Der ICE ist zu spät. Doch der Captain nicht sauer. Er hört Boards of Canada und wirft ein Kopfwehpulver ein. Der Erste kennt das: Gleich wird der Alte wieder überschnappen. Ein bisschen Restalkohol und ein wenig Kopfwehpulver machen den Typen high. Der Erste denkt, dass der Captain ein enormes Glück hat, mit derart wenig Stimulanzstoffen auszukommen. Wahrscheinlich wird er später auch nur ein Achtel Viagra brauchen. Später, wenn das mal notwendig sein sollte. Aber er hört auf weiterzudenken, denn der Captain kann ja Gedanken lesen.
Nach der Ankunft beginnt diese Phase: Der Captain hat sein "tune in, turn out". Da heißt es, Deckung zu suchen; einen Platz, an dem man diese Anfälle schadlos übersteht. Ab besten unter einem Kopfhörer. Freundlich grinsend.
Doch zu spät. Der Captain betritt die Kombüse und sieht die leeren Rotweinflaschen, die der Erste und Maat Golenia geleert haben. Darunter ein Burgunder von Trapet. Und ein Chateau Palmer. Beide aus dem Jahr 2000. Und schon ordentlich reif. Das Zeug hält nicht so lange wie versprochen. Da ist man sich einig am Schiff. Deswegen bunkert der Captain alle 1989er Bordeaux, die er bekommen kann. Für ihn das letzte wirklich große Jahr des alten Bordelais. Diese Einkäufe sind ihm wichtiger, als Kohle für die Kohle. Deswegen hat es in der Kombüse nur 12 Grad. Und die Jacken bleiben an.
Antizyklisch denken
Dann geht's los: "Antizyklisch denken", schreit der Captain, als würde in seinem Kopf ein Stichwortvulkan explodieren. "Antizyklisch denken". And again. "Wie oft habe ich das schon gesagt."
Der Erste weiß, dieser Schwachsinn kommt aus keinem Managementseminar oder sonst wo aus der Holzklasse des Beraterunwesens. Nein, der Captain bricht Regeln nur als Langeweile. Und eine der Regeln ist es, im Winter nur Rotwein zu trinken. Und nur Rotwein zu empfehlen. "Nichts da", schreit der Captain, offenbar wieder die Gedanken der Ersten lesend, "wir denken hier antizyklisch." Klar, denkt der Erste, heute Abend kann er sich den Rotwein aufmalen.
Der Captain klettert die Leiter in den Keller hinab. Dauernd schreit er "Antizyklisch denken!" Und: "Warum habe nur ich das drauf, warum muss ich immer für alle denken." Er ist wieder völlig in der Selbstüberschätzungsphase. Mein Gott, denke der Erste, grauenhaft, wie sich der Typ danebenbenimmt. Dagegen hat der Zahlmeister ja noch Manieren. Gut, dass Maat Golenia wieder in Düsseldorf ist. Da kriegt er als bekannte Mimose die Ausfälle nicht mit.
Schepper! Krach! Der Captain wühlt in den Kisten. Dann Ruhe. Und er kommt mit einer seltsamen Flasche hoch. Mit einer Flasche Rosé. Ausgerechnet. Und es ist ein dunkler Rosé, so, als würde er aus Spanien kommen. Kommt er aber nicht; der Wein kommt aus Deutschland. Aus der Pfalz. Vom Weingut Metzger, das schon öfter auffällig wurde.
Die Lenden des Schweinchens
Draußen ist es eisig, der Wind tut im Gesicht weh, doch der Captain stellt den Wein, der etwas oberflächlich und modisch "Pink" heißt, vor die Türe. Bibber, denkt der Erste, jetzt auch noch kalten Wein trinken. Er schneidet etwas Ingwer und wirft ihn ins heiße Wasser. Doch Stopp, das ist doch keine so gute Idee, der Ingwer lässt den Wein anders schmecken. Dann doch lieber nicht.
15 Minuten später ist der Wein kalt genug, noch mit Vergnügen getrunken zu werden. Den Ersten wundert's, dass der Pink nicht eingefroren ist. Bei den Temperaturen da draußen.
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Lauter Metzger-Köpfe im weiten Rebenmeer. (Foto: Weingut Metzger) 





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