Wie er so dasteht, wirkt er nicht gerade glücklich. Vor dem Haus, das sein Vater gebaut hat. Sein Vater, der so ziemlich alles falsch gemacht hat. Hier, in La Morra, auf einem der höchsten Punkte der Weinregion Piemont. Hinter Giovanni Negris Rücken ragen Antennenwälder in den Himmel, die Telekom bestrahlt das Land. Bis nach Frejus. Und hin zum Matterhorn.
Giovanni Negris Vater hat das alte, schöne, piemontesische Herrenhaus abreissen lassen und stattdessen ein neues gesichtsloses und hässliches Gebäude hingestellt. Einen gelben Block, den man entweder sprengen, oder zeitgemäß renovieren kann. Giovanni Negris Vater hat auch die alten Nebbiolo-Stöcke rausreißen lassen. Und den Weinbau beendet. Damals, vor vierzig Jahren. Als nicht viel zu holen war in der Gegend. Als der alte Adel das Wohl und das Wehe des Barolo bestimmte. Giovanni Negri war damals 13 Jahre alt. Und Italien hatte seine schlimmste Zeit.
In den Städten lieferte sich eine Stadtguerilla erbitterte Strassenschlachten mit der Polizei. Der italienische Ministerpräsident Aldo Moro wurde ermordet und in einem Kofferraum abgelegt. Die Landeswährung Lire schwächelte derart, dass die Bank von Südtirol beschloss, eine eigene Lire herauszugeben und sich von der italienischen Finanzpolitik abzukoppeln. in Sardinien, Sizilien und Kalabrien entführten Banden internationale Prominenz (Getty junior, die Kronzucker-Kinder, Fabrizio de Andre etc.). Und im Land explodierten immerzu Bomben, die hunderte Menschen in den Tod rissen; Bomben, die wahrscheinlich von einer rechtsradikalen Geheimloge gelegt wurden. Um den Staat zu destabilisieren. Italien war in den siebziger Jahren eine sonnige Hölle; ein Land vor dem Untergang.
Comeback aus dem Chaos
Giovanni Negri wurde (mit Millionen anderer Italiener) in einem Land groß, das sich aufzulösen schien. Man muss dies wissen, denn es erklärt den uns unverständlichen Erfolg von Silvio Berlusconi. Viele Länder hatten damals Überväter in der Politik: Deutschland hatte Brandt und Schmidt, Österreich hatte Kreisky, Schweden hatte Palme. Italien aber hatte Chaos. Als das Chaos endete, als Negri erwachsen wurde, verließ er La Morra und das Piemont. Und wechselte in die Politik. Er wurde Journalist und Parteisekretär der Partito Radicale, einer linken Splittergruppe, die immerhin 3,5 % der Stimmen bekam und ins Parlament einzog. Negri (nicht verwandt mit Toni Negri, dem bekannten linken Autor, Terroristen und Anarchisten), gründete das heute landesweit ausgestrahlte Radio Radicale, ein linkes Theorieradio mit Endlosdiskussionen und ohne jeden Musikbeitrag.
Doch die Parteireform der Neunziger Jahre und die neue 4 %-Klausel machten einen weiteren Einzug von Negris Partei in das italienische Parlament unmöglich. Negri ging zurück. Nach La Morra. Zum Wein.
Wenn man Negri heute auf seine linke Vergangenheit anspricht, so erklärt er die Partei als harmlose linksliberale Spinnerei. Das ist Verklärung. Negris politische Utopie ist ein gegen den Baum gefahrenes Wrack; Negri verkörpert den Niedergang der Linken in Italien. Und das weiß er auch. Und er hatte eine Fluchtmöglichkeit. In die Realität. Er hat sie wahrge
nommen.
Von der Linken zurück zum Wein
Als er vor 15 Jahren in sein Elternhaus zurückkehrte, war da nur Grundbesitz. Und ein hässliches Haus. Negri hätte alles verkaufen können, denn damals begannen die Weine im Piemont gerade zu boomen. Negri hätte das Geld nehmen und gehen können. Doch Negri ist Italiener. Ein Regionalist mit einer internationalen Vision. Wie viele Italiener. Und wie viele Italiener ist Negri auch ein Familienmensch; was man hat, was der Familie gehört, was Jahrzehnte Bestand zeigte - das gibt man nicht einfach her. Das verkauft man nicht. So blieb Negri. Am Hügel. Am höchsten Punkt des Piemont. Und gründete sein Weingut Serradenari. Der alte und von Negri übernommene Name bedeutet "Geldversteck". Bis heute sucht Negri vergeblich. Hinter ihm ragen die Antennen der Telekom in den Himmel.
Giovanni Negri war vor 15 Jahren freilich kein Winzer. Was also sollte er machen? Er holte auf Empfehlung anderer Winzer den kreativen aber auch umstrittenen italienischen Star-Önologen Roberto Cipresso in den neu gebauten Keller. Und Cipresso begann seine Visionen zu entwickeln. Negri und Cipresso verbindet seither einen eigentümliche Beziehung; Negri begann Bücher zu schreiben, in einem der Bücher wird Cipresso ermordet.
Negri nahm nicht alles ernst, was Cipresso vorschlug. Aber vieles mehr, als Cipresso dachte. Und da man auf dem Weingut alles neu pflanzen musste, pflanzte Negri neben Nebbiolo auch noch Pinot Noir, Chardonnay und Syrah an. Und cuvéetierte mit seinem Kellermeister einige eigentümliche Weine, die heute zu den Besonderheiten der Region zählen.
Cipresso gibt die Tipps, an die sich Negri nicht immer hält
Etwa den Chardonnay Moné 2008, einen sehr eleganten Wein, mineralisch, gute Struktur, perfektes Holz burgundischen Stils (die Fässer kommen von Cipressos Lieblingsbinder Boutes aus Frankreich). Das Besondere an diesem Wein ist aber, dass er den Boden und die Höhenlage ideal spiegelt. Negris Weingärten grenzen an einen Wald, der im Herbst, der Zeit der Ernte, sehr reich an Trüffelpilzen ist. Und genau das schmeckt man: Einen Chardonnay, der lecker an Trüffel erinnert. Einzigartig. Oder die Rotweincuvée Renoir 2007 aus Pinot (60 %), Barbera Superiore (20 %) und Nebbiolo (20 %), ein erdiger und bestialischer Wein mit massivem Druck und Lagerkapazität, der Haselnuss und Pilze transportiert und in etwa zehn Jahren zu ungeahnter Eleganz auflaufen wird. Negri hat von beiden Weinen nur etwa 5.000 Flaschen gemacht.
Die schönste Cuveé versteckt Negri noch im Keller, eine Kreation aus Nebbiolo (85 %) und Syrah (15 %), ein ungeheuer appetitmachender Wein, kräftig, fruchtig, viel Cassis, eine elegante Säure, Würze, Pfeffer. Wie die Fülle eines Gänsebratens. Köstlich.
Negri vertraut sich. Aber nicht genug. Er vertraut sich in der Weiterentwicklung von Cipressos Kreationen, braucht aber Beistand bei der Akzeptanz seiner Entscheidungen. So ganz kann er nicht begreifen, dass er das, was er macht, richtig macht. Aber er ahnt es. So hat er zu Beginn seines zweiten Lebens ein eigenes Etikett entwickelt, denn selbstredend ist Negri auch Grafiker. Ein Etikett mit einem Kopf einer Spielkarte. Modern. Und einprägsam. Doch er hat von dem Etikett gelassen, als ihm die Händler andeuteten, dass es gegen den Strich traditionell-moderner Piemont-Etiketten bürste. Als ob das nicht egal wäre? Negri begreift das erst jetzt.
Der Preis macht die Sache rund
Und noch etwas zeichnet Negri aus: Er will nicht zur Piemont-Elite gehören. Er ist ein Rückkehrer, ein Spätankömmling. Folglich muss er sich auch nicht an die Regeln halten. Und kann bei den Preisen flexibler sein. Nicht alle sehen das gerne. Doch das ist Negri egal; wie alle Linken (ehemalig, oder nicht), geht es ihm darum, ein Vetrauensmann des Volkes zu sein.
Morgen dann beim Captain der Wein der Woche von Giovanni Negri. Mit Video von Keller und Weinberg.
- Weine von Negri gibt es bei Superiore. Der Captain betont, dass er an keiner verkauften Flasche auch nur einen Cent verdient.







Hier bin ich Mensch, dort wächst mein Wein.. 





welch karriere. ich kauf mir als nächstes auch einen weingarten...