"Die Menschen müssen Vegetarier werden", sagt Bella, die Berliner Designerin, Zuwanderin aus Würzburg, "Vegetarier, ist eine Möglichkeit, die Welt zu retten."
"Vor was retten?" entgegne ich. "Vor wem retten? Und ausserdem heißt es Vegetarierin. Du bist doch sonst immer so Gender-Korrekt."
"Lass den Quatsch", erwidert Bella, "wir essen alle zu viel Fleisch. Das bringt die Welt um."
Bella ist aufgeregt, denn sie hat von einem Buch gelesen, von "Tiere essen", das der junge amerikanische Autor Jonathan Safran Foer geschrieben hat, der mit "Alles ist erleuchtet" vor sechs Jahren ein jüdisches Ausnahmewerk abgeliefert hat. Foer hat jetzt Kinder und das hat ihn irgendwie ethischer gemacht. Deswegen schreibt er über Tierverzehr. Und ist auf Unfassbares gestoßen, das jedem von uns eigentlich längst bekannt ist. Was wir aber nicht wissen, ist die Dimension, die der Verzehr von Tieren inzwischen erreicht hat. Und die Abscheulichkeiten dieser Größe.
Wir essen zu viele Tiere
Foer hat rausgefunden, dass man Puten würzige Suppe unter die Haut spritzt, damit ihr fades Fleisch in der Massenhaltung noch Geschmack entwickelt. Foer hat herausgefunden, dass man Ferkeln die Hoden herausreißt und die Zähne kürzt. Alles freilich ohne Betäubung, denn die kostet ja Geld. Foer hat herausgefunden, dass bei Tiertransporten in Amerika zirka dreißig Prozent der Tiere unter schrecklichen Umständen verenden, im Transporter zu verwesen beginnen und von den Artgenossen angefressen werden. Foer hat herausgefunden, dass der geisteskrank überdimensionierte Thunfischfang weitere 145 Arten (darunter auch seltene Seevögel) gefährdet, die mit dabei ins Netz gehen und unnötig getötet werden. Foer hat herausgefunden, dass eine Tierfarm in Noth Carolina täglich mehr Exkremente und Dreck produziert als die Stadt Seattle.
Und Foer hat herausgefunden, dass all das Schreckliche die Leute trifft. Foers Buch verkauft sich in den Staaten wie warme Semmeln. Weil die Krise die Leute im Innersten anrührt. Weil jeder von uns weiß, dass es nicht mehr so weitergehen kann. Weil wir alle - nun mal ehrlich - auf einen Schlag warten, der uns zum Innehalten zwingt. Wir wollen nur, dass dieser Schlag weniger schmerzt, als wir ahnen, dass er schmerzen wird.
Wenn man das alles weiß, wird einem schlecht
All die Beschleunigung, der entgleiste Finanzmarktkapitalismus, die stampfende Globalisierung (auch mit ihren durchaus positiven und verteilungsgerechten Auswirkungen); all der Irrsinn des ungehemmten Ressourcenverbrauchs und der Beschädigung unserer Umwelt; all das erkennen wir, können es erfassen und analysieren. Aber wir wissen keinen Weg hinaus.
"Vegetarismus", sagt Bella," das ist ein Weg hinaus." Und ich sage: "Quatsch".
Es reicht weniger Fleisch zu essen. Er reicht ein Tier "Nose-to-Tail" zu verwerten und die Innereien nicht zu verfüttern. Es reicht, die mediterrane Gemüseküche wieder zu entdecken. Und wenn man ohne täglichem Fleisch nicht leben kann, dann reicht es, das Stück zu verkleinern. Und anstelle den Anteil der Beilagen zu vergrößern. Foer hat errechnen lassen, dass alleine diese Reduktion fast vierzig Prozent der Tierproduktion verringern würde. Was für ein Aufatmen.
Die Winzer als Vorbild des Weniger ist Mehr
"Man muss es wie die Weinbauern machen", sage ich zu Bella, "wie die Winzer in Deutschland und Österreich."
Hä?
Denn die Weinwirtschaft hat längst gedreht. Und dreht sich weiter. Der Tanker wendet von Masse zur Qualität. Diese Wende dauert nun fast 20 Jahre. Und man hat mit Absicht viele Konsumenten verloren; Konsumenten, die für einen Liter Wein nicht mehr als 2 Euro zahlen wollen. Diese Konsumenten trinken nun (Dank der Globalisierung) Industrieplörre aus chemikalisch beeinträchtigter chilenischer Massenproduktion. Oder von sonstwoher. Und diesen Leuten ist auch egal, ob das Rind, von dem das Kotelett kommt, das gerade in ihrer Pfanne brät, nun gelitten hat, oder nicht. Denn sie sehen sich selbst als Leidtragende einer ungerechten Gesellschaft. Ihre Emphatie gilt lediglich der eigenen Person.
Die andere, die größere Gesellschaftsgruppe hat aber akzeptiert, dass eine Flasche guter deutscher Riesling mindestens 4 Euro kosten muss. Und eine bessere Flasche 12 Euro. Und mehr. Und diese Leute sind auch in der Krise (die ökonomische sowie die gesellschaftliche) bereit, diese Beträge zu bezahlen. Es wird dann eben weniger Wein getrunken, dafür besserer. Gleiches sollte für Fleisch und Fisch gelten.
Künast hat es gewusst, wir wissen es auch
Renate Künast hat das schon vor sechs Jahren erkannt, damals, als sie noch deutsche Landwirtschaftsministerin war. Die Winzer sah sie als bäuerliche Elite, deren Werk die Re-Regionalisierung auf hohem Niveau ist. Leider wurde Künast abgelöst. Von Menschen, die Lobbys verpflichtet sind und Einsager haben.
Bella, so naiv sie klingen mag, hat Recht. Der Wandel geschieht im Kleinen. Und auch in der Küche. Wir leisten uns zu viel. Wir konsumieren ohne jegliche Ethik. Ein bisschen weniger Fleisch, ein bisschen mehr regionale Produkte und die Gewichte in der Waage würden sich ändern. Wenn Künast in Berlin kandidiert, werde ich sie wählen. Weil sie einen Instinkt für das Richtige hat.
Das Buch Tiere Essen von Jonathan Safran Foer ist bei Kiepenheuer erschienen.
- Der Captain empfiehlt zum Wertewandel die neuen alten deutschen Aromasorten, etwa den knackigen und sehr sortentypischen Sommersauvignon 2009 vom Weingut Darting aus der Pfalz (für 6,70 Euro bei Willkomm). Oder den sehr seltenen und spät reifenden Gelben Orleans 2009 Spätlese trocken vom VDP-Weingut Knipser (für 15,50 Euro auch bei Willkomm). Über diese sehr kuriose und erstaunliche Sorte und diesen Wein gibt es in der kommenden Woche mehr beim Captain.
Der Captain betont, dass er bei keiner verkauften Flasche auch nur einen Cent verdient. Es handelt sich bei den Empfehlungen um eine Serviceleistung der Mannschaft. Der Captain gibt deswegen auch keine "Bestpreisgarantie" oder Ähnliches.













gehe davon aus, dass der captain auch an jedem verkauften buch keinen cent verdient, "eating animals" wird bestellt. guter artikel!