Es regnet in Berlin. Draußen tobt die "Fashion-Week", eine inzwischen dubiose Veranstaltung selbstreferenzieller Zeremonienmeister, die sich gegenseitig in Euphorie aufschaukeln, ein Fest der Blogger, die sich - mit Gratiskarten ausgestattet - in schicken Clubs vollaufen lassen. Größte Entsetzlichkeit des Tages: eine Schale schaler Schampus bei einer Präsentation. Kotz.
Der Captain floh und beschloss fortan bis zum Ende dieser Woche das Schiff nicht mehr zu verlassen. Der Erste Offizier muss einkaufen und kochen. Der Captain verfällt in schweigende Depression. Was wollen diese Leute in Berlin? Shoppen und ficken?
"Ja", sagt der Erste, "gut, dass Du auch mal mitbekommst, dass arm und sexy inzwischen Koks und geil heißt".
In jeder Depression will der Captain nur eines: Ruhe finden und Rotwein trinken. Und dann nicht irgendwelche Rotweine, auch keine leckeren Kleinkaliber; der Captain will seine Nerven stärken und nur Weine trinken, die auch seine Seele intensiv bearbeiten.
"Esoteriker" grinst der Erste, "Altersfolgen".
Der Captain macht eine abfällige Handbewegung. "Geh runter und hol was raus."
Viel und gar nichts
Also trollt sich der Erste in den Schiffsbauch und kommt nach einer Viertelstunde mit zwei Flaschen wieder hoch, die dem Captain viel und gar nichts sagen. Viel sagt ihm der Bordeaux, den der Captain gut kennt. Schwarzes Etikett, ein 2001er. Ein sicherer Bringer. Trotzdem soll der Name hier nichts zur Sache tun, denn dieser Wein, so sensationell gut er war, soll nicht der Star des Abends werden. Der Star wurde ein anderer Wein, einer jener neuen autochthonen Modeweine, die der Captain nun schon wieder zu hassen beginnt. "Du wirst im Alter wie Siebeck sein" kritisiert der Erste, "und dem Neuen und Modernen ablehnend gegenüberstehen."
"Halt den Mund und schenk ein", sagt der Captain.
Kaltes Gulasch aufs Brot
Zwei Gläser gleichzeitig. Dazu einen kalten Schweinebraten und ein Rest Gulasch auf Brot. Der Captain liebt ein dreimal aufgekochtes, kaltes Gulasch als Brotaufstrich. "Das Beste überhaupt", sagt der Captain. Und schmiert sich eine Stulle.
Der Erste öffnet inzwischen den zweiten Wein. Er kommt aus Spanien, liegt in einer schweren Flasche und hat eines dieser Typoetiketten, wie sie gerade in Mode sind.
"Ha", schreit der Captain, "wieder ein Typoetikett mehr. Gott wie langweilig."
"Und?", entgegnet der Erste, "hat dein Wein etwa kein Typoetikett?"
Gut, ein Punkt für ihn, denkt der Captain, denkt aber auch, dass er das jetzt den Ersten nicht wissen lassen muss. Also enthält er sich jeder weiteren Meinung. Und schluckt den ersten Schluck. Aha, interessanter Wein. Aber nicht gleich zugänglich.
Fortsetzung auf Seite 2







Dominik A. Huber - ein Bayer in Spanien (Foto: brunelloshavemorefun.com) 





War auch aus Interesse mal auf der Website der Berliner Modemesse. Da kann ich die Depression des Captains gut nachvollziehen.
Wie sagte schon Krishnamurti:
Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.
Mal wieder eine Labsal für die Seele die Worte des Captain.