Sie ist eine Straße. Die B50. Eigentlich braucht sie keiner. Natürlich wäre es für manche bequemer, wenn sie da wäre. Denn sie ist eine Schnellstrasse. Mit ihr wird alles schneller. 20 Minuten maximal. Sagt man.
Sie soll den Süden und die Mitte Deutschlands komplikationslos mit dem Nordwesten verbinden. Eigentlich soll sie die Häfen von Antwerpen und Rotterdam anbinden. Sollte sie, als sie vor 40 Jahren geplant wurde. Damals hatte die Straße freilich auch strategische Gründe. Wenn der Russe Deutschland überrollt haben hätte wollen (Stichwort: Fulda-Gap), wären hier die Nato-Truppen angekarrt gekommen. Wäre. Hätte. Sollte. Ist.
Ist war lange nicht. Die Straße war nicht. Ein Teil der Straße wurde zwar gebaut, doch eine wichtige Lücke blieb offen: Die Brücke über die Mosel. Nun wird sie gebaut.
Natürlich nervt der Schwerverkehr. Und natürlich nervt er jene, die an der Straße wohnen, die durch das Dorf geht, in dem sie leben. Das will dieser Lückenschluss ändern: Der Schwerverkehr soll Dörfer und Gemeinden entlasten. Man kann eigentlich nicht wirklich gegen die Straße sein. Es gibt ehrlich gesagt nur wenige Argumente gegen sie. Trotzdem darf sie nicht gebaut werden: Die Hochmoselbrücke, der Lückenschluss, das Monster.
Das Monster und die Schande
Denn das Monster zerstört eine der schönsten Kulturlandschaften Deutschlands: Das Moseltal. Noch dazu ausgerechnet dort, wo auf einigen der besten Weinhänge des Landes einige der ältesten Pflanzen einige der besten Trauben für einige der besten Weine geben. Außerdem ist das Tal dort schön. Warum muss die Brücke gerade dort gebaut werden? Diese Frage hat keiner richtig gestellt. Und keiner beantwortet. Das ist erstaunlich.
Besonders, wenn man weiss, dass Deutschland ein Land des Alarmismus ist. Was hier jährlich für Alarme ausgerufen werden, würde in anderen Ländern als Volksverhöhnung bestraft werden. Die Bundesrepublik müsste schon zig Male untergegangen sein. Ist sie aber nicht. Dieser Misserfolge ihrer Alarme tut den Alarmisten aber keinen Abbruch, denn der Alarmist ist ein anerkannter Berufsstand in diesem Land. Der Alarmismus wird von der Mentalität der Deutschen begrüßt und gefördert.
Keine anderes Volk könnte angstloser sein, als die Deutschen (zugegeben: die Schweizer auch). Und kein anderes Volk fürchtet sich derart vor Irrationalem. Und schiebt Irrationales vor. So auch im Fall der Moselbrücke. Hier schlägt nun die Stunde der Alarmisten. Und sie kämpfen auf beiden Seiten. Leider hilft das der Sache wenig.
Die Stunde der Alarmisten
Die Alarmisten gegen die Brücke schieben etliche Argumente vor, die man schlicht in Zweifel ziehen kann. Da geht es - wie so oft - um irgendwelche seltenen Tiere, die ihre Heimat verlieren; da geht es um eventuell auftretende Wasserprobleme, die die Weinhänge nahe der Brücke gefährden. Doch es geht nie um das eigentlich wichtigste Argument, um das Augenscheinliche: Diese Brücke ist so hässlich, dass sie das ganze Tal zerstört. Deswegen und schon alleine deswegen, darf diese Brücke nicht gebaut werden. Es gibt kein besseres Argument. Wer die Projekt-Animation (und ganz beeindruckend-brutel hier) sieht, muss das erkennen. Wer dann nicht merkt, was diese Brücke anrichtet, der ist - mit Verlaub - ein Trottel.
Die Alarmisten der Gegenseite betonen immer, die Brücke bringe Erleichterung, die Brücke bringe Geschwindigkeit; Zeit, die man besser für anderes verwenden könne, als im Auto zu sitzen. Das stimmt, aber das betrifft täglich nur ein paar hundert Menschen. Und für jene ist es - auch mit Verlaub - zu schade, ein derartiges Monstrum zu bauen.
Die Alarmisten der Brückenbauer haben aber freillich noch ein anderes gewichtiges Argument mitgebracht, das Argument der Arbeitsplätze. Wenn diese Brücke nicht gebaut wird, dann fehlen hunderte Arbeitsplätze. Das ist ein gewichtiges Argument, ein Argument, das vor allem in Wahlkampfzeiten zählt. Und der Wahlkampf in Rheinland-Pflaz bricht gerade an. Er beginnt diesen Herbst.
Beck, Klöckner, die FDP: Alle mit dem Kopf durch den Beton
So ist es auch nicht verwunderlich, dass Amtsinhaber Kurt Beck, Sozialdemokrat und Beschäftigungspolitiker, hier hart bleibt. Ebenso die CDU-Gegenkandidatin Julia Klöckner, immerhin eine ehemalige Weinkönigin. Die FDP ist selbstredend für die Brücke. Und die Grünen kommen erst jetzt drauf, dass dieser Anschlag aus Beton gute Munition bietet. Lange Zeit waren es ausgerechnet die Linken, die sich gegen die Brücke stark machten. Nur die Linken. Grotesk.
Grotesk deswegen, weil die Linken gemeinsam mit sicherlich nicht gerade links eingestellten Weinbauern wie z.B. Ernie Loosen oder Markus Molitor Hand in Hand gingen. Sicherlich sind Loosen und Molitot keine Hardcore-Konservativen, sondern weltweit erfolgreiche Winzer, die man eher dem aufgeklärt-liberalen Lager zuordnen würde. Aber eine Allianz mit den Krypto-Kommunisten mutet da schon erstaunlich an. Nur, was soll man machen, wenn keine andere Partei auf der richtigen Seite steht?
Da kommen wir auch schon zum nächsten Problem des Widerstands gegen die Brücke: Die mangelnde Solidarität. An der Spitze der Gegner stehen wohlhabende Weinmacher der ersten Reihe Mosel fußfrei. Die Winzer dahinter sind nicht zwingend mit den Winzern am Wasser solidarisch. Und schon wenige Kilometer flussaufwärts oder flussabwärts erodiert die Allianz. Ist den Leuten die Gegend nichts Wert? Offenbar.
Denn wenn ihnen die Gegend was Wert wäre, dann würden sie sich zu einer unbesiegbaren Allianz zusammenschließen, die jeden aus den Amt fegt, der diese schöne Gegend anrührt. Nur ist schon den Bewohnern von Ürzig, der nähesten Gemeinde an der Brücke, das Projekt egal, wenn sie nicht am Wein oder im Tourismus arbeiten. Auch das ist eine Mentalitätsfrage. Im wenig weit entfernten Frankreich würden die Baufahrzeuge brennen. Man kann dies verurteilen, oder nicht. Aber am Ende bleibt in Frankreich vieles besser. Weil manches nicht durchgesetzt werden kann; weil manches die Korrektur der Bevölkerung erfährt.
Grotesk: Die Ausländer tragen den Protest
Grotesk ja auch, dass dieses Thema seit Wochen nur die englischen Zeitungen bewegt, dass englische Weintrinker zu den radikalsten Gegnern des Projekts zählen, dass die weltweite Elite der Weinenthusiasten und Weinkritiker hart und unversöhnlich gegen diese Brücke und gegen Kurt Beck argumentiert, teilweise in heller und unzügelbarer Wut angesichts der Vernichtung eines deutschen Kulturerbes. Grotesk, dass Ausländer die Schönheit erkennen, die dem Inländer so wertlos ist. "Shame on You" schimpft der berühmte Weinautor Stuart Pigott in Richtung Kurt Beck. Doch eigentlich müsste er uns Deutsche meinen. Shame on us.
Zurück zur Brücke. Und was jetzt zu machen wäre. Viele hoffen, dass die desolate Finanzlage des Staates diese Brücke verhindern kann. Zumindest einen Aufschub der Bauarbeiten. Das ist durchaus möglich. Ein Aufschub der Bauarbeiten bis nach den Wahlen würde eine Nachdenkpause bringen. Nach den Wahlen ist auch nicht so schnell vor den Wahlen.
Man kann diese Straße ja bauen. Besser. Es muss ja nicht diese Horrorbrücke sein. Es geht eventuell ja untendrunter (wie man es in Österreich oft macht). Schon klar: Das wird teuerer werden. Doch der Tourismus bleibt unbeschädigt. Und die Landschaft auch.
Es wäre die Zeit radikaler Problemlöser. Die Brückengegner dürfen nicht gegen die Straße sein, sie müssen für die Landschaft sein, für die Kultur, für den Weinbau, für die (ja, richtig gehört) Heimat. Und den Schutz der Heimat. Die Deutschen dürfen ihre Heimat vor derartigen Übergriffen schützen. Und den Deutschen muss ihre Heimat wieder etwas Wert sein.
Pigott hat Recht
Und die Brückenbefürworter müssen erkennen, dass sie eines der schönsten Stücke Deutschlands für ein noch immer korrigierbares Strassenprojekt zerstören. Und dass diese Schande für immer und alle Zeiten ihre Karrieren unter einen Schatten stellt. Diese Emphatie fehlt Beck, Klöckner und ihren Assistenzärzten. Und auch in Berlin ist keiner, der diese Emphatie für Deutschlands schönste Weinlandschaft mitbringt. Shame on us: Stuart Pigott hat Recht.







Nebel ist gut. Dann sieht man sie nicht... 





Manchmal kommt es mir vor, als ob die Moselaner an einem kollektiven Stockholm-Syndrom leiden. In der Geiselhaft von betonverliebten Politikern versuchen sie sich auch das unsinnigste Bauprojekt schönzureden. Wenn Beck im März abgewählt wird, möchte er sicher seinem Kollegen Koch zu Bilfinger Berger folgen. Good riddance to him and the bridge.