03.08.10 WEINLEUTE 4 Einem Freund senden

Bio & Co.: Die Winzer-Umfrage des Captain

Willi Opitz hat an der Umfrage nicht teilgenommen. Das Bild ist aber superWilli Opitz hat an der Umfrage nicht teilgenommen. Das Bild ist aber super

Der Captain wollte wissen, was da draußen so läuft. Und fragte die Winzer, was sie so über Biowein denken, über den Klimawandel und über ihre wirtschaftliche Situation. Eine stolze Zahl nahm Teil, man konnte anonym bleiben, aber auch seinen Namen nennen. Und es gab Bannerplätze zu gewinnen, die wir nun verlosen. Aber nun zu den nackten Zahlen:

1.) Thema Biologischer Weinbau

Von den befragten Winzern gaben 46,4 % an, Biowein zu produzieren. 53,3 % tun das nicht. 20 % der Winzer, die keinen Biowein produzieren, denken an eine Umstellung ihres Betriebes auf biologische Landwirtschaft. 73,3 % wollen weitermachen wie bisher, 6,7 % sind noch unentschlossen.

Zitate und Meinungen:

"Ich kann mir als im Aufbau befindlichen Betrieb keine Ausfälle leisten", beschreibt eine Winzerin ihre Skepsis gegenüber dem biologischen Weinbau. Ein oft gehörter Vorwurf: Biologischen Weinbau können sich nur Weingüter leisten, die seit Jahren Erfolge mit konventionellen Weinbau einfuhren und mindestens einen Jahrgang auf der Bank gebunkert hätten. Aber auch diese Stimme ist interessant: "Öfteres Fahren mit dem Traktor wird notwendig, dadurch entsteht höherer Spritverbrauch (CO2 – Bilanz und Kohlendioxid-„Fingerprint“ ist zu hinterfragen)". Den Konsumenten ist aber im konkreten Fall das Produkt, das er kauft, wichtiger, als den erweiterten Schaden, den dieses Produkt eventuell erzeugt.

Interessant hierzu auch die Zitate eines sehr bedeutenden und prominenten deutschen Winzers, der seine Skepsis (nicht seine Ablehnung) gegenüber biodynamischen Weinbau wie folgt formuliert:

  1. Die Frage der Zertifikation. Die Kriterien, die in verschiedenen Verbänden angelegt werden, sind oft sinnvoll, oft aber stehen sie im krassen Gegenteil zu den in der jeweiligen Präambeln formulierten Zielen. Ich bin alt genug selbst zu entscheiden was gut ist und was nicht.
  2. Das lineare Schwarz-Weiß-Denken. Joly als Guru der Biobewegung schreibt in seine letzten Buch dass es keine 95 %ige Biodynamik geben kann wie es auch keine 95 %ige Schwangeschaft geben kann. Dies sind Denkmodelle des tiefsten Mittelalters. Wer's braucht - gerne, aber bitte ohne mich.
  3. Rudolf Steiner, der geistige Vater der Biodynamik, bekämpfte den Alkohol da der dem Menschen das "Ego" gebracht hat und ihn damit der Volksseele respektive -gemeinschaft entrissen hat.  So weit gehen noch nicht einmal Ratzinger und die Pius-Brüder.
  4. Aus der Bio- und Biodynamik-Bewegung entwicklt sich (zum Glück) eine Terroirbewegung, die den Wein als komplexes Kulturgut betrachtet. Ein kulturbeseelter Wein entsteht im komplexen Zusammenspiel von ökologischer Verantwortung, humanistischen Zielen, Ästhetik, Betriebswirtschaft, individuellen philosophischen und religiösen Weltbildern.

Ein anderer, ebenso prominenter Winzer und leidenschaftlicher Anhänger der Spontanvergärung formuliert seine Skepsis so:

  1. Im Steillagenweinbau ist es extrem aufwendig und personell in größeren Betrieben extrem schwer, alle Reben in kurzen Spritzabständen von Hand biologisch zu spritzen. Um überhaupt die Arbeiten zum richtigen Zeitpunkt verrichtet zu bekommen, schließen wir uns in diesen Lagen einer genossenschaftlichen Lösung an und setzen auf etwa einem Drittel unserer Flächen den Hubschrauber ein. Dieser spritzt natürlich keine Ökomittel, ist aber sehr efizient, da er immer JUST IN TIME die auch wirklich benötigten Mittel in der richtigen Dosierung spritzt. Die meisten Winzer wenden dagegen größere Mittelkonzentrationen an, nach dem Motto "Viel hilft viel".
  2. Mich nervt die Gegenüberstellung der "bösen" Konventionellen, die nur eklige, giftige Chemikalien rausblasen auf der einen Seite und den guten Ökos, die ihre Weinberge ausschließlich mit Musik und Gesprächstherapie betreuen. DAS IST VÖLLIGER SCHWACHSINN und spiegelt in keiner Weise die heutigen Realitäten in den Weinbergen wieder. Eine Vielzahl an komplett konventionell wirtschaftenden deutschen Weingütern setzt nach guten Erfahrungen in den letzten Jahren inzwischen auch eine Vielzahl an ökologischen Mitteln ein, nicht zuletzt weil sie häufig preiswerter sind.

Ein weiterer Winzer zitiert Schiller, der sagt: „Der intelligente Mensch macht sich die Natur zum Freund!“ So kann man das Thema wohl am besten kommentieren.

Nun zu den Details:

Unter jenen, die nicht umstellen wollen gaben 36,4 % strukturelle Gründe an, 27,2 % sehen keinen relevanten Unterschied zwischen den beiden Möglichkeiten, ebenfalls 27,2 % fürchten, dass Boden und Pflanzen Gefahr durch zu viel Kupfer droht, 22,7 % fürchten ein hohes wirtschaftliches Risiko, 22,7 % sogar eine schlechtere CO2-Bilanz, 13,6 % geben Boden und Lage als Grund an, weiterhin herkömmlichen Weinbau betreiben zu wollen. 9,1 % sehen das Klima als Nachteil und Hindernis an. Und 13,6 % verstehen biologischen Weinbau lediglich als PR-Gag.

2.) Thema Klimawandel

73,2 % der befragten Winzer spüren Veränderungen durch den Klimawandel, 26,8 % sehen keinen Unterschied zu früher (beides nur auf den Weinbau bezogen). 2,4 % (also nur sehr wenige) der Befragten sehen die Sorten ihrer Region bedroht. 90,2 % glauben nicht, dass die Sorten ihrer Region wegen des Klimawandel verschwinden werden. Aber immerhin 7,4 % wollen neue Sorten auspflanzen um eventuellen Folgen des Klimawandel zu begegnen.

Die befragten Winzer, auch jene, die keine Folgen des Klimawandel spüren, sehen in folgender Reihenfolge (absteigende Prozentzahl) folgende Veränderungen auftreten.

Durch den Klimawandel

  • kommt es zu einer Reifeverfrühung
  • muss der Winzer flexibler sein und genau beobachten
  • werden die Weine kräftiger
  • erzielt man höhere Mostgewichte und einen höheren Alkoholgehalt
  • verbessern sich die Aromen
  • kommt es zu Wetterextremen
  • verringert sich der Säuregehalt
  • wird eine Laubwand nötig, bzw weniger Laubschnitt
  • müssen Weißweine in höhrer und kühlere Lagen ausweichen

Meinungen und Zitate:

Ein Winzer beschreibt seine Gegenmassnahmen wie folgt:

  • "Wir setzen Maßnahmen im Weinbau um, damit die Trauben besser beschattet werden und damit, trotz Erwärmung, die Ernte zu einem nach wie vor späten Zeitpunkt stattfinden kann (Einkürzen der Laubwand, ein bisschen höhere Erträge, damit die Fruchtigkeit und Saftigkeit erhalten bleibt). Zudem forcieren wir die bestmögliche Abstimmung von Kleinstlagen und Sorten."

Fast alle deutschen Winzer aber betonen, dass sie in den letzten Jahren durch den Klimawandel eher nur Vorteile hatten, also eine Serie guter Jahrgänge, wie selten zuvor. Es geht aber die Angst um, der Konsument könne dies als Normalfall sehen. "Insgesamt", so ein Winzer," müssen wir wegen der Zunahme der Feuchtigkeit ein verstärktes Engagement in pilzwiderstandsfähigen Rebsorten in Angriff nehmen."

Ein weiterer prominenter Winzer beschreibt die Situation in seinen Worten:

  • "Es ist schwierig die klimatischen Bedingungen zu beurteilen, extreme Wetterbedingungen bzw. -schwankungen gab es schon immer. Rebsorten wie Merlot oder Cabernet sind als "Zeigerpflanzen" auch nur bedingt geeignet, da wir durch einen hohen Arbeitsaufwand (entblättern, ausdünnen, optimale Standortwahl etc.) diese Sorten, die ja eigentlich gerne in wärmeren Regionen wachsen, mit Erfolg anbauen können. Akut spüren wir den Klimawandel noch nicht. Allerdings müssen auch wir die Entwicklung im Weißweinbereich beobachten, da sich höhere Temperaturen entsprechend ungünstig auf die Säuren im Wein auswirken.  Auch die steigenden Alkoholgehalte werden eine Rolle spielen. Dies ergeben sich sowohl aus erhöhten Temperaturen, sind aber ebenfalls die Folge starker Ertragsreduzierung. Weinbauliche und kellertechnische Verfahren den Alkohlgehalt (ohne negative geschmackliche Auswirkungen) zu reduzieren werden immer stärker in den Fokus rücken.  Damit längerfristig umzugehen ist ein kommende Herausforderung."  

3.) Thema Wirtschaftliche Situation

51,9 % der befragten Winzer sehen ihre wirtschaftliche Situation besser als im letzten Jahr, 42,3 % sehen keine Veränderung, 5,8 % sehen ihre wirtschaftliche Situation schlechter, als im letzten Jahr.

Generell herrscht Optimismus. Mehr noch bei den deutschen Winzern, die die Nachfrage der Weltmärkte spüren. Die österreichischen Winzer (und auch die Südtiroler) sehen ihre Grenzen langsam erreicht und ein weiteres Wachstum scheint schwer möglich. Gesamt geht es den befragten Winzern aber hervorragend. 

4.) Die Teilnehmer

51,8 % der befragten Winzer keltern in Deutschland, 37,5 % in Österreich, 10,7 % in Südtirol. Auswertbare Antworten kamen von 109 Winzern.

Der Captain dankt allen, die an der Umfrage teilgenommen haben



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Kommentare 4

Kommentare

Thomas Schwarz (via facebook)

ahoi captain c. !!
generalisieren läßt sich glaub ich gar nix ! wenn du aufgrund eigener zielsetzung mehr oder weniger säure willst, arbeitest du in die ensprechende richtung. geht relativ einfach. das ganze system, das vor biobewirtschaftung einfach ganz anders gepolt war neu zu starten, ist die größte herausforderung und bedarf etlicher jahre, nicht nur jener der offiziellen umstellungsphase. was man aus der umfrage sehr schön erkennen kann, ist wie oberflächlich viele denken. wenn man nicht wirklich weiß, was da bei den bios läuft, reimt man sich halt allerlei passendes zusammen - und das schürt diese unnötige 2-klassen-denkerei. umgekehrt herrschen allerdings eindeutige fakten: die, die vorher konventionll gearbeitet haben, wissen was da läuft ;-) . prost ohne keule !

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Gast ...isoliert

hab kein Facebook - Konto. Daher auf diesem Weg

gefällt mir
&
würde auch für diesen Artikel auch einen Flattr-Knopf drücken

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Kurt Feiler sehr positiv

Hallo Captain,
Nachdem doch ein hoher Prozentsatz der Betriebe, die geantwortet haben, Bio machen würde mich interessieren, was deren Aussagen, Stellungnahmen, Meinungen waren. Ein bischen konkreter, wenn es das gibt. Weil: Im Artikel stehen eigentlich nur Aussagen von Skeptikern und Zweiflern.
Ahoi und "Gut Wind!"

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Der Captain

Die Skeptiker waren die fleißigeren Kommentarschreiber..

Beste Grüße nach Österreich

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