Der Captain ist auf dem Weg nach Frankreich. Und freut sich auf ein paar pipifeine Mittagessen mit bekannten Winzern. Mit ordentlich gutem Wein. Nichts ist schöner, als schon zu Mittag ein bisschen angeschlagen zu sein. Erst recht, wenn man sich vor der nachmittäglichen Arbeitsaufnahme ein kleines Nickerchen gönnen kann. Der Captain erinnert sich auch heute noch mit Wohlgefühl an einen zweistündigen Schlaf auf einer Parkbank in der Nähe von Bordeaux. Da hätte man dem Captain die ganze Kameraausrüstung klauen können, so tief war er weggetreten. Und so wärmend die Oktobersonne.
Aber unsere moderne Arbeitswelt ist ein Mittagsschlaf-Killer. Und Wein wird zu Mittag nur noch in den mediterranen Ländern getrunken. Der Captain hat zu dem deutschen Mittagsdilemma heute einen Artikel auf ZEIT-Online verfasst, der Samstag in der "extended version" auch auf diesem Schiff vorgelesen wird.
Mittagswein, der ist fein, er darf nicht alkoholisch sein
Gerade Deutschland hat ein paar hervorragende Mittagsweine. Alkoholarme, restsüße Rieslinge von der Mosel, der Saar, der Nahe, vom Rhein, aus Rheinhessen. Und sogar manche aus der Pfalz. Ideal, um sich zwischen zwölf und zwei ein bisschen breit zu machen.
Der Captain hat sich auf vielfachen Rat heute einen Riesling von der Saar aufgemacht. Einen Riesling, der ideal in die Reihe der Mittagsweine passt: den "Contessaar" 2008 der Familie Loch und dem Weinhof Herrenberg. Siebeneinhalb Prozent Alkohol. Und wahrscheinlich 20 Gramm Restzucker. Da kann man die ganze Flasche trinken, ohne dass der Alkohol eine große Wirkung tut.
Doch zuerst muss man mal an den Wein rankommen. Das ist nicht so einfach, den goldenes Plastik schützt den Verschluss. Das knisternde Zeugs muss man erst mal wegschneiden. Dann kommt eine dunkle Kappe über einer durchsichtigen Kappe. Und unter der durchsichtigen Kappe ist - man glaubt es kaum - ein Kronkorken. Wie bei einer Limo.
Kronkorken wie bei der Limo
Jetzt muss man erst den Kronkorkenöffner suchen, der Captain trinkt ja kaum Bier oder andere Softgetränke. Der Erste Offizier, ein alter Hopfenfreund, hat so ein silbernes Ding in der Hosentasche, weist den Captain aber drauf hin, dass der Korkenzieher auch so einen Öffner hat. Gelächter!
Claudia und Manfred Loch sind Quereinsteiger, in zwei Jahren feiern sie zwanzigjähriges Betriebsjubiläum. Die Lochs machen es sich nicht leicht, sie betreiben ökologischen Weinbau und setzen kompromisslos auf Charakter und Ausgewogenheit. Sie denken viel.
Der Captain vergleicht ihre Weine gerne mit jenen von VanVolxem, wenngleich die Detailunterschiede groß sind. Man merkt aber bei beiden Weinen, dass hier Quereinsteiger am Werk sind; Weinmacher, die keine Ausbildung zum Weinmacher haben und folglich völlig ohne schulische Lehre keltern. Das kann freilich auch hammerhart schief gehen. Tut es aber nicht.
Weinmacher, Quereinsteiger
Im Glas ein strohgelber Saft mit viel Öl und langsamen Schlieren. In der Nase gleich Honig, Blütenhonig. Dann Kräuter, Minze, Apfel, eine Südtiroler Bergwiese (!), Ginster, auch Majoran. Dann, nach und nach, kommt der Boden, das Metall, der Schiefer, das nasse Eisenbahngleis, die Metalltür eines Berliner Clubs. Wenn es regnet.
Im Mund dann sehr viel Terroir, also ein mineralischer Grundcharakter, der, von der hohen Säure unterstützt, die Restsüße in Balance hält. Und wer das kann, der ist ein großer Winzer. Der Contessaar 2008 von Loch ist folglich ein großer Wein. Gletscherbonbon, reife Birne, nur wenig sortentypischer Pfirsich. Einfach nur Trinkfluss. Noch ein Glas, bitte.
Null-Acht, Null-Neun = bunkern
Der Captain hat absichtlich den 2008er kommentiert. Und nicht den jetzt schon am Markt befindlichen 2009er, der ein besseres Jahr repräsentiert. Angesichts des schwierigen Jahres 2010 und der zu erwartenden Einbrüche bei der Menge muss man jetzt schon zu bunkern beginnen, wenn man 2011 gut zu trinken haben will. Gute Weine wird es auch 2010 geben. Aber zu wenige.
Manch einer wird diese Sorge wieder als besoffenes Hirngespinst abtun, doch der Captain kann sich noch gut an den Engpass erinnern, der durch die schlechten Jahre 1991 und 1992 ausgelöst wurde. Da gab es eine Zeit lang wenig Gutes am Markt. In diesem Sinne: Zuschlagen.
- Riesling Contessaar 2008 (und 2009) vom Weingut Loch für 18,90 Euro direkt ab Weingut.
Der Captain empfiehlt außerdem noch mehr hervorragende Weine aus Deutschland.







Diese beiden Personen (hier völlig aus dem Zusammenhang gerissen abgebildet) demonstrieren die Wirkung des Mittagsweins 





@ Captain, was soll den immer diese Panikmache. Ob ein Jahrgang schlecht oder gut wird ist selbstverständlich vom allg. Wetter abhängig. Dennoch haben wir unterschiedliche Rebsorten die auch unterschiedlich auf Wetterbedienungen reagieren.
Hinzu kommt das bei nicht so guten Jahrgängen die Arbeit des Winzers eine größere Rolle spielt (Pflegemaßnahmen usw.) - das unterscheidet auch einen guten von einem nicht so guten Winzer.
Eines wird ganz sicher zutreffen das sich die geringe Menge auf den Preis auswirkt - nichtsdestotrotz wird der Jhg. 2010 auch gute Qualitäten zu bieten haben.