13.08.09 WEINLEUTE 7 Einem Freund senden

Go East, Captain: Cabernä am Plattensä

Familie Tamas, vom Captain zum Foto aufgereihtFamilie Tamas, vom Captain zum Foto aufgereiht

Ungarn, Südwesten. Nicht Villany, das der Captain absichtlich links liegen lässt, da es außer angepasster internationaler Stilistik kaum etwas zu bieten hat. Der Captain segelt zum Plattensee. Von hier weg fiel 1989 die Mauer. Am Nordostufer hat die Familie Tamas in Csopak rund um ihr Einfamilienhaus ein kleines Weingut aufgebaut. Die Lage ist paradiesisch, man sieht auf den See und auf die dahinterliegende weite Ebene. Auf etwas über zwei Hektar erntet man gleich sieben Sorten Trauben, nichts wird zugekauft, alles wird spontan vergoren, ein klassisches Garagenweingut, wie es weltweit noch in Mode ist.

Doch bei Tamas ist vieles anders. Der Vater, inzwischen pensioniert, hat Germanistik studiert, der Sohn ist Werbefotograf. Der Vater hat Ungarn knapp vor dem Fall des Kommunismus verlassen und ist mit der Familie nach Deutschland gegangen, in die nähe von Stuttgart. Da er deutschstämmig ist, hat er die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen und hält diese nun gemeinsam mit der ungarischen.

„Niemand hat uns gefragt, als wir weggegangen sind", sind die Tamas auch heute noch verwundert. "Wir sind einfach in das Auto eingestiegen und losgefahren." 1994 sind die Tamas wieder nach Csopak zurückgekommen und haben mit dem Kauf von Rebflächen begonnen. „Niemand hat gefragt, wo wir in der Zwischenzeit waren", lacht Vater Eugen. Ungarn ist ein seltsames Land will er damit sagen.

Der Boden hier ist rote Vulkanerde, ähnlich mancher Böden der Maremma. Die Tamas machen nur 7.000 Flaschen jährlich und verkaufen diese an die Gastronomie am See und an Laufkundschaft. Ziel ihrer Arbeit ist es, den Charakter und die Alterungsfähigkeit der Weine auszubilden. Das Lagerpotential ist den Tamas wichtig, hier wird vieles mit dem Kopf gedacht, ideologisiert und dann realisiert.

Weine ohne Vorbild, die nur vom Denken der Region beeinflusst werden

Der Chardonnay 2007 (12,5 % Alkohol) lag 12 Stunden auf der Maische. Das bringt eine kräftige goldgelbe Farbe. Er bleibt ein Jahr im mehrmals gebrauchten alten Fass. Der Wein duftet nach Wiese und Heu und ist bravourös elegant. Mit 11 Euro ab Hof zählt er aber zu den teuersten Grundweinen dieser Region.

Der Pinot Gris 2007 (13 % Alkohol) kommt fast 24 Stunden auf die Maische und erhält so - sehr ungewöhnlich - die Farbe eines hellen Rosé. Hier tritt dieses „Eigene-Welt-Syndrom" zu Tage, das Keltern im abgeschlossenen Bereich. Man sieht nur auf sich und nicht nach außen. Man agiert in seinem eigenen Kosmos, der maximal durch andere Winzer der Region beeinflusst wird. Und so hat der Captain einen derartigen Grauburgunder auch noch nie getrunken. Er ist salzig, delikat, voll, schmeckt ein wenig nach weißem Pfeffer und der verbliebene Ton des alten Holzfass bringt eine sehr eigene Würze mit, die gut zu den Nuancen der Traube passt.

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Dann folgt ein sehr ungewöhnlicher Welschriesling 2006 (12 % Alkohol). In dieser Gegend wird diese Traube völlig skurril ausgebaut, sie wird auf Fülle und Eleganz getrimmt. Nicht auf Süffigkeit. So erkennt man die Sorte auch kaum wieder, so dicht und kräftig glänzt der Saft im Glas. Eine echte Überraschung.

Welschriesling Spätlese, Welschriesling Botrytis und Traminer kreieren die Cuveé „Oriolus" (Goldamsel), die in der Nase sehr stark vom eher gering zugesetzten Traminer beherrscht wird (14 % Alkohol). Dazu kommt ein Duft von Eisenbahnschwellen und Kräutern. Am Gaumen hat er volle Kraft lange zu bestehen, wie alle Weine dieser önologischen Miniatur.

Danach der herausragendste Wein der Familie Tamas, ein Cabernet Franc 2006 (13 % Alkohol), ein ungeheuer sortentypischer Wein, ein Trinkvergnügen par excellence. Der Wein besitzt eine kühle Mineralik, schmeckt nach Pfeffer pur und nach roter Paprika. Er ist kräftig am Gaumen und sehr elegant im Abgang. Da trinkt der Captain einige Gläser mehr (muss halt der erste Offizier das Steuer übernehmen), denn so etwas Trinkfreudiges hat er lange nicht genossen. Gegen jede Mode. Und auch daher so überzeugend.

Aus Cabernet Franc (60 %) und Syrah (40 %) keltert die Familie die Cuveé „Merula" (Amsel) 2006 (13 % Alkohol), ein eleganter, etwas fetter und marktkonformer Wein mit hoher Mineralität, der nach Bitterschokolade schmeckt und nach Himbeere duftet. Doch Paprika und Pfeffer des Cabernet Franc dominieren.

Kein ungarisches Weingut ohne Süßwein, deswegen final eine Auslese vom Welschriesling namens „Epos" aus dem Jahre 2002 (16 % Alkohol). Der hohe Alkohol ist nicht merkbar, reife Mango und Tabaktöne prägen die Nase der Kreation, die so völlig unterschiedlich ist, als Vergleichbares aus Deutschland und Österreich. Eine Kopfgeburt, entbunden in der Region. Hoch lebe die Nische.

Weine der Familie Tamas gibt s in Deutschland bei Weinkomplott.

Der Captain rät seinen Matrosen außerdem auch einmal einen Blick auf die anderen Teile der Serie Go East zu werfen.



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Kommentare 7

Kommentare

Gast Nummer 1

Naja, wird ja besser mit der Zeit.

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Der Captain

gerne..

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Klos

Da schließe ich mich an. Wirklich gut geschrieben und interessant. Deswewgen werde ich öfter hier reinschauen.

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Gast ...müde

wenn man schon so sophisticated alles besser weiß und versteht, sollte man auch bei cuvée den accent richtig setzen können - odr?

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Erster Offizier

Der Captain ist eben ein umerzogener Linkshänder. Da klappt das nicht so gut.

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Susann ...überrascht

Freut mich, dass der Captain auch nach Ungarn segelt und klar, dass ihn das pannonische Meer stärker anzieht als das auf dem Trockenen gelegene Villány.
Dass Villány aber doch jede Menge zu bieten hat, können wir zum Glück nun beim ersten Maat Peter Klinler lesen:
http://www.captaincork.com/Weine/Rotwein/Ungarn-Das-neue-Villany
Meine Bitte an den Captain: bitte den Artikel vom ersten Maat so verlinken, dass wenn man in der Suche eingibt: "Villány" auch sein Artikel erscheint und nicht der Plattensee-Artikel, wo Villány (zu Unrecht) als uninteressant absichtlich links liegen gelassen wird.
Freut mich auch, dass der Captain sich für Welschriesling -natürlich nur wenn er ernsthaft ist- erwärmen kann. Auch da lohnt sich Villány, bzw. der westliche Teil davon: Siklós.
Danke!

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