Der Captain kam zurück. Spätnachts. Und er konnte nicht schlafen. Der Erste Offizier hat sich die Kopfhörer gegriffen und ist ins Unterdeck geflüchtet. Denn der Captain hämmert in sein Notebook. Deswegen entfällt der Frühdienst.
Der Captain ärgert sich. Über Markus del Monego. Und über die Süddeutsche Zeitung. Und deren Vinothek. Und weil der Erste Offizier dem Captain neulich gesagt hat, dass er wieder mal so richtig Dampf ablassen soll, gegen all den Weinschwachsinn in Deutschland, da hat sich der Captain dieser Worte erinnert: "Du warst früher schärfer", hat der Erste gesagt, "du wirst alt, ein armer alter Mann."
Der Captain ärgert sich über Markus del Monego. Monego ist Sommelier-Weltmeister und auch Master of Wine; beides einzigartige Auszeichnungen, die man nur einheimst, wenn man sich wirklich gut mit Wein auskennt. Also nicht mit Halbwissen glänzt, wie der Captain. Nein, da muss man schon viel getrunken haben, um diese Prüfungen zu bestehen. Und das Meistern dieser Prüfungen macht auch unangreifbar; Monego kann sich immer auf seinen Status zurückziehen: Ich war Weltmeister. Wie Schuhmacher auch (der aber öfter).
Weltmeister im Wein, Weltmeister im Vermarkten
Monego verwandelt diese Titel in bare Münze. Das ist ok so, denn warum soll er aus dem aufgehenden Hefeteig seiner Karriere nur kleine Brötchen backen? Dafür gibt es keinen Grund. Monego verkauft sein Wissen auch an - sagen wir mal - umstrittene Handelsketten. Doch auch das ist ok, wäre ok, wenn Monego hier die richtigen Tipps gibt. Und so zur Bereicherung des Konsumenten beiträgt. Monego, der Vertrauensmann der schnäppchenjagenden Weintrinker. Warum nicht?
Monego berät auch die Vinothek der Süddeutschen Zeitung in Sachen Wein. Moment mal, warum braucht eine Tageszeitung eine Vinothek? Leichte Antwort: Sie will etwas mehr Geld verdienen. Viele Tageszeitungen machen das so. Und auch die Wochenzeitung "Die Zeit", für die der Captain wöchentlich einen Online-Beitrag schreibt. Auch nichts dabei.
Doch vor der Vinothek der Süddeutschen Zeitung muss offenbar ein Flugzeug mit der Überproduktion der Weltweinindustrie notgelandet sein. Und die Besatzung dürfte denen in München die unverkaufbaren Kisten angedreht haben. Auf welche Empfehlung? Der Captain darf raten.
Ein Rosé aus Corbieres. Wer´s braucht?
Diese Woche empfiehlt die Süddeutsche zum ausklingenden Sommer einen echten Sommerwein, den Rosé 2009 der Domaine de Bégou aus der französischen Region Corbieres, aus der dem Captain noch kein Wein überdurchschnittlich aufgefallen wäre. Sicher wird es Ausnahmen geben: "Geh in Deckung", ruft der Erste Offizier, "sie werden dich steinigen."
Monego empfiehlt diesen Rosé. Er sagt: "Der Duft verzaubert mit saftigen Aromen reifer Himbeeren, frischen Erdbeeren und einem Hauch Zitrusfrucht. Ideal für schöne Sommertage."
Na, da wird es nicht mehr viele von geben. Sommertage. Ende August. Und Anfang Mai 2011 wird schon der säuerliche 2010er Jahrgang (Grenache, Cinsault, Syrah) zu Rosé vermanscht worden sein. Viel mehr kann man aus dem Jahr dort unten (und auch anderswo) nicht machen. "Vorsicht, geh in Deckung", ruft nun auch der Maat. Über 2010, dieses Arschjahr, reden wir demnächst.
Hach: Ein Hauch Zitrusfruch. Saftige Aromen reifer Himbeeren. Zufällig kennt der Captain dieses Industrieprodukt. Industrie muss keineswegs schlecht sein. Wenn der Weinmacher auf gewisse Gepflogenheiten achtet, ist Industrie durchaus zu vertreten.
Blabla, laber...
Aber der Captain, der den Wein erst neulich getrunken hat, schmeckt hier nur die Langeweile uninspirierten Weinmachens. Nicht schlecht. Selbstredend weit davon entfernt, singulär, spannend, oder gar vergnüglich zu sein. Nun gut: Bei großer Hitze und mit einem Eiswürfel drin kann dieser Wein auch Spaß machen. In Südfrankreich am Pool. Doch die große Hitze ist vorbei. Und für den Spaß ist er zu teuer.
Dieser Rosé der Domaine de Bégou existiert nur, weil die Welt keine Rotweine dieser Gegend mehr trinken will ("Deckung", schreien nun schon die Matrosen). Und auch die anderen Weine aus Monegos Liste für die Süddeutsche stammen erstaunlicherweise aus solchen Sondergegenden mit zuletzt aktiv zunehmender Massenproduktion. Gegenden, die meist nicht mit glanzvollen Weinen auffallen.
Da fragt man sich, warum die beiden ihre Klientel derart verarschen. Monego. Und die Süddeutsche. Ist doch gerade die Süddeutsche kein Blatt der Mindergebildeten; kann sich doch gerade die Leserschaft der Süddeutschen schnell eine eigene Meinung bilden. Doch man vertraut lieber Monego, denn der war ja Weltmeister. Und ist Master of Wine. Der muss es wissen. Wer, wenn nicht er?
Und dann formuliert Monego so industriell, wie die meisten Erzeuger der von ihm empfohlenen Weine. Er schwelgt im alten Weingeschwätz, wie es seit Jahren in Deutschland Mode ist. Wenn ein Weingut ein paar Olivenbäume hinstellt, macht er schon Meldung. Denn der Süddeutsche-Klient sieht nicht den Wein, sondern die Olivenbäume. Ahhh, Olivenbäume! Da muss der Wein ja gut sein. Mitnichten. Und so weiter.
Warum sucht Monego solch fades Zeug aus?
Der Rosé von der Domaine de Bégou ist ein durchschnittlicher, standardisiert gemachter Industriewein. Zumindest schmeckt er so. Wenig Säure, viel vordergründige Frucht, ein banales Aromentheater (mit maximal vier Darstellern): Ritterspiele. Festwochen am Land. "Dieser Wein ist Operette", sagt der erste Offizier. Alle an Bord lachen.
Schade nur, dass sich ein Weltmeister und ein deutsches Qualitätsblatt dafür hergeben, solche Weine zu promoten. Kommet her und nehmt hinweg die Überproduktionen dieser Welt. Amen.
Was gäbe es nicht alles zu entdecken. In Deutschland. "Ach was", sagt der Erste Offizier, "wir machen jetzt erstmal ne Flasche auf." Willkommen zurück.







Markus del Monego. Kennt sich aus, bleibt trotzdem flach (Fotos: Monego Downloadcenter) 





Diese Vinothek Weine für ALLE Zeitungen (inkl. der ZEIT) sind eh völliger Blödsinn. Es werden da nur Klischees bedient:
Rosé-Wein = frischer Sommerwein, alternativ Terassenwein/Balkonwein/Poolwein
Weißwein = noch frischerer Sommerwein
Rotwein = "Garrigue-Wein" (wenn aus Südfrankreich kommend), alternativ Kaminwein, wirklich gut, wenn er auch noch Parker-Punkte hat.
Aus Sicht der Zeitungen ist es aber clever gemacht. Man kaufe von einem mittelmäßigen Weingut mit großer Produktion große Mengen zu kleinen Preisen und verscheuere diese zu etwas höheren, aber nicht unverschämten Preisen an seine Leserschaft weiter. Ausreichend ist eine gute Beschreibung, ein schönes Etikett und - wie der Captain richtig sagt - Olivenbäume, Lavendel-Felder und Nebel über sanften toskanischen Hügeln. Wenn dann auch noch ein MW wie Marcus del Monego seinen Stempel drauf gibt, ist dem Kaufreiz ja wohl genüge getan. Ich kenne genug Leute, die auf sowas anspringen. So muss man nicht ins Weingeschäft gehen und sich auch keine Gedanken darüber machen, von welchem der tausend Produzenten man jetzt seinen Rosé-Wein kauft.