09.01.12 WEINE 7 Einem Freund senden

Go East: Besser im Bessa

Neippergs Önologe: Mark Dworkin (Foto: P. Klingler)Neippergs Önologe: Mark Dworkin (Foto: P. Klingler)

Das ist eine Geschichte der Gegensätze. Und kann es anders auch nicht sein. Hier trifft das Gestern im Heute auf das Morgen. Hier trifft arm auf reich und Geschichte auf ihre Verdrängung. Mentalitätsunterschiede liegen offen. Mal mehr, mal weniger. Und eigentlich selbstverständliche Dinge verlangen immer und immer wieder ein Hinterfragen und Nachfassen. Aber wenn es einfach wäre, würde es jeder machen. Hier, im Süden Bulgariens, in einer entrückten und unwirtlich wirkenden Landschaft.

Ihn, den Grafen, ihn ficht das alles nicht an. Diesen ruhenden Pol inmitten des stillen Kellers. Und wenn er - umgeben von hunderten Barriques - über die optimale physiologische Reife der Trauben, über Laubwände und Böden und den Einsatz von Naturkork doziert, dann haftet jedem seiner Worte so viel Leichtigkeit wie auch Bedeutungsschwere an. Beides zu vereinen, das kann er gut, Stephan Graf Neipperg.

Weit weg von Bordeaux

Er hat jene Aura, die echte Persönlichkeiten umgibt und die den Unterschied zu Schwätzern ausmacht. Da steht er, der Graf, in seinem Keller in Bulgarien, über zweieinhalbtausend Kilometer von St. Émilion entfernt - der Wiege seines Schaffens und seines Erfolgs. Und doch ist er von Weinen umgeben, die einmal mit seinem Familienwappen geschmückt werden, Weine aus einem völlig anderen Teil Europas, die aber seine Handschrift tragen müssen.

Wappen und Name sind längst zur Marke geworden. Und Marken sind vor allem eins: ein Versprechen. Nun wäre es vermessen zu erwarten, dass das, was hier in französischer Eiche reift, an die Erzeugnisse seiner größten Bordeaux-Güter heranreicht. Und doch haftet dem, was Neipperg einmal anfängt, ein Stück Versprechen an, etwas Besonderes zu sein, Potential, Perspektive zu haben. Einmal begonnen ist dann der große Weg vorgezeichnet. Genauer gesagt: Er ist alternativlos.

Die Idee mit dem professionellen Neuanfang

Gut zehn Jahre ist es her, als alles begann und eine Idee konkrete Formen annahm. Die Idee, die ältesten Wurzeln des europäischen Weinbaus aufzugreifen und daraus mit modernen, professionellen Mitteln einen Neuanfang zu gestalten. Es ist eine romantische Idee, zugegeben; aber es war auch Romantik, die den Neippergs Vater in das Bordelais trieb. Einen Deutschen nach dem Krieg. Da gehörte viel dazu.

Doch da sind die Gegensätze, die hier in Bessa Valley, eineinhalb Autostunden südöstlich von Sofia, offenbar werden. Am plastischsten ist das grüne Rechteck, das nach einer leichten Anhöhe an der Südseite des Hügels urplötzlich auftaucht. Inmitten der kargen, brachliegenden Landschaft, die vielerorts von mageren, steppenartigem Grasbewuchs und einzelnen verkrüppelten Sträuchern dominiert wird, bilden die klar strukturierten Rebformationen einen geschlossenen, deplatziert wirkenden Teppich. Grün über Grau und Braun. Nicht auf die grüne Wiese gesetzt, sondern selbst eine Oase - plastischer kann ein Investment kaum dargestellt werden.

Weiter auf Seite 2...

Seite 1/3 >


DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 7

Kommentare

Weindeuter

Enira hat viel satte Frucht, der "läuft", modern gemacht aber besser als alles für den Preis aus Australien.
Beim Weindeuter war der schon im letzten Sommer in der Verkostung:
http://weindeuter.blogspot.com/2011/08/gulaschwein-aus-bulgarien.html

Da auch ein link auf das Video, daß Klimek mit ihm gemacht hat...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Master at Arms

Ich weiß, dass das hier keine lustige Bilder-Seite ist, denoch hätte ich in diesem Fall gern ein paar Fotos der Gegend gesehen. Herrn Neippberg siehr man ja öfter in diversen Weinpostillen.

Sonst ein spannender Artikel über eine vinologische Terra Incognita.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Sie sehen, wir reagieren. Neue Fotos an Bord.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Marc Herold (via Facebook)

Bei Bessa musste ich zuerst an Fotoapparate denken ;-)

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Master at Arms wow

Hallo,

oh, danke! Das ist ja sehr leserorientiert! Bin beeindruckt.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Gert Bolte ?!

Moment mal: Ich frage mich beim Lesen des Textes, worum es Neipperg überhaupt geht. Es liest sich nämlich nicht, als ob der Graf die alte bulgarische Weintradition wiederbeleben möchte. Ich finde in seinem Angebot lediglich internationale, austauschbare Sorten. Weit und breit keine einheimischen Sorten. Die Weine werden ebenfall austauschbar und auf Überseemarmelade getrimmt. Die könnten genauso gut aus Kalifornien oder Australien kommen. Sein Weingut hat er nagelneu auf einem Steppenacker gesetzt, abgekapselt und weit weg von irgendwelchen Dörfern oder Weingütern, wo vielleicht noch lokale Tradition herrschen könnte. Mir kommt es vor, als ob Neipperg mit Scheuklappen seine Trinkweine dort so günstig wie möglich produzieren möchte, um mit saftiger Marge den deutschsprachigen Handel damit zu überschwemmen. Andere Industrien gehen nach China, Neipperg geht nach Bulgarien. Das kommt aufs selbe hinaus!
Bitte deutlich weniger Internationalität bitte, Herr Neipperg, sie können es doch.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
P. Klingler

Lieber Herr Bolte,

die Gegend, in der Neippergs Reben heute Wurzeln, gab es vor dem Kommunismus noch Weinbau. In der alndschaft verstreut findet man vereinsamte Rebstöcke, seit langem von hohem, steppenartigem Gras umwuchert. Und die hostorischen Wurzeln reichen eben noch viel weiter zurück. Heute findet man, wie man mir sagte, in der Umgebung in der näheren Tat keinen anderen Weinerzeuger, lediglich ein Unternehmen, das einzig zur Alkoholherstellung noch Anbaufläche hat.

Was die Rebsortenwahl anbelangt treffen sie in der Tat einen wunden Punkt, der dann bei näherem Hinsehen und Kosten sich auch wieder auflösen lässt. Die lokal bedeutenden bulgarischen Sorten wie Melnik und Mavrud bringen schlichtweg nicht das Potential, um anspruchsvolle Weine zu erzeugen (ich hatte vor Ort den einen oder anderen probieren können, wenig erfreulich). Vielleicht ist da aber auch einfach noch nicht die Zeit gekommen, hat sich keiner ernsthafter damit beschäftigt. Aber man hat das bei Bessa Valley auf der Liste und wird ggf. zumindest mit Mavrud experimentieren. Was Ihre Kritik am internationalen Stil gewiss nicht entkräftet, auch nicht soll, nur eben verständlich macht, warum dieser Weg eingeschlagen wurde.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld