Im Zeitalter des industriellen Weinbaus wird es immer schwieriger, wirklich guten, wirklich individuellen Rebensaft zu finden. Tag für Tag frage ich mich, ob dieses moderne, fette Teufelszeug, das man uns andauernd andrehen will, auch in 15 Jahren so großartig schmecken kann, wie die Gewächse der Underdogs von einst, welche heute gefeierte Spitzenweine machen.
Da hört man von enormen Lagerpotenzial, kostet den vermeintlichen Spitzenriesling und stellt fest, dass der 2009er Smaragd jetzt schon Petrol hat. Oder der Riesling 2009er Hollerin von Franz Prager (mit dessen Weinen ich mich gerade sehr angefreundet habe), der heute bereits so weich ist, wie britisches Toffee. Auf mein Statement zu diesem Wein bekam ich die Antwort , dass aus dieser Lage nichts anderes möglich ist. Alles Blödsinn, wie uns der großartige Leo Alzinger beweist, den ich übrigens nicht als "Dickweinmacher" bezeichne (oder je bezeichnet habe), wie man mir neulich vorwarf. Im Gegenteil, Alzingers Weine sind ausgesprochen entdeckenswerte Spitzenprodukte. Aber dazu ein anderes Mal.
Bei einer von österreichischen Weißweinen geprägten Altweinverkostung, die so manchen großartigen Höhepunkt mit sich brachte, tat sich für mich eine ganz besondere Frage auf: „Wie hat dieses großartige Zeug vor 20 Jahren geschmeckt - als es jung und frisch war?
Die Antwort darauf gab jemand, der sich mit den alten Weinen gut auskennt: „Probier doch einfach mal den Riesling und den Veltliner "Tradition" aus dem Hause Gobelsburg. Dann kriegst du die Antwort."
Also besuchte ich Michael Moosbrugger, den sympathischer Eigentümer, Quereinsteiger und unaufgeregten Querdenker auf Schloss Gobelsburg im niederösterreichischen Kamptal. Wie arbeitet er an Veltlinern und Rieslingen, die auch noch in 15 Jahren Freude machen sollen?
Aus Tradition spontan vergoren
Beide Sorten werden nach dem Pressen nicht entschleimt sondern einfach in ein großes Eichenholzfass gefüllt und ohne Kühlung spontan vergoren. Dort blieben sie auch, bis sie nach 18 Monaten auf die Flasche gebracht werden.
Das Ergebnis ist wunderbar: zwei ausgesprochen authentische, große Weine von erfreulicher Bekömmlichkeit und ausgesprochener Komplexität.
Gerade beim Veltliner geschah etwas Seltsames. Ich tat, was ich sonst nie tue: ich habe mein Glas gewechselt. Sonst koste ich immer aus meinem Chianti-Riesling-Universalglas; bei diesem Wein jedoch wurde es mir zu klein und ich wechselte zu einem großen Burgunderkelch. Eine richtige Entscheidung. Was sich danach auftat, war eine wunderbare Vielfalt aus Karamell und gebrannten Nüssen, die vorher nur in Ansätzen zu ahnen war. Dazu, fast Weihnachtlich, auch Zimt, Bratapfel und Butterkeks. Viel Kraft und auch etwas cremig im Mund. Aber sicher nicht übertrieben fett. Der Veltliner "Tradition" bleibt mit viel Druck hintennach noch lange in Erinnerung.
Euphorie beim Riesling
Richtig euphorisch werde ich beim Riesling "Tradition". Tiefe, erdige Frucht; in der Nase Zitrusfrüchte, dominiert von reifen Mandarinen. Dann Anis, Earl Grey und Zitronengras. Viel Konzentration und ausgesprochen engmaschig. Das auch noch nach Stunden!
Im Mund eine sehr elegante gute Säure, die mit der Wucht des Weines harmoniert. Auch beim Riesling endet die "Tradition" im Schluck mit Kraft und gewaltigem Nachhall. So bleibt sie in einem großartig-monumentalen Wein in Ewigkeit gespeichert. Vorausgesetzt man verbündet sich mit ihr. Mit der Tradition. Michael Moosbrugger hat das getan. Hat das Richtige getan.
- Gobelsburg Grüner Veltliner Tradition 2008 für 24,99 Euro bei Wein&Co
- Gobelsburg Riesling Tradition 2008 für 20,90 Euro bei Vinorama (Suchfunktion nutzen)
Der Captain betont, dass weder er noch seine Maate an einer der hier empfohlenen Flaschen auch nur einen Cent verdient. Auch gibt der Captain keine Bestpreisgarantie.
Außerdem empfiehlt der Captain seinen Matrosen auch einmal einen Blick auf weitere Weine aus Österreich zu werfen.







Der dicke Herr da vorne ist von der Kirche. Der Herr dahinter nicht, er macht Wein 



Bitte um Angabe des Alkoholgehalts der beiden Weine – danke im Voraus!