13.11.11 MEINUNG 31 Einem Freund senden

Deutsches Drama: Spät-Später-Spätlese

Kapseln, Sterne, Lage: Bitte etwas einheitlicher.Kapseln, Sterne, Lage: Bitte etwas einheitlicher.

Eines gleich vorweg: Ich bin Weinlaie. Das heißt, ich trinke gerne Wein, vornehmlich guten. Auch gerne deutschen. Keine andere Weinbaunation kann ein solches Spektrum verschiedener Stile vorweisen. Von der pappsüßen Massenplörre, die die Bezeichnung „Wein" auf dem Etikett dringend braucht, um sich irgendwie von Limonade zu unterscheiden, über einen soliden Mittelbau mit Weinen für jeden Tag bis hin zu den großen Gewächsen (Verzeihung: „Grossen Gewächsen"). Deutschland hat all das. Und Deutschland hat die Spätlese. Eben jenes Produkt, um das es hier am Schiff und anderswo in den letzten Wochen heftige Auseinandersetzungen gab. Einziger Konsens scheint dabei zu sein, dass die Spätlese erhaltenswert ist. So weit so gut. Wie man dazu am besten zu verfahren habe, darüber ist man sich weithin uneinig.

Was die Diskussion auszeichnet, ist, wie so oft, dass sie deutscher nicht sein könnte. Anstatt sich auf das große Ganze zu konzentrieren, wird an Symptomen herumgedoktert, werden Systeme durch Subsysteme verwässert und Parallelsysteme ohne jeden Mehrwert etabliert. All das natürlich, um dem Konsumenten das Käuferleben zu erleichtern. Ein Unterfangen, das mir in Anbetracht der Unmengen an Reserven, Goldkapseln, langen Goldkapseln, Sternchen, Hütchen, Schnickschnack und Pipapo reichlich hoffnungslos erscheint. Hier mein einfacher Vorschlag, wie man das deutsche Klassifikationswirrwarr verschlanken und ganz nebenbei die Spätlese retten kann.

Erste Baustelle: Prädikate. Vielfach verteufelt, oft missverstanden und dabei eigentlich in seinen Grundzügen verblüffend einfach. Für den Laien sind sie ganz ohne Zahlen als Indikator des Zuckergehalts im Lesegut und damit als Anzeiger der Reife zu verstehen. Das wird in Deutschland seltsamerweise in dieser Klarheit nicht gerne vermittelt. Im Ausland ist man da gottlob rigoroser. Mit großem Erfolg. Nicht nur in den USA weiß der Weinfreund, dass der klassische restsüße Prädikatswein aus Deutschland vom Kabinett bis zur Trockenbeerenauslese immer süßer wird. Hierzulande druckst man da lieber rum und rettet sich in Aussagen wie „Auslesen sind die höheren Qualitäten" - an sich schon ein leidlich streitbares Diktum. Warum nicht hier den ersten Schritt machen und vereinfachen? Restsüße Weine werden mit steigendem Prädikat immer süßer.

Weiter auf Seite 2...

Seite 1/2 >


DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 31

Kommentare

Charlie

Prädikate bei trockenen Weinen gibt es, sie entsprechen dem gültigen Gesetz, sollen aber laut VDP und vielen anderen abgeschafft werden.

Eigentlich versteh ich bei dieser Diskussion die Not nicht. Man stelle sich analoge Regeln bei Musik oder Kino oder Büchern vor.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Lotse Balcerowiak ...kopfschüttelnd

Sorry, aber die Aussage, dass ein höherer Zuckergehalt im Most ein Indikator für höhere Reife ist, ist Unsinn. Ein Prädikatssystem, dass den Zuckergehalt zum quasi einzigen Kriterium der Qualitätseinstufung macht, ist nichts weiter als ein gigantisches Manöver zur Verbraucherverdummung. Nutznießer sind in erster Linie Großabfüller, denen auf diese Weise ermöglichst wird, auch die grausigste Plörre als Spät- oder gar Auslese anbieten zu können.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Florian Küblbeck beschwichtigend

Charlie: Natürlich gibt es diese Prädikate, nur werden sie eben viel zu oft unterwandert. Analoge Regeln für Bücher? Bitterer: Was ist ein Kriminalroman. Darf das Prädikat Kriminalroman nur Literatur mit Gewaltopfern darin tragen? Man stelle sich vor, alle übrigen Kriminalromane würden Künftig Roman K oder Spannungsroman mit Goldbändchen heißen. Haarsträubender Unfug, oder?

Lotse Balcerowiak: Innerhalb derselben Frucht nimmt mit dem Reifegrad der Zuckergehalt zu, was ist daran Unsinn? Ich fordere außerdem nicht die Neueinsetzung eines solchen reifeorientierten Systems, sondern nur seine konsequente und sinnvolle Nutzung. Verbraucherverdummung oder -verwirrung ist, eine Grauburgunder Spätlese trocken (verständlich) als Grauburgunder trocken **/S/R/etc. (unverständlich, uneinheitlich) zu bezeichnen.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Lotse Balcerowiak

Die Zuckerreife der Trauben ist keineswegs mit der physiologischen-, also der Geschmacksreife identisch, und deswegen ist es Unsinn bzw. Verbrauchertäuschung, wenn ausschließlich die Zuckerreife als Prädikats- und somit Qualitätskriterium gilt. Dazu kommt, daß wegen der absurden Prädikatspyramide bestimmte Rebsorten, wie z.B. Ortega, extra daraufhin gezüchtet wurden, möglichst viel Zucker in der Traube zu produzieren. Das gleiche gilt für bestimmte Klone klassischer Rebsorten. Ich bleibe dabei: Die weingesetzliche Definition der Spätlese ist nichts weiter als Anstiftung bzw. Beihilfe zum Betrug

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Florian Küblbeck interessiert

Wie würde denn dann ein gangbares Alternativszenario aussehen? Die Reduktion der Spätlese auf Riesling kann ja wohl nicht die Antwort sein.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Weinkaiser Kreativ aber resigniert!

Man könnte es machen wie beim Portwein: In einer Blindverkostung müssen die verschiedenen Prädikatsstufen gewisse Mindestwerte erreichen, nur dann dürfen sie das Prädikat tragen. Vintage Port muss dort die höchste Punktzahl errreichen, LBV eine Mittlere...

Das könnte man problemlos auf Spätlese, Auslese, Beerenauslese, TBA und Eiswein übertragen. Massenproduzenten und von ihnen beeinfluste Politiker werden das aber niemals zulassen...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Maat Lauterbach zustimmend

Mein Reden! Ich fürchte aber auch, dass du hinsichtlich der Machbarkeit richtig liegst. Da müssten sich schon mal die Landwirtschaftskammern und die Winzerverbände entsprechend positionieren. Und die halten sich derzeit mehr als bedeckt.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Lotse Balcerowiak

Ich habe auch keine Patentlösung in der Tasche. Das geltende Prädikatssystem ist aber wohl nicht zu heilen.
Ansätze für vernünftige Bezeichnungen gibt es viele, obwohl die oftmals auch ihre Tücken haben. Die VDP-Variante der französischen Crus, also der Lagenbezug, ist erstmal nicht verkehrt, aber nur auf wenige Toplagen anwendbar. Eine eng gefaßte Definition von Begriffen wie "Reserve" o. "Selektion" könnte auch helfen. Dabei könnten Kriteren wie Hektarertrag, Lesezeitpunkt, Ausbauart, Abfüllzeitpunkt etc. eine Rolle spielen. Aber die Großkellereien werden wie immer alles daran setzen, ein wirklich transparentes und qualitätsorientiertes Bezeichnungsrecht zu verhindern. So bleibt es wohl an den ernstzunehmenden Winzern hängen, dafür zu sorgen, dass die Qualität ihrer Weine mit ihrem Namen verknüpft wird. Das ist für den Massenmarkt aber kaum zu realisieren. Ohnehin sollte man bei der ganzen Debatte niemals vergessen: Nür fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Weinflaschen wechseln für mehr als fünf Euro den Besitzer

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Charlie

eben, eben

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Weinkaiser Trauriger Spätlesefan

Dieser Beitrag wäre eine Chance gewesen, meine liebste Weinart einem größeren Publikum näherzubringen oder sinnvolle Forderungen für die anstehende Weinmarktreform zu formulieren. Leider geht er komplett an der Realität vorbei.

Obwohl die Prädikatsstufen nun seit 40 Jahren weitgehend unverändert bestehen, kennt und versteht nur ein verschwindend geringer Teil der Weintrinker im In- und Ausland dieses System. Das liegt vor allem daran, dass die selben Prädikatsstufen für trockene und fruchtige/süße verwendet werden dürfen. Weil man das zumindest auf der Anbieterseite (Winzer) mittlerweile verstanden hat, strebt die Weinwirtschaft eine bessere Diffenernzierbarkeit an. Daher verschwinden trockene Spät- und Auslesen mehr und mehr vom Markt und nur noch wenige Winzer halten am alten System fest. Im Sinne der Vereinheitlichung wäre wünschenswert, dass hier endlich alle mitziehen. Nachdem diese Entwicklung erfreulich weit fortgeschritten ist, nun in einem Beitrag hier genau das Gegenteil zu fordern, also die Rückkehr zu Prädikaten bei trockenen Weinen, ist grober Unfug, ja grenzt fast an einen Sabotageversuch!

Die Forderung nach Ehrlichkeit bei der Einordnung von fruchtigen und süßen Weinen in die gesetzlich richtige Prädikatsstufe klingt zwar schön, geht aber ebenfalls komplett an der Realität vorbei. Nahezu alle halbwegs bekannten Weingüter stufen Auslesen zu Spätlesen ab, die tatsächlichen Spätlesen werden auf dem Etikett zu Kabinettweinen und der echte Kabinett wird zum Gutsriesling. Das hat einerseits mit dem Klimawandel zu tun, der heute deutlich höhere Mengen hochreifen Leseguts ermöglicht als noch vor wenigen Jahren, zum anderen setzt der Kunde das mittlerweile als normal voraus. Auch in Weinwettbewerben oder Weinführern hat der ehrliche schlicht keine Chance mehr. Ich war Ende August Mitglied der Jury zum größten deutschen (Riesling) Spätlesepreis. Dort waren keine 10 % der eingereichten Weine echte Spätlesen. Auch im diese Woche erschienenen GaultMillau Weinguide sind unter den hoch bewerteten Riesling Spätlesen wahrscheinlich ausnahmslos abgestufte Auslesen zu finden. Der Vorjahressieger im GaultMillau in der Kategorie Riesling Spätlese (Kiedricher Gräfenberg von Weil) wäre gesetzlich sogar eine Beerenauslese. Mir gefällt diese Entwicklung auch nicht, mit der Forderung nach Ehrlichkeit ist ihr aber nicht beizukommen. Wer am weitesten abweicht, wird derzeit am meisten belohnt. Wenn man das wirklich stoppen will, geht es nur noch durch den Gesetzgeber. Das könnte so aussehen: Wer zu weit (hier wäre ein Toleranzwert festzusetzen) vom verwendeten Prädikat abweicht, bekommt keine AP-Nummer für seinen Wein. In manchen Jahrgängen, wie z.B. 2006 an der Mosel hätte es dann einfach mal keine Kabinettweine und kaum Spätlesen gegeben (oder nur zu früh und nicht richtig reif gelesene).

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Florian Küblbeck

Ich bin ja selbst auch großer Fan der fruchtsüßen Spätlese, darum geht es mir gar nicht. Nur: Welchen Fortschritt bedeutet es, statt Spätlese trocken irgendeine Fantasiebezeichnung aufs Etikett zu drucken? Warum ein konkurrierendes System (in der Praxis sind es ja unzählige) etablieren, wenn doch ein leicht verständliches bereits vorhanden ist? Noch dazu, wo die alternativen Bezeichnungen leider viel zu oft gar keinen ideologischen Mehrwert gegenüber dem so sehr verhassten Prädikatesystem bieten.

Bezüglich dem Punkt "Ehrlichkeit" sind wir uns, glaube ich, ohnehin einig. Dem Klimawandel kann man dann meiner Meinung nach auf zwei Arten begegnen: 1. alle Mostgewichtsgrenzen anheben oder 2. früher lesen. Beides hat natürlich wiederum eigene Tücken von denen ich als Konsument sicherlich viel zu wenig verstehe, als dass ich sie sinnvoll diskutieren könnte. Eine interessante Frage könnte dabei aber sein: Wollen wir eine "Spätlese wie früher" bewahren, oder den Begriff tatsächlich frei für die Zukunft machen (Spätlese als spät gelesen)?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Lotse Balcerowiak

Früher lesen?? Und was ist dann mit der physiologischen Reife, besonders bei spätreifenden Sorten?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Maat Lauterbach Der VDP ist nicht die Realität!

Hier muss ich dir widersprechen. Der VDP mag sich gegen die Verwendung von Prädikaten bei trockenen Weinen positioniert haben, das Gros der Winzerschaft füllt seine trockenen Weine aber nach wie vor mit Prädikatsbezeichnung ab. Allein die Auslese trocken ist relativ selten geworden.

Im Übrigen gibt es keine Klagen, weil im Bordelais dasselbe Cru Classé-Kriterium für Rotweine und für Süßweine verwendet wird. Dass die Verwendung derselben Prädikate für Weine mit unterschiedlichen Süßegraden beim Verbraucher nicht angekommen ist, hängt hingegen in meinen Augen in erster Linie damit zusammen, dass die Realität im LEH bei Prädikatsweinen praktisch ausschließlich lieblich aussieht.

Was die Grenzwerte angeht, bin ich im Wesentlichen bei dir. Ich denke aber, dass man sich bei den Toleranzen nicht nur an Werten, sondern gerade auch an sensorische Parameter festhalten sollte. In einem Jahrgang wie 2010 gibt es aufgrund der Säurestruktur deutlich mehr abgestufte Weine mit Spätlesestilistik als beispielsweise in 2009.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Gast

Erfrischend einfach wäre eine Einteilung nach Prädikatsstufen in Verbindung mit trocken/halbtrocken usw.? Das ist doch das aktuelle System. Alles andere (Goldkapseln, Große Gewächse, Sternchen) geht vom Winzer aus. Und ein Wein, der dank Fäulnis gerade so auf die je nach Anbaugebiet stark unterschiedlichen Anforderungen für eine Spätlese kommt, aber mit Kohle und Doppelsalzentsäuerung erst trinkbar gemacht werden muss, schmeckt eben nicht nach einer Spätlese.
Und Ehrlichkeit durch Einfachheit - Liebe Interessenten, hier haben sie 200 Spätlesen. Leider dürfen wir keine Hilfestellung durch Erläuterung der eigenen Klassifikation durch den Winzer bieten. Aber Spätlesen sind es alle. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort.
Das verschwinden vermeintlich höherwertiger Weine aus Supermärkten soll gut sein? Da freue ich mich lieber, wenn es trinkbare Weine im LEH gibt.
Fakt: es gibt keine verlässlichen Kriterien für eine Einteilung in unterschiedliche Qualitätsstufen, zuckerfreier Extrakt oder Aminosäuren sind ebenso wenig aussagekräftig wie die Einteilung in Oechslegrade, prämierte Weine und GGe können auch fehlerhaft sein. Und auf eine Lex VDP kann ich auch verzichten. So deutsch der Wunsch nach Regeln auch sein mag - weg mit Prädikaten. Und RZ/Säure aufs Etikett.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Florian Küblbeck

RZ/S aufs Etikett und damit den Etikettentrinkern noch die Analysetrinker zur Seite stellen — tolle Idee.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Gast

Analysetrinker als Beleidigung? Warum sollte ich auch wissen, ob trocken für das Weingut Säure+2 oder <4g RZ bedeutet?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Christian G.E. Schiller

Ich habe mal aufgeschrieben, in welcher Form ein Wein, der als Spaetlese gelesen worden ist, auf dem Tisch des Konsumenten landen kann. Ich bin auf 5 gekommen. German Spaetlese Wines Can Come in Different Versions. I Have Counted Five. http://schiller-wine.blogspot.com/2010/06/german-spaetlese-wines-can-com... Germany

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
SinZin hm, ich weiss nicht...

also wieso sollte die einteilung rein nach dem zuckergehalt nicht funktionieren?? man nehme die wachau, die zwar die bezeichnung spätlese umschifft mit dem ausdruck smaragd, aber deren einteilung (steinfeder - unique extra leicht, federspiel - ca. kabinett, smaragd - spätlese) einzig und alleine dem zuckergehalt und dem daraus resultierenden alkohol bindet und deren härtester knackpunkt die bedingungslose trockenheit des weins ist. steinfeder und federspiel dürfen bis 4 gr restzucker haben, smaragd bis 9 gr/l sind geduldet. was sich als weltweit erfolgreich entwickelte sollte doch auch auf deutsche weine übertragbar sein. die guten winzer werden immer gute/bessere weine haben als die nicht so guten (oder unehrlichen, wie vorher bezeichnet).

um eine regelung zu finden muss man einfach ein gesetz vorgeben, danach hat man sich zu richten, und zwar jeder der seine weine so einteilen lassen will. daran kann jeder dann ganz einfach alles nachvollziehen, der kunde und der produzent. unterschieder ergeben die gebiete und die einzelnen lagen.

und der restsüsse bereich (prädikat) sollte so bleiben wie er is, das ist deutsch. downsizing find ich schon gut, viele kabinett sind halt rein zuckergradmässig auch spätlesen, kosten aber nicht so viel wie spätlesen. was sollte einen kunden/geniesser daran stören??

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
wolfgang auf der a9 unterwegs richtung heimat

Lösungsvorschlag: Qba immer trocken 11,5 - max. 12,5% alc, Kabinett immer halbtrocken max. 11,5 % alc., Spätlese immer lieblich max. 10,5% alc., auslese immer süss max. 10% alc.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Werner Elflein

Florian Küblbeck hat völlig Recht, und ich bin da mit ihm auf einer Linie. Letztlich fordert er aber nichts anderes als eine konsequente Umsetzung des PrädikatsweinGEDANKENs. Richtig so! Dazu bedarf es keiner gesetzlichen Regelung. Woran scheitert es also? An den Winzern, die erst die Karre an die Wand fahren, reihenweise Auslesen zu Spätlesen abstufen und so eine vermeintliche Schwäche im System für sich ausnutzen. (So, wie sie in jedem anderen System auch die Schwachstellen zu ihrem Vorteil nutzen würden.) Dann aber gegen das Prädikatssystem zu lamentieren, ist Heuchelei pur.

Lieber Ralf (Weinkaiser), eine bessere Differenzierung ... ja! Aber genau die bietet das Prädikatssystem doch an. Nur wird durch die De-facto-Abschaffung der Prädikate bei trockenen Weinen genau die von dir geforderte Differenzierung aufgegeben. Irgendwelche Wischi-Waschi-Fantasiebezeichnungen (inklusive Erstes oder Großes Gewächs) mit unklaren und verwässerten Qualitätskriterien (wie sieht's zum Beispiel mit der Chaptalisierung beim Großen Gewächs aus?) tragen ja offensichtlich noch mehr zur (angeblichen!) Verwirrung bei.

Neben einem Prädikatssystem für fruchtsüße Weine noch ein weiteres für trockene Weine zu stellen (bis wieviel Gram Restzucker denn?), und dann bitteschön noch ein drittes für feinherbe Weine (wenn schon, denn schon!), wäre die Konsequenz aus dem von dir Gesagten, widerspricht aber offenbar der Forderung nach einem einfachen System.

Dabei ist das bestehende Prädikatssystem puppi-einfach. Wenn es jemand intellektuell nicht versteht, muss es noch lange nicht am System liegen. Willst du für die Spätlese trocken einen neuen Namen à la Smaragd einführen? Dann müssen sich die Dummbatzen, die eh zu doof sind, etwas zu verstehen, was über ihren Aldi-Lidl-Horizont hinausgeht, doch noch mal drei oder vier weitere Begriffe merken - das geht gar nicht. Wer soll's denen erklären? Die lesen lieber BILD, sehen ich in der Glotze irgendwelchen Müll an und wählen am Sonntag die Partei, die sie seit 25 Jahren wählen. Dieses Klientel wird auch weiterhin vergorenes Brackwasser im Discounter kaufen, wenn's billig genug ist - und denen willst du etwas über Kabinett und Spätlese erklären? Vergiss es. Die brauchen ein weißes Etikett, auf dem nur das Wörtchen "Wein" steht (Alkoholgehalt und Nr. des anonymen Abfüllbetriebs auf dem Rückenetikett), das reicht für dieses Publikum völlig aus. Wir aber reden hier über ein Segment, von dessen Liebhabern wir durchaus erwarten dürfen, dass sie wissen, was eine Spätlese ist. Sogar in den U.S.A. Sind ja hoffentlich noch einige Weintrinker unterwegs, die intellektuell und kulturell nicht völlig verblödet sind.

Lotse Balcerowiak,
im Gegensatz zur nebulösen physiologischen Reife ist die Zuckerreife messbar. Wenn's um die physiologische Reife geht, wird jeder Winzer behaupten, er verarbeite nur physiologisch reifes Lesegut. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus. Sobald der erste Winzer in den Weinberg rennt, folgt ihm der halbe Ort nach. 2007 waren es auch die meisten VDP-Betriebe, die eine ganze Reihe grasig-grüner Weinchen vorstellten. Das Hohelied der physiologischen Reife zu singen, ist das eine. Das andere ist, wenn man sich schon verächtlich über die Zuckerreife äußert, zu erklären, wie denn Reife sonst gesetzlich oder sonstwie transparent definiert werden soll. Und es ist ja nicht so, als habe die Zuckerreife mit der physiologischen Reife ganz und gar nichts zu tun. Bei 100 Grad Öchsle ist es schon sehr wahrscheinlich, dass eine gewisse Reife vorhanden ist, auch wenn's in manchen Jahren mal danebengeht.

Alle,
wir können jetzt noch 100 Kommentare pro und contra zu dem Thema absondern, aber ich würde gerne mal konstruktive Vorschläge lesen, wie das alternative System denn konkret aussehen soll. Was ich hier und anderswo im Netz diese Tage schon an zusammengekrampfen und absolut undurchdachten Vorschlägen gelesen habe, spottet jeder Beschreibung. Ich würde da gerne mal einen ausgegorenen Gegenentwurf zum Prädikatssystem lesen, bei dem ich nicht schon nach einer Zeile den Kopf schütteln muss.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Maat Lauterbach

Das System scheitert IMHO nicht allein an den fleißig abstufenden Winzern (die das System nichtsdestotrotz ad absurdum führen), sondern an der Realität im LEH, wo Spät- und Auslesen nur in süß stattfinden. Wenn man das aktuelle Prädikatsweinsystem wieder stärken möchte, muss man hier ansetzen. Und da vermisse ich trotz großflächigen Abwatschens einen Vorschlag deinerseits, wie man das Problem in den Griff bekommen soll.

Das Problem gilt übrigens umso mehr, als dass in Anbetracht der Produktionsmengen der Kellereien rein quantitativ das meiste, was unter der jeweiligen Prädikatsbezeichnung abgefüllt wird, einfach nur schwach ist. Da hilft ein Verweis auf unbefriedigende Grand Crus, Grosse Gewächse und Smaragde wenig, zumal die schwächsten unter diesen ein gewisses Mindestniveau nicht unterschreiten, was bei manchen LEH- Spät- und Auslesen durchaus der Fall ist.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Werner Elflein

Wolfgang,

"danke" für deinen Vorschlag, der maximal an den Realität des deutschen Weines vorbeigeht.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Weintante

Der Elflein-Beitrag betr. den "Dummbatzen"
entlarvt den Schreiber als keulenschwingenden Neandertaler. Sachlichkeit ist gefragt.
In meinem Keller liegen Champagnerflaschen von ALDI und der Comtes de Champagne von Taittinger aus dem Jahr 2000. Es lagern Keller-Weine (Kaiserstuhl) von ALDI neben
dem 2009er Abtsberg von Keller/Rheinhessen oder dem 2009er Halenberg von Emrich-Schönleber.
Jedes Trinkerlebnis hat seine Zeit. Als "Dummbatzin"
möchte ich nicht bezeichnet werden.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Kuzorra grübelnd

Mein Vorschlag zur Rettung des Prädikatssystems:

- Legt neue Oechslegrenzen fest, die die aktuellen Klimatrends berücksichtigen - die dürfen und sollten sich gerne für jede Rebsorte unterscheiden; und, von mir aus, auch regional unterscheiden.
- Neben den Mostgewichten sollte jede Prädikatsstufe auch mit einer maximalen Ertragsgrenze verknüpft werden; das verhindert die Inflation der Prädikate bei minderwertigen Vollernter-Erzeugnissen.
- Belasst die Restzucker-Bezeichnungen trocken, halbtrocken, fruchtsüß - die versteht doch wohl jeder!

Damit könnte man, jedenfalls ein Stück weit, die Vorteile der deutschen Weingesetzgebung und die traditionellen Bezeichnungen etwas qualitätssicherer machen....alles basierend auf empirischen Daten. Alles andere, nämlich das, was man nicht direkt messen kann (physiologische Reife, Geschmacksbild, "Terroir"...) kann gerne in Foren, Führern usw. kontrovers besprochen werden, hat aber IMHO auf dem Etikett nichts zu suchen. Darüber hinaus sollte es dann jedem Winzer freigestellt sein, auf einem optionalen Rückseitenetikett analytische Angaben zu Restzucker, Säure, Lesedatum o.ä. zu machen.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
charlie

das mit den neuen Oechslegrenzen gefällt mir nicht, weil dann ein Kabinett nicht mehr wie ein Kabinett schmecken darf. Wenn es schwieriger wird, einen Wein herzustellen, der kabinettig schmeckt, dann darf man das nicht dadurch lösen, dass man die Regel ändert. Dann gibt es halt einfach weniger Kabinette! Ist ein Nebenschauplatz, ich weiss ...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Ollie belustigt

Charlie, gar kein Nebenschauplatz, sondern im Gegenteil die Mutter aller Missverstaendnisse: die Annahme (oder gar Forderung), mit Mostzuckerwerten seien Weinstile verbunden. Wenn man diese eine Annahme fallenlaesst, loest sich das ganze herbeigeredete "Problem" in Wohlgefallen auf.

Allgemeingueltige Schluesse (und nur solche interessieren fuer's Etikett) vom Mostzucker auf den fertigen Wein sind nun mal nicht moeglich, es geht ja noch nicht mal "je Auslese, desto suesser schmeckt's". (Wer sich der Absurditaet einer solchen Verbindung nicht klar ist, nehme statt des Zuckers einfach mal den Gesamtphenolgehalt bei schwarzen Trauben und versuche allein daraus, den Stil des fertigen Weins abzuleiten. NB: Fabstoffe gehen in die Betrachtung ein.)

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
aus dem Sueden aufgeräumt

mal gleichsam als Außenstehender: ich hab mich Weinen über Frankreich und dann Italien genähert. Der Erkenntnisgewinn verlief in etwa in folgenden Schritten: eine regionale Appellation wie St.Emilion bietet wahrscheinlich mehr als eine umfassende wie Bordeaux, ein Cru Bourgeois ist eher interessanter als ein nix, ein häufiger genanntes Weingut besser als ein Fantasiechateau. Danach kommen ein paar Trinkerfahrungen und ab und zu Empfehlungen.
Alles inklusive einiger Enttäuschungen und Selbsttäuschungen (weil einem das Etikett so schmeckte).
Im ganz Mix entscheide ich nach Image und Markenname. Für deutsche Weine wären das für mich Anhaltspunkte und Begriffe wie Spätlese, Rheingau, Riesling...Danach kommt der sensorische Selbstversuch: es muss schmecken. Und wenn es nicht schmeckt, dann Empfehlungen suchen und noch einmal versuchen.
Aber Öchslegrad, Mostgewicht, Restzucker, überhaupt Zahlen sind als Marketingbegriffe bei mir leider gar nicht gut besetzt. Die irritieren mich, nerven sogar. Erinnern mich an Chemieuntericht und Industrie.

Ich verstehe, dass die Details für Winzer und Weineinkäufer wichtig sein sollten. Und unerschöpfliches Thema für Weinkenner aus der Region sind.

Aber sonst bitte vereinfachen und Markennamen beharrlich stärken. Z.B: Spätlese wäre für mich tendeziell: einer der besseren Weine eines Weingutes. Punkt. Zumeist fein restsüß.
Überhaupt: Namensänderung bei Wein, Weingut und jeweder Qualitätsbezeichnung bitte äußerst selten. In der Vielfalt der Hervorhebungen je nach Zeitgeist und Publikum auswählen: z.B. Goldkapsel klingt derzeit nach Gardinen mit Goldkante und fünziger Jahre.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Werner Elflein Keule schwingend

Bitte nicht verwechseln, Weintantchen, aber die Neandertaler sind - zumindest nach meinem Verständnis - diejenigen, die weinähnliche Getränke im Discounter kaufen. ;-)

Im Ernst: Ich habe - das sollte jedem denkenden Leser aufgefallen sein - oben bewusst ein wenig schwarz-weiß gezeichnet. Damit sollte aber mein Standpunkt umso klarer geworden sein.

Es geht mir auch gar nicht um die, die hin und und wieder mal eine Flasche Wein im Discounter kaufen, sondern um eine klare Trennung unterschiedlicher Ansprüche an die "Verständlichkeit" eines Weinetiketts.

Nur weil ein gewisses Klientel sich nicht für das interessiert, was es in sich hineinschüttet, muss der andere Teil ja nicht darauf verzichten. Mit Prädikatsweinen wird ohnehin ein anderes Kundensegment angesprochen. Ob dann auf der 2,49-Plörre bei Blödi Süd oder Loddl Spätlese steht oder nicht, ist demjenigen, der weiß, dass das Zeug eh nichts taugt, völlig wurscht.

Provokante Frage zum Schluss: Wenn jemand schon nicht das Prädikatssystem in seiner Einfachheit versteht, wie will er dann den Wein verstehen?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Werner Elflein angewidert

Au ja, der du aus dem Süden sprichst, wir machen aus Spitzenweinen irgendeine x-beliebige zeitgeistige Lifestylekacke, die auch die Gattin von Herrn Oberwichtig versteht. Image und Markenname - das ist es. Alles andere hat sich dieser gequirrlten BWLer-Scheiße unterzuordnen.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
aus dem Sueden fast schon eingeschüchtert

immer gleich beim Bluthochdruck, was?
Hier wurde ja überlegt, wie die deutschen Weinprädikate beim Konsumenten ankommen. D.h. wie sie sich als Produkt präsentieren. Ich kann das natürlich auch schöngeistiger formulieren. Das ist nur eine andere Facette derselben Sache. Denn ich will den Wein genießen.
Damit mich ein Wein interessiert, sollte mir der Name der Region, der Lage, des Weinguts, des Prädikats Qualität versprechen. Hält der Wein beim Trinken dann, was er verspricht, assoziiere ich auch künftig mit den genannten Begriffen Trinkvergnügen. Hat nix mit Lifestyle zu tun.
Assoziationen beim Begriff Spätlese? - der bessere Wein eines Winzers, historisch gesehen zumeist Riesling und elegant restsüss.
Wie der Lotse B. richtig sagt, garantieren die technischen Daten nicht die Qualität. Der Begriff Spätlese soll aber Qualität ausdrücken.
Das ist leider nicht messbar. Sondern eine Konvention. Ein Wert. Eine Tradition. Ein Mythos. - eine Marke.
Wenn "Spätlese" das nicht bieten soll, könnte man gleich nur die technischen Daten aufs Etikett drucken. Wird sicher toll.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Werner Elflein

Konvention: auf jeden Fall.
Ein Wert: kommt auf den Einzelfall an. Die Ramsch-Spätlese für 2,49 sicher nicht.
Eine Tradition: bedingt, weil als Prädikat erst 1971 durch das Weingesetz definiert. Davor hatte der Begriff eine andere Bedeutung.
Ein Mythos: nein. Spätlesen sind sehr real. Ich habe jede Menge von ihnen im Keller.
Eine Marke: auf gar keinen Fall. Wikipedia: "Der im Marketing verwendete Begriff Marke (engl. brand, wörtlich: Brandzeichen) steht für alle Eigenschaften, in denen sich Objekte, die mit einem Markennamen in Verbindung stehen, von konkurrierenden Objekten anderer Markennamen unterscheiden." Eine solche Unterscheidung ist aber im Hinblick auf die Spätlese prinzipiell nicht möglich. Prädikate taugen ebenso wenig als Marke wie die Rebsorte. Letztlich ist es nur der Erzeugername, der als Marke wahrgenommen wird.

Letztlich geht es darum:
"Damit mich ein Wein interessiert, sollte mir der Name der Region, der Lage, des Weinguts, des Prädikats Qualität versprechen. Hält der Wein beim Trinken dann, was er verspricht, assoziiere ich auch künftig mit den genannten Begriffen Trinkvergnügen."

Aha! Also geht's auch ohne Marke! Das Spätlese-Prädikat ist genauso als lediglich EIN Merkmal zu sehen wie Lage, Erzeugernamen, Jahrgang, Rebsorte und Geschmacksrichtung auch. Erst im Verbund mit all diesen, voneinander unabhängigen Eigenschaften wird aus dem Spätlese-Begriff eine Aussage. DARUNTER kann ich mir dann auch was vorstellen, beim Genuss etwas damit verbinden. Wenn ich beispielsweise

2009er Ürziger Würzgarten
Riesling Spätlese
Jos. Christoffel jr.

lese, weiß ich recht genau, was mich erwartet, aber nur, weil die einzelnen Angaben ZUSAMMEN wirken.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld