19.01.12 WEINE 12 Einem Freund senden

Rheingau: Kann nur trocken rocken?

Christian Ress, heute mal auf Sylt. (Foto: B.Ress)Christian Ress, heute mal auf Sylt. (Foto: B.Ress)

Der Rheingau. Das beste Thema um mich in Rage zu bringen. Was passiert hier? Nix! Und zwar seit Jahren. Während andere Regionen es geschafft haben, ihren schlechten Ruf abzuschütteln, herrscht im Rheingau Grabesruh. Man musste ja kein neues Profil schaffen oder ein altes aufpolieren. Rheingau-Riesling lief und läuft die Wiesbadener und Frankfurter Kehlen herunter wie eh und je. Und das ausgeprägte Selbstbewusstsein der Einheimischen trägt sein Übriges dazu bei.

Einzelne Winzer setzen Maßstäbe, das ist wahr: Peter Jakob Kühn beispielsweise, der seinen Betrieb komplett umkrempelte und seitdem schlankerhand einige der zu Recht meist diskutierten trockenen deutschen Rieslinge keltert. Aber ein Kühn macht noch keinen Sommer. Die großen Güter, allen voran die Höfe des alten Adels machen munter ihren Einheitsbrei. Gefälliger Standard. Nicht mehr.

Ist trocken jetzt wirklich trocken?

Umso überraschender, dass eines der bekanntesten Güter der Region, das lange Zeit bei mir unter oben genannter Kategorie lief, gerade in einem Teufelsjahrgang wie 2010 strahlende und ganz eigene trockene Rieslinge erzeugt hat. Und zwar wirklich trocken. So trocken, dass sie unter dem auf halbsüß getrimmten „Ersten Gewächsen" anderer Güter negativ auffielen und sie nicht als „Erste Gewächse" zugelassen wurden. Das darf man getrost als Auszeichnung verstehen, sagt es doch mehr über den gegenwärtigen Zustand der Verkostungskommission aus, als über die Qualität der Weine.

Ress‘ Rieslinge sind mit einer Mordssäure ausgestattet und machen ordentlich Druck am Gaumen. Trotzdem sind die Rieslinge aus Hattenheim und Rüdesheim keine fetten Ottos, sondern fabelhaft schlanke, elegante Rieslinge. Christian Ress hat einiges investiert, um dem Trend der Beliebigkeit entgegenzusteuern und der Vergessenheit anheimzufallen. Das wird nämlich all jenen Weingütern blühen, die nicht ebenso konsequent nach einem neuen Weg suchen. Echt trocken (mit einigen Ausnahmen), echt Rheingau und echt Ress - so könnte das Konzept lauten.

Man schmeckt bei den 10ern deutlich heraus, dass diese Weine Gegenentwürfe zum aktuellen Trend darstellen. Seit Jahren werden die als trocken etikettierten Weine, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten, konsequent am obersten Rand der Restzuckerskala eingestellt. In dicken Jahren wie 2005, 2007 oder 2009 lautet das Argument dann gerne, dass damit ein höherer Alkohol vermieden werden soll.

Wo trocken draufsteht soll auch trocken rein

Der Hinweis macht Sinn, trifft aber nicht des Pudels Kern. Die meisten Weintrinker haben es halt gerne etwas süßer, wollen aber auf Teufel komm raus, dass auf dem Etikett „trocken" steht. Sonst gibt es Mecker von der peer group. Dort lernt man: nur „trocken" ist partytauglich, nur „trocken" kann rocken. Trocken schmecken soll er aber nicht. Und da der Geschmack keine Regeln kennt, soll dies keine Streitschrift werden, denn jeder soll trinken, was schmeckt. Nur dann soll bitte in der Flasche auch das drin sein, was auf dem Etikett steht. Trocken!

Und damit zurück in den Rheingau. Die Wurzeln des Weingut Ress liegen in einer Weinhandlung. Im 19. Jahrhundert lebte der Rheingau von den großen Händlern und Kommissionären, die alle Kleinmengen der ortsansässigen Winzer kauften und unter einem Handelsnamen in den Verkehr brachten. Den Wein aus den eigenen Trauben verkaufte Balthasar Ress unter dem Namen „Von Unserm", was Rheingauer und Hessen besser verstehen, als der Rest der Republik.

2010 füllte man bei Ress zwei Versionen dieses trockenen Rieslings, der seit 1870 als Marke geführt wird und aus den Weinbergen von Hattenheim stammt. Die normale Version schmeckt bonedry und zeigt etwas Rheingauer Schmelz. Ein „Kneippwein", der deftiges Essen stöpselt und Platz für Nachschub schafft.

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Kommentare 12

Kommentare

charlie

Jaa, Berg Schlossberg, http://www.weinlagen-info.de/#lage_id=1107

Engelmannsberg: http://www.weinlagen-info.de/?for=Chambolle#lage_id=1066

Die Ausnahmen unter den Adelsgüter sollte man auch benennen: Johannisberg und Schönborn. Von den andeen erwarte ich Anstrengungen.

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Felix Eschenauer

Schönborn, d.h. Peter Barth, und Johannisberg wurden bereits gewürdigt, aber auch hier könnte man sich noch etwas strecken.

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charlie

Beides richtig. Und andere Hoffnungsträger haben nachgelassen. Künstler etwa. Bitte um Wiederspruch.
Eine Portion Vulgärrelativismus: könnte uns der Rheingau so mäßig vorkommen weil die anderen so gut geworden sind?

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Gast

Kein Widerspruch - Künstler empfinde ich auch als schwächer gg. den Zeiten vor Kellermeister Schregel (mehr Restsüsse), Breuer schwankt stärker. Andere zunächst verheissungsvolle jüngere Weinmacher haben sich dem Mittelmass offenbar ngepasst - etwa Spreitzer.
Es fehlen die wagemutigen Neueinsteiger (ggf. mit Investoren dahinter) - Rebflächen sind offenbar aufgeteilt.

Die Relativitätsvermutung klingt zunächst plausibel - andererseits sind die Geschmacksbesonderheiten und Stile in anderen Anbaugebieten doch so abweichend, dass ich nicht in Vergleichkategorien denke.

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charlie

Link auf Engelmannsberg war falsch
http://www.weinlagen-info.de/#lage_id=1066

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Gast Resspekt wie schnell sich Würtz auszahlt

Das Marketinggehampel, das Dauergrinsen und Flaschenversenken von Ress zeigt eins deutlich: wenn die Qualität nicht stimmt müssen Klimmzüge her.

Wann kommen die neuen Künstleretiketten?

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Felix Eschenauer

Werter Gast,

trinken Sie doch mal eine Flasche Schlossberg, das Grinsen stellt sich von ganz alleine ein.

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Clemens Mally

Ich schließ mich an..

Lieber Gast,

der Schlossberg ist neben den Weinen von P.J. Kühn so ziemlich das kompromissloseste (gegen 0!!!! RZ, Hardcoresäure usw..),das der VDP seit seinem Bestehen in die Welt setzte..

Ich sag ja weiterhin, dass es sich dabei um die beste Lage Deutschlands handelt - auch wenn das div. Leute (und auch Du Felix) wahrscheinlich anders sehen... Nevermind

Einfach probieren und dann klüger werden, würde Ihnen wahrscheinlich auch nicht schaden..

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Maat Dutta

Die aktuelle Kollektion kann ich nicht beurteilen. Die diffuse Kritik "Marketinggehampel" kann ich so auch nicht bestätigen. Bei einem Besuch vor 2 Jahren ist mir aber eine gewisse "Dauergrinsattitüde" nicht entgangen. Aber vielleicht muss das ja sein, um diese Region mal durchzulüften und trotzdem guten Wein zu guten Preisen zu verkaufen. Jedem das seine. Wir haben ja das Jahr des alten "Fritz".

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Zahlmeister ...korrigiert

Maat Dutta, Obacht beim Zitieren! "Jedem das seine" stand überm Tor vom KZ Buchenwald. Sie meinten sicherlich: "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden", was Friedrich 2. gesagt haben soll. So leicht kann man auf Deck ausrutschen...

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Maat Dutta ...klarstellend

Lieber Zahlmeister,

da ich eh immer liege, kann ich auch nicht ausrutschen. Schlechte Scherze beiseite: ich meinte "Jedem das seine" im Sinne von selbstredend "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden". Daher auch der Bezug zum "Fritz"-Jahr. Ich dachte, dies sei durch den Kontext deutlich geworden. Offensichtlich war es nicht deutlich genug. Verzeihung.

Btw: es gibt auch, wie ich grad erkundet habe, ein Buch vom Broder über diese Thematik. Wie mir grad Wikipedia (ohne blackout) ausgespuckt hat, haben sich schon Platon und Cicero, vom späteren Pack mal ganz abgesehen, sehr differenziert damit auseinandergesetzt. Nicht dass ich davon beim unschuldigen Tippen gewusst hätte.

Ich hoffe, das genügt. Dauergrins

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Gast genervt

Zahlmeister, da rutschen Sie aber vorran. Jedem das Seine ist die wörtliche Übersetzung von suum cuique, was 2000 Jahre vor Buchenwald gedacht wurde. Bloß weil jemands das über das Tor von Buchenwald gepinselt hat, muss Maat Dutta nicht gleich seine humanistische Bildung verleugnen. Die Nazikeule ist in diesem Zusammenhang völlig unangebracht.

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