25.07.10 MEINUNG 8 Einem Freund senden

Gebt uns die roten Roten wieder

Welcome to Neverland...Welcome to Neverland...

Eines Tages, im Frühjahr 2002, war der Captain beim damaligen Kanzler Gerd Schröder in der Berliner Waschmaschine zu Gast. Der Captain war Teil einer Interviewdelegation rund um den damaligen Zeit-Herausgeber Michael Naumann. Naumann, der wohl generell nicht grüßen kann, griff sich schnell den Stuhl neben dem Kanzler, wiewohl doch der Platz schräg gegenüber der bessere gewesen wäre. Den bekam der Captain zugewiesen, weil er freundlich auf seine Einteilung gewartet hatte.

Der Kanzler verfiel augenblicklich dem politischen Smalltalk, dazu gab es ein kleines leichtes Abendessen. Nach der Vorspeise ging Schröder kurz aus dem Raum und kam mit drei Flaschen Rotwein wieder. Einen aus Argentinien (Geschenk vom dortigen Präsidenten), einen aus Frankreich (ein Cru Burgeois - also kein Angeberwein) und einen aus Italien, einen so genannten "Supertuscan". Schröder kennt sich bei Wein ganz gut aus, doch wiegelte alle Nachfragen sofort ab und erklärte, dass seine Kenntnisse weit unter jenen von Wolfgang Clement (damals Wirtschaftsminister) und Oskar Lafontaine (damals schon Persona non grata) beheimatet sind. Von Joschka Fischer ganz zu schweigen. Aber der weiß ja immer alles besser als man selbst, so Schröder.

Schröder, Fischer: Das waren noch Kerle (und Weintrinker)

Appropos Fischer. Fischer nahm den Captain mit auf seinen letzten Wahlkampf. Das war 2005. Zehn Tage mit Fischer, ein echtes Erlebnis. Schon am ersten Tag prüfte Fischer den Captain über die besten Lokal Wiens ab. Wo gibt es das beste Rindfleisch? Rrrrichtig: Plachutta! Wo das beste Beuschel? Rrrrrrrrichtig: Beim Gerer! Denn wer kein gutes Beuschel machen kann, und kein gutes Gulasch, der kann nicht kochen, so Fischer.

Aber Fischer wusste auch alles über österreichische Weine. Veltliner? Ha, da trinkt er jede Woche zwei. Riesling? Na, da ist der deutsche Riesling aber besser. Chardonnay? Da kennt er den Velich aus dem Burgenland, der diesen berühmten "Tiglat" macht. Das hat er bei Siebeck gelesen.

Am nächsten Tag dann ging es weiter mit den anderen Ländern. Fischer kann Stunden über Wein reden. Heute trinkt er öfter mal ein zweites Glas.

Öfter mal ein zweites Glas

Mit Clement hat der Captain ein halbe Stunde lang über toskanische Rotweine fachgesimpelt, denn Clement hat ja ein Haus in den dortigen Weingärten. Und mit Ego-Shooter Lafontaine ist der Captain zwei Stunden im Kreis gefahren, bis wir hinter der französischen Grenze ein Wirtshaus gefunden haben, das eine adequate Weinkarte vorweisen konnte. Dann erst wurde Lafontaine ein Mensch.

Und heute? Wo sind diese Politiker, die noch ordentlich Lebenskultur hatten? Keine Streber wie Westerwelle oder Merkel, sondern zwiespältige Persönlichkeiten, bigott und wollüstig, was Essen und Trinken betrifft. Wo sind die? Alle weg.

Gerade mal der neue Vorsitzende der Linkspartei, dieser Klaus Ernst, macht hier noch von sich reden. Von ihm weiß man, dass er gerne eine Flasche teuren Weins köpft. Der Mann fährt ja auch Porsche. Ein echter Linker, einer der letzten Vertreter der so genannten "Toskana-Fraktion".

Klaus Ernst, der letzte linke Genussmensch?

Ja, die Toskana, Heimat aufrechter Linker. Denn dort votiert der einfache Landarbeiter seit Jahrzehnten schon links der Mitte. Und unter diesen einfachen Landarbeitern kann man sich gut niederlassen. Da baut man sich ein Haus dazu und lebt in guter Volksgenossenschaft. Verbunden durch Rotwein.

Blöd, dass sich immer mehr Links-Sehnsüchtige ansiedeln. Rechtsanwälte aus Wuppertal, Rockmusiker aus Bochum, Oberhausen oder London. Art-Direktoren aus Düsseldorf. Und jede Menge anderer Romantiker. Inzwischen sind es so viele, dass der einfache toskanische Landarbeiter früh aufstehen muss, um im Alimentari noch genug Salami und Schinken zu bekommen. Die besten Weine haben die Zuwanderer sowieso weggebunkert.

Im Sommer sind alle dort. Schröder (mit Pudel Blair), Fischer und Clement, Lafontaine und Schilly, wahrscheinlich sogar der irrlichternde Ströbele. Und auch der Trittin. Der Captain schlägt vor, im August die ganze Bundesrepublik von der Toskana aus regieren zu lassen. Von den alten Recken. Dann hätte man wieder Politik, die von jeder Menge Rotwein profitiert. Wie damals. Im Rückblick waren das ja nicht die schlechtesten Jahre.

Hier nochmal ein paar SEHR trinkenswerte Empfehlungen aus der Toskana, über die der Captain schon mal hier und hier ausführlich geschrieben hat:

  • Castello di Bolgheri 2006 für 35,00 Euro bei Superiore
  • Ornellaia 2006 für 150,00 Euro bei CB-Weinhandel
  • Ornellaia 2007 für 119,00 Euro bei Wein&Co
  • Sassicaja 2007 für sehr gute 119,00 Euro bei Internetoase
  • Grattamacco 2006 für 41,00 Euro bei Superiore

Dieser Text erscheint auch im Debattenportal The European

Der Captain empfiehlt seinen Matrosen außerdem noch weitere hervorragende Weine aus Italien.



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Kommentare 8

Kommentare

Birgit Höttges (via facebook)

‎"der irrlichternde Ströbele" - herrlich! auch sonst ein genuss, deine schreibe und ziemlich wahr.

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Christian Segers (via facebook)

‎...was wäre denn unziemlich unwahr , Birgit ?
Oh ja , die GRÜNEN hab ich vergessen , Joschka ist ja auch da ! Und die " Spät(h)eimkehrer "der LINKE , die werde ich auch noch bennnen und auffordern sich für ...ROTwein zu bekennen .....

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Birgit Höttges (via facebook)

‎@ christian: es gibt ebensowenig hundertprozentige wahrheit wie hundertprozentigen alkohol. ich glaub, freud hat das gesagt ;)

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Peter Jakob (via facebook)

Seufz...

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Sandra Kreisler (via facebook)

Toskanafraktion? Am Lausitzer Platz. Nette Kneipe. ;-)

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ardbeg faul

Wunderbares Wort zum Sonntag!

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Master at Arms amüsiert

...nur das Schröder als aufrechter Linker Politik gemacht hat, die heute nicht mal die FDP vorschlagen würde. Und Schily auch super in die CDU gepasst hätte. Besonders bei Schily und Lafontaine hält sich meine Nostalgie sehr in Grenzen.

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marLo ...nostalgisch eingetrübt....

Und: gebt uns Österreichern sofort den Gusenbauer zurück. Der wußte die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Bürgermeister traut sich seit Ewigkeiten nur mehr mit weißem Spritzer vors (Rat-)Haus! - privat hingegen, bevorzugt er, wie man hört, eh Rotes aus der Toskana: Sangiovese....so um die € 50.

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