Das Weingut der Familie Spalek heißt „Weingut der Familie Spalek". So heißt man nicht in Deutschland oder Österreich. Man heißt nicht „Weingut der Familie Heinrich". Man heißt „Heinrich". Dass man hier anders heißt, heißt aber nicht, dass man anders denkt. Im Namen konservativ, wie so oft in Tschechien. In der Erscheinung, in der Produktion jedoch progressiv. Wie so oft in Tschechien.
Novy Saldorf kommt gleich hinter Retz, unmittelbar hinter der österreichischen Staatsgrenze. Der Dramatiker Peter Turrini kann von der österreichischen Seite her auf Novy Saldorf schauen. Er beklagt, dass die eingesessenen Weinbauern auf der österreichischen Seite die Stöcke ausreißen, weil sie glauben, mit ihrem Wein nichts mehr verdienen zu können. Er beklagt ihre Wut, ihre Resignation.
Diese Resignation fehlt jenseits der Grenze. Hier ist Aufbruch. Zwischen Bordellen und billigen Restaurants entsteht in heftig konträrem Erscheinungsbild eine neue Mikro-Ökonomie, die des Znaimer Winzers. Novy Saldorf ist ein Vorort von Znaim, es liegt zwischen den Welten, zwischen den Staaten, zwischen den Sprachen. Tschechisch im Vornamen, deutsch in Nachnamen.
Dieses Zwitterleben dokumentiert keiner so perfekt, wie Petr Ilgner, der gemeinsam mit Frantisek Spalek das Weingut der Familie Spalek betreibt. Petr Ilgner, auch tschechisch im Vornamen, auch deutsch im Nachnamen. Sein Vater ist Österreicher, der Sohn wurde in Tschechien geboren und sozialisiert. Als die Tschechen das Land 1968 abschotteten war Ilgner gerade geboren. Novy Saldorf wurde wegen der Grenznähe zum Sperrgebiet erklärt und Ilgner, der Deutschstämmige, lernte Deutsch über die Programme des ORF, des österreichischen Rundfunks.
Eine Geschichte wie viele hier, vielleicht ein wenig außergewöhnlicher.

Als der Vorhang fiel, ging Ilgner nach Hardegg. Ins Schlossweingut zu Peter Malberg. Die Arbeit dort macht ihn in Novy Saldorf zum einzigen Professionellen mit Fremdwissen. War es für österreichische und deutsche Winzersöhne der Weg nach Amerika und Australien, so reichte dem tschechischen Winzersohn das Pendeln in einen Ort in Sichtweite. Auch das sagt viel über den Unterschied der Mentalitäten, der sich im Wein manifestiert.
Der Hang zum Eigenen, zum freiwillig Abgeschotteten, zum Besonderen, zum Autarken, zum Vereinzelten, das macht in Tschechien (wie auch in der Slowakei) die Attraktion aus. Und es wird von den mehrheitlich inländischen Konsumenten auch als Attraktion erkannt, kultiviert, verfeinert und auf internationalen Standard gebracht. Das Nationale im Spiegel des Gesamten.
Ilgner werkt gemeinsam mit Frantisek Spalek, mit dem er durch die zweite Heirat von Ilgners Mutter verwandt ist. Spalek hat knapp nach der politischen Wende die Chancen der Gegend erkannt und begonnen in bescheidenen Rahmen zu investieren. Er hat Flächen gekauft, oft die besten Lagen, sanfte Südosthänge mit Blick auf die Türme von Znaim. Gemeinsam haben sie neu ausgepflanzt und Altes rekultiviert. Und sie haben auf Qualitätsweinbau gesetzt. Nicht auf den speziellen, ausgefallenen, sondern auf den klar definierten, wie Ilgner es in Hardegg erfahren hat.
Das heißt etwa, dass man zwar mit der Spontanvergärung experimentiert, jedoch weiterhin auf Reinzuchthefen setzt und Enzyme vermeidet. Noch ist sicher sicher.
Und man hat beim Konsumenten mit mehreren Irrtümern aufgeräumt. Etwa, dass ein Wein mit höherem Prädikat automatisch der bessere Wein ist. Oder dass traditioneller Weinbau, das Pressen mit der Baumpresse, besseren Wein ergibt. So dachte der Konsument noch vor fünf Jahren. Die Geschichte guten Weins, sagt Ilgner, ist hier erst eine kurze Geschichte. Jetzt erst sammelt sie Buchstaben, Wörter, bildet Sätze.
Der Chardonnay 2007 ist eine Auslese aus einer Neuauspflanzung. Er hat kräftige 14,5 % Alkohol. Klassisch im Stahltank vergoren, riecht er nach Löwenzahn, Kresse und Pfirsich. Das klein wenig Restsüße dominiert den Geschmack, je länger der Wein im Glas nach der Nähe seiner Umgebung sucht.
Der Sauvignon 2007 (12,2 % Alkohol) ist extrem grasig, extrem eigen, stark mineralbetont aus Urgesteinslage, intensiv und frisch. Er trägt den Ton von reifen Stachelbeeren. Dieses „Unding" wurde bei einer nationalen Messe ausnehmend schlecht bewertet, da es nicht den Vorstellungen der Juroren entsprach. Trotzdem, auch trotz des hohen Preises, ist jede Flasche verkauft. Für Ilgner und Spalek heißt das, dass man mit Weinen erfolgreich sein kann, die aggressiv aus dem Rahmen fallen. Diese Erfahrung prägt.
Der Cabernet Sauvignon 2006, ebenfalls eine Neuauspflanzung, kommt als Fassprobe aus dem gebrauchten Holzfass. Wieder arbeiten Ilgner und Spalek an der Betonung des Terroir, wieder diese eindeutigen Anklänge an Brennessel und Löwenzahn. Viele ihrer Lagen, viele davon zudem auf dem exponierten „Kuhberg" behalten auch in den kälteren Monaten die Wärme, die Kälte zieht ins Tal.
Eindeutig bei Hardegg gelernt hat Ilgner, wie man den „Vino Saler" keltert, eine Cuveé aus Blaufränkisch und Blauer Portugieser (17,5 % Alkohol, 8g Zucker), deren Gärung mit Alkohol gestoppt wird. Das erinnert an den „Porticus" aus Hardegg. Derartige Experimente bleiben beiderseits der Grenze nicht unumstritten.
Doch mit 6,5 Hektar eng gesetzten Stöcken kann man sich Ausgefallenes gut leisten, die Käufer kommen zu fast hundert Prozent aus dem Bereich der Gastronomie, oder sind Privatkunden. Ilgner und Spalek bezeichnen sich beide als Hobbywinzer, die ihre Lektion gelernt haben. Das kann man so sagen.
Weine direkt beim Weingut: www.saler.cz
Der Captain empfiehlt seinen Matrosen außerdem noch weitere außergewöhnliche Weine aus Osteuropa.







Spalek und Ilgner. Lucky Strike 





Ahoi aus Prag,
guter Beitrag, aber leider führt der Navigations-Link in falsches Gewässer, nämlich in österreichisches Hoheitsgebiet.
Bitte unbedingt in der Seekarte berichtigen.