21.01.12 WEINE 10 Einem Freund senden

Teure Flasche: Du bist es Wert!

Dominik A. Huber - ein Bayer in Spanien (Foto: brunelloshavemorefun.com)Dominik A. Huber - ein Bayer in Spanien (Foto: brunelloshavemorefun.com)

Es regnet in Berlin. Draußen tobt die "Fashion-Week", eine inzwischen dubiose Veranstaltung selbstreferenzieller Zeremonienmeister, die sich gegenseitig in Euphorie aufschaukeln, ein Fest der Blogger, die sich - mit Gratiskarten ausgestattet - in schicken Clubs vollaufen lassen. Größte Entsetzlichkeit des Tages: eine Schale schaler Schampus bei einer Präsentation. Kotz.

Der Captain floh und beschloss fortan bis zum Ende dieser Woche das Schiff nicht mehr zu verlassen. Der Erste Offizier muss einkaufen und kochen. Der Captain verfällt in schweigende Depression. Was wollen diese Leute in Berlin? Shoppen und ficken?

"Ja", sagt der Erste, "gut, dass Du auch mal mitbekommst, dass arm und sexy inzwischen Koks und geil heißt".

In jeder Depression will der Captain nur eines: Ruhe finden und Rotwein trinken. Und dann nicht irgendwelche Rotweine, auch keine leckeren Kleinkaliber; der Captain will seine Nerven stärken und nur Weine trinken, die auch seine Seele intensiv bearbeiten.

"Esoteriker" grinst der Erste, "Altersfolgen".

Der Captain macht eine abfällige Handbewegung. "Geh runter und hol was raus."

Viel und gar nichts

Also trollt sich der Erste in den Schiffsbauch und kommt nach einer Viertelstunde mit zwei Flaschen wieder hoch, die dem Captain viel und gar nichts sagen. Viel sagt ihm der Bordeaux, den der Captain gut kennt. Schwarzes Etikett, ein 2001er. Ein sicherer Bringer. Trotzdem soll der Name hier nichts zur Sache tun, denn dieser Wein, so sensationell gut er war, soll nicht der Star des Abends werden. Der Star wurde ein anderer Wein, einer jener neuen autochthonen Modeweine, die der Captain nun schon wieder zu hassen beginnt. "Du wirst im Alter wie Siebeck sein" kritisiert der Erste, "und dem Neuen und Modernen ablehnend gegenüberstehen."

"Halt den Mund und schenk ein", sagt der Captain.

Kaltes Gulasch aufs Brot

Zwei Gläser gleichzeitig. Dazu einen kalten Schweinebraten und ein Rest Gulasch auf Brot. Der Captain liebt ein dreimal aufgekochtes, kaltes Gulasch als Brotaufstrich. "Das Beste überhaupt", sagt der Captain. Und schmiert sich eine Stulle.

Der Erste öffnet inzwischen den zweiten Wein. Er kommt aus Spanien, liegt in einer schweren Flasche und hat eines dieser Typoetiketten, wie sie gerade in Mode sind.

"Ha", schreit der Captain, "wieder ein Typoetikett mehr. Gott wie langweilig."

"Und?", entgegnet der Erste, "hat dein Wein etwa kein Typoetikett?"

Gut, ein Punkt für ihn, denkt der Captain, denkt aber auch, dass er das jetzt den Ersten nicht wissen lassen muss. Also enthält er sich jeder weiteren Meinung. Und schluckt den ersten Schluck. Aha, interessanter Wein. Aber nicht gleich zugänglich.

Fortsetzung auf Seite 2

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Kommentare 10

Kommentare

Detlef

War auch aus Interesse mal auf der Website der Berliner Modemesse. Da kann ich die Depression des Captains gut nachvollziehen.
Wie sagte schon Krishnamurti:
Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.

Mal wieder eine Labsal für die Seele die Worte des Captain.

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Taste Berlin (via Facebook)

Shoppen, Ficken und eine Kollektion von Claudia Effenberg. Arm und unsexy!

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Maat Dutta ...leicht wehmütig

Krishnamurti, Mensch,den habe ich vor beinahe zehn Jahren in Südfrankreich gelesen. Die Inder haben halt oft was Treffendes im Gepäck.

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Gast ...geht so

Welcher Jahrgang wurde denn unter Deck getrunken vom Captain und dem Ersten?
2009?

MfG

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Der Captain

2009

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Weindeuter

...schönster Text seit langem, der Klimek sollte wieder mehr selber schreiben hier.

Und was das Priorat angeht: DER Fachmann für diese Region ist natürlich Torsten "Priorat" Hammer. Der kennt die Rebstöcke dort persönlich, alle Winzer und Winzerinnen sowieso und hat den Llicorella-Schiefer auf der Zunge. Außerdem hat er auch eine enorme Auswahl an Prioratos in seinen diversen Bernburger Kellern, die er gern an Freunde dieses kleinen, feinen Anbaugebietes versendet...

Eine Probe konnte ich bisher mit ihm machen:

http://weindeuter.blogspot.com/2011/03/priorat-probe-teil-1.html

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Torsten Hammer so gut es bei miesem Wetter gehen kann

Hallo Thomas,

schön, wo man sich überall trifft... - eine intensive größere 2009er Prioratprobe ist auch bald wieder angesagt, blind natürlich - der Captain kann ja gern sein Schiff unten am Anleger an der Saale parken und gern mal von Bord gehen - vielleicht will er ja nun nach diesem nicht so schlechten Einstand doch mehr wissen, was der Llicorella Schiefer so Neues hergibt. Einige spannende Weine liegen schon hier und wenn der Captain den Dits del Terra einwirft, wird das Niveau der Probe darunter nicht leiden...

Ich hätte nicht gedacht, dass der Captain so begeistert vom Priorat sein könnte - wenn er bereits vom Dits del Terra so schwärmt (der ja auch ein großer Wein sein kann, wie frühere Jahre es mir bestätigten), dann weiß ich auch, das da noch genug Luft nach oben bleibt.

Beste Grüße vom Priorat - Hammer

http://www.torsten-hammer-priorat-guide.com/blog/derpriorathammer/

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Blattgold

Super Artikel, macht Spaß zu lesen!

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Oh Dae-su Na ja

Super Bericht. Wie meistens ;-) sehr lustig!

Die tolle Zugänglichkeit und Klasse des Dits kann ich nur bestätigen. Hammer kräftiger und vielschichtiger Wein der ganz schön viel Geld.

Hab diesen mit zwei anderen Weinen von Terroir al Limit aus 2009 am Montag letzter Woche verkosten können. Diese beiden waren leider ein Totalausfall. Ziemlich schockierende Unterschiede innerhalb des Weinguts und ähnlicher Preislagerung (hatte wohl doch nichts mit einem Flaschenfehler zu tun).
VKN's hier (im unteren Drittel):

http://www.wine-zeit.blogspot.com/2012/01/yesterdays-fantastic-wine-tast...

In anderen Jahrgängen konnten mich der Vi de la Vila Torroja und der Ambrossar meistens überzeugen ganz klar überzeugen.

Gruss Chris

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Gast

Naja, ob dieser Kümmelgeschmack nicht eher vom Gulasch herrührte…

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