24.05.11 WEINE 11 Einem Freund senden

Sherry: Comeback mit Fassprobe

See video

Die aktuelle Londoner Weinmesse wirft ein widersprüchliches Bild auf den Weinmarkt. War die Düsseldorfer ProWein noch gut besucht und ein positives Stimmungsbarometer, so zeigt London ein Land, einen Markt in der Krise; eine schwächelnde Ökonomie, die nur mehr wenig stemmen kann. Oddbins, der größte und bekannteste Weinhändler des Landes, ist pleite. Viele Produzenten kamen dieses Jahr erst gar nicht nach London, da sie sich in England keine neuen Abschlüsse erwarten. Die Geschäfte mit Wein werden längst anderswo gemacht, vor allem in China.

Sherry ist da noch ein ganz eigenes Kapitel. Wenige Getränke sind noch mehr aus der Mode. Und Sherry ist zudem schon seit Jahren weg vom Fenster. War es vor dreißig Jahren noch schick, vor dem Essen einen Sherry als Aperitif zu kippen, so hat das spanische Traditionsgetränk heute völlig ausgedient. Und mal ehrlich: wann hat einer der Matrosen zum letzten Mal ein Glas Manzanilla, Amontillado oder Oloroso getrunken? Na also, wird schon eine zeitlang her sein, oder?

So geht es auch dem Captain. Seit Monaten stehen etliche Flaschen im Kühlschrank herum und warten auf ihre völlige Entleerung. Wahrscheinlich wird sie der Erste Offizier irgendwann in den Ausguss kippen, weil sie einfach nicht mehr genießbar sind. Sherry wird auch vom Captain ungerechterweise vernachlässigt. Das liegt zudem daran, dass es zunehmend Neues aus regionaler Quelle zu trinken gibt. Von Sherry hört man wenig, was die Trinklust stimulieren würde.

Ein gar nicht kalkulierter Erfolg

Zurück nach London. Dort liegt der Weinmarkt darnieder. All die schicken, reichen und vom Bankgeschäft abhängigen Yuppies können sich keine Premiumweine mehr leisten. Und wie in den Siebziger Jahren dominiert altes Geld den Konsum hochwertiger Weine. Mitten in diese Absatzkrise dringt die Meldung vom Erfolg eines Sherrys. Ein Erfolg, der vom Produzenten in dieser Form gar nicht einkalkuliert war.

Es geht um den Tio Pepe "Fino en Rama", ein ganz spezieller Sherry, der vor einem Jahr auf den Markt gebracht wurde und vor allem jüngeren Konsumenten erstaunlich gut gefällt. Er ist der Star in den vielen neuen Sherry-Bars in London, die dem angestaubten Getränk wieder auf die Sprünge helfen sollen. Denn die spanischen Produzenten - schon traditionell eng mit England verbunden - denken, dass von England aus die Wiedergeburt des Sherrys eingeleitet wird.

Eine Fassprobe für die Welt

Und die ist auch dringend angesagt. Denn spanischen Berichten zufolge sitzen viele große Sherryproduzenten auf Millionen Flaschen unverkaufter Ware. Europa und Amerika schwächeln. Und in Asien interessieren sich noch zu wenige Konsumenten für Sherry, obwohl das Getränk mit asiatischem Geschmack und lokalen Trinksitten durchaus besser kombinierbar wäre, als französischer Bordeaux.

Der Tio Pepe Fino en Rama ist ein ganz außergewöhnlicher Sherry, denn er ist quasi eine Fassprobe, ein halbfertiger Tio Pepe, der fast unfiltiriert und ungeklärt aus dem Gebinde geholt wurde. Das ist eine geniale Marketing-Idee, denn der Wein vereint alles, was der Konsument derzeit haben will: unbehandelte, lokale Ware mit Seltenheitswert. Nur dass sie diesmal von einem industriell verfahrenden Großproduzenten kommt.

So gibt es auch nur ein paar tausend Flaschen. Und über Umwege hat schon vor Tagen eine Flasche den Weg aufs Schiff gefunden. Höchste Zeit diese zu öffnen, denn der Fino in Rama sollte so schnell wie möglich getrunken werden. Wie jede Fassprobe. Wer sich diesen Wein in den Keller legt, weiß nicht, mit welcher Art Wein er es zu tun hat. Aufmachen und austrinken. Denn schon nach Stunden geht die Frische rapide verloren.

Im Glas sehr hell, trüb (ist ja wenig oder kaum gefiltert) und beim Schwenken schnell in Fahrt. In der Nase tatsächlich eine nie da gewesene Frische und Jugendlichkeit, eine helles Strahlen, viel Nuss und auch eine starke Hefenote. Etwas Weizenbier. Dann auch Chili, etwas Kümmel, ein Distelstrauch, etwas Schuhcreme, eine edle Holzpolitur. Und über allem die Nuss.

Nuss und Kraft

Im Mund dann eine unerwartete Kraft, primär wieder Nuss und Hefe. Dann aber auch etwas Steinobst. Und Avocado. Hinten eine ordentliche Länge und kalt getrunken für den Captain ein überraschend gutes Sommergetränk. Ehrlich gesagt: verdammt gut.

Tja, wo gibt es den Wein zu kaufen? In Deutschland leider gar nicht. Das liegt an der limitierten Menge. Aber in England. Und das liegt in der Europäischen Union. Das ist zwar etwas kompliziert und wird auch teuer im Versand, doch der Wein ist wirklich außergewöhnlich genug, um das Risiko zu wagen. Wenn man über "Terrassenwein" spricht, dann ist dieser hier der beste. Gewiss.



DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 11

Kommentare

charlie

Sollte es nicht "en Rama" heissen?
Manzanillas und Finos en Rama gibt es übrigens auch von anderen Bodegas, auch in Deutschland, sogar in Berlin. Und zwar den von Barbadillo.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Der Italiener in mir hat durchgeschlagen. Sorry..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
mendez

sicher sogar würde ich sagen.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Michael Liebert Widerspruch...

Toll, dass Du jetzt auf den Sherry kommst. Die regelmäßigen Ausflüge nach Andalusien haben mich schon vor Jahren auf das Zeug süchtig gemacht.

Ich weiß zwar nicht, ob Du mich zu den Matrosen des Schiffs zählst, aber bei mir steht im Sommer immer ein Manzanilla im Kühlschrank. Meist "La Guita", denn den gibt es auch in der halben Flasche und die ist spätestens am nächsten Tag leer. Und genau das ist der entscheidende Punkt. Diese leichten, trockenen Sherry muss man wie Wein behandeln. Das Zeug das man in vielen Lokalen eingeschenkt bekommt, aus Flaschen die bereits seit Wochen oder Monaten im Anbruch sind, kann man nicht mehr als Sherry bezeichnen. Dergleichen gilt für manche Billig-Qualität aus dem Supermarkt, die man nicht mal zum Backen oder Kochen verwenden sollte...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Und welcher Widerspruch soll das sein? Übrigens: Captain eines anderen Schiffs..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Michael Liebert

Hallo "neuer" Captain,

hab nur die Frage des hiesigen Captains beantwortet, dass er meint, keiner seiner Matrosen, würde so Zeug, wie Sherry trinken...

Stimmt schon, ansonsten teile ich seine Begeisterung für guten Sherry, auch wenn ich den neuen Tio Pepe noch nicht probiert hab...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Liebert, ich bins. Und "Du" bist der Captain eines anderen Schiffs. das war ja eine Frage von Dir..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
kakenafi

Die Idee ist gut, aber mit zehnjähriger Verspätung abgekupfert - vielleicht dachten die, jetzt merkt's keiner mehr. Schon Ende des letzten Jahrtausends brachte Barbadillo seinen Manzanilla en Rama in Umlauf. Er wird vierteljährlich frisch abgefüllt: saca de primavera, saca de verano, usw.
Und tatsächlich gibt es diesen Wein schon seit ewigen Zeiten auch in D und kein Captain und wahrscheinlich auch sonst kaum jemand hat's gemerkt! Was es dem Handel extrem erschwert diesen Wein zu führen. Denn wenn die Frische das Argument ist muß er schnellstens umgeschlagen werden, sonst macht's keinen Sinn. Und gerade das funktioniert wie im Artikel beschrieben mit Sherry überhaupt nicht. Führende Fino-Hersteller drucken ja heute auf Ihre Flaschen ein empfohlenes Konsumdatum - zumindest in Spanien. Beim normalen Tio Pepe sucht man es allerdings bei Exportflaschen meines Wissens vergeblich und wenn ein solches Datum auch beim Tio Pepe en Rama fehlen sollte, ist die Idee für die Tonne. Denn dann kann der Händler und der Gastronon sowieso lustig uralte en Rama-Flaschen verkaufen und keiner merkt's - es sei denn am gar nicht mehr so frischen Geschmack!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Dorit Schmitt (via facebook)

Ah, cool, da hab ich heute schon einen interessanten Artikel darüber gelesen. Sollte man sich also wieder mal mehr damit beschäftigen und nicht nur zum Kochen verwenden ... http://www.yoopress.com/de/weinnews/weinwelt/weine/6308.Gonzalez_Byass_v...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Cathrin Brandes (via facebook)

völlig zu unrecht aus der mode der sherry!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Michael Liebert

Lieber Captain,

sorry, war wohl für einen Kommentar noch ein wenig früh am Morgen und mein Hirn noch etwas eingerostet... Toller Artikel, gute Sherrys haben einfach etwas mehr Aufmerksamkeit verdient, da es der Handel mit dem Produkt ja wirklich nicht leicht hat, wie hier in den Kommentaren erwähnt.

Und vielen Dank für Dein Kompliment, mich zum Captain eines Schiffs zu befördern... Zuviel der Ehre

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld