Ha, wie herrlich, wie aufgelegt für Polemiken: Winzer, die den Mond anbeten, Scheiße in Kuhhörner füllen und gemeinsam mit großen Teebeuteln hinter den Stöcken vergraben; Winzer, die ihren Wein in eingegrabene Amphoren füllen und dann der Natur zusehen, wie sie den Wein ruiniert. Solche Winzer erinnern den Captain oft an Heiler, wie Ryke Geerd Hamer, der Krebskranken einfach empfiehlt abzuwarten und der Natur zu vertrauen.
Nein, für den Captain sind das Signale einer vorgezogenen oder auch punktgenau eigetretenen Krise zur Lebensmitte, die Leute genau dann heimsucht, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Lebenspartner schlecht zu riechen anfängt. Wenn der Sex des Lebens vorbei ist, kriecht der Geist mit all seinen Facetten aus dem Loch. Der Intellektuelle sucht dann das Gesamte in sich und seinem Kopf. Der Schlichte und der Naturmensch betet in Verachtung alles Göttlichen den Gott Natur an. Doch der Gott Natur hasst den Menschen, er würde ihn mit einer Extradosis Bazillen von der Erdoberfläche fegen, falls er könnte. Der Mensch hat den Gott Natur jedoch Zügel angelegt. Und das ist gut so.
Auf Du und Du mit Gott Natur
Der Wunsch, Eins mit der Natur zu sein, ist also etwas dämlich, wiewohl verständlich. Und natürlich trägt er nicht nur humane Züge. Der Wunsch der Winzer einen naturnahen Wein herzustellen, wirkt so, als würde man sein Gewissen reinigen wollen. Von all den Pestiziden und Funghiziden, die man über Jahre auf das Feld gespritzt hat. Der Boden, die Erde, die Mutter: Alles soll sich erholen dürfen. Und als Dank folgt ein Wein von exzellenter Größe.
Der Captain wartet nun schon ein paar Jahre auf den ersten wirklich bahnbrechenden Biowein. Und auf den ersten Wein aus der Amphore, der ihm wirklich das Hirn an die Wand spritzt (357er Magnum-Trooper ins Maul und Blaaam!). Aber leider tun das nur andere Weine. Das Hirn an die Wand spritzen. Weine, die ein bisschen Funghizid geschluckt haben. Davon stirbt man nicht.
Sicher, es gibt Beispiele kommender Größe. Und diese Bespiele werden mehr. Und man kann den Captain nicht vorwerfen, dass er diese Beispiele nicht erwähnt, aufzählt und beschreibt. Jeder gute Wein, ist auch ein Wein des Captains.
Ab mit der Amphore
Vor ein paar Tagen aber hat der Captain wieder einmal heftig gegen die Amphore gewettert, dieser neue Trend, der auch vor Captains Önologen Andrea nicht halt macht. Nachdem Andrea ihn wochenlang genervt hat, darf er nur zwei kleine Amphoren in die Erde von Bolgheri einbuddeln. Und damit scheitern. Dann hat der Captain den Tonkrug endlich vom Hals.
Grund für den Rundumschlag war das neue Amphoren-Projekt des österreichischen Winzers Bernhard Ott. Der Captain ist ja sowas von glücklich, dass nicht jede italienische Doofheit (diese hier ist von den Italienern aus Georgien importiert worden) ganz nach Norden wandert. Wann kommt der erste Amphoren-Riesling? Hoffentlich nie. Doch dass sich das Archaische auch in das Herz seines ehemaligen und nach kleiner Rundreise wiederholt festgestellt wunderschönen Heimatlandes vorgearbeitet hat, das irritiert den Captain. So ist er über Bernhard Otts Amphorenprojekt hergefallen, wie Henryk Broder über die Muslime.
Doch hat der Captain die Rechnung ohne Ott gemacht, der völlig zu Recht keinen Respekt zeigte und den Captain bei der Weinmesse VieVinum am Kragen packe und an seinen Erdgeschossstand schleifte. Dort hatte der Captain gefälligst zu kosten, was er dauernd runtermacht: Otts Amphorenwein, die neue Kreation des Kreatürlichen.

Vergessen wir mal den Homepage-Text, Ott wolle dem Wein "die Autonomie wiedergeben" (dann müsste man ihn wohl in Berlin Kreuzberg vergraben, denn mehr Autonomie ist nirgendwo). Vergessen wir alle das andere Esoterische, das einem halt irgendwann einfach heimsucht, wenn man lange genug lebt. Nackte Fakten: Der Wein ist außergewöhnlich. Und gut. Und, besonders wichtig: Irgendwie sogar mehrheitstauglich (es wird nur 1.500 Flaschen geben, also rechtzeitig bestellen).
Otts Amphore ist mehrheitstauglich
Mehrheitstauglich: Das ist der zweite Vorname von Bernhard Ott. Bernhard Mehrheitstauglich Ott. Sein Veltliner "Fass 4" ist der Inbegriff des breit aufgestellten und mehrheitstauglichen österreichischen Veltliners. Lecker, sauber, anspruchsvoll. Und das alles für jeden erkennbar. Warum sollte er dieses Können beim Amphorenwein verloren haben?
Hat er auch nicht. Im Glas der üblich dunklere Saft, dieses leicht Oxidative, das Amphorenweine meist als Begletierscheinung mitbringen. In der Nase auch gleich der übliche Eindruck. Aber gleich auch die andere Komponente, die Ott-Komponente, das Frische und Vergnügliche, das den meisten dieser vergeistigt-archaisch-ökologischen Kreszenzen immer fehlt.
Haselnussbrot in Natursauerteig, dann Kamille, Eibisch, etwas Hagebutte. Zudem ein deutlich medizinaler Ton, wie Metavirulent, die Grippemedizin. Der medizinale Ton aber auf der hellen, der klingenden Seite. Nicht dumpf und träge, sonder fordernd, den zweiten Schluck fordernd.
Nicht vielschichtig, dafür ausgeprägt
Aber dann keine weitere Vielschichtigkeit in der Nase. Sanft, Samt, seidig. Wenig Eindrücke, die wenigen Eindrücke deutlich ausgeprägt. Im Glas verwandelt sich dieser Wein aber nach einer halben Stunde doch noch in ein Bouquet getrockneter Heilkräuter. Da ist also noch mehr drin.
Im Mund dann wieder Brot, Tabak, Gelbwurz, Kieselstein am Bachbett, etwas trockene Petersilie, ein frisch abgebrochener Leberknödel in Rindsuppe. Also viel Dunkles, das von einer mitunter schrillen Mineralität abgeblockt wird. Ein gelungenes Experiment. Mehr wird es auch nicht werden, wenngleich es sicher nächstes Jahr ein paar Flaschen mehr geben wird.
Doch bevor der Captain jetzt ganz zurückrudert (was so gar nicht seine Art ist), noch schnell die Erwähnung, dass es sich hier um einen Grünen Veltliner handelt. Das schmeckt man nur bedingt. Aber vor allem erfährt man es nicht. Erst der Anruf bei der Pressedame bringt Klarheit. Diese jedoch (eine sehr weinerfahrene Frau), erwidert auf die kritische Anmerkung, dass die Nennung der Traube vergessen wurde, diese Pressedame antwortet, die Traube sei "hier nur Tool". Also nicht weiter wichtig. Und das vergessen wir gleich wieder. Ja? Bitte!
- Grüner Veltliner Amphore 2009 von Bernhard Ott vom Weingut selbst. Vorbestellen (wenn überhaupt noch möglich) jetzt und hier.
- Grüner Veltliner Fass 4 von Bernhard Ott für 11,00 Euro bei Dallmayr, für 13,04 Euro (ab 12 Flaschen) bei WeinCo (Lieferung Deutschland) und für 23,00 Euro (Mangnumflasche Partywein) bei Wein-Bastion.
Der Captain empfiehlt außerdem noch weitere hervorragende Weine aus Österreich.







Ott bleibt Ott. Trinkfreude auch aus der komischen Amphore 






Ich glaube ja, das Göttin Natur die Menschen völlig wurscht sind. Sie zu hassen, wäre unter ihrer Göttlichkeit...