13.04.10 MEINUNG 12 Einem Freund senden

Politik: Wie man die Moselbrücke killt

Hallo Winzer, vielleicht schauen wir morgen auch mal bei der Demo vorbei...Hallo Winzer, vielleicht schauen wir morgen auch mal bei der Demo vorbei...

Natürlich ist das alles ein riesiger Erfolg. Am Wochenende wurden in Berlin dutzende Mitglieder der Polit- und Medienelite von der Notwendigkeit informiert, breit und lautstark gegen den unsinnigen Bau der Moselbrücke vorzugehen. Die meisten verstanden, etliche sahen eine gute Story, die es ja seit gestern vielfältig zu lesen gibt.

Auf Spiegel online, tagesspiegel.de (sehr schön geschrieben), taz.de, welt.de, stern.de, in der Frankfurter Rundschau und sehr distanziert und gewohnt regierungshörig im Trierischen Volksfreund.

Der Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, der alte Beißbär Beck (ein selten langweiliger Sozialdemokrat, ich will den alten Willy wieder haben), die opportunistische Winzerkönigin Klöckner von der CDU, die auch kein Fettnäpfchen auslässt. Und die Grünen und Linken, die sich als Einzige zu den protestierenden Moselwinzer gesellen. Das alles ist eine erotische Mischung, ideal für eine Reportage. Die Agenda ist also gut vermittelt worden.

Was weiter? Abwarten? Was folgt der Medienkampagne? Ein breiter Protest? Mitnichten. Den meisten Bundesbürgern, auch den meisten Einwohnern von Rheinland-Pfalz, geht der Protest am Arsch vorbei. Was ist zu tun?

1.) Die Reihen schließen

Die Winzerschaft tritt nicht geschlossen auf. Das Deutsche Weininstitut unterstützt den Protest nicht. Der VDP reagiert mit einer Forderung. Die Nicht-Reaktion des DWI hat auch den Grund, dass einige Winzer die Brücke durchaus begrüßen. Es muss jetzt aber trotz aller Animositäten (nicht alle Winzer sind sich grün) eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Und ein Sprecher, der den Protest ausdrückt. Und das muss kein Winzer sein (dazu später).

Die Leitung der Verbände ist aufgerufen, eine Petition zu verfassen. Und die protestierenden Winzer sind aufgerufen, die Brückenbefürworter wenigstens zu einer neutralen Position zu überreden. Deutschlands Weinbau muss in dieser Angelegenheit mit einer Stimme sprechen, das klingt zwar irreal, ist aber unumgänglich.

2.) Die Landschaft ins Boot holen

Noch immer wird der Protest über zwei Punkte eingeholt, die den normalen Bundesbürger eigentlich nicht die Bohne interessieren. Weder die Schädigung der Reben, noch die Gefährdung seltener Tierarten macht die Leute wütend. Was sie aber wütend machen könnte, ist die UNFASSBARE VERSCHANDELUNG einer der schönsten Kulturlandschaften Europas. Der Widerstand gegen dieses eigentliche Delikt versöhnt Links und Grün mit dem Begriff "Heimat". Deswegen steckt im Moselbrückenprotest auch ein nationaler Gedanke, ein positiv besetzter nationaler Gedanke. Sich für die Region einzusetzen, heisst auch, sich auch für den Fortbestand deutscher Schönheit (die es ja nicht so oft gibt) einzusetzen.

Das ist, was die Deutschen bewegt, ein positiver Nationalismus, eine romantische Affäre mit einem im Herzen wiederentdeckten Land. Sollen die Briten ruhig auf die Einzigartigkeit der Lagen hinweisen, beim Moselbrückenprotest muss es ums Ganze gehen: "Fass meine Landschaft nicht an" (für den Slogan will der Captain ein paar Flaschen Auslese).

3.) Sucht ein Gesicht

Der Protest gegen die Moselbrücke muss ein Gesicht, muss mehrere Gesichter bekommen. Warum engagiert sich Jan Josef Liefers (der ja ein bekannter Weinfreund ist) nicht lautstark dagegen? Wo sind die Fernsehköche? Wo ist Lafer? Wo Lichter? Wissen die das, hat man es ihnen gesagt? Wo ist die kulinarische Allianz? Wo ist die intelligente Allianz? Joschka Fischer ist Vergangenheit. Es ist schön, ihn an Bord zu haben, doch er bringt keine Strecke.

4.) Pragmatisch bleiben

Die Brücke kann wohl nur mit den Grünen verhindert werden, wenn diese nach der Wahl den Minsterpräsident bestimmen. Nun werden die Grünen aber auch nicht um jeden Preis gegen die Brücke sein. Dafür sind sie inzwischen zu sehr kalkulierende Taktierer der Macht geworden. Das werden sie nur, wenn das Anliegen der Winzer eine regional-nationale Agenda wird. Und es ist ein Irrtum der Winzer zu glauben, dass die Grünen dafür sorgen werden, dass die Brücke ein Mittelpunkt des Wahlkampfs wird. Eher im Gegenteil. Also muss man trotz aller Bekundungen dafür sorgen, dass die Brücke den Wahlkampf beherrscht.

Zudem muss man den Unternehmen Projekte in der Region anbieten. Sowohl SPD wie auch CDU werden mit dem Argument der Arbeitsplätze kommen. Hier reiche Winzer und grüne Spinner. Dort der deutsche Familienvater, ein Bauarbeiter, der seine Kreditrate fürs Haus bezahlen muss. Diese Vereinfachung muss verhindert werden.

5.) Notfalls vor die Bagger

Jeder, der sich jetzt laut wichtig macht, sollte bedenken, dass es im Notfall auch zu Blockaden gegen die Bagger kommen muss. Diese "Drecksarbeit" wird man nicht anderen überlassen können. Jeder, der sich dieser Konsequenz (Anzeigen und Strafverfolgung) nicht bewusst ist, sollte sich eher im Hintergrund halten. Stark wird ein Thema erst, wenn es starke Bilder liefert. Siehe Wackersdort, siehe Brokdorf: Beide Anlagen wurden letztendlich nicht so gebaut, wie vom Staat gedacht.

Bei alle der Euphorie, die jetzt herrscht, ist die Chance, die Brücke wirklich zu verhindern, noch recht gering. Der Bauherr hat alle Instanzen auf seiner Seite. Nachdem die Angelegenheit jetzt auch Öffentlichkeit bekommen hat, muss man dazu stehen. Dazu sind alle Salonrevoluzzer herzlich aufgerufen. Der Captain bittet an die Kanonen. Es geht diesmal nicht gegen Spatzen.



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Kommentare 12

Kommentare

Martin Zwick (via facebook)

Ich seh schon, als Alt-68er kannst Du uns da sicherlich praktische Tipps gegeben bezüglich Wasserwerfer.

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Stefan Schwytz (via facebook)

lass die Wasserwerfer kommen! ;-)

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Matthias Dathan

Sehr guter Artikel!!!

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Harald Ehses ... positiv überrascht

Sehr interessanter Artikel. Gut analysiert. Ich bin auch der Auffassung, dass nur Blockaden, als Nadelstiche wiederholt, für die notwendige Aufmerksamkeit bis zu der Wahl sorgen (und die Behörden nervös machen). Der Wahlkampf 2011 ist tatsächlich eine gute Plattform. Ich sehe bei einer (nicht einmal unwahrscheinlichen) CDU-Grünen-Koalition gute Chancen, den Bau zu verhindern. Denn nur die CDU ist bereit, für eine Machtübernahme diese Kröte (Baustopp) zu schlucken. Aber - all das setzt voraus, dass aus der Bevölkerung mehr Unterstützung kommt.

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mendez

Sehr gute Analyse. Sehr genau gesagt, was an diesem naiven Protest falsch läuft.

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gottfried

am besten mit weinflaschen gegen bagger. ist besser inszinierbar als wasserwerfer.
stimmt absolut - die ganzen köche, tv tv ,das muss alles ran. die haben wirkung und sind eher politisch neutral. wein schlürfen tun sie ja alle gerne! wer will schon einen lagenwein genießen wo oben drüber eine autobahn verläuft. niemand.

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Der Weinfreak ... sattelt das Pferd

Sensationeller Artikel. Erneut, lieber Captain!
Ein wichtiger Schritt wäre wirklich, Prominenz für den Protest zu gewinnen. Wer hat Connections? (Ich nicht.)
Und dann lasst uns doch einmal, von einer Stelle aus, den Widerstand formieren, anstatt nur hübsch schriftlich zu protestieren. Der einstens, als naiv-utopischer Jungspund mit Juso-Fahne und Internationale blöckend, vor Wackersdorf vom Wasserwerfer davon geschleuderte Weinfreak steht Seit' an Seit' mit dem Captain in der Menschenkette!
Jetzt muss er aber erst mal zum Tennis spielen gehen, so ändern sich die Zeiten :-(

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Andreas Durst (via facebook)

Nein, nicht die Winzer müssen irgendwas. Alle die nun wissen was da gebaut werden soll sind in der Pflicht. Jeder einzelne. Dank einiger Unermüdlicher Steiter ist der Protest überhaupt am Leben. Vielen Dank von hier an die Prüms, E. Loosen, H. Johnson, S. Pigott, den Leuten vom BUND - um nur einige zu nennen. Jetzt sind wir alle gefragt. Jeder von uns.

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wuerzgarten ...schliesst sich an

es gibt in der tat sehr fleissige hier vor ort - ich schon vor 30 jahren und jetzt wieder. wir sind hier eine handvoll aktive, die das thema ohne lobby nicht fallengelassen haben. gut, dass witr jetzt unterstuetzung haben.

ganz wichtig momentan, nicht juristisch aber politisch und psychologisch --- viele stimmen bei der petition im bundestag-
noch bis zum 13. mai!! jeder kann was tun - 5-stellige unterschriften sind ein gewicht in der waagschale der waehlerstimmen.

hier nochmal der link, den ich in fast allen artikeln vermisse.

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https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=sign;petit...
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der artikel ist klasse, danke capitaen!

es gruesst von der mosel aus zeltingen,
wo die bagger fleissig rollen, - ich weine auch-
wuezgarten

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wuerzgarten
Steven William Kelly (via facebook)

Na da passen meine Stiefel ja gut. Da geht kein Wasser durch. Ich kannte auch mal n Kettenproduzenten.

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Iris sehr zustimmend, wiederholtes Kopfnicken beim Lesen...

Genau das richtige Argument, Dein Landschaftsbild auf dem nächsten Artikel (lese hier "rückwärts, wie Du siehst) gibt das auch hervorragend wieder, wen das nicht berührt, wenn es sich dazu so ein Bauwerk vorstellt...

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