04.12.11 WEINE 11 Einem Freund senden

Ziereisens Chardonnay: Vorerst erheitert.

Hanspeter Ziereisen. Ein feiner Kerl. (Foto: WG Ziereisen)Hanspeter Ziereisen. Ein feiner Kerl. (Foto: WG Ziereisen)

Es geht weiter mit Maat Golenias Chardonnay-Fimmel. Die ABR-Phase (Anything-But-Riesling) ist noch nicht vorbei. Nebenbei hat sie mir häufig Spott und Hohn an Bord eingebracht. Kurzum: Ich werde für ziemlich bescheuert gehalten. Wegen ABR.

Und doch: Mein momentaner Bezug zu deutschem Chardonnay hat bewirkt, dass häufiger Pakete von deutschen Winzern aufs Schiff eintrudeln, die sich mit ihrem guten Chardonnay beweisen möchten. Die zeigen möchten, was diese Rebe kann, selbst wenn sie gerade völlig abseits aller Diskussionen steht. Mir soll das recht sein, denn ich fange an, meine Vorurteile von meinem Geschreibsel zu hinterfragen.

Charakterkopf mit Herz am rechten Fleck

Weingut Ziereisen in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich im badischen Weinbau. Da haben wir den überaus charismatischen Hanspeter Ziereisen. Jemand, den man mal live erlebt haben muss, um überhaupt davon eine Vorstellung zu bekommen, was eine echte Frohnatur ist. Hans-Peter ist eigentlich Tischler von Beruf. Vom Auftreten her hemdsärmelig, immer zugänglich, nichts Gekünsteltes, sympathisch, bodenständig. So einer hat das Herz am rechten Fleck.

Ich habe noch nie erlebt, dass sich Hanspeter Ziereisen eingezwängt von Anzug und Krawatte auf Messen gezeigt hätte.  Immer stand er da, unverstellt mit seinen Karohemden, die Ärmel hochgekrempelt, und unterhielt als Entertainer seine Standbesucher. Und das versteht er. Er macht Unterhaltung, zieht Interessierte in seinen Bann, erzählt und gibt preis. Zusammen mit seiner Frau Edeltraut.

Der Lohn dafür sind Menschentrauben vor ihrem Stand. Manchmal habe ich mich gefragt, ob Hanspeter Ziereisen nach Messefeierabend seine heitere Maske abnimmt und übellaunig ins Hotel marschiert. Ich kam zum Schluss: Da ist keine Maske - der Mann ist einfach so!

Ein junges Weingut am Ende der Welt

Weingut Ziereisen ist ein wenig anders. Ein kleiner Mischbetrieb im Markgräflerland, einer Subregion vom südlichen deutschen Anbaugebiet Baden. Ein lang gezogenes Gebiet, das knapp südlich von Freiburg beginnt und sich bis Basel erstreckt.  Ziereisens Basis ist das unscheinbare Doppeldorf Efringen-Kirchen. Die Ziereisens schleppen dort nicht diesen Renommiertsheitsballast alt eingesessener Familien herum, denn sie sind ein recht junges Weingut.

Ein Weingut, das erst innerhalb weniger Jahre einen wahnsinnigen Qualitätsprung nach vorn gemacht hat. Jahr für Jahr konnte man erleben, wie das Weingut den Stil seiner Weine in Zeitraffer verfeinerte, sie immer puristischer werden ließ. Irgendwann, so Ende der Nuller Jahre, stellte Hanspeter Ziereisen sein ganzes Sortiment auf Spontanvergärung um - von einfachen Gutedel bis zum besten Spätburgunder. Ein Novum in diesem unbeleuchteten Zipfel namens Markgräfler Land.

Hab keine Angst vor Sponti - sagt Molitor

Übrigens wurde ihm die Angst vor Spontanvergärung, die für jeden Winzer immer ein gewisses Risiko darstellt, vom Moselwinzer Markus Molitor genommen. Man mag sich vorstellen, wie der alte Spontihase Molitor, selbst ein glühender Verfechter dieser Gärungsart, auf Hanspeter Ziereisen eingeredet hat, bis dieser abließ von Laborhefen aus dem Schlabberbeutel. Und dieser radikale Schnitt tat Ziereisens Weinen verdammt gut. Selbst sein Gutedel, weiß Gott nicht bekannt als große Rebsorte von Welt, schafft damit Erstaunliches, ja fast Komplexes, der sicher keine Easy-Drinking Gewohnheiten bedient.

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Kommentare 11

Kommentare

Sitzdissa der Große

Mein Gott, was für ein Rührstück vom ehrlichen einfachen Winzer. Die Bundeswehr sollte in Banalistan intervenieren.

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Maat Golenia heult gleich mit

An welche Adresse darf ich Ihnen die Taschentücher schicken?

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Christopher L.

Ziereisen ist ein sehr vielversprechender Winzer. Es ist sehr erstaunlich, wieviel dieses Weingut binnen recht kurzer Zeit aufgebaut hat. Dennoch gibt durchaus auch Ausrutscher: sein günstigster Spätburgunder vom Jahrgang 2008 war kaum trinkbar. Und ich glaube nicht, das sich das mit zunehmender Lagerung legt. Mein Favorit von Ziereisen sind momentan seine Syrahs. Erstaunlich was der kann.

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Commander Scottch

Hmmh..mjam,mjam : kalte Kneipenaschenbecher..was ist mir da köstliches entgangen!
Ach,Herr Golenia : wer in der ABR-Phase steckt,sollte nicht von Markus Molitor reden.

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Maat Golenia fühlt sich erwischt

ABR-Phase und Molitor? Sie haben Recht. (Kneipen)Asche(nbecher) auf mein Haupt!

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weinsegler ...wie immer...

Der Syrah den ich auf der K&U Messe in Nürnberg getrunken habe war feinste Sahne. Ebenso sein Gutedel. Ich finde die Weine von Ziereisen toll und würde mir wünschen, dass mehr einfach ein wenig "mutiger" wären und sich vom Mainstream verabschieden würden.

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Gast

ja, edeltraud und hanspeter ziereisen machen wirklich stimmung. die beiden muss man wirklich mal erlebt haben. die sind echt klasse..

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Blattgold

Aus 2008 fand ich den Chardonnay Hard auch sehr, sehr gut, wobei ich die Chardonnays, Syrahs und Pinot Noirs von Ziereisens doch stets stark an ihren französischen Vorbildern orientiert ansehe. Die leeren Flaschen im Verkostungszimmer des Weinguts deuten schon darauf hin. Das stört mich nicht im Geringsten, ganz im Gegenteil, aber ich möchte noch besser verstehen, was Sie, Herr Golenia, mit dem "sehr eigenständigen deutschen Beitrag zu meinem Thema "Was kann deutsche Chardonnay." meinen. Eigenständig, weil ganz stark am Burgund orientiert? Oder auf andere Weise eigenständig?

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Maat Golenia schwafelnd

Ahoi Blattgold,

wer HP etwas kennt, weiß, dass sein Fokus nun mal auf Burgund liegt. Klar. Allerdings habe ich mir das schon überlegt, ob ich das so schreiben soll. Und habe mich dagegen entschieden.

Ich halte es nämlich für eine dumme deutsche Eigenart, dauernd irgendwo hin zu schielen, sein Heil in anderen Stilistiken zu suchen und damit auch noch anzugeben. Und sich erst dann zufrieden zu geben, wenn man es kopieren kann. Wie bei deutschen Spätburgundern und Chardonnays.

Wenn ich Ziereisens Chardonnay nun burgundischen Stil attestieren würde, dann läse es sich wie eine Kopie. Obwohl der Hard verdammt gut ist, würde jeder unterschwellig murmeln: "Naja, Ziereisen versuchts halt so zu sein wie Burgund. Und beißt sich die Zähne aus, weil das Original eben nicht zu toppen ist."

Deshalb schrieb ich vom "sehr eigenständigen deutschen Beitrag". Ich hoffe sie verstehen, was ich sagen möchte.

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Blattgold

Ciao Golenia,

jetzt verstehe ich es etwas besser. Ich finde es übrigens gar nicht dumm, wenn man sein Heil vorerst in anderen Stilistiken sucht, höchstens wenn man damit angibt. Viele Leute mögen anderer Meinung sein, aber viele Leute (u.a. ich) sind der Meinung, die besten Chardonnays der Welt kämen aus Chablis (ja!) und von der Côte de Beaune. Warum sollte man nicht zunächst danach streben, Chardonnay zu keltern, der diesen guten Vorbildern nahe kommt. Dabei lernt man wenigstens einen sensiblen und sinnvollen Holz- und Stahltankeinsatz, die gleichen Tugenden für den Schwefeleinsatz, usw. Genau gleich wird er im Zweifel nie schmecken. Wenn man aber einmal am Zwischenziel ist, kann man an der eigenen, regionalen Variante feilen. Beim Spätburgunder funktioniert letzteres hier und da schon ganz gut. Für Chardonnay dauert es vielleicht noch ein bisschen. Derzeit schmecken mir aber die "französischen" Chardonnays von z.B. Ziereisen, Huber und F. Becker deutlich besser als etwas "deutscher" schmeckende, z.B. von Bercher.

Jedenfalls freue ich mich über weitere ABR-Beiträge. Wie wäre es mal mit mehr Coverage über die anderen Burgundersorten, Grau- und Weiß.

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Maat Golenia Ok, vielleicht kann man sich

Ok, vielleicht kann man sich französische Stilistiken zum Vorbild nehmen. Da liegt nun mal die Messelatte bei Chardonnay. Nur wird man das nie erreichen können. Nun, bevor man schmollend in der Ecke hängt, weil man ja nie so gut sein wird wie der große Bruder, sollte man sich gar nicht erst auf ihn berufen. Ihre Bezeichnung "Zwischenziel" finde ich da schon sehr treffend: bis zu einem bestimmten Level, aber dann gehts marsch marsch auf eigenen wackeligen Beinen weiter.

Grau- und Weißburgunder näher zu beleuchten hätte was. Denn im Unterschied zu deutschem Chardonnay würde hier die internationale Messlatte gänzlich fehlen. Es wäre deutlich deutscher.

GN8

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