Langsam komme ich mir vor wie Heiner Geißler, entdecke den Schlichter in mir. Mir scheint, auf meiner Stirn steht geschrieben: "Ruft mich, wenn es brennt. Ich habe eine neutrale Sicht der Dinge." Das jedenfalls scheint auch der Captain zu glauben. So hat er mich schon letzte Woche antreten lassen, als es darum ging, seinen etwas vorschnellen Kommentar über das "Arschjahr 2010" zu kommentieren, der einen fachlichen und zwei strategische Fehler enthielt. Danach wurde ich in mehreren Mails beglückwünscht, hier wieder die Tische zurechtgerückt zu haben. In die Linie, die fehlte.
Nachgereicht möchte ich aber den Beglückwünschern noch sagen, dass ich nach wie vor der Ansicht bin, dass der Captain mit seiner Beurteilung des Jahrgangs nicht ganz unrecht haben wird. Nur sollte er erst darüber schreiben, wenn er Beweise hat. Der Konsument kann ganz beruhigt sein: Er bekommt 2011 aus vielen Gegenden der Welt die gleiche Qualität vorgesetzt. Und auch die gleiche Menge - nämlich wenig. Aber wir wollen die Wunde nicht noch einmal aufreißen, wenn jetzt ein wasserdichtes Salvequick drauf klebt.
Patriotisch trinken?
Also gestern ruft der Captain an, weil er will, dass ich einen Artikel lese, in der er seine Matrosen dazu auffordert, mehr deutschen Wein zu trinken. Denn die deutschen Winzer, vor allem die guten deutschen Winzer, brauchen ein wenig mehr Augenmerk. Sie verdienen Unterstützung, denn ihre wunderbare Arbeit scheint längerfristig gefährdet. Deutschland, so schreibt der Captain, ist kein richtiges Weinland. Wie Frankreich oder Italien. Oder seine Heimat Österreich. Und das stimmt.
Denn die Franzosen trinken fast ausschließlich ihren eigenen Wein. Da kann man in Frankreich überall beobachten. Das kann die Plörre noch so schlecht sein, sie wird mit einem nationalen Häubchen hübsch gemacht. Und niemand würde sie gegen einen besseren Wein tauschen. Schon gar nicht gegen einen besseren Wein aus einem anderen Land. Obwohl: Fragt man im Pariser Restaurant Georges (das im Centre Pompidou), was der meist getrunkene Wein dort ist, so ist das der Cabernet-Syrah von Penfolds. Aber das ist das Werk der Touristen.
Immer noch Vorbehalte
In Deutschland, so liest es sich beim Captain, gibt es immer noch absurde Vorbehalte gegen deutschen Wein. Und der Ab-Hof-Verkauf funktioniere nicht so gut, wie anderswo. Der Captain sagt da deutlich zugespitzt: "keiner" fahre in die Weinregionen. Nun, dagegen sprechen die statistischen Zahlen, sagen die Kritiker der Kolumne, allen voran ein Weinjournalist, dem hier nicht weiter Raum gegeben werden soll. Er sagt: Die Deutschen kaufen sehr wohl viel Wein ab Hof; fahren also doch in die Weinregionen und holen sich ihre Flaschen. Und dafür hat er Zahlen als Beleg.
Doch auch ich fahre in die Weinregion, in jene, ganz in der Nähe meines Arbeitswohnortes Stuttgart. Und ich bekomme auch in Württemberg Ähnliches zu hören. Dass eben nicht so viele kommen. Dass eben solche kommen, die nur kosten und dann gleich wieder gehen, ohne was zu kaufen. Und ich höre, dass viele Ab-Hof-Verkäufe gastronomische Ab-Hof-Verkäufe sind, also entweder Gastronomen der Region, die ihren Wein selber holen und gerne ein Schwätzchen halten. Oder die Ausschank im eigenen Betrieb, die über diese Diktion läuft. Glaube also keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast. Wiewohl ich weiß, dass meine singuläre Erfahrung nicht auf das Gesamte schließen lässt.
Die Nazi-Keule
Und dann gibt es da die Nazi-Keule, die geschwungen wird. Bei jenem eingangs erwähnten Weinjournalisten, der seinen Bericht mit einem Aufruf aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bebildert, der dem Laien vorkommen kann, als sei er später (unter Adolf) verfasst worden. Ist er aber nicht. Und damit ist schon genug über die Manipulation gesagt. Die braune Keule passt immer, wenn einem was nicht passt.
Zwar kommt auch des Captains Kommentar nicht ohne blumiges Geschreibsel aus, zwar reist er gerne, wie immer bei seinen Meinungsbekundungen, in das Reich der "gefühlten Soziologie" (der wunderbare Ausdruck einer Dame aus einem Kommentar-Thread dieses Schiffs, den ich gerne übernehme), doch ist der Link zu Göbbels so dummdreist, wie selten etwas, das ich in letzter Zeit gelesen habe.
Selbstverständlich wird in Deutschland nicht genügend Wein gekeltert, alle deutschen Weintrinker zu versorgen. Selbstverständlich hat Deutschland eine lange Tradition des Weinimports (und man muss immer wieder erwähnen, dass die vielen deutschen Weinhändler jüdischer Abstammung, die auch den Adlon-Keller auffüllen durften, allesamt enteignet, vertrieben oder ermordet wurden). Selbstverständlich ist es ein positives Zeichen der Weltoffenheit, wenn deutsche Weintrinker, wie sonst nur Engländer oder Skandinavier, die ganze Weinwelt erfassen wollen; wenn sie experimentierfreudige Abenteurer sind, die auch eine Riesling aus Tasmanien trinken. Das stellt niemand in Abrede.
Wo beginnt die Pfalz?
Doch ist es sehr wohl seltsam, dass es auch in meinem Umfeld immer noch gebildete Menschen gibt, die generell keinen deutschen Wein trinken, die samt und sonders deutschen Rotwein als unmöglich ablehnen, die jeden Wingert in der Toskana kennen, jedes Weingut und auch noch jeden Önologen; die jedoch nicht wissen, wo genau Rheinhessen liegt. Und wo die Pfalz beginnt. Und das, so glaube ich, wollte der Captain sagen: Dass es immer noch eine Abscheu gibt, sich als regionaler Weintrinker zu outen, dass es im sozialen Status immer noch mehr gilt, Wein aus dem dafür bekannten Ausland zu trinken, als Wein der eigenen Scholle.
Wenn man dann noch Begriffe wie "Scholle" gleich mit Braun und Mob setzt, dann hat man, ehrlich gesagt, einen an der Waffel.
Und mit Leuten, die einen an der Waffel haben, sollte man sich nicht länger beschäftigen. Das rate ich dem Captain. Und bitte ruft mich nicht immer an, wenns brennt. Ich bin nicht Heiner Geißler. Ich will nur was trinken.







Deutscher Wein: Tradition und Moderne als perfektes Paar 





Auch ich kenne viele, die Wein aus Deutschland ablehnen. Es gilt als "schick" Weine aus Frankreich, Australien und wo auch immer er noch herkommen mag, zu trinken. In den Köpfen sind vieler Orts immer noch Bilder von geschmacklosen Etiketten mit seltsamen Namen auf deutschen Weinflaschen enthalten - denkt man dann noch an den Wein, den man in den 70igern von Großmutter bekam - geradezu ekelhaft süss - ja da vergeht manch einem die Lust auf Wein aus Deutschland. Wie es häufig hierzulande ist - der Deutsche braucht für alles etwas länger als andere Nationen, auch in der Weinumgewöhnung.
Man darf "stolz" sein auf die hier ansässigen Winzer und deren Erzeugnisse, man darf sich als "patriotischer Weine aus Deutschland Trinker" outen, man darf sich bei dem Wort "Heimat" ganz heimelig und wohl fühlen! Und ja, man darf sogar dazu auffordern, mehr Wein aus Deutschland zu trinken.
Warum man das darf? Weil wir tolle, innovative Winzer im eigenen Land haben, die wunderbare Weine erzeugen, die sich hinter keinem ausländischen Weingut verstecken müssen!
Wer hinter diesen Begrifflichkeiten eine "braune Gesinnung" vermutet und sich sogar soweit entblödet, die auch noch öffentlich kundzutun, gehört zu den ewig Gestrigen ohne echte Argumente. Die Zeit ist weiter fortgeschritten, aber das haben einige offenbar nicht verstanden. Oder wollen es nicht verstehen. So scheint es. Die Zeit der grossen "Schuldgefühle" ist - ohne die Geschichte dieses Landes zu vergessen - vorüber und ein gesundes Selbstbewustsein hat Einzug gehalten. Endlich!
Ich schliesse mich dem Captain an: Trinkt deutsche Weine - und ihr werdet überrascht sein, wie fein sie sind.