18.07.10 MEINUNG 5 Einem Freund senden

Westerwelle einfach mal wegtrinken

Der Typ ist leider schwer zu ertragen (Foto: Globmet)Der Typ ist leider schwer zu ertragen (Foto: Globmet)

"Weißt Du, was mich diese Woche am meisten aufgeregt hat?", frage ich den Ersten Offizier, der sich faul an Deck räkelt. Sonntag früh ist wenig zu tun. Und es hat am Landwehrkanal seit Tagen schon frühmorgens unerträgliche Temperaturen, die einem nur doof herumliegen lassen. Heute ist es erstmals etwas kälter.

"Nein", sagt er und unterbricht dieses kurze Wort mit einem langen Gähnen, "Nee, aber du wirst es mir sicher gleich erzählen." Er blickt gelangweilt in mein Gesicht. Ich hasse es, wenn wir uns wie ein altes Ehepaar aufführen. Aber nach so langer Zeit am Schiff kennt man sein Gegenüber. Und er wird es mir wohl nie verzeihen, dass ich es war, der auf die Idee kam, das Schiff zu kaufen. Wäre es seine Idee gewesen, wäre er heute der Captain.

"Mich regt auf, dass der Westerwelle dem Schlingensief 100.000 Euro von seinem Afrikaprojekt weggenommen hat."

"Was für ein Afrikaprojekt?"

"Na, Schlingensief will ja in Afrika ein Festspielhaus bauen und rund um dieses Projekt auch andere kulturelle Aktivitäten setzen. Das hatte der schon länger vor, doch durch seine Krebskrankheit ist er jetzt gezwungen, aufs Tempo zu drücken. Schlingensief will in Afrika ja keine Entwicklungshilfe alter Art, also Mehlsäcke vom Flieger abwerfen und ab nach Hause; nein, Schlingensief will den Einwohnern auf Augenhöhe begegnen. Mit dem Projekt schafft er Arbeitsplätze und dringend benötigte Struktur."

"Ja, klingt gut. Du weißt ja, ich mag den Spinner Schlingensief. Aber wer dreht ihm da das Geld ab? Der Westerwelle? Und warum?"

"Naja, Schlingensief ist ja immer ganz besonders sarkastisch über die FDP hergefallen. Und jetzt

vermutet Schlingensief, dass ihm der Westerwelle das Geld abdrehen will. Zumindest ein bisschen davon. Und sich quasi an ihm, an Schlingensief, rächt. Ich kann mir das gut vorstellen, dass das so ist. Der Westerwelle ist so ein Typ."

"Ja, kann ich mir auch vorstellen. Mir war noch kein Politiker so unsymphatisch, wie Westerwelle. Ausser dieser Franz Josef Strauß. Aber den habe ich ja nur als sehr junger Jugendlicher mitbekommen. Mein Gott, was war das denn für eine Type? Der hat ja das ganze Feindbild des bösen Deutschen erfüllt. Uarghhh!"

"Ja, aber gerade um Strauß rankt sich die Legende, dass ihn die FDP bei der Bundestagswahl 1979 ordentlich anrennen ließ."

"Aha, wie das?"

"Man erzählte sich in der SPD-Fraktion, damals noch in Bonn, dass Genscher schon früher die Koalition mit der CDU suchte, dass ihm aber der Strauß so irre unerträglich war, dass er dem Kohl gesagt hat, wenn er es macht, dann nur, wenn dieser Machtmensch aus Bayern deutlich weniger zu reden hat. Und dann haben sie ausgeheckt, dass man den Strauß 1979 zum Kanzlerkandidaten machen sollte, damit er scheitert. Strauß hat geglaubt, nach dem Deutschen Herbst und dem RAF-Terror hätte er ein leichtes Spiel. Doch er hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Und ist grandios gescheitert. Dann konnte Kohl seine Karten auszuspielen."

"Das ist doch nur Geschwätz, oder?"

"Mir hat man das Ende der Achtziger erzählt, noch vor dem Mauerfall. Es schien damals plausibel".

"Aber es klingt doch arg nach Verschwörungspostillie, oder?"

"Mag sein, doch angeblich war auch Otto Graf Lambsdorff, der alte Spendensammler, dramatischer Feind von Strauß. Lambsdorff hat erkannt, dass sich die Rechte mit Hilfe der FDP in die Mitte der Gesellschaft begeben muss. Und nicht an den rechten Rand."

"Aber hat die CSU früher nicht dafür gesorgt, dass es rechts von ihr keine Partei gibt? Und Deutschland damit viel erspart bleibt?"

"Das halte ich wieder für eine eingebildete Rechtfertigung. Aber es kann gut sein, dass die CSU und Strauß die ganzen Ultrarechten eingebunden haben."

"Wie sind wir eigentlich drauf gekommen?"

"Über Westerwelle und Schlingensief. Und darüber, dass uns der Westerwelle so irre unsymphatisch ist."

"Ja, mich wundert das auch manchmal, dass ich den so widerlich finde. Vielleicht hat der das gar nicht verdient?"

"Wenn er dem schwer kranken Schlingensief sein Projekt zusammengestrichen hat, nur um Rache zu nehmen, dann hat er unsere Verachtung verdient, der Westerwelle. Geh jetzt runter und hole uns einen Mittagswein."

"Was willst Du trinken, nach so einer Diskussion?

"Frankreich. Was Edles. Aber was Leistbares."

"Was hat das mit Westerwelle zu tun."

"Ganz einfach: Den Nachgeschmack solcher Typen spüle ich nur mit gutem Zeug runter."

  • Rully blanc 2008 von Dureuil-Janthial für 14,90 Euro und Rully blanc 1er Cru Le Meix Cadot Vieilles Vignes (alte Weingärten) für 19,40 Euro bei Kierdorf-Weine.

Vincent Dureuil ist ein junger Winzer, der mit exzellenten Weinen schnell glänzen konnte, also ein Shootingstar der südlichen Burgund. Beide Weißweine sind sehr elegant, der Holzeinsatz bremst punktgenau und stabilisiert die unglaubliche Eleganz. Zwei klassische weiße Burgunder, die im Mund etwas weniger Druck zeigen, als die berühmten Montrachets, dafür aber mehr mineralische Eleganz mitbringen. Exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis. Mehr davon morgen Nachmittag beim Captain.

Dieser Text erscheint gleichzeitig auf dem deutschen Debattenportal The European

Hier kann man außerdem noch mehr über hervorragende Weine aus Frankreich erfahren.



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Kommentare 5

Kommentare

Gast

Der ist nicht nur unsympathisch sondern auch unangenehm. Da er ja immer Davidoff No. 1 raucht und ich gerade keine hatte, ging ich mit Humidor zu ihm und bat ihm Alternativen an.
Er: "Hast - DU!? - auch eine mit verschiebbarem Deckblatt?"
tze tze tze

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Clemens Ruthner (via facebook)

Runterspülen!

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Mario Scheuermann (via facebook)

Mit was kann man diesen Capt. runterspülen? Jauche, (die er so gerne über andere ausgiesst?), gammeligem Rum oder Schlingensief like mit ranzigem Blut-Cocktail?

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Master at Arms what ever it is, we're against it

...in Afrika ein Festspielhaus zu unterstüzen, während in D die Kultureinrichtungen dichtmachen ist aber auch schwer zu vermitteln.

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Der Captain

Man muss sagen, dass das Budget für Schlingensief aus dem Etat des Aussenministeriums kam (kommt). Und nicht (hauptsächlich) von der Kultur oder der Entwicklungshilfe..

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