Der Captain ist weg, schon über eine Woche. Und er lässt seine Adjutanten ran, ein Stab Weinenthusiasten, die gerne Schriftsteller geworden wären (der Captain nimmt sich da nicht aus). Das scheint ganz gut zu klappen, dennoch wünscht man sich den Captain wieder an Bord zurück, gerade angesichts der Ausführungen von Maat Clemens Mally, der doch ein etwas zu einfaches Weltbild pflegt. Das zeigt sich vor allem in seinen Attacken auf das Weinbaugebiet Wachau und deren Traditionswinzer.
Ein Kommentator auf der Buchegger-Seite bezeichnet Maat Mallys Ausführungen polemisch als "Halbtags-Rust-Fachwissen". Rust ist eine Fachschule im österreichischen Burgenland, eine Akademie, die sehr viel zur Förderung des neuen österreichischen Weins beigetragen hat, wie er in Deutschland gerne getrunken wird. Deswegen ist dem Captain manchmal das Halbwissen einer guten Akademie mehr wert, als ein stolz vor sich hergetragenes Fachwissen, das sich keiner Korrektur stellen will. Wie es ihm in Deutschland sehr oft begegnet.
Hier genau setzt auch Maat Mally an, ein wütender Mann (wahrscheinlich jung), der seinen Finger auf eine Wunde legt. Und auch erkannt hat, dass man auf Captains Schiff mit radikalen Positionen gut im Wind liegt. Nur was sagt der Captain?
Hütet Euch vor den Weinideologen
Der Captain hüllt sich in Schweigen. Er ist ja auch auf Urlaub. Und vielleicht gefällt es dem Captain, wenn sich auf seinem Schiff auch andere Radikale breit machen. Er selber will vielleicht nicht der einzige Radikale bleiben. Das soll bitte keine Kritik sein, wir alle hier an Bord genießen den täglichen Gang in die Kombüse, wo immer eine gute Flasche wartet. Doch gehen uns die Dialoge mit dem Ersten Offizier ab. Da machte streiten noch Sinn. Der Captain soll bitte den Maat Mally öfter mal in die Kombüse zum Streiten holen. Dann würde dieser seine Positionen eventuell überdenken.
So zum Beispiel die Position zur Edelfäule, dem Pilz Botrytis, den Mally offenbar für den alleine Schuldigen hält, wenn es um fette und alkoholreiche Smaragde aus der Wachau geht. Mally hat Recht, wenn er manche Entwicklung in der Wachau kritisiert. Und die Wachau bezahlt manche Entwicklung auch mit gesunkenem Kaufinteresse. Zumindest verschwindet die Wachau, wie auch das Elsass, aus der Aufmerksamkeit junger Weinkonsumenten. Wir hier in Deutschland sehen das sehr genau. Da ist das Weinviertel inzwischen ein größerer Begriff für Österreich. Und die Steiermark sowieso.
Man hängt den Pilz. Man hängt den Falschen
Mally mach also an der Botrytis fest. Anstatt nur die generelle Unkultur zu geißeln, die Weine so zu keltern, dass sie einem Fachpublikum schmecken. Und nicht den Menschen. Das ist ja das eigentlich Bedauerliche an der Entwicklung. Mallys Botrytis-Bashing ist aber grundfalsch, denn man hat in der Wachau mit der Botrytis über Jahrzehnte gut umzugehen gelernt. Und ich kann Maat Mally etliche Beispiele gelungener Weine mit Botrytis geben. Aus der Wachau. Und von anderswoher.
Botrytis entzieht der Traube Feuchtigkeit. Und macht den Saft süßer und konzentrierter. Rechtzeitig gelesen kann Botrytis aber auch zu einer gewünschten Geschmacksverdichtung führen, zum Eindruck eines kräftigen Weines. Gerade gealterte Rieslinge und Veltliner der Wachau beweisen, wie sehr ihnen Botrytis geholfen hat, die Jahre glänzend zu überstehen. Ich verweise auf manche 1991er und 1993er Smaragde vom Weingut Knoll in Unterloiben. Oder auf 1998er von F.X.Pichler (den Mally ja nur zu gerne angreift).
Im Alter tut Botrytis gut
Nein. mit Botrytis beschuldigt man eine regionaltypische Erscheinung an einem neuen Weinstil Schuld zu tragen. Schuld tragen aber vor allem jene Verkoster, die den fetten und alkoholreichen Smaragden aus der Wachau über Jahre nur gute Noten gegeben haben. In guten und in schlechten Jahren.
Und Maat Mallys Not kann ganz schnell gelindert werden. Statt Smaragde soll er eben die leichteren Federspiele (zwischen 11,5 und 12,5 % Alkohol) kaufen. In dieser Gradation wohnt der schlanke und bekömmliche Wein, den Mally zu Recht sucht. Und selten findet. Doch er wird auch in diesen Fedespielen noch "ungesundes" Traubenmaterial finden, Beeren mit Botrytis. Dennoch sind es gute Weine. Bei den Auslesen und Trockenbeerenauslesen ist uns Botrytis als Helfer willkommen; bei den Smaragden und Federspielen jedoch wird Botrytis als Krankheit verpönt? So einfach ist es dann doch nicht.
Drei mal gute (und geringe) Botrytis
Hier noch drei gute Beispiele hervorragender Federspiel-Weine mit geringer aber merkbarer Botrytis, die im Jahr 2009 durch den Septemberregen beste Bedingungen fand.
- Jamek, Riesling Federspiel 2009, Ried Klaus. Ein sehr schöner Wein, viel Orange und Zitrushonig. Reif und trinkfreudig, nahezu opulent. Für 19,82 Euro bei Wein&Co
- Schmelz, Grüner Veltliner Federspiel 2009, Loibner Gärten. Sehr fruchtig, viel Pfirsich, Steinobst, kräftige Minerale, auch noch lagerfähig. Für € 8,90 bei My Wine
- Högl, Riesling Federspiel 2009, Ried Bruck. Fantastisch frische Nase, viel Weingartenpfirsich, etwas Exotik, etwas süß im Abgang, langer Nachklang, sehr eigen. Für 13,80 Euro bei Döllerer
Der Captain und die Mannschaft betonen (wie immer), dass sie an keiner verkauften Flasche auch nur einen Cent verdienen. Auch geben sie keine Garantie für einen Bestpreis oder Ähnliches. Die Empfehlungen sind rein journalistischer Natur.
Außerdem empfiehlt der Captain seinen Matrosen auch einen Blick auf andere Weine aus Österreich zu werfen.







Hans Altmann vom Weingut Jamek. Nachdenken über Boytritis... 





Es gibt großartige Weine mit Botrytis (manches, nicht alles, von FX oder Reinhard Löwenstein in D), und noch viel mehr "brandige", unharmonische Weine OHNE Botrytis, die dennoch hochgejubelt werden (Beispiele nenn' ich hier keine.) Jemand anderer sagte schon, auf die Harmonie käme es an, mir ganz besonders auf die Trinkigkeit.
Im genannten Federspiel Segment präferiere ich (und nicht nur ich) Rieslinge aus D, z.B. von Racknitz von der Nahe, pure Mineralik, klar, zwischen 11,- (Gesteinsweine) und 15,- (Lagenweine). So etwas gibt es nicht in Ö zu diesem Preis.