"Jaja, kommt nur her, ihr Wichte und schmäht mein Urteil. Ich habe es von einer erhabenen Position gefällt, denn ich hatte Recht, als es um 2008 ging. Vieles davon war einfach Schrott. Und das Jahr im Großen und Ganzen Müll. Bis auf wenige Ausnahmen, die im Laufe des Jahres immer mehr Ausnahmen wurden. Und die Winzer immer bessere Weine aus den Kellern an das Tageslicht holten. Und dann wurde ich unsicher. Trotzdem, die meisten 2008er sind jetzt hinüber. Das ist Fakt. Und keine Widerrede.
Ich stand über den Dingen, als ich 2010 als Arschjahr bezeichnete. Und obwohl mich viele Hiebe trafen und das Schiff Schlagseite bekam; obwohl selbst engste Vertraute an mir zweifelten und auch Busenfreunde von mir abließen; trotz all dieser Schmach, trotz der Knüppel der Beutehanseaten auf ihren modernden Barkassen, all dem zum Trotz habe ich mich - ganz wie Gaddafi - nicht beirren lassen: 2010 war ein schlechtes Weinjahr.
Da schreien viele auf: "der tumbe Thor - was redet er für Schwachsinn?". Und sie schreien ihren Knappen zu, jenen Knappen, die in der Logistik dienen: Schickt dem Idioten doch ein paar Flaschen auf sein Schiff. Damit er weiß, was abgeht.
!
Und dann kommen die Flaschen, werden unter Applaus der Maate und Matrosen auf das Schiff gehievt; Matrosen und Maate, die ihrem Dienstherren allmählich die Autorität absprechen. Sieh her, zetern sie, was für Mist du gebaut hast! Denn es sind gute Flaschen da. Aus dem Jahre Zweizehn.
Und ich öffne eine Flasche nach der anderen, eine Fassprobe nach der anderen. Und muss feststellen, dass mich das weiterhin nicht überzeugt, dass ich mich mit ausgebreiteten Armen auf meine Vorräte aus dem Jahre 2009 werfe, um sie vor jenen Matrosen zu beschützen, die frech und dreist noch etwas abhaben wollen. Was ficht euch an? Weichet! Es ist alleine mein!
Und wie ich so auf den 2009er-Flaschen liege und sie mit Tränengas und Pfefferspray zu schützen versuche, reicht mir der Erste Offizier ein Glas Sauvignon; Sauvignon von Knauß aus einem Ort namens Stümpfelbach im Remstal. Im schönen Württemberg. Doch Stempfelbach ist nur Teil eines anderen Ortes, der "Weinstadt" gerufen wird: Weinstadt! Gibt es eine bessere Verheißung?
!!
Und dieser Sauvignon ist frisch und gut, er duftet grün, es grüßt der Schwefel. Doch nicht vorschnell urteilen, denn dieser sehr junge Sauvignon kommt erst im April auf den Markt.
Herrlich vielfältig seine Nase. Duftet auch nach Österreich. Kein Wunder, der Winzer, ein Bild von einem Mann, hat sein Praktikum im Burgenland absolviert, wo man gerne finessenreiche und fokussierte Sauvignons keltert. Wenn noch welche am Stock sind.
Ich rieche Pfirsich mit Lardo, Lapsang Souchong, eine ungarische Salami. Der Erste Offizier fährt dazwischen und vermeldet das Blattgrün von Tomaten, eine Schärfe, die ihn an jungen Bärlauch erinnert, ein Geschmack, der schmeckt, wie Schieferboden aussieht. Und Lindenblätter. Ich hingegen rieche geröstete Haselnüsse auf einem Wochenmarkt in Casteglione Lanza. Und Eisenbahnschwelle. Und Kräuterlimo. Und Sauvignon, prachtvollen Sauvignon.
!!!
Ich schmecke Mineralität. Und Pfirsich. Und ich schmecke viel. Viel vorne, viel hinten. Wenig in der Mitte. Das ist dem Jahr geschuldet, der Körper ist nicht so voll, wie er sein könnte. Der Erste Offizier trinkt die Flasche leer und rülpst. Der Wein ist ein ordentliches Zeichen, wie frisch und dropsig die 2010er Weine werden. Und dass dieses Jahr dem Sauvignon wohl weniger anhaben wird als dem Riesling. 2010 wird das Jahr des Sauvignons.
Und bevor ihr Wichte wieder mein Fell zerrupft, mache ich mir einen Riesling auf, einen 2009er, der mich in den Nachmittag begleitet. Schert euch zum Teufel, ich will trinken. Heute mal alleine."
- Sauvignon 2010 von Knauß für 11,90 Euro ab Weingut (April 2011, bitte vorbestellen)







Knauss: Fesch und gut. Und schon vergeben... 





Viel Spass am Nachmittag!