04.11.10 WEINE 13 Einem Freund senden

Aus alt mach neu: Ein Lob der Tradition

Der dicke Herr da vorne ist von der Kirche. Der Herr dahinter nicht, er macht WeinDer dicke Herr da vorne ist von der Kirche. Der Herr dahinter nicht, er macht Wein

Im Zeitalter des industriellen Weinbaus wird es immer schwieriger, wirklich guten, wirklich individuellen Rebensaft zu finden. Tag für Tag frage ich mich, ob dieses moderne, fette Teufelszeug, das man uns andauernd andrehen will, auch in 15 Jahren so großartig schmecken kann, wie die Gewächse der Underdogs von einst, welche heute gefeierte Spitzenweine machen.

Da hört man von enormen Lagerpotenzial, kostet den vermeintlichen Spitzenriesling und stellt fest, dass der 2009er Smaragd jetzt schon Petrol hat. Oder der Riesling 2009er Hollerin von Franz Prager (mit dessen Weinen ich mich gerade sehr angefreundet habe), der heute bereits so weich ist, wie britisches Toffee. Auf mein Statement zu diesem Wein bekam ich die Antwort , dass aus dieser Lage nichts anderes möglich ist. Alles Blödsinn, wie uns der großartige Leo Alzinger beweist, den ich übrigens nicht als "Dickweinmacher" bezeichne (oder je bezeichnet habe), wie man mir neulich vorwarf. Im Gegenteil, Alzingers Weine sind ausgesprochen entdeckenswerte Spitzenprodukte. Aber dazu ein anderes Mal.

Bei einer von österreichischen Weißweinen geprägten Altweinverkostung, die so manchen großartigen Höhepunkt mit sich brachte, tat sich für mich eine ganz besondere Frage auf: „Wie hat dieses großartige Zeug vor 20 Jahren geschmeckt - als es jung und frisch war?

Die Antwort darauf gab jemand, der sich mit den alten Weinen gut auskennt: „Probier doch einfach mal den Riesling und den Veltliner "Tradition" aus dem Hause Gobelsburg. Dann kriegst du die Antwort."

Also besuchte ich Michael Moosbrugger, den sympathischer Eigentümer, Quereinsteiger und unaufgeregten Querdenker auf Schloss Gobelsburg im niederösterreichischen Kamptal. Wie arbeitet er an Veltlinern und Rieslingen, die auch noch in 15 Jahren Freude machen sollen?

Aus Tradition spontan vergoren

Beide Sorten werden nach dem Pressen nicht entschleimt sondern einfach in ein großes Eichenholzfass gefüllt und ohne Kühlung spontan vergoren. Dort blieben sie auch, bis sie nach 18 Monaten auf die Flasche gebracht werden.

Das Ergebnis ist wunderbar: zwei ausgesprochen authentische, große Weine von erfreulicher Bekömmlichkeit und ausgesprochener Komplexität.

Gerade beim Veltliner geschah etwas Seltsames. Ich tat, was ich sonst nie tue: ich habe mein Glas gewechselt. Sonst koste ich immer aus meinem Chianti-Riesling-Universalglas; bei diesem Wein jedoch wurde es mir zu klein und ich wechselte zu einem großen Burgunderkelch. Eine richtige Entscheidung. Was sich danach auftat, war eine wunderbare Vielfalt aus Karamell und gebrannten Nüssen, die vorher nur in Ansätzen zu ahnen war. Dazu, fast Weihnachtlich, auch Zimt, Bratapfel und Butterkeks. Viel Kraft und auch etwas cremig im Mund. Aber sicher nicht übertrieben fett. Der Veltliner "Tradition" bleibt mit viel Druck hintennach noch lange in Erinnerung.

Euphorie beim Riesling

Richtig euphorisch werde ich beim Riesling "Tradition". Tiefe, erdige Frucht; in der Nase Zitrusfrüchte, dominiert von reifen Mandarinen. Dann Anis, Earl Grey und Zitronengras. Viel Konzentration und ausgesprochen engmaschig. Das auch noch nach Stunden!

Im Mund eine sehr elegante gute Säure, die mit der Wucht des Weines harmoniert. Auch beim Riesling endet die "Tradition" im Schluck mit Kraft und gewaltigem Nachhall. So bleibt sie in einem großartig-monumentalen Wein in Ewigkeit gespeichert. Vorausgesetzt man verbündet sich mit ihr. Mit der Tradition. Michael Moosbrugger hat das getan. Hat das Richtige getan.

  • Gobelsburg Grüner Veltliner Tradition 2008 für 24,99 Euro bei Wein&Co
  • Gobelsburg Riesling Tradition 2008 für 20,90 Euro bei Vinorama (Suchfunktion nutzen)

Der Captain betont, dass weder er noch seine Maate an einer der hier empfohlenen Flaschen auch nur einen Cent verdient. Auch gibt der Captain keine Bestpreisgarantie.

Außerdem empfiehlt der Captain seinen Matrosen auch einmal einen Blick auf weitere Weine aus Österreich zu werfen.



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Kommentare 13

Kommentare

Michael Pronay

Bitte um Angabe des Alkoholgehalts der beiden Weine – danke im Voraus!

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Der Captain

Maat Mally wird antworten..

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Sanders

Ehrlich gesagt klingt die Beschreibung des Gobelsburg Grüner Veltliner Tradition 2008 mehr oder weniger genauso wie die des Riesling 2009er Hollerin von Franz Prager: klebrig, süß und Zahnschmerzen verursachend.

Mit traditionell hergestellten Grünen Veltlinern, die sich ein paar Jahre halten sollen, verbinde ich irgendwie andere geschmackliche Attribute. An übersüßten Marzipanstollen würde ich da erstmal nicht denken.

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des captains maat

beide 13% Alkohol

@ Sanderst - bei dem Riesling Hollerin beziehe ich das eher auf den überdurchschnittlich hohen Anteil an (edel)faulem Traubengut. Der Wein offenbart sich wie eine trockene Spätlese und ist so breit wie weich...

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Sanders

Ich kann das nicht beurteilen, weil ich keinen der beiden Weine kenne. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass der Gobelsburg Veltliner Tradition spitzenmäßig schmeckt.

Die Beschreibung im Text hört sich aber halt auch ziemlich süßlich und soft an: "Bratapfel, Karamell, gebrannte Nüsse, Zimt und Butterkeks". Das klingt für mich nach einem Sauternes oder einem Tokajer, nicht aber nach einem Veltliner, geschweige denn einem traditionell hergestellten.

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Benjamin Mayr

@Sanders: Was ist für dich Traditionell?
Stahltank/Temperaturkontrolle und Aromahefen?

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Sanders

Soll ich auf die Frage wirklich antworten? Die vermutete Antwort ist ja ohnehin vorweggenommen.

Ich hatte mich einfach nur etwas gewundert, dass der "traditionell gemachte" Veltliner mit objektiver Beschreibung als hauptsächlich süß (Karamell = purer Zucker, Butterkeks = viel Zucker, Bratapfel = Fruchtzucker und Zucker im Teig) beschrieben ist und ein anderer Wein negativ beschrieben wird, aber verkürzt mit einer ähnlichen Gesamtbeschreibung (Toffee = ähnlich wie Karamell).

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Benjamin Mayr verärgert

Ja die Antwort war vorweg genommen.
Anscheinend hatte ich recht!

Mann kann ja über die Schreibweise des jungen streitsüchtigen Maats lästern, doch diese Interpretation ist seiner nicht würdig:

Karamell = purer Zucker,
Butterkeks = viel Zucker,
Bratapfel = Fruchtzucker und Zucker im Teig
Toffee=ahnlich wie Karamell

Wenn das dein Verständnis von Weinaromen ist kann ich nur hoffen das du dein Geld nicht in dieser Branche verdienen musst!

mit Karamell können Röst Aromen vom Holz gemeint sein (was natürlich bei den großen Fässern unwarscheinlich ist) aber auch gv´s aus den 70ern zeigen dieses Aroma vlt hat´s ja wirklich etwas mit dem Ausbau zu tun?

mit Butterkeks einerseits die vorhandenen Autolysearomen (sprich Hefige Aromen) auf der anderen Seite wird damit die vermutete Holzart beschrieben. (?)

Bratapfel kann ich in diesem Zusammenhang als reifes sauberes Primäraroma deuten.

Bitte maß dir nicht an Tokaj und Sautern in den drei gleichen Aromen beschreiben zu wollen! Das tut mir fast weh!

Trotzdem! Was verstehst du unter traditionell gemachtem Veltliner?

Neo-Retro-Mode - ist nicht die Frage!

sondern

warum lese ich auf SB´s aus dem Weinviertel - GV-DAC (traditionell ausgebaut!)

oder

Wie können die kommerziellen Steirischen Winzer sich anmaßen Ihre Preisgestalltung unabhängig von der Qualität nur in eine Richtung zu bewegen?
Wie dumm muss ein Konsument sein damit er einen GM-Klassik noch für €20.- kauft?

Wenns sein muss erzähl ich gern ein andermal über toffi, botrytis, junge alte rieslinge und alles andere.......

mag jetzt nicht mehr - für heute genug aufgeregt - geh jetzt aus - werd guten wein trinken - hoffentlich!

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Sanders

Ich verstehe die Aufregung nicht. Ich lästere weder über Herrn Mally, noch möchte ich weder seine noch irgendeines anderen Kompetenz anzweifeln, nichts läge mir ferner. Ich verdiene mein Geld nicht mit Wein und habe das auch nicht vor. Ich trinke ihn nur gerne. Und - ich hatte mich lediglich gewundert, dass ein Wein als breit und süß mit Toffee-Aroma abgewertet wird und der andere mit relativ ähnlichen Attributen als sehr gut beschrieben wird. Da wird man ja wohl noch mal fragen dürfen, wo der Unterschied genau liegt und was diese Aromen mit traditioneller Veltliner-Herstellung zu tun haben. Das interessiert mich wirklich. Herr Mally hat das ja auch ein bisschen ausgeführt, und zwar sehr informativ und sachlich (weiter oben hier in der Diskussion). Warum darf eigentlich niemand mehr hier irgendwas sagen, ohne gleich von einem Super-Experten eins auf den Deckel zu kriegen. Ich verstehe das nicht, auch die Aufregung nicht. Aber das hier ist somit mein letzter Beitrag zu irgendeiner Diskussion hier. Herr Mayr, Sie haben dann erreicht, was sie vielleicht wollten - dass Deppen wie ich ihre Schnauze halten.

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Der Captain

Das halte ich für eine etwas übertriebene Reaktion, oder?

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Sanders

Absolut übertrieben. Ich gebe ja auch gerne zu, dass ich wenig Ahnung hab. Es kann ja auch sein, dass ich unter traditionell etwas Falsches verstehe. Als Konsument bekommt man beim Lesen des Beitrags ganz platt und pauschaliert gesagt den Eindruck, dass traditionell hergestellter Grüner Veltliner ein Süßwein ist. Das hätte ich jetzt nicht gedacht und es würde mich wirklich interessieren, ob das so ist? Gleichwohl, die Diskussion hier überlasse ich gerne Experten wie Herrn Mayr. Und das meine ich ernst mit dem Experten!

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charlie skeptisch

Wird hier Tradition mit einer Neo-Retro-Mode verwechselt?

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thomas

sanders - du kannst dir den duft von karamell schon vorstellen oder? toffee riecht auch wie karamell... bratapfel hat auch einen ganz einzigartigen geruch... passt doch alles oder?

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