15.04.10 MEINUNG 19 Einem Freund senden

Captains Bordpredigt: Warum Wein?

Super Hobby, super Beruf..Super Hobby, super Beruf..

Warum regt es den Captain so auf, wenn er daran denkt, dass da in einer deutschen Weingegend eine Autobrücke gebaut wird - so what? Muss man nicht größer denken? Denkt der Captain nicht an die Anrainer, die da schneller von A nach B kommen, die eventuell dann zwanzig Minuten pro Strecke mehr Zeit erhalten, also insgesamt 40 Minuten mehr Lebenszeit, in welchen sie Sinnvolles tun oder lassen können.

Denkt der Captain nicht an die Wirtschaft? Nicht an die Bauwirtschaft, die Menschen in Arbeit und Brot stellt? Nicht an die Transportwirtschaft, die, viel schlechter zahlend, das Gleiche tut? Denkt der Captain nicht an jene, die von der Brücke profitieren? Also an die vielen kleinen Hoteliers, die der Captain für ihre kleinen und etwas abgewohnten Herbergen verachtet? Die aber auch von irgendwas leben müssen, die mit ihren einfachen Quartieren Menschen glücklich machen. Und leben diese Gastwirte nicht von jenen, die mit dem Auto kommen? Und kommen jene nicht zahlreicher und schneller über die Brücke? Mit dem Auto.

Wein ist nicht Natur, Wein ist Zivilisation

Ja, mag sein. Doch dann gibt es einen Grund, den der Captain immer aus seiner Satteltasche im Hinterkopf zieht. Und dieser Grund ist der Wein selbst. Wo Wein ist, ist Zivilisation. Und der Captain braucht Zivilisation wie einen Bissen Brot. Langsame Zivilisation, wie Wein sie verkörpert. Der Captain weiß, dass vielen Menschen Wein rein gar nichts bedeutet - eine Pflanze, die da aus dem Boden wächst und Früchte produziert, die man entweder essen oder pressen kann. Und deren vergorener Saft zum Rausch führt. Wenn man nur genug davon trinkt.

Die Menschen, die so denken, sind großer Zahl. Der Captain sitzt mit vielen Gleichgesinnten im Boot. Gleichgesinnte, die schmecken wie er, riechen wie er, trinken wie er, genießen wie er. Der Captain ist nicht alleine.

Und vielen andere halten den Captain und seine Leute vielleicht für Spinner, die sich ausgerechnet mit so etwas Banalem wie Wein ausführlich beschäftigen. Aber für sympathische Spinner. Denn Wein mag man eben, Wein ist sympathisch. Jeder war schon mal auf Wein betrunken. Und es war besser, als auf Bier oder Schnaps betrunken zu sein. Deswegen Wein.

Doch die Sympathie geht nicht so weit, wie in anderen Ländern, wo Wein auch zum Essen getrunken wird, wo Wein Teil der Alltagskultur ist. Dort ist Wein täglich im Bild. Was ihn gefährdet, wird zum Feind. Deswegen wäre der Bau der Moselbrücke in Frankreich mit Aufständen verbunden. So direkt über die Reben. Das ginge dort nicht.

Wein erzählt alles

Wozu Wein? Weil du alles bekommst, was dir ein Nahrungsmittel erzählen kann. Und nichts erzählt mehr, als Wein. Wein spricht vom Terroir, der Erde, der Tiefe, der Mineralien, der Stoffe des Bodens. Wein spricht von der Traube, der Frucht, der Vielfalt, dem Saft, dem Frühling, dem Leben. Wein spricht vom Wetter und von der Region. Bestenfalls auch vom Land. Und Wein erzählt von den Menschen, die Wein machen. Welches Lebensmittel sonst kann solches leisten? Und welches Lebensmittel sonst gibt uns Einblick in das, was uns umgibt? Was uns ausmacht. Boden, Erde, Pflanze, Frucht, Klima, Leben, Mensch. Wein ist komplett.

Wein kultiviert Landschaften. Dort, wo einst Wildwuchs herrschte, ziehen sich die Reihen über die Hügel und durch die Ebenen. Wein ist Geometrie. Und das ist auch der Grund, warum Wein bei manchem naturverbundenen Menschen unbeliebt ist. Der Captain will sich darüber nicht lustig machen, aber ihm selbst sind einige Personen bekannt, die Wein nur von unveredelten und wild wachsenden Trauben trinken, weil sie es nicht ertragen können, dass Weinbau einen derartigen Eingriff in die Landschaft tätigt. Weinbau ist also nicht friedlich und im Einklang mit der Natur. Da kann man reden, was man will: Weinbau ist zivilisierendes Kuturhandwerk. Wider die Natur, wie sie sich überlassen ist.

Wein ist sinnlich, Wein ist Sex

Doch alles am Weinmachen ist sinnlich. Das Ernten der Trauben, das Pressen. Erst recht, wenn man die Trauben mit den Füßen zerstampft. Dann der Prozess der Gärung, das Auf-der-Maische-liegen. Für jeden Önologen nur Handwerk. Und trotzdem stets ein Schöpfungsakt der besonderen Sorte. Das Füllen der Fässer, der Geruch des Kellers, wenn man Fassproben holen geht. Nur das Füllen der Flaschen ist der einzige kalte Akt der Herstellung.

So ist es auch kein Wunder, dass jene, die die ganze Bandbreite nicht erfassen, dass jene auch kein Problem haben, in eine Weingegend eine Brücke hineinzuschlagen. Ich denke Herr Beck und Frau Klöckner haben letztlich nicht genug Sinnlichkeit das zu verstehen. Politik mach offenbar unsinnlich. Und offenbar ist das auch das Problem der Politik, auch wenn Helmut Schmidt jetzt Widersprechen und den Captain einen Schwätzer nennen würde.

Am Ende seines Weges ist Wein auch noch Genussbringer, Berauscher und - machen wir uns nichts vor - Sexualstimulator. Warum Wein? Deswegen Wein. Und - das hören die Köche nicht gerne - Wein ist letztlich wichtiger als Essen. Denn im Wein ist alles Leben. Wenn auch Wein nicht alles im Leben ist.

Deswegen darf die Brücke nicht gebaut werden. Wenn Sie verstehen, was ich meine...

 



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Kommentare 19

Kommentare

Der Captain

Über Käse? Quatsch..

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el hottino ...widerporstig...

Doch. Ließe sich schon, lieber Captain.

Unserem Captain mangelt es offensichlich in dieser Hinsicht an der notwendigen Liebe zum Milchprodukte.

Auch am Käse hängt viel Leben. Angefangen von der Haltung der Milchspender, seien es Kühe, Ziegen, Schafe, Büffel was auch immer, bis hin zur liebenvollen und zeitaufwendigen Reifung der Käse in wohltemperierten und wohlbefeuchteten Kellern.

Das Prdukt hat eine vergleichbare "Spannweite" wie Wein, ist ähnlich interessant und kann auch für beeindruckende Geschmackserlebnisse sorgen.

Man kann sich sogar stundenlang trefflich über die richtigen Mikroorganismen unterhalten, die den Käse erst zum Käse machen.

Denn Käse ist - wohlgemerkt - mehr als verfaulte Milch, lieber Skipper. Vielleicht gips´ja in der Hinsicht Defizite, die es abzubauen gilt!

lg

el hottino

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Der Captain

Ich fange mir hier an Bord sicher keine Käsediskussion an. Nicht gegen Käse. Aber Käse mit Wein zu vergleichen ist Käse..

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el hottino ...amüsiert...

...obschon eine Käsediskussion auf einer Wein-Seite eigentlich schon den Geruch der Themenverfehlung hat...

Wenngleich ich dem Käsediskurs grundätzlich bejahend gegenüberstehe.

Sollten wir vielleicht doch...

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Der Captain Auf der Kommandobrücke..

Nein!

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el hottino ...ängstlich...

Was wäre wohl wenn doch?

Hör ich da die Zensurkeule über meinem Haupte schwingen?

Darf ich in diesem Zusammenhang den lieben Weinfreund Statuskrah einladen, die Disskusion zu eröffnen uns etwas über Vacherin, Roccetta, Pecorino, Grana, Brie, Dolce Latte, Camembert, Bergbaron, Chevres und Konsorten zu erzählen?

Mit neugierigen Grüßen

el hottino

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Der Captain

Die Matrosen können ja gegenseitig Käse reden, ich klinke mich da aus. Ist mir zu langweilig. Mir schmeckt ausserdem nur Vacherin.

http://www.captaincork.com/Kaese-Rotwein

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el hottino ...erfreut...

Ich gehe mit meinem Captain ganz konform.

...wobei der Weinstock aus meiner Sicht eine ganz besondere Pflanze ist.

Das Weinlaub eignet sich zum Kurieren von Gesundheits- insbesondere Venenproblemen, aus den Trieben kann man mit einigem Geschick schöne Dinge flechten, der Stock selbst und das Blattwerk kann zur Verschönerung und/oder zum Schattenspenden für die Terasse dienen...

Die Trauben selbst kann man "roh" essen, man kann sie Pressen und als Traubensaft ("Most" in Ostösterreich, nicht zu verwechseln mit dem Most in Oberösterreich!) trinken, man kann den Saft vergären und als Wein genießen (überhaupt das Wichtigste!), man kann die Trauben eintrocknen lassen und als Rosinen essen, man kann den Wein "stehenlassen" und Essig fürn Salat draus machen, sogar aus den Kernen der Trauben kann man Traubenkernöl machen, aus dem Trester kann man Grappa herstellen, man kann den Wein brennen und einen Weinbrand daraus destillieren usw. ...

Also, ich finde die Vitis vinifera, insbesondere die vitis vinifera subs. vinifera, eine echt geniale Pflanze...

Ein Hoch auf dieses Gewächs!!!!

el hottino

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Hafenmeister Gerührt

Lieber Captain. Toll geschrieben! Toll beschrieben! Darauf trinke ich gleich einen Moselriesling.

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Gast

ich lebe wein bin wein denke oft 24 stunden lang wein, arbeite wein und mache wein und wenn (- es passiert selten genung )man sich nach meinem befinden erkundigt - sage ich mittlerweile "das es meinem wein gut geht" - ich hoffe dass mein wein auf captains trifft die dass- wofür verstehen - und abends wenn ich müde bin mir alles vom wein machen weh tut ich ein bier trinke weil ich nicht mehr über wein nachdenken will, dann bin ich überzeugt dass wein ein getränkt ist , keine religion , kein sinn ersetzer -bestenfalls ein sinn ermöglicher

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Mister Spuck ... bewegt

Na dann - zur Belohnung für diesen schönen und poetischen Kommentar: Wie geht´s denn so?

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Der Captain

Wem gilt die Frage? Mir?

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Mister Spuck ... empathisch

Nein, sondern obig poetisch kommentierendem "Gast", welcher anmerkt, dass ihn leider allzu selten wer nach dem Befinden fragt. Ich versuche ein wenig soziale Wärme zu produzieren.

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Gast

der wein wird gut

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Alois Gutenbrunner

Also doch keine Käsediskussion. Hätte zu dem Artikel auch nicht gepasst

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Schluchtikus verträumt

Amen, Amen, Amen, kann ich nur zu dieser Bordpredigt sagen. Nach langem, einsamen vegetieren im vinophilen Brachland der südösterreichischen Schluchten ist dieser Artikel Balsam auf meiner Seele.
Als kleiner Koch gehe ich aber dann doch soweit und wälze diese Philosphie auch auf andere hochwertig erzeugte Lebensmittel um, und ja, auch und vor allem auf Käse.
Aber diese Grundsatzdiskussion lässt sich sicher mal bei ein paar Flaschen Wein in aller Ruhe führen.

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