Ich hatte ein Abendessen. Das haben viele. Aber mein Abendessen war ein Abendessen mit Riesling. Viel Riesling. Zwei Dutzend Flaschen werden es schon gewesen sein. Und ich hatte einen Riesling mit, den keiner erwartet hatte.
Was stand am Tisch? Natürlich deutsche Rieslinge. Und österreichische. Und als Tiefpunkt ein Riesling aus Washington. Einfach, zweifach, dreifach fürchterlich. Braucht keiner. Die Österreicher? Manche immer noch schwere Botrytisbomben, alkoholisch, untrinkbar. Aber es wird besser.
Ich aber hatte einen Riesling aus dem Elsass im Gepäck. Oh Gott, das Elsass. Kaum eine andere Gegend ist so fern von jeder Reform und Erneuerung wie das Elsass. So scheint es. Doch der Schein trügt.
Ich hatte den Riesling "Le Kottabe" 2008 von Josmeyer aus Wintzenheim mitgebracht, ein biodynamischer Winzer, der für die Elsässer Erneuerung steht. Selbstredend "blind". Soll heißen, dass alle Rieslingen - und auch der Kottabe - verdeckt verkostet wurden. Keiner wusste, was im Glas war. Das macht mein Abendessen so spannend. Man irrt sich oft. Und hat was zum Nachdenken.
Elsass also
Elsass also. Was kommt Neues aus dem Elsass? Was kann man da Neues trinken?
Nicht nur so Ausgereiztes wie die Weine der Domaine Weinbach. Oder so Abgedrehtes wie das Zeug von Marcel Deiss. Nein, feinster Stoff von Josmeyer: Blitzsauberes Traubengut, keine Barriques, nicht heftig, nicht cremig, einfach glasklarer, spannender Riesling. So wie man ihn am liebsten jetzt gerade trinken möchte, aber so selten bekommt. Gefühltes Verlangen, das befriedigt wird.
Der Kottabe ist ein unfassbar mineralisches Monster. Steillagen und Spontanvergärung. Ein Fall für Fortgeschrittene. Kein Bilderbuch für Kinder. Eher ein vinophiles Ebenbild von Wittgensteins Traktat.
Ein Wein, dessen Primärfrucht auf ein Minimum reduziert wurde. So findet die markante Säure gerade noch Halt. Ein Feuerwerk an packender, griffiger Mineralik, die dem Wein ein langes Leben schenken wird. Das alles in einem Korsett, das vor Trockenheit fast schmerzt.
Kompromisslos wie der Winzer
Der Kottabe ist ein ausgesprochen kompromissloses Beispiel eines großartigen Rieslings, der das Potenzial besitzt, Rieslingenthusiasten an ihre Grenzen zu führen. Und der trotz Minimalismus mit seiner enormen mineralischen Würze jedes Essen begleiten kann, egal wie würzig oder scharf es gekocht wurde.
Nachdem die Flasche geleert war, kam in der Runde schnell der Ruf nach einer zweiten auf. Es war aber keine mehr da. So öffnete ich eine Flasche vom Riesling Grand Cru „Brand" 2007 von Josmeyer - ein Wein, über den man derzeit nur sehr theoretisch sprechen kann, weil er seine ganzen Facetten erst andeutet und der im Moment noch unendlich lang reduktiv und verschlossen bleibt. Josmeyer macht Weine für eine halbe Ewigkeit. Nur einen kurzen Augenblick lang ließ der Brandt einen Funken seiner Genialität aufblitzen, um sich in kürzester Zeit wieder total zu verschließen und so zu verweilen. Ob ich noch erlebe, was aus dem einmal wird?
- Riesling Josmeyer Le Kottabe 2008 (12,4 % Alkohol) erhältlich bei Wein & Co für 19,99 Euro (Deutschlandlieferung)
Beim Captain gibt es noch mehr über französische Weine zu erfahren.







Herr Josmeyer. Bitte Sakko, Hemd und Küchenrolle beachten... 





Das ist richtig guter Riesling aus dem Elsass, dem nichts fehlt, ausser Botrytis und Alkohol, wenn's nach manchen Publikumsgeschmack geht. Genau den hab' ich uns bei meinem letzten Besuch im Herbst chez Mme Hellmann im Aigle d'Or in Osthouse bestellt. Soweit ich mich erinnern kann stand der für Anfang 20,- auf der Karte. Kompromisslos ja, aber niemals intellektuell-anstrengend, animierend, sonst hätte ich keine 2. Flasche bestellt.