Osthofen. Ein Kaff. Gar nicht so hässlich, wie seine Bewohner sagen. Aber keine Perle. Darüber dann Bechtheim, tausendfünfhundert Einwohner, pittoresk, sogar schön. Nachts. Man kann sich hier ein sehr gutes Restaurant vorstellen. Wie es im Elsass in solchen Dörfern zu hunderten gibt. Hier leider nicht. Kein Bedarf, sagt Mutter Dreissigacker.
Sie führt mich zu ihrem Sohn in den Keller. Jochen Dreissigacker, neunundzwanzig Jahre alt, Beruf Steuerkanzleianwärter, oder etwas ähnlich Langweiliges; dieser Jochen Dreissigacker wartet vor der Tür, wie immer gut gekleidet, bürgerlich, mit einer Note Pop. Und das alles ist ja auch maßgeschneidert für ihn. Der Wein, der Pop, sein seltsamer Weg, den er nicht alleine geht. Sie sind inzwischen viele. Und sie denken ähnlich.
Sie sind "Message in a Bottle" (ein alter Police-Song aus 1979), sie sind eine Clique junger Weinmacher. Mit dabei: Dreissigacker, die Winzer Wagner-Stempel, Battenfeld-Spanier, Wittmann, Gutzler und noch viele mehr. Der Verbund lässt den Winzern genug Platz, eigenständige Handschriften zu definieren. Man bleibt aber verbunden genug, sich zu helfen und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen: Rheinhessen wieder dem Terroir zu verpflichten. Und die Region nach vorne zu bringen.
Denn lange Jahre war Rheinhessen für die Massenweine Deutschlands zuständig. Fruchtig, lieblich, maschinell. Und ordentlich vergiftet, denn die Chemieindustrie wohnt gleich nebenan. Man kann direkt hinsehen. Auf die Schlote und Anlagen. Kurze Lieferzeiten.
Menge statt Qualität, billiger Preis statt eigenständigem Geschmack: Das gleiche Lied wie überall. Nur sang man es in Rheinhessen etwas länger. Und manch einer will auch heute nicht verstummen.
Gelernt bei Keller und Wittmann, erfahren von sich selbst
Young Dreissigacker lernte sein Handwerk bei Keller und Bergdolt. Zwei Spitzenwinzer gleich um die Ecke. Dort lernte er, dass man alles lernen kann, außer einer eigenen Handschrift. Die muss man erfahren. Von innen heraus. Irgendwann geriet Dreissigacker in Gefahr, vor Ehrgeiz Feuer zu fangen. So klopfte bei seinen Eltern an die Tür. Er wollte Land, sich ausprobieren. Und bekam es.
Das war nicht vorgesehen. Denn eigentlich hätte Dreissigackers älterer Bruder das Weingut in Bechtheim übernehmen sollen. Doch Jochen, der jüngere, überredete die Eltern zu dem Deal, dass er dürfe, wenn er wolle. So bekamen beide Brüder einen eigenen Hof. Und mache ihre eigenen Weine, die auch unterschiedlich sind.
Generation Praktikum legt Hand an
Young Dreissigacker, gerade etwas über zwanzig Jahre alt, krempelte den Hof um. Er tauschte Hänge und Gärten mit anderen Winzern, begann den Riesling groß zu machen und schnitt die Trauben runter, dass seinem Vater schwindelig wurde. Nicht nur die kranken, die mit viel Botrytis, nein, auch die gesunden, die anderen Trauben den Platz verstellten. Und er stellte den Betrieb langsam auf biologische Landwirtschaft um. Biologisch. Nicht biodynamisch.
"Ich möchte den Weg bestimmen dürfen", sagt Dreissigacker. Und meint damit, dass ihm Demeter zu stark einschränkt. "Letztlich, so sagt er weiter, "geht es mir immer um das Produkt, den Wein. Und nicht um eine Ideologie.
So brachte er vieles auf den Hof, was bis dahin unbekannt wurde. Die Spontanvergärung beispielsweise. Und seine hanseatische Frau, mitsamt Vater, ein berühmter Fotograf. Selbstredend macht auch der jetzt Wein.
Die Handschrift in Stein gemeißelt
Und er fand eine eigene Handschrift. Diese zieht sich durch alle seine Weine. Vom günstigen Einstiegsriesling bis hin zur Lage Geyersberg. Und diese Handschrift hält sich sichtbar, obwohl Dreissigacker jedem Wein, jeder Lage besondere Aufmerksamkeit schenkt. Er gräbt im Boden, bis er jede Besonderheit findet. Er analysiert das Kleinklima, bis er jeden Luftzug kennt: Young Dreissigacker verbeißt sich in die Materie, ohne ein Verbissener zu sein.
Was ist nun das Besondere an Dreissigackers Handschrift, was unterscheidet diese von anderen Weinen der Region, die auf gleichen Scheinen fahren? Denn knochentrocken sind hier inzwischen viele.
Dreissigacker schafft es zum Beispiel, dass alle seine Weine trotz unterschiedlichem Boden erkennbar sind. Egal, ob Kalk, Mergel, oder Lehm: Dreissigacker kreiert eine eigene Mineralität, die um einen Tick ausgeprägter erscheint. Soll heißen: Man erkennt zwar den Boden, man bekommt die Unterschiede, man erkennt aber auch Dreissigacker. Und man erkennt ihn an der Intensität.
Spät abgefüllt, meist zu früh aufgemacht
Dreissigackers Weine zeigen sich in den ersten Monaten noch sperrig. Dabei füllt er ohnehin sehr spät ab. Doch erst nach einem Jahr kann man beim einfachen Gutsriesling - der dann schon gut trinkbar ist - ahnen, wie es in den Großen Gewächsen aussieht. Dreissigackers Weine, nicht nur die Rieslinge, sind extrem für die lange Strecke gebaut. Und sie sollen überraschen. Das tut ein 2005er Riesling aus der Lage Rosengarten, den der Captain gerade geöffnet hat. Fantastisch. Aber noch sichtbar viel Möglichkeiten, die sich im Alter offenbar machen werden.
So empfiehlt der Captain, von Dreissigacker zwei Weine zu bestellen. Den Einstiegsriesling Bechtheim und den Ausstiegsriesling Geyersberg. Beide aus dem Jahr 2009. Und von beiden Weinen je sechs Flaschen.
Der Bechtheim hat eine gedämpfte Säure. Schon weil Dreissigacker der Meinung ist, dass trockener Riesling keine hohe Säure braucht. Dann gleich diese sehr schmackhafte und animierende Mineralität, die Handschrift. Dahinter gereiht aber durchaus präsent zeigen sich roter Weingartenpfirsich, Banane und etwas Mango. Sogar etwas Tabak. Man hat hier schon den Eindruck, einen großen Wein im Glas zu haben. Für wenig Geld.
Hol den Geyersberg
Der Geyersberg 2009 ist quasi noch untrinkbar. Er wird aus 35 Jahre alten Reben gekeltert und ist das Kernstück einer Großlage. Der Geyersberg liegt lange auf der Maische (2010: 70 Stunden) und wächst auf kargen, warmen Kalkstein. Ein Tiefwurzler. Hier kriegt die Rebe im Sommer auch schon mal Stress.
In der Nase sehr fleischig, kompakt und gewaltig mineralisch. Dann Akazienhonig, roh geschnittenes Kraut, rohe, geschälte Kartoffel, ein kalt zerquetschter Pfirsich. Im Mund wie ein Stück Eisenbahngleis, im Rachen dann aber sehr weich und überraschend cremig. Mild fast. Mit fester Struktur. Hier hinten wirkt er schon trinkbar. Oder zeigt, was er 2014 leisten wird. Dann sollte man die erste Flasche öffnen.
Der Captain hat auch von den 2010er Weinen kosten können, der wohl schwierigste Jahrgang seit langer Zeit. Und bei Dreissigacker liegt eben das im Keller, was den Captain Lügen straft. Gute Weine, wenig Menge. Man sollte mit dem Vorbestellen beginnen, vor allem der einfache Gutsriesling oder der Buchheim präsentieren sich jetzt hervorragend. Viele derart gute Weine wird es 2010 in Deutschland nicht geben. Dreissigacker ist ein sicherer Tipp. Für den anspruchsvollen Trinker, der eigenwillige Weine mit populistischer Note schätzt. Wären Dreissigackers Weine eine Popgruppe, dann wären sie Placebo. Mit einem Schuss Roxy Music.
- Riesling Bechtheim 2009 für 13,95 Euro bei Vinum-Online
- Riesling Geyersberg für 25,50 Euro bei Eurovine







Young Dreissigacker. Blöder Spruch: Aber von dem wird man noch viel hören.. 





Mein 2007er Bechtheim ist leider zur Neige gegangen - habe mich selten mehr geärgert nicht mehr gekauft zu haben. Für mich die Blaupause eines tollen Rieslings um die 10 €. Wie sagt der Captain immer: Besser geht nicht, nur anders.
Für einen Tipp wo ich noch 2007er Bechtheim Riesling herbekomme, wäre ich übrigens dankbar.