Das penetrante Dauergemurmel ist vorbei. Maat Golenia verlässt müde das Hotel InterContinental in Düsseldorf, das er zuvor betreten hatte, um dort im eine Weinmesse zu besuchen. Eine Weinmesse für Endverbraucher. Also eine für Gelegenheitsweintrinker, für Pfennigfuchser, für Neuentdecker, für nach-dem-Shopping-noch-was-trinken-gehen-Leute, für Normalos, für Königsallee-Prozzos, für Dauertrinker, für Alt und Jung. Nur eine Menschenart wird man dort eher nicht antreffen können: den Weinnerd. Der bleibt gelangweilt Zuhause und diskutiert in Weinforen lieber über 15 Meter Lagenunterschiede irgendeiner Mosel-Steillage. Was soll der Nerd auch auf dieser kleinen Messe für die Masse? Deutschlands elitäre Spitzenbetriebe sind ja dort weit und breit nicht zu finden.
Speziell diese Messe im Hotel InterContinental, die regelmäßig jeden November in Düsseldorf satt findet, hatte ich seit Jahren nicht mehr besucht. Und doch fand ich sofort wieder Winzer, die schon damals Jahr für Jahr dabei waren. Es hat sich bei ihnen, mal abgesehen von den Jahrgängen, nur wenig geändert. Der Stand, der Aufbau, die Gesichter, der graue Anzug mit Krawatte, die Prospekte. Bei denen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Endverbrauchermessen - am Fachhandel vorbei
Solche Endverbrauchermessen sprießen seit Jahren im weinbegeisterten Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Wein ist hip. Da liegt es nahe, den Boom nicht dem Fachhandel und dem Discounter allein zu überlassen. Es sind die Weingüter, die sich einen weiteren Absatzkanal durch Endverbrauchermessen aufgebaut haben. Sie gehören zu ihrem festen Inventar. Das ist grundsolide und ja sogar sympathisch: Denn wenig bekannte Weingüter verkaufen hier an Bewertungsorgien von Eichelmann, Gault Millau und WeinPlus vorbei direkt an den Verbraucher. Ohne Groß- und Fachhandel dazwischen. Ohne kühl kalkulierende Einkäufer irgendwelcher Großketten und ihrem systemimmanenten Preisdruck.
Was die meisten Kunden auf diesen Endverbrauchermessen überzeugt, sind keine kryptischen Weinführer-Punkte, sondern die einfachen, ehrlichen, leckeren Weine. Jahr für Jahr zu günstigen Preisen, völlig abseits jedweder weinpublizistischer Reputation. Hier wird zuhauf verkauft, was es in der WeinGuide-gestählten deutschen Weinwelt gar nicht mehr geben dürfte: lieblichen Kerner, Müller-Thurgau-Secco, halbtrockenen blauen Portugieser, holzverschmierte Dornfelder. Und alle dachten, der Deutsche Wein hätte DAS überwunden.
Eine ganz eigene reale Weinwelt
Es ist die typische Weinwelt wie die von Spanienheimkehrer Wolfgang, der mich heute in seinem Taxi ins InterContinental gefahren hat, aber eigentlich Bier trinkt und immer häufiger zu Wein umschwenkt, aber nur wenn er nicht "so sauer und trocken" ist. Oder etwas später an einem Stand: die resolute Ingrid, die mir - spürbar angesäuselt - einen halbtrockenen Bacchus aufdrängen möchte, weil der so lecker sei. Oder Karl-Heinz, der mit seiner Frau schon seit 20 Jahren bei einem Pfälzer Weingut Ferien macht und seit Ewigkeiten auf dessen Dornfelder im Barrique schwört. Das sind Geschichten, die man aufschnappt, wenn man mit den Besuchern dort plauscht. Diese Geschichten sind authentisch. Es ist Weindeutschland im Jahre 2011.
Vielleicht mag der ein oder andere über solche deutschen Geschmacksverirrungen heimlich lächeln. Und ich möchte mich da selbst nicht von ausnehmen. Allerdings stimmten mich die Eindrücke dieser Endverbrauchermesse nachdenklich. Denn sie zeigen, wie sehr man sich als Weinfreak, als Verkäufer im Einzelhandel und als Maat an Bord von der breiten Masse abgenabelt hat. Wie sehr man auf dem selbst errichteten Elfenbeinturm lebt, ohne rechten Kontakt zur "echten" Weinwelt. Hier auf diesen Endverbrauchermessen findet der Kontakt statt. Hier wird man mit der Realität geerdet.
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Entschuldigen'se: hätten sie auch einen halbtrockenen Bordeaux aus Dornfelder? 





...in Jargon + Inhalt einer der schönsten Beiträge der letzen Zeit, Gruß, Weindeuter