04.05.11 WEINE 4 Einem Freund senden

Ein Wein für Frau und Herr Jedermann

Stille Tage im Klischee: das alte, neue, das irgendwie Elsass...Stille Tage im Klischee: das alte, neue, das irgendwie Elsass...

Wie viele Flaschen werden von dem Wein gemacht? Jahrgang 2009. Ungefähr sechshunderttausend. Wohin gehen diese Flaschen? In alle Welt, vor allem aber nach England und in die Vereinigten Staaten. Auch Skandinavien und Deutschland sind große Abnehmer. Nur im eigenen Land bleibt dieser Wein unter "ferner liefen". In Frankreich trinkt man billigeren Gewürztraminer.

Die Kellerei heißt Hugel. Und sie residiert im Elsaß. Hugel macht ein paar erstklassige aber nicht unbedingt herausragende Lagenrieslinge von teils gigantischer Fettigkeit. Also das Gegenteil von allem, was Maat Mally hier seit Monaten in seine Bibel schreibt. Wir wollen aber nicht über den Riesling reden, auch nicht über den "Gutsriesling" von Hugel, sondern über diesen Gewürztraminer, der laut Hugel zum absoluten Renner des Weinguts mutiert.

Das hat freilich einen Grund. Dieser Gewürztraminer will allen gefallen, dieser Gewürztraminer muss allen gefallen. Selten war ein Wein perfekter. Er überzeugt sogar alle Gegner dieser und anderer Aromasorten. Denn er ist kräftig, süffig und elegant. Und kostet gerade so wenig, dass man ohne zu überlegen eine Flasche aufmacht. Hugel ist mit diesem Wein ein großer Wurf gelungen.

Weinmaschinerie Hugel

Die Wenmaschinerie Hugel (unter Leitung von Etienne Hugel) ist schon länger auf dem Weg zum konsumierbaren Massenwein. Auch der einfache Riesling ist denen von Trimbach, Beyer oder anderen "Massenanbietern" weit überlegen. Es ist ein konsequent gedachter Ausbruch aus der Modernitätsferne, die das Elsaß vor allem für Traditionalisten empfehlenswert macht. Und zwar solche Traditionalisten, die Sie und ich nicht gerne kennen - den Rückwärtsgewandten.

Am Etikett hat man nichts geändert. Und wird auch nichts ändern. Es ist ein Statement. Und soll Statement bleiben. Die da draußen, die den Weißwein und die Marke kennen, sollen nicht glauben, es habe sich groß was geändert. Doch, es hat.

Der Captain hat zum Vergleich einen Gewürztraminer aus 2005 aus dem Keller geholt. Und einen aus 2001. Beide Gutsweine. Und keine Lagen. Beide unmittelbar zu vergleichen. Der 2001er weist eine ungeheure Opulenz auf, hat deutliche, aber nicht unangenehme Fehltöne einer etwas schlampigen Kellerarbeit, die die Franzosen immer als Teil des Terroirs verkaufen. Und aus ihrer Sicht haben sie auch Recht damit.

Monströse Frucht

Der 2005 zeigt eine fast monströse Frucht, als sei man in diesem Jahren auf der Suche gewesen. Von einem Fehlton ist nichts mehr zu merken. Doch der Wein wirkt stilistisch zu einem Kraftprotz aufgebauscht. Und von jeder Eleganz ferngehalten, auch wenn das nicht gelingt.

Was für ein Unterschied zum 2008er. Und erst zum 2009er. Unglaublich, was sich da getan hat. Maat Mally würde sagen, dafür ist eine ausgeklügelte Kellertechnik verantwortlich, der Neubau, die neuen Geräte, die präzisen Aromahefen. Das alles wären Vermutungen. Und Maat Mally würde mit diesen Vermutungen wohl Recht behalten. Wenn er sie stellen würde.

In der Nase ein helles, sehr klar ausgeprägtes und ungeheuer präziser Sortenaroma. Keine Flasche weicht von der anderen auch nur um eine Nuance ab. Der Wein schmeckt gemacht wie etwa der teure Industriesauvignon Cloudy Bay aus Neuseeland. Hugel hat gelernt. Und zwar in der Neuen Welt.

Mehr noch Neue Welt

Neben dem Traminer auch Haselnüsse, Orangenzesten, etwas Blütenhonig, etwas kandierte Veilchen, heller Löwenzahn. Nicht die Spur Bitterkeit, nicht die Spur Ungleichgewicht, nicht die Spur Spannung. Und weit und breit kein Terroir, kein Boden, nichts. Diese Unabwägbarkeiten hat man bewusst vermieden. Der Traminer soll alle erreichen.

Und das tut er. Erst recht, wenn er den Mund erreicht. Denn dort ist er noch mehr "in duty" als in der Nase. Viel Frucht, sanfter Druck, eine präzise und sanfte Säure. Ungeheure Süffigkeit. Aber wieder nichts, das man als Besonderheit herausstreichen könnte. Dieses Fehlen ist die Besonderheit. Dieses Fehlen gepaart mit Vergnügen, das Seinesgleichen sucht.

Ein großer Wein. Ja, wirklich. Wenn man Abstand will, wenn man Abstand braucht von all dem Besonderen, dem Grenzwertigen, dem Versuchten und Gelungenen. Dann ist dieser Wein richtig. Für Frauen, denn er ist feinaromatisch und verführerisch fruchtig. Für Männer, denn er hat Druck und bekennt sich zum Alkohol. Deswegen ein Muss. Für den Sommer. Für immer. Für nie. Wenn man das andere braucht, das einem fehlen würde, müsste man diesen Wein jeden Tag trinken. Muss man aber nicht.

Der Captain hört Velvet Underground: All Tomorrow´s Parties.



DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 4

Kommentare

Gast

Hatte mal den 08er. Blasses Strohgelb, Rosen, Lychee und auch ein etwas eigenartiger Geruch nach frischgepressten Kartoffelsaft.
Perfekt zu dem pseudochinesischen Wok zu dem er damals serviert wurde.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Michael Pronay

Bitte freundlicherweise um Alkoholangabe; wie sieht's dem Zuckerrest aus: ganz trocken?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

12,5% und knochentrocken..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Michael Pronay

Danke!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld