11.01.11 WEINE 5 Einem Freund senden

Weissburgunder: Keine Lügle, dass der gut ist

Schmeckt auch bei Sonnenschein...Schmeckt auch bei Sonnenschein...

Am Anfang sahen alle rot. Als Hanspeter Ziereisen Ende der 1990er Jahre das erste Mal von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, da galt die Aufmerksamkeit zunächst seinen beispielhaften Rotweinen. Pinot Noir von einer solchen Ernsthaftigkeit konnte man in Deutschland bis dahin kaum finden. Keine Spur deutsche Gefälligkeit - herbe Schönheit, statt draller Fruchtsüße. Und erst recht erwartete man solche Weine nicht aus jenem Landstrich, in dem Ziereisens zuhause sind. Das Markgräflerland ist bestenfalls durch seinen Spargel bekannt und berüchtigt für seinen Gutedel. Eine Sorte, die keiner braucht. Doch selbst daraus macht man auf dem Hof in Efringen-Kirchen zwei spannende Weine.

Zurück zum Pinot Noir, der bei uns Spätburgunder heißt, und dann gleich wieder schnell zu etwas anderem. Spätburgunder ist Ziereisens Hauptgeschäft. Hier keltert er Jahr für Jahr eine ganze Phalanx kühler, mineralischer Burgunder, die mit den meisten badischen Erzeugnissen so gar nichts gemein haben. Die Weine orientieren sich stilistisch an ihrem großen Vorbild, den französischen Burgundern. Das versuchen viele Winzer zwischen der Ahr und Baden aber den wenigsten gelingt es.

Der Erfolg steckt im Boden

Ein Grund für Ziereisens  Erfolg ist sicher der Boden, der in der Gegend extrem kalkhaltig mit einer geringen Lehmauflage ist und deshalb für eher niedrige Säure im Wein sorgt. Gefühlt ist die Säure übrigens da - nur eben in einem sehr harmonischen Verhältnis. Ausbalanciert und reif.

Parallel zur stetigen Verbesserung der Rotweine lernte Ziereisen über die Jahre auch, mit den weißen Sorten umzugehen. Seit einigen Jahrgängen werden die Spielarten der Burgunder, Chardonnay, Grau- und Weissburgunder auch als Lagenweine abgefüllt. Auch daran zeigt sich, an welche Traditionen Ziereisen anknüpft: Die Etiketten stellen die Lagen in den Mittelpunkt, die Rebsorte ist erst einmal zweitrangig. Der kraftvolle Weissburgunder „Lügle“ demonstriert deutlich, warum die Rebsorte hintenan steht.

Wer viel Weissburgunder trinkt, weiß, dass es zahlreiche Spielarten in Deutschland gibt. Betont kaltvergoren erinnert er häufig an Riesling. Mit neuem Barrique geprügelt, fühlt man sich beim Kosten manchmal gar an Chardonnays aus Übersee erinnert und der allgegenwärtige Ausbau mit einem Hauch Restzucker lässt den eher zarten Weissburgunder mancherorts vollends zur Karikatur verkommen.

Spontan vergoren und schonend gekeltert

Ziereisen vergärt seine Weine, ob rot oder weiß, mit den natürlichen Hefen aus Weinberg und Keller. Die hochwertigen Weißen werden mit einer kleinen Korbpresse besonders schonend gekeltert und  überwiegen ohne Filtration abgefüllt. Der „Lügle“ (13 % Alkohol)  lagerte gute 20 Monate mit seiner Hefe in 600 Liter fassenden Holzfässern. Ziereisen nutzt beim Hefelager die Technik der Battonage, also das kontrollierte Aufrühren der Hefe, um den Wein zu runden und geschmeidiger werden zu lassen.

2007 war ein starker Jahrgang für das Weingut und so zeigt sich der „Lügle“ aus diesem Jahr auch wesentlich komplexer und kraftvoller, als der ohnehin schon ausgezeichnete 2006er. Der Wein gehört in ein großes Glas. Besser noch, man investiert eine gute Stunde zum Belüften in einer Karaffe.

Zunächst offenbart  der „Lügle“ eine präsente Hefenote, wie ein frisch gefüllter Wein. Ein minimaler reduktiver Stinker, der bald einem Anflug von gebrannten Mandeln weicht. Dann kommt warmes Brioche und auch etwas Feuerstein durch. Langsam, sehr langsam öffnet sich der Wein, dann riecht man reife Ananas. Den Duft frisch geschnittener Ananasblöcke im Supermarkt, die häufig schon etwas liegen und denen ein süßliches Aroma entströmt, das sich bis zu den Honigmelonen zieht. All das findet man auch am Gaumen wieder. Die volle Frucht, auf der einen Seite exotische Früchte, auf der anderen Seite auch herbe Noten, die an eine alte Apfelsorte mit kräftiger Säure erinnern. Und dann eine leicht bittere, auch salzige (Salzbutter!), animierende Würze, die vom Boden kommen mag. Ein fülliger Wein, der gar kein Burgunder sein will, die Verwandtschaft aber auch nicht leugnen kann.

Die ausgeprägte Frucht spricht für Deutschland, Spannung, Klarheit und Würze stünden auch einem Meursault gut. Stoff und Atem besitzt der Wein für die nächsten fünf Jahre. Mindestens. Die Bezeichnung „Deutscher Tafelwein“ tragen Ziereisens Weine übrigens wie eine Auszeichnung vor sich her. Eine Art gestreckter Mittelfinger in Richtung der Qualitätsweinprüfer, die häufig genug immer noch nicht verstehen wollen, dass gute Wein nicht immer ins Schema F passen müssen.

Auf den Geschmack gekommen? Der Captain empfiehlt seinen Matrosen noch weitere Weine aus Deutschland.



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Kommentare 5

Kommentare

Michael Hab (via facebook)

Ziereisen ist schon lange ein Geheimtipp. Der Grauburgunder ist bei den Weissweinen auch zu empfehlen

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Thomas Golenia (via facebook)

Ziereisen's Weine sind genauso wie HP Ziereisen's berühmte Karohemden: authentisch!

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weinzeche ...durstig

...ab jetzt kein Geheimtipp mehr! Großartig sind auch die roten von Ziereisen - der 2008 "Tschuppen" ist klasse! Cheers!

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weinschlumpf

Die Burgunderweine von Ziereisen sind wahrlich guter Stoff, mit einem tollen PLV!
Der Grauburgunder Jaspis Alte Reben ist für mich einer der besten deutschen Burgunder die es gibt.

PS: Vom Gutedel gibts drei Weine:
den leichten Heugumber, den Viviser und als Topwein den Lagenwein Steingrüble.

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Daniel

und nette Gutedel für jeden Tag gibt´s auch von anderen Weingütern, z.B. vom Weingut Feuerstein in Heitersheim. Ich versteh nicht warum die Sorte keiner braucht? An anderer Stelle wird doch so von authochtonen Sorten geschwärmt. Gutedel ist ein typischer Wein für die Region Markgräflerland und wird hier auch gerne getrunken. Das es sich nicht um einen Spitzenwein handelt gebe ich gerne zu, dafür gibt´s ja auch andere Sorten. Ein Gutedel hat genauso seine Berechtigung wie ein einfacher Silvaner in Franken oder andere leichte Weine.

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