06.06.10 WEINE 21 Einem Freund senden

Am Ursprung: Dem Ott seine Amphore

Ott bleibt Ott. Trinkfreude auch aus der komischen AmphoreOtt bleibt Ott. Trinkfreude auch aus der komischen Amphore

Ha, wie herrlich, wie aufgelegt für Polemiken: Winzer, die den Mond anbeten, Scheiße in Kuhhörner füllen und gemeinsam mit großen Teebeuteln hinter den Stöcken vergraben; Winzer, die ihren Wein in eingegrabene Amphoren füllen und dann der Natur zusehen, wie sie den Wein ruiniert. Solche Winzer erinnern den Captain oft an Heiler, wie Ryke Geerd Hamer, der Krebskranken einfach empfiehlt abzuwarten und der Natur zu vertrauen.

Nein, für den Captain sind das Signale einer vorgezogenen oder auch punktgenau eigetretenen Krise zur Lebensmitte, die Leute genau dann heimsucht, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Lebenspartner schlecht zu riechen anfängt. Wenn der Sex des Lebens vorbei ist, kriecht der Geist mit all seinen Facetten aus dem Loch. Der Intellektuelle sucht dann das Gesamte in sich und seinem Kopf. Der Schlichte und der Naturmensch betet in Verachtung alles Göttlichen den Gott Natur an. Doch der Gott Natur hasst den Menschen, er würde ihn mit einer Extradosis Bazillen von der Erdoberfläche fegen, falls er könnte. Der Mensch hat den Gott Natur jedoch Zügel angelegt. Und das ist gut so.

Auf Du und Du mit Gott Natur

Der Wunsch, Eins mit der Natur zu sein, ist also etwas dämlich, wiewohl verständlich. Und natürlich trägt er nicht nur humane Züge. Der Wunsch der Winzer einen naturnahen Wein herzustellen, wirkt so, als würde man sein Gewissen reinigen wollen. Von all den Pestiziden und Funghiziden, die man über Jahre auf das Feld gespritzt hat. Der Boden, die Erde, die Mutter: Alles soll sich erholen dürfen. Und als Dank folgt ein Wein von exzellenter Größe.

Der Captain wartet nun schon ein paar Jahre auf den ersten wirklich bahnbrechenden Biowein. Und auf den ersten Wein aus der Amphore, der ihm wirklich das Hirn an die Wand spritzt (357er Magnum-Trooper ins Maul und Blaaam!). Aber leider tun das nur andere Weine. Das Hirn an die Wand spritzen. Weine, die ein bisschen Funghizid geschluckt haben. Davon stirbt man nicht.

Sicher, es gibt Beispiele kommender Größe. Und diese Bespiele werden mehr. Und man kann den Captain nicht vorwerfen, dass er diese Beispiele nicht erwähnt, aufzählt und beschreibt. Jeder gute Wein, ist auch ein Wein des Captains.

Ab mit der Amphore

Vor ein paar Tagen aber hat der Captain wieder einmal heftig gegen die Amphore gewettert, dieser neue Trend, der auch vor Captains Önologen Andrea nicht halt macht. Nachdem Andrea ihn wochenlang genervt hat, darf er nur zwei kleine Amphoren in die Erde von Bolgheri einbuddeln. Und damit scheitern. Dann hat der Captain den Tonkrug endlich vom Hals.

Grund für den Rundumschlag war das neue Amphoren-Projekt des österreichischen Winzers Bernhard Ott. Der Captain ist ja sowas von glücklich, dass nicht jede italienische Doofheit (diese hier ist von den Italienern aus Georgien importiert worden) ganz nach Norden wandert. Wann kommt der erste Amphoren-Riesling? Hoffentlich nie. Doch dass sich das Archaische auch in das Herz seines ehemaligen und nach kleiner Rundreise wiederholt festgestellt wunderschönen Heimatlandes vorgearbeitet hat, das irritiert den Captain. So ist er über Bernhard Otts Amphorenprojekt hergefallen, wie Henryk Broder über die Muslime.

Doch hat der Captain die Rechnung ohne Ott gemacht, der völlig zu Recht keinen Respekt zeigte und den Captain bei der Weinmesse VieVinum am Kragen packe und an seinen Erdgeschossstand schleifte. Dort hatte der Captain gefälligst zu kosten, was er dauernd runtermacht: Otts Amphorenwein, die neue Kreation des Kreatürlichen.

ottamph.jpg

Vergessen wir mal den Homepage-Text, Ott wolle dem Wein "die Autonomie wiedergeben" (dann müsste man ihn wohl in Berlin Kreuzberg vergraben, denn mehr Autonomie ist nirgendwo). Vergessen wir alle das andere Esoterische, das einem halt irgendwann einfach heimsucht, wenn man lange genug lebt. Nackte Fakten: Der Wein ist außergewöhnlich. Und gut. Und, besonders wichtig: Irgendwie sogar mehrheitstauglich (es wird nur 1.500 Flaschen geben, also rechtzeitig bestellen).

Otts Amphore ist mehrheitstauglich

Mehrheitstauglich: Das ist der zweite Vorname von Bernhard Ott. Bernhard Mehrheitstauglich Ott. Sein Veltliner "Fass 4" ist der Inbegriff des breit aufgestellten und mehrheitstauglichen österreichischen Veltliners. Lecker, sauber, anspruchsvoll. Und das alles für jeden erkennbar. Warum sollte er dieses Können beim Amphorenwein verloren haben?

Hat er auch nicht. Im Glas der üblich dunklere Saft, dieses leicht Oxidative, das Amphorenweine meist als Begletierscheinung mitbringen. In der Nase auch gleich der übliche Eindruck. Aber gleich auch die andere Komponente, die Ott-Komponente, das Frische und Vergnügliche, das den meisten dieser vergeistigt-archaisch-ökologischen Kreszenzen immer fehlt.

Haselnussbrot in Natursauerteig, dann Kamille, Eibisch, etwas Hagebutte. Zudem ein deutlich medizinaler Ton, wie Metavirulent, die Grippemedizin. Der medizinale Ton aber auf der hellen, der klingenden Seite. Nicht dumpf und träge, sonder fordernd, den zweiten Schluck fordernd.

Nicht vielschichtig, dafür ausgeprägt

Aber dann keine weitere Vielschichtigkeit in der Nase. Sanft, Samt, seidig. Wenig Eindrücke, die wenigen Eindrücke deutlich ausgeprägt. Im Glas verwandelt sich dieser Wein aber nach einer halben Stunde doch noch in ein Bouquet getrockneter Heilkräuter. Da ist also noch mehr drin.

Im Mund dann wieder Brot, Tabak, Gelbwurz, Kieselstein am Bachbett, etwas trockene Petersilie, ein frisch abgebrochener Leberknödel in Rindsuppe. Also viel Dunkles, das von einer mitunter schrillen Mineralität abgeblockt wird. Ein gelungenes Experiment. Mehr wird es auch nicht werden, wenngleich es sicher nächstes Jahr ein paar Flaschen mehr geben wird.

Doch bevor der Captain jetzt ganz zurückrudert (was so gar nicht seine Art ist), noch schnell die Erwähnung, dass es sich hier um einen Grünen Veltliner handelt. Das schmeckt man nur bedingt. Aber vor allem erfährt man es nicht. Erst der Anruf bei der Pressedame bringt Klarheit. Diese jedoch (eine sehr weinerfahrene Frau), erwidert auf die kritische Anmerkung, dass die Nennung der Traube vergessen wurde, diese Pressedame antwortet, die Traube sei "hier nur Tool". Also nicht weiter wichtig. Und das vergessen wir gleich wieder. Ja? Bitte!

  • Grüner Veltliner Amphore 2009 von Bernhard Ott vom Weingut selbst. Vorbestellen (wenn überhaupt noch möglich) jetzt und hier.
  • Grüner Veltliner Fass 4 von Bernhard Ott für 11,00 Euro bei Dallmayr, für 13,04 Euro (ab 12 Flaschen) bei WeinCo (Lieferung Deutschland) und für 23,00 Euro (Mangnumflasche Partywein) bei Wein-Bastion.

Der Captain empfiehlt außerdem noch weitere hervorragende Weine aus Österreich.

 



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Kommentare 21

Kommentare

Alice amphorisch

Ich glaube ja, das Göttin Natur die Menschen völlig wurscht sind. Sie zu hassen, wäre unter ihrer Göttlichkeit...

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Gast

Dein Wein gibt es auch um elf Euro bei Dallmayer in München

http://www.dallmayr-versand.de/epages/Dallmayr.sf/de_DE/?ObjectPath=/Sho...

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Zahlmeister ... ist korrekt

Danke, wurde ergänzt.

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syl

captain as captain can

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Helmut Knall ...lächelnd.

Freut mich, denn mir schmeckt er auch...

Den Fass 4 und anderes vom Ott gibt's auch bei Pinard de Picard, Broeding und noch ca. 15 deutschen Händlern. Liste gibts auf der Ott-Website: http://www.ott.at/kontakt/index.php?kategorie=&land=Deutschland

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Gast

Den deutschen Riesling aus der Amphore gibt es auch längst und zwar von P.-J. Kühn. Schmeckt auch nicht.

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pivu

@Kühn: das sind keine "echten" Amphoren (Kveri aus Georgien) sondern Tonbehälter aus Spanien. Die halbe Loire baut in Beton aus, Toni Söllner tw. im Porzellan ...

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Gottfried Lamprecht (via facebook)

irgendwie komisch, ein winzer der seine Weine zu 100% im stahltank ausbaut, kein holzfass besitzt und dann auf einmal amphoren eingräbt...

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Helmut Knall ...belustigt

Naja Gottfried, da könnte man auch amüsiert sein, über Winzer, die im Stahltank Weine zuckerlhaft ausbauen und das dann "klassisch" nennen.

Da ist einer, der immer wieder neue Akzente setzt, auf Bio umstellt, weil er dran glaubt und dann halt auch mal sowas ausprobiert -> 1500 Flaschen (!) - für mich noch glaubwürdiger...

Natürlich könnte man auch sagen, wieder einmal ein guter Marketing-Gag - naja, warum nicht, der Gag heiligt die Mittel...

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pivu

Otts Amphoren-Veltliner schmeckt fast "normal" i.Vgl. zu anderen Amphorenweinen aus Ö (Muster, Werlitsch, Braunstein). Kürzer als seine Top-Veltliner, weniger fokussiert, und damit derzeit weniger interessant!

Fact ist, dass die ganze Amphoreng'schicht aus Ö noch in den Kinderschuhen steckt und qualitativ noch MEILENWEIT hinter Gravner, Kabaj oder Vodopivec zurück ist. Und dazu maßlos überbewertet wird.

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Erster Offizier

Wir am Schiff finden hingegen die friulanisch-slowenischen Experimente für dramatisch überbewertet.

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pivu

Man muss es nicht mögen, auch mich kann man jagen mit Cornelissen, und mit den beiden Steirern (Sepp & Ewald) bin ich auch nicht wirklich happy, so gern ich ihre sonstigen Weine incl. Sepps maischevergorenenen ohne Amphore mag, aber bei Gravner oder den beiden Vodopivec' steckt Konzept und eben nicht nur (oder mehr ...) Experimentiererei dahinter, und das schmeckt man auch. Ob's einem schmeckt, ist ganz was anderes. Auf See hab' ich das Zeugs aber auch noch nicht probiert.

Ott ist Amphorenwein für Einsteiger sozusagen.

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Der Captain

Agree. Cornelissen finde ich fürchterlich..

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winerambler erfreut

Ich möchte bitten, den sehr schönen Vertipper "Krembskranken" unbedingt stehen zu lassen, ist die Liebe zu österreichischem Wein doch offensichtlich auch eine unheilbare Krankheit...

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Der Captain

Leider konnte diesem Wunsch nicht entsprochen werden..

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Helmut Knall ...mürrisch

Wer einmal die Weine von Cornelissen direkt vor Ort - oder aus einer perfekten Kühl-Transportkette getrunken hat, wird sie lieben, das ist grossartig, lebendig, feingliedrig und mineralisch.
Ist halt sein Spleen ihn nicht zu schwefeln - und dann muss halt die Kühlkette funktionieren - und das klappt seltsamerweise bei Lebensmitteln perfekt, aber bei Weinflaschen halt manchmal nicht - und dann schmeckt der Cornelissen meistens nimmer.

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Der Captain (auswärts)

Cornelissen war DAS SCHLECHTESTE, das ich je getrunken habe (bis auf den ganz teuren), Ein Dreck ohne Gleichen, Schwindel, Betrug, Nonsens..

So, jetzt reg ich mich wieder ab..

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pivu

Zu Anfang fand ich Cornelissen auch spannend, dass mir das Zeugs aber geschmeckt hat, war damals nichts anders als Einbildung. Solange ich keinen persönlichen Bezug zu diesen Weinen habe, also mit Frank am Ätna durch seine Weingärten gegangen bin, wird sich das auch nicht ändern.

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Helmut Knall ...stimmt.

Eben, da muss man mal rauf. Ich war dort und ich finde die Weine spannend. Alles andere hab ich schon so oft diskutiert und mag einfach nimmer.

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Strasser

es gibt doch schon seit langem einen amphoren riesling..... der wird schon seit mehreren jahren erfolgreich vom weingut peter jakob kühn gekeltert!

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Der Captain (auswärts)

Bitte den ganzen Thread lesen, das wurde hier schon besprochen..

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