13.12.10 WEINLEUTE 7 Einem Freund senden

Winzer des Jahres 2010: Angelo Gaja

Gelassen. Mit Energie: Angelo Gaja auf Ca´MarcandaGelassen. Mit Energie: Angelo Gaja auf Ca´Marcanda

Warum Gaja? An Bord gab es einiges Murren. Warum ausgerechnet der? Im zweiten Jahr. Nachdem der Captain doch im ersten Jahr mit Jörg Bretz ein klares Zeichen gesetzt hat, wohin das Schiff segeln will. Ist Gaja nicht Teil des italo-international agierenden Superitalian-Mainstream? Einer, der längst durchgekaut ist? Ein Starwinzer aus dem Piemont mit Dependancen in der Toskana, dessen Flaschen inzwischen unerreichbare Preise erzielen? Vor allem jene aus seinem ursprünglichen Anbaugebiet. Was macht Gaja zum Winzer des Jahres? Ausgerechnet 2010?

Die Antwort: Sein Leben. Und die Krise. Gaja kann Antworten geben, kann Vorbild sein.

An Bord gab es eine knappe Mehrheit für Gaja. Und bei den Unterlegenen, beispielsweise beim Ersten Offizier, totale Ablehnung. So ist Gaja: Er spaltet die Weinwelt. Selbst hier an Bord.

Man kann Gajas Spitzenweine, etwa die Barbaresco-Lagen "Costa Russi" "Sori San Lorenzo" und "Sori Tildin" auch überzogene Elitegetränke nennen - mit Preisen von mehr als 150 Euro ab Weingut. Man kann Gleiches für den etwas günstigeren Barolo "Sperss" postulieren. Man kann den exklusiven Chardonnay "Gaja & Rey" als eine elegante, aber viel zu teure Parodie eines kalifornischen Spitzenweins erklären (was auf der Langstrecke ein Fehler ist, der Gaja & Rey hält länger, als viele kalifornische Wichtigtuer). Und man kann Gajas Weine aus Bolgheri und dem Brunello ebenfalls als viel zu teure Säfte diskreditieren, die sich noch dazu schlechter verkaufen, als von Gaja geplant war. Das alles trifft wahrscheinlich auch den Kern einer Wahrheit. Doch es ist eben nur eine Wahrheit, die halbe Wahrheit.

Immer auch Traubenhändler, Weinhändler

Der andere Kern der Wahrheit ist, dass Angelo Gaja immer auch Traubenhändler war; in manchen Jahren also viele tausend Kilogramm Trauben und auch fertige Fässer Wein an Dritte weitergibt. Und hierfür vernünfitg kalkulierte Preise verlangt. Für erstklassige Ware. Viele Flaschen aus Barbaresco und Bolgheri enthalten von Gaja verarbeitete Traubensäfte. Sein Einfluss geht weiter, als man denkt.

Angelo Gaja ist kein armer Mann, ganz im Gegenteil. Doch er hat nie nach dem Glamour-Reichtum gestrebt, den viele italienische Winzer in den vergangenen 10 Jahren förmlich verinnerlicht haben. Porsche, Ferrari, Privatjets, laute und lange Partys an Sardiniens Küsten, Models, Koks: Das bleibt Gaja bis heute fremd und befremdlich. Fliegende Weinmacher, Berater und Wichtigtuer: Die hat Gaja immer verachtet. Und bis zu einem gewissen Grad sind ihm auch alle Bewerter und deren Bewertungen egal.

Sie können ihm auch gestohlen bleiben, denn die Weine von Angelo Gaja sind - mit Sassicaia und Ornellaia - als wichtigste italienische Weine konnotiert. Gaja hat jedoch seinen besten Weinen auch noch plakativ seinen Namen übergestülpt; hat sie personalisiert. Da war er den Antinoris und den Frescobaldis immer einen Schritt voraus. Das kräftige und trotzdem elegante Etikett seiner Piemonteser Weine tut das Übrige. Da ist einer, der weiß, was das wert ist, was er macht.

In den Schuhen des Vaters

Angelo Gaja achtet und ehrt das Werk seines Vaters (viel mehr als das Werk der Familie); er sieht sich präsent in den Fußstapfen seines Erzeugers. Das ist seine prägende Ausrichtung, sein Lebensleitmotiv: Das Werk des Vaters mehren; das Werk des Vaters nicht verspielen. Und auch das eigene Werk nicht gefährden. Weiterzugeben. Das gilt vor allem für den Kern der Firma: das Weingut im Piemont.

Deswegen strebt Gaja auch nie das Höchstmaß des monetär Möglichen an (fraglos aber das Höchstmaß des qualitativ Möglichen); man kann Angelo Gaja sogar einen äußerst vorsichtigen Winzer nennen. In manchen Jahren, nicht nur den etwas schlechteren, vekauft er Teile der Ernte schon früh weiter und sichert so sichere Einnahmen. Zwar gibt es dann vor allem von den toskanischen Spitzenweinen seines 110 Hektar Weinguts Ca´Marcanda weniger Flaschen am Markt. Doch die Mischung zwischen Sicherheit und verknappten Spitzenkreszenzen ist Gaja durchaus angenehm.

Lernt man ihn und seine Familie näher kennen, dann trifft man auf bürgerliche Intellektuelle mit einer ordentlichen Portion Kapitalismuskritik. Das hätte man am wenigsten erwartet. Gespräche mit Gaja werden interessant, wenn man seinen Hang zum Dozieren unterbricht, der aus Langeweile entsteht. Nichts macht Gaja nervöser, als Langeweile. Da hört er sich lieber selber reden.

Die Leidenschaft des Italieners, das Denken eines Preußens

Schätzt er aber einen Gesprächspartner als Bereicherung, dann diskutiert Gaja mit der Leidenschaft eines Italieners. Er reflektiert jedoch wie ein Weltbürger. Die italienische Schlampigkeit ist ihm fremd. Und trotz aller italienischen Gestik ist Gaja im Kopf ein Preuße. Das sieht man in seinen perfekt gepflegten Weingärten, in welchen kein Stock aus der Reihe tanzt. Michele Satta, berühmter Winzer in Bolgheri, nannte das einmal "Gajas Militär". Seine Rebstöcke sind Soldaten, die sich richten müssen. Dafür aber die beste Pflege bekommen.

Und weil Gaja als Winzer, Wein- und Traubenhändler seit 1961 nie über die Stränge schlug, kann er die zweifellos vorhandene Absatzkrise teurer italienischer Spitzenweine mit geringer Sorge verfolgen. Weniger Nachfrage = weniger Flaschen. Und gleichbleibende Preise. Gaja verschleudert keine Spitzenkreszenzen, er macht sie knapp. Es gibt sie nicht. Es gibt in Folge auch nichts zu verschleudern.

Fehler umschiffen, Vorbild sein

Angelo Gaja ist inzwischen siebzig Jahre alt. Und ein Vorbild. Man kann seine Weine mögen, oder nicht. Aber unbestritten hat Gaja vieles richtig gemacht, hat viele Fehler umschifft, die andere italienische Winzer in Seenot brachten. Von Gaja lernen, heißt auch aussitzen lernen. Und eine lange Strecke denken lernen. Vielen neuen Spitzenwinzern in Deutschland und Österreich stehen die Tage des Donners erst bevor. Alle Hände an Bord, alle Augen auf Gaja. Gute Weine machen, Marke sichern. Und wissen, wann es genug ist. Das ist der Grund für Captains Wahl. In einem Jahr, wie diesen.

Morgen folgt ein ausführliches Interview mit Angelo Gaja, die Übersicht über sein Imperium, wie auch der Wein der Woche, die zwei Weine der Woche. Ein leistbarer Wein von Gaja. Und einer, den man sich leisten sollte.



DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 7

Kommentare

Gast Auguri

Grande Angelo!
Spannende Persönlichkeit, tolle Weine, verdienter Titel. Das Piemonte wäre ohne Gaja nicht da, wo es heute steht.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
mendez

Das ist weit entfernt von einem Boulevard-Journalismus, den man den Captain bei Würtz vorgeworfen hat. Das ist einfach guter Stil.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
SinZin

bravo bravo bravo. an dieser philosophie sollten viele winzer anleihe nehmen. gut zu sehen das dies hier geschrieben wurde!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Suck

Langweilige Entscheidung. Gähn.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Textator

Ja so gehen auf dem preußischen Marsch zur Weltspitze die piemonteser Tugenden der Authentizität verloren. Die Leistung Gajas muss man anerkennen, auch wenn es ein Bärendienst für den Charakter des Nebbiolo war.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Gast

Auf Weinzeitschriften des Jahres 1978 prangte der Gaja Schriftzug mit dem Titel: Winzer des Jahres. Jetzt in 2010 prangt der Schriftzug neuerlich hier beim Captain. Sorry aber: Innovation geht anders!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Sorry, aber: Genau das stimmt keine Sekunde. Einmal scharf nachdenken..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld