Die aktuelle Londoner Weinmesse wirft ein widersprüchliches Bild auf den Weinmarkt. War die Düsseldorfer ProWein noch gut besucht und ein positives Stimmungsbarometer, so zeigt London ein Land, einen Markt in der Krise; eine schwächelnde Ökonomie, die nur mehr wenig stemmen kann. Oddbins, der größte und bekannteste Weinhändler des Landes, ist pleite. Viele Produzenten kamen dieses Jahr erst gar nicht nach London, da sie sich in England keine neuen Abschlüsse erwarten. Die Geschäfte mit Wein werden längst anderswo gemacht, vor allem in China.
Sherry ist da noch ein ganz eigenes Kapitel. Wenige Getränke sind noch mehr aus der Mode. Und Sherry ist zudem schon seit Jahren weg vom Fenster. War es vor dreißig Jahren noch schick, vor dem Essen einen Sherry als Aperitif zu kippen, so hat das spanische Traditionsgetränk heute völlig ausgedient. Und mal ehrlich: wann hat einer der Matrosen zum letzten Mal ein Glas Manzanilla, Amontillado oder Oloroso getrunken? Na also, wird schon eine zeitlang her sein, oder?
So geht es auch dem Captain. Seit Monaten stehen etliche Flaschen im Kühlschrank herum und warten auf ihre völlige Entleerung. Wahrscheinlich wird sie der Erste Offizier irgendwann in den Ausguss kippen, weil sie einfach nicht mehr genießbar sind. Sherry wird auch vom Captain ungerechterweise vernachlässigt. Das liegt zudem daran, dass es zunehmend Neues aus regionaler Quelle zu trinken gibt. Von Sherry hört man wenig, was die Trinklust stimulieren würde.
Ein gar nicht kalkulierter Erfolg
Zurück nach London. Dort liegt der Weinmarkt darnieder. All die schicken, reichen und vom Bankgeschäft abhängigen Yuppies können sich keine Premiumweine mehr leisten. Und wie in den Siebziger Jahren dominiert altes Geld den Konsum hochwertiger Weine. Mitten in diese Absatzkrise dringt die Meldung vom Erfolg eines Sherrys. Ein Erfolg, der vom Produzenten in dieser Form gar nicht einkalkuliert war.
Es geht um den Tio Pepe "Fino en Rama", ein ganz spezieller Sherry, der vor einem Jahr auf den Markt gebracht wurde und vor allem jüngeren Konsumenten erstaunlich gut gefällt. Er ist der Star in den vielen neuen Sherry-Bars in London, die dem angestaubten Getränk wieder auf die Sprünge helfen sollen. Denn die spanischen Produzenten - schon traditionell eng mit England verbunden - denken, dass von England aus die Wiedergeburt des Sherrys eingeleitet wird.
Eine Fassprobe für die Welt
Und die ist auch dringend angesagt. Denn spanischen Berichten zufolge sitzen viele große Sherryproduzenten auf Millionen Flaschen unverkaufter Ware. Europa und Amerika schwächeln. Und in Asien interessieren sich noch zu wenige Konsumenten für Sherry, obwohl das Getränk mit asiatischem Geschmack und lokalen Trinksitten durchaus besser kombinierbar wäre, als französischer Bordeaux.
Der Tio Pepe Fino en Rama ist ein ganz außergewöhnlicher Sherry, denn er ist quasi eine Fassprobe, ein halbfertiger Tio Pepe, der fast unfiltiriert und ungeklärt aus dem Gebinde geholt wurde. Das ist eine geniale Marketing-Idee, denn der Wein vereint alles, was der Konsument derzeit haben will: unbehandelte, lokale Ware mit Seltenheitswert. Nur dass sie diesmal von einem industriell verfahrenden Großproduzenten kommt.
So gibt es auch nur ein paar tausend Flaschen. Und über Umwege hat schon vor Tagen eine Flasche den Weg aufs Schiff gefunden. Höchste Zeit diese zu öffnen, denn der Fino in Rama sollte so schnell wie möglich getrunken werden. Wie jede Fassprobe. Wer sich diesen Wein in den Keller legt, weiß nicht, mit welcher Art Wein er es zu tun hat. Aufmachen und austrinken. Denn schon nach Stunden geht die Frische rapide verloren.
Im Glas sehr hell, trüb (ist ja wenig oder kaum gefiltert) und beim Schwenken schnell in Fahrt. In der Nase tatsächlich eine nie da gewesene Frische und Jugendlichkeit, eine helles Strahlen, viel Nuss und auch eine starke Hefenote. Etwas Weizenbier. Dann auch Chili, etwas Kümmel, ein Distelstrauch, etwas Schuhcreme, eine edle Holzpolitur. Und über allem die Nuss.
Nuss und Kraft
Im Mund dann eine unerwartete Kraft, primär wieder Nuss und Hefe. Dann aber auch etwas Steinobst. Und Avocado. Hinten eine ordentliche Länge und kalt getrunken für den Captain ein überraschend gutes Sommergetränk. Ehrlich gesagt: verdammt gut.
Tja, wo gibt es den Wein zu kaufen? In Deutschland leider gar nicht. Das liegt an der limitierten Menge. Aber in England. Und das liegt in der Europäischen Union. Das ist zwar etwas kompliziert und wird auch teuer im Versand, doch der Wein ist wirklich außergewöhnlich genug, um das Risiko zu wagen. Wenn man über "Terrassenwein" spricht, dann ist dieser hier der beste. Gewiss.
- Tio Pepe Fino en Rama 2011 ab Juni für 11,95 Euro bei Patrick Sandeman














Sollte es nicht "en Rama" heissen?
Manzanillas und Finos en Rama gibt es übrigens auch von anderen Bodegas, auch in Deutschland, sogar in Berlin. Und zwar den von Barbadillo.