22.11.11 WEINE 21 Einem Freund senden

Phänomen Endverbrauchermesse

Entschuldigen'se: hätten sie auch einen halbtrockenen Bordeaux aus Dornfelder?Entschuldigen'se: hätten sie auch einen halbtrockenen Bordeaux aus Dornfelder?

Das penetrante Dauergemurmel ist vorbei. Maat Golenia verlässt müde das Hotel InterContinental in Düsseldorf, das er zuvor betreten hatte, um dort im eine Weinmesse zu besuchen. Eine Weinmesse für Endverbraucher. Also eine für Gelegenheitsweintrinker, für Pfennigfuchser, für Neuentdecker, für nach-dem-Shopping-noch-was-trinken-gehen-Leute, für Normalos, für Königsallee-Prozzos, für Dauertrinker, für Alt und Jung. Nur eine Menschenart wird man dort eher nicht antreffen können: den Weinnerd. Der bleibt gelangweilt Zuhause und diskutiert in Weinforen lieber über 15 Meter Lagenunterschiede irgendeiner Mosel-Steillage. Was soll der Nerd auch auf dieser kleinen Messe für die Masse? Deutschlands elitäre Spitzenbetriebe sind ja dort weit und breit nicht zu finden.

Speziell diese Messe im Hotel InterContinental, die regelmäßig jeden November in Düsseldorf satt findet, hatte ich seit Jahren nicht mehr besucht. Und doch fand ich sofort wieder Winzer, die schon damals Jahr für Jahr dabei waren.  Es hat sich bei ihnen, mal abgesehen von den Jahrgängen, nur wenig geändert. Der Stand, der Aufbau, die Gesichter, der graue Anzug mit Krawatte, die Prospekte. Bei denen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Endverbrauchermessen - am Fachhandel vorbei

Solche Endverbrauchermessen sprießen seit Jahren im weinbegeisterten Deutschland wie Pilze aus dem Boden. Wein ist hip. Da liegt es nahe, den Boom nicht dem Fachhandel und dem Discounter allein zu überlassen. Es sind die Weingüter, die sich einen weiteren Absatzkanal durch Endverbrauchermessen aufgebaut haben. Sie gehören zu ihrem festen Inventar. Das ist grundsolide und ja sogar sympathisch: Denn wenig bekannte Weingüter verkaufen hier an Bewertungsorgien von Eichelmann, Gault Millau und WeinPlus vorbei direkt an den Verbraucher. Ohne Groß- und Fachhandel dazwischen. Ohne kühl kalkulierende Einkäufer irgendwelcher Großketten und ihrem systemimmanenten Preisdruck.

Was die meisten Kunden auf diesen Endverbrauchermessen überzeugt, sind keine kryptischen Weinführer-Punkte, sondern die einfachen, ehrlichen, leckeren Weine. Jahr für Jahr zu günstigen Preisen, völlig abseits jedweder weinpublizistischer Reputation. Hier wird zuhauf verkauft, was es in der WeinGuide-gestählten deutschen Weinwelt gar nicht mehr geben dürfte: lieblichen Kerner, Müller-Thurgau-Secco, halbtrockenen blauen Portugieser, holzverschmierte Dornfelder. Und alle dachten, der Deutsche Wein hätte DAS überwunden.

Eine ganz eigene reale Weinwelt

Es ist die typische Weinwelt wie die von Spanienheimkehrer Wolfgang, der mich heute in seinem Taxi ins InterContinental gefahren hat, aber eigentlich Bier trinkt und immer häufiger zu Wein umschwenkt, aber nur wenn er nicht "so sauer und trocken" ist. Oder etwas später an einem Stand: die resolute Ingrid, die mir - spürbar angesäuselt - einen halbtrockenen Bacchus aufdrängen möchte, weil der so lecker sei. Oder Karl-Heinz, der mit seiner Frau schon seit 20 Jahren bei  einem Pfälzer Weingut Ferien macht und seit Ewigkeiten auf dessen Dornfelder im Barrique schwört. Das sind Geschichten, die man aufschnappt, wenn man mit den Besuchern dort plauscht. Diese Geschichten sind authentisch. Es ist Weindeutschland im Jahre 2011.

Vielleicht mag der ein oder andere über solche deutschen Geschmacksverirrungen heimlich lächeln. Und ich möchte mich da selbst nicht von ausnehmen. Allerdings stimmten mich die Eindrücke dieser Endverbrauchermesse nachdenklich. Denn sie zeigen, wie sehr man sich als Weinfreak, als Verkäufer im Einzelhandel und als Maat an Bord von der breiten Masse abgenabelt hat. Wie sehr man auf dem selbst errichteten Elfenbeinturm lebt, ohne rechten Kontakt zur "echten"  Weinwelt. Hier auf diesen Endverbrauchermessen findet der Kontakt statt. Hier wird man mit der Realität geerdet.

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Kommentare 21

Kommentare

Gast

...in Jargon + Inhalt einer der schönsten Beiträge der letzen Zeit, Gruß, Weindeuter

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HT

Nicht alle Endverbrauchermessen laufen nach dem beschriebenen Prozedere und mit dem "einfachen" Publikum! Man beachte die am letzten Wochenende gelaufene und alljährlich wiederkehrende Hausmesse bei K&U in Nürnberg! Was dort an Winzerelite geboten und an weinkundigem Publikum zu finden ist sucht seinesgleichen!

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Peter verwundert

und warum sollen Weinmessen o.ä. denn immer elitär und elitärer sein. Warum dürfen sie denn nicht einfach nur einfach sein??

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Maat Golenia hat bald viereckige Augen

Nun, ich würde da doch unterscheiden: Die von Matrose Kössler organisierte Veranstaltung ist eine Hausmesse. Ein sehr gute, wie ich schon oft hörte, aber eine Hausmesse. Es werden dort nur Winzer erscheinen, die bei K&U auch im Programm sind. Fiktivwinzer Schlunz-Bickel von der Mosel hätte da keine Chance dort reinzukommen.

Die sog. Webermesse auf der ich war, (und es gibt sicherlich noch zig andere) ist eine klassische Messe. Jemand organisiert dieses Event, der aber kein direktes Interesse am Verkauf von Wein hat. Der möchte, salopp gesagt, nur Standgebühren haben und jut is'.

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HT

Natürlich dürfen sie! Sie müssen aber nicht zwangsläufig! Im Bericht hat es sich so angehört als ob Endverbrauchermessen grundsätzlich so ablaufen würden. Ich persöhnlich würde auf eine Messe mit dem, im Bericht beschriebenen Angebot verzichten, da der Aufwand des Messebesuchs mit dem dort meist herrschenden Gedränge und dem Publikum in keiner Relation zu den möglichen Genüssen steht! Es ist sehr unwahrscheinlich dort einen wirklich herausragenden Wein zu finden! Wenn man natürlich auf der Suche nach dem Hauswein für alle Tage ist, so kann man wie im Bericht beschrieben sicherlich fündig werden.

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Peter

Für mich steht der Spaß im Vordergrund, wenn ich durch die Reihen schlendere und hier und da etwas probiere. Mir ist von vornherein klar, das ich einen Masseto, Mouton, L'ermita etc. dort nicht probieren kann.
Auf der letzten Forum Vini waren aber zuhauf Weine (CdPs, Flaccianello etc.) im Segment 25 bis 60 Euro.
Das reicht mir als "Hauswein für alle Tage".

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HT

Wenn auf der Messe Weine im Berreich 15 bis 50 Euro zur Verkostung anstehen, dann ist die Messe sicherlich interessant! Im fünf Euro Bereich, wie im Artikel beschrieben, findet sich halt leider selten ein wirklich interressanter Tropfen! Masseto, Mouton und der Gleichen zu verkosten ist vieleicht interressant, aber auch gleichzeitig traurig, da man nach dem Probeschluck zwar eventuell weiß wie toll so ein Spitzengewächs schmeckt, jedoch gleichzeitig auch den Inhalt des eigenen Geldbeutels kennt und somit gleich wieder Abschied vom neu gewonnenen Lieblingswein nehmen muss ;-)

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Alex Zülich (via Facebook)

Die "echte" ist nicht immer die wirkliche Welt!

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alex hegelianisch

Und die "wirkliche" ist nicht immer die wahre Welt!

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Kathrin Kohl (via Facebook)

Was die verborgenen Perlen auf solchen Messen angeht, kann ich mich nur anschließen! Einige der schönsten Alltagsweine - hervorragende Qualität zum vernünftigen Preis - haben wir auf genau solchen Veranstaltungen entdeckt. Auch ansonsten: der Artikel trifft meines Erachtens den Nagel auf den Kopf.

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Frank Seiffarth (via Facebook)

interessanter artikel! kenne die weinmesse berlin (erst im logenhaus, dann im rathaus schöneberg, nun im flughafen tempelhof) von beginn an und es stimmt, auch hier gibt es solche tendenzen, doch es gibt noch immer viele weinnerds und etliche bekannte aussteller ...

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M

Es wird hier gerade von einigen etwas arrogant über "Gelegenheits-halbwissend" Weintrinker geschrieben.
Weinmessen (und deren Besucher) dieser Art sind nicht von einem anderen Stern, sondern zeigen den deutschen Durchschnittsweintrinker in seinem Millieu. Macht Euch mal mobil und schaut Euch mal das Publikum auf manchen Weinfesten in einer größeren Stadt an....dann wirds zuerst richtig lustig.

Fakt ist, dass die deutsche Weinwirtschaft ca 12000 Betriebe zählt. Das beduetet, dass den ganzen Wein (plus Import, minus Export) irgendjemand trinken muss. Sonst gäbe es irgendwann keine Weinkultutlandschaft mehr....
Lange Rede, kurzer Sinn - macht es Euch mal bewusst, dass in diesem Blog über ca. 2 % der oben genannten berichtet bzw. diskutiert wird, und das sich nicht jeder Weine für 15,00 € + kauft. Wer etwas anderes denkt, ist auch nur einer der Halbwissenden.

Ich bin selber kein Freund von Bacchus halbtrocken & co., finde aber, dass man Fakten nicht ändern oder mit arroganz wegdenken oder schreiben kann.

P.S.: Es gibt sehr viele Weine zwischen 5 und 7 € die sehr gut sind (als Alltagswein sowieso). Also, scheuklappen runter!

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Gast zustimmend

Genau so ist das. Ich glaub, man kann die Weintrinker ganz grob in 4 Klassen aufteilen, die sich wie eine Pyramide aufbauen:

1) große Masse: billiger Wein aus dem Supermarkt
2) gewisser Anspruch: unkomplizierte Weine, handwerklich korrekt gemacht (das dürfte den überwiegenden Teil der Messebesucher ausmachen)
3) nachhaltiger Anspruch an Qualität: die wollen schon einen Wein, der sich etwas abhebt, der mehr bietet als durchschnittliche Rebsortentypizität, aber preislich noch im Rahmen ist, so wie die von Maat Golenia hier empfohlenen Weine - was ich spannend finde.
4) und dann die Spitze, also die 2%, die hier gerne diskutiert werden. Das finde ich nicht so spannend, das sind immer die gleichen Namen und manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, ob da nicht oft das Marketinggeschick genauso ausgeprägt ist wie das Winzerkönnen..

Last but not least: imho hat auch Plörre ihre Berechtigung.

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HT

Sicherlich ist es richtig, dass der deutsche Endverbraucher im durchschnitt 2,80 für eine Flasche Wein ausgibt und meist auch nicht bereit ist mehr auszuzgeben. Was mir aber schon längere Zeit gewaltig stinkt, ist die Tatsache, dass man sofort als arrogant betitelt wird, wenn man bereit ist sich mit dem Thema Genuss intensiver auseinanderzusetzen. Wer sich mit Wein beschäftigt, wird sich zwangsläufig vom 0-8-15 Tropfen entfernen und den Extrakick suchen. Das hat mit Arroganz gegenüber demjenigen, der mit seinem 2,80 Euro Tropfen zufrieden ist rein garnichts zu tun! In unserem schönen Land steht der Genuss in vielerlei Hinsicht oft hinten an! Wenn ich einem Kollegen erzähle, dass ich für eine Flasche Wein durchaus mal 20 bis 30 Euro ausgebe und mir sein Hauswein für 2,99 vom Aldi rein garnichts gibt, so wird mir der Vogel gezeigt und Snobismus zugeschrieben. Wenn aber eben jener Kollege sich auf seinen neuen BMW Zubehörfelgen schraubt die das 10fache meiner Stahlfelgen kosten und er erzählt, dass er das neueste vollsynthetische Öl für 80 Euro den Liter eingefüllt hat, dann ist ihm die Bewunderung Umstehender sicher! Eine gewaltige Schieflage der Auffassung, wie ich finde! Ich lasse den 2,99 Hauswein des Kollegen nicht deshalb stehen um mich über ihn und den Rest der Normaltrinker zu erheben, sondern weil mein Gaumen einfach besseres verdient hat und gewöhnt ist! Und glauben Sie mir, die 30 Euro Flasche flutscht mir nicht mal so eben aus der Portokasse!

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Gastokowski

@ht, bei ihrem beispiel mit den bmw-felgen und dem synthetiköl musste ich sehr lachen. weil es so wunderschön deutsch ist. aber seien sie froh, dass diese leute bereit sind eher 80 euro für sythetiköl anstatt für einen 1a riesling auszugeben. so bleiben wenigstens die preise hier halbwegs human!

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Alexander Gleim (via Facebook)

Ein schöner Bericht aus dem Lager von Captain Cork UND es wurde sogar ein Weingut aus unserem Sortiment lobend erwähnt!! Danke an den Maat!

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Gast

Na dann hättest du ja auch mal bei uns am stand verbei kommen können ! gruß von der mosel

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Maat Golenia fragend

Ahoi,

also, ein Weingut Gast konnte ich leider nicht entdecken.

Oder heißen Sie etwa anders?

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Gast

Ich möchte HT beipflichten - als jemand, der sich über etliche Jahre intensiv mit deutschen Weissweinen beschäftigt und dabei einen sicherlich eigenen Geschmack entwickelt hat, der sich auf eine überschaubare Zahl von Weingütern beschränkt (nicht nur, aber vor allem namhaften, die eben nicht umsonst in der Weinführer- und Blogger-Hierarchie oben rangieren) meide ich mittlerweile fast alle Publikumsmessen (hier war von der Berliner Weinmesse Anfang Januar die Rede - ein noch heftigeres Beispiel sind die "Baden-Württemberg-Classics" in dem grauenhaften Ambiente des Flughafens Tempelhof. Diese Mischung aus Ahnungslosigkeit und aufdringlicher Betrunkenheit seitens der Besucher und dem Aussteller-Verhalten, einem jedes weinartige Getränk als wohlschmeckend verkaufen zu können glaubend ist ebenso grotesk wie abstossend). Ausnahmen vermag ich kaum mehr zu erkennen:
Bei der hochkarätig besetzten, nur alle 3 Jahre stattfindenden Veranstaltung der Berliner Weinhandlung "wein&glas" war auch ein deutlicher Anstieg des Mitnahmeeffekts zu beobachten.

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Andreas Bürgel (via Facebook)

Besten Dank für Deine Eindrücke.
Vor einiger Zeit habe ich so etwas in der Art mal in Hannover besucht; ich verließ das Geschehen vergleichsweise weniger nachdenklich, aber nachhaltig beeindruckt:
http://betterblues.de/streifschuss

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der admiral Moinsen Besatzung, das Leben ist schön

das ist gelebte basisdemokratie, und keine Kaderschmiede, so muß an der Basis sein, das ist der Nährboden der Weine über die wir alle an Bord so ins schwärmen geraten...

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