesem Grund auch hoch verschuldet, will seine satte Zufriedenheit konservieren. Und jetzt, im richtigen Moment, hat der Kapitalmarkt der Hungrigen und Dynamische das Ende der Gemütlichkeit eingeläutet. Selbstredend ist dies Teil eines Masterplans. Aber der war zu sehen, zu ahnen. Man hätte längst gegensteuern können, doch die Klientenpolitik der Parteien überall in Europa macht Reformen unmöglich. Diese Krise ist auch Schuld der Europäer, die sich nicht von ihren Nationalstaaten verabschieden können.

Winzer = Hoffnungsbranche. Das war einmal

Die Weinmacher und Winzer Europas zählen zu den Aufsteigern der letzten zwanzig Jahre. Keine andere landwirtschaftliche, keine andere tradierte Branche hat derartig viel Prestige und Kapital eingenommen, wie die Winzer und Weinmacher Europas. Und man hat sich an die Erfolgsgeschichte gewöhnt. Genuss und Kultur stehen im Mittelpunkt. Doch wer zahlt für Genuss und Kultur?

Die Mittelschicht zahlt. Auch das alte Geld trinkt gute Weine, doch die Mittelschicht, die neuen Aufsteiger, finanzieren auch den Aufschwung der Winzer. Die Mittelschicht trinkt neugierig jede neue Flasche, selbst ferner Produzenten. Die Mittelschicht gönnt sich gerne auch einen autochthonen Schluck. Und ein Gläschen mehr. Damit ist es wohl nun vorbei.

Die Sparpakete machen den Laden dicht

Noch liegen die Sparpakete nicht auf den Taschen der Bürger. Doch das wird sich schnell ändern. Und man soll nicht glauben, dass die Reichen abgeschöpft werden, nein, die haben ihre Schäfchen längst im Trockenen. Das Geld für die Eigenkaptalbildung von Staat und Banken wird der Mittelschicht genommen werden. Und diese wird zu sparen beginnen. Eine solche Entwicklung gab es schon einmal. In Argentinien. Vor zehn Jahren. Da wurde die Mittelschicht quasi ausradiert, es blieben Arme und Reiche. Erst jetzt beginnt sich das Land von dieser Finanzmarkt-Katastrophe zu erholen.

Die Krise in Argentinien hat auch einige Winzer betroffen, kleinere und mittlere Produzenten, die vor allem am Inlandsmarkt verankert waren. Sie mussten an größere Konzerne verkaufen. Das wird derart in Europa nicht eintreten.

Was die Krise aber bringen wird, was die neue Sparsamkeit der Mittelschicht bewirken wird, ist die Erosion der Neugier und die mangelnde Bereitschaft, für eine "besondere" Flasche Wein Geld auszugeben. Und da sieht der Captain die größte Gefahr für die Winzer Europas: Mehr denn je werden "besondere" Weine gekeltert; mehr denn je versucht man der Überproduktion mit Vielfalt zu begegnen. Das klingt ja auch richtig und ist lobenswert. Doch eventuell ist es der falsche Weg.

"Besonderer" Wein. Aber wer kauft?

Der Captain behauptet, dass sich in zwei Jahren manch ein guter autochthoner Wein nicht mehr verkaufen wird, weil der Stützpfeiler Mittelschicht sich mit seinem eigenen Brückeneinsturz beschäftigen wird müssen. Die Reallöhne werden wohl bis zu 20 % sinken. Und die Inflation wird ein Übriges tun. Zudem gilt: Gespart wird zuerst beim Essen (und zuletzt beim Auto). Das sind keine rosigen Aussichten.

So kann es sein, dass viele Flaschen, die heute euphorisch abgefüllt werden, am Tag ihrer Reife keine Käufer finden werden; Flaschen von engagierten und modernen Winzern, die ihre Marke erst etablieren müssen. So manche Zukunft wird in diesen Tagen entschieden. Und so manche Winzerzukunft auch. Denn nach der Verwöhnung folgt nun die Entwöhnung. Es wird eng.

 



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Kommentare 17

Kommentare

Sonja Rehm-Lauterbach (via facebook)

Es wird nicht genügen, sich produktorientiert um Kapazität, Qualität und Varianten zu kümmern! Profilieren werden sich nur jene Betriebe, die sich darüberhinaus dank ganzheitlicher Marketing- und Managementkompetenzen profilieren und sich am Markt stark positionieren. Tolle Winzer und Önologen brauchen ebensolche Berater ;-)

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Der Weinfreak ... besorgt

Jessas, mein Captain, das klingt ja nach Wein-Weltuntergang!
Wird es so drastisch werden? Was trink ich dann nach der Krise noch? Oder werde ich überhaupt noch Geld haben, um Wein zu kaufen?
Ich renne mal los und investiere mein angespartes Bares in Weinflaschen ...

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Marietta Saulich (via facebook)

Export nach Asien!!!! :)

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Alice (via facebook)

spannend. danke

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Gast ...Zahnschmerzen

Inschallah

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Tiefgaragenwinzer verschwörungstheorie...

also ich glaub ja, dass der derzeitige einsturz des euro von amerikanischen weinfreaks, die gleichzeitig in ratingagenturen sitzen, geplant und bewirkt wird, mit dem einzigen ziel, den euro gegenüber dem dollar zu schwächen und zwar einzig und allein deshalb, weil die 2009er bordeaux-sub unmittelbar bevorsteht und sich die amis diesen jahrhundertjahrgang möglichst günstig sichern wollen....ist doch klar, oder?

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Thomas N. Burg (via facebook)

Es wäre darüber hinaus hilfreich, wenn wein-bezogene Einfuhrhürden (Akzisen, Etikettierungsvorschriften) EU-intern fallen würden.

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el hottino ...überfragt...

what the heck is "Akzisen"????

el hottino

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mendez

Ich sehe es ähnlich. Der asiatische Markt kennt leider keine Neugier. Da geht es um die Marke. Deswegen hat Mouton kein Problem.

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weinfidél ...schnarchend

irgendwie erinnert mich das Meiste der 2 ersten Abschnitte ziemlich an frustriert trunkenes, schulterklopfendes Stammtischgelabber, von während Dekaden bekennenden und bekannten "Ja-Sagern"

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Erster Offizier

Ja-Sagern wozu? Wozu ja gesagt?

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Erster Offizier

Ich glaube, mit besonderer Wein ist nicht bester Wein gemeint. Um bei den Autovergleich zu bleiben: kein Porsche, eher ein Mini-Kombi oder ein anderes ausgefallenes Modell einer normalen Marke in erschwinglichen Bereich.

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mendez

Sind Sie ein Autofuzzi?

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mendez

Sie offensichtlich.

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