Es geht ein Spuk um, ein Gespenst, eine Hoffnung. China. China wird alles retten. Wer heute keinen Fuß ich China hat, wird sich bald nur mehr mit den Resten begnügen müssen. Denn China kauft nicht nur die Rohstoffe, die wir brauchen; China kauft auch den Wein, den wir produzieren. Und neuerdings kauft China auch unsere Weingüter. So mancher, der sich da einen Schnitt ausrechnet.
Zum Beispiel in Italien. Der Captain weiß (wie er auch vom Teilverkauf der friulanischen Weingutes Jermann wusste), dass mindestens zwei große toskanische Weingüter ihre Fühler nach China ausgestreckt haben. Damit sich dort Investoren finden, die die teilmaroden Riesengüter mit mehr als 200.000 Flaschen Jahresproduktion kaufen.
Terroir für China? Egal. China will Namen
Man hat ja auch einiges zu bieten. Vor allem Terroir. Und die Aufschrift Toskana. Das müsste doch reichen, oder? Tut es aber nicht. Noch bleiben die Chinesen aussen vor. Freiwillig. Das Weingut müsste schon "Sassigaja" heißen. Oder "Orenllgaja". Oder so ähnlich. Dann darf es auch ein Stange Geld kosten. Denn dann klingt es ja nach was. Nach den Originalen. Nach den unerreichbaren Göttern. "Fast so" ist in China beinahe wie "original so".
Die Chinesen trinken Wein. Mehr als je zuvor. Das ist viel, aber im Vergleich immer noch wenig. Wein spielt in der Ess- und Trinkkultur der Chinesen nur eine untergeordnete Rolle. Aber Wein ist Kultur. Westliche Kultur. Und bei all dem neuen Selbstbewusstsein der Chinesen, das man uns immer als vorbildhaft zu oktroyieren versucht, bei all dem Stolz, wollen die Chinesen dann doch nur genau so trinken, wie wir. Zumindest ab und zu.
Wie sie Wein dann trinken, das spottet immer noch dem Getränk. Meistens mit Eiswürfel. Und in einem Zug runter damit wie Cognac. Egal, welche Preisklasse. Auch den Mouton. Und wer das als Kulturdiffamierung missversteht, dem ist nicht zu helfen. Die Chinesen trinken, wie sie seit Jahrhunderten trinken. Warum sollten sie das wegen einer Flasche Mouton ändern?
Wein schmeckt nicht
Die Realität - so sagt Captains Freund Frank, der in Shanghai lebt - die Realität ist, dass viele der besten europäischen Weine von Chinesen innerhalb von Minuten verputzt werden. Noch dazu schmeckt ihnen der Wein auch nicht wirklich. Das Getränk ist ihnen meistens fremd. Das weiß Frank, er hat gefragt. Es ist eben der Status: Wein zu trinken bedeutet Wohlstand, bedeutet Aufstieg. Wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde Weintrinken derart mit einer Botschaft beladen, wie derzeit in China.
Das ganze Brimborium freilich braucht es trotzdem. Auch in China gibt es inzwischen Sommeliers, die sich extrem gut bei Weinen auskennen. Und man möchte es nicht für möglich halten, auch bei deutschen und österreichischen Weinen. Freilich hat bei den sozialen Aufsteigern nur Frankreich und Italien den richtigen Namen. Doch so sehr sich die chinseischen Weindeuter bemühen, hier ein Ritual um Wein zu inszenieren, so wenig lassen sich die Chinesen davon beeindrucken. Ex. Und hopp. Das ist der Tradition geschuldet, der Art, wie man in China isst und trinkt. Man tut dies meist in größeren Gruppen. Und Alkohol hat sehr wohl eine Funktion. Dort, wo sich jeder zurücknehmen muss, wo der Einzelne, auch der reiche, weniger zählt, als das Kollektiv, dort wirkt Alkohol befreiend. Und er muss schnell befreien.
Jetzt hat ein chinesischer Trillardär das Weingut Lafitte gekauft. Für seinen Sohn. Der Aufmerksame sieht schon, dass es sich nicht um Rothschilds Lafite handelt, sondern um eines der vielen Güter, die diesen Namen in Abwandlung im Chateau transportieren. In diesem Falle ist es Chateau Chenu Lafitte in der Region Cotes de Bourg, die im Bordeaux nicht zu den beeindruckendsten Gegenden zählt. Auch der Wein ist eher mittelmäßig.
Lafitte oder Lafite: Egal
Doch darum geht es gar nicht. Es geht um den Namen, um die Assoziation mit dem ganz großen Chateau Lafite. Chateau Chenu Lafite - Chateau Lafite - auf diese Mimikry zu setzen, was bei uns als peinliche Wichtigtuerei abgetan wird, zählt in China enorm viel. Wenn einer es schafft, ein Weingut zu kaufen, das den Namen des berühmtesten Weinguts irgendwie transportiert, dann hat er es geschafft. Wie der Wein schmeckt, ist völlig egal.
China ist mehrheitlich konfuzianisch und da zählt die Tradition und das Wissen alter Männer sehr viel. Deswegen wird gar nicht angezweifelt, dass Chateau Chenu Lafitte ganz große Weine macht. Mit einem solchen Namen muss das so sein. Und ebenfalls ein Grund: Mit dem Namen Lafitte verkaufen sich die Flaschen in China prima. Diese Erfahrung haben auch jene Investoren gemacht, die 2008 Chateau Latour-Laguens erworben haben. Auch Latour verkauft in China prima.
Der chinesische Markt existiert. Und er exitstiert nicht. Bis auf eine inzwischen schon beachtliche Zahl wirklicher Weinkenner, weiß eigentlich kein Chinese, was er mit dem Getränk so richtig anfangen soll. Aber das ist egal, schon werden tausende Hektar im Lande selbst ausgepflanzt, um den Hunger nach chinesischen Eigenmarken zu stillen. Und wer weiß, vielleicht schmeckt den Chinesen Wein ja doch irgendwann mal. Frank hat inzwischen einige Chinesen gesehen, die ihre Nase tiefer ins Glas stecken. Und schnüffeln. Und immer mehr Chinesen entdecken restsüße Weine aus Deutschland. Der erklärt sich den Chinesen leichter. Mag sein, dass der einmal ein Renner wird.
Jede ideelle Überhöhung des chinesischen Marktes ist aber nicht angebracht. Es geht um schnöden Mammon. Und den Chinesen geht es um Statusymbole. Und um den sozialen Aufstieg. Deal!







Das ist Chinas bester Sommelier. Praktischerweise heißt er Hans... 





Interessante Analyse!