Früher hatten alle deutschen Weine lange Namen. Früher, das war vor 30 Jahren. Doch seit den 1990ern - das Weingut Fritz Haag war in dieser Sache ein Vorreiter - versuchen viele deutsche Winzer aus ihren Namen eine starke Marke zu kreieren. Sie suchen zudem einen Weg, ihre hochwertigen Rieslinge (die mit den langen Namen) noch stärker von der breiten Masse abzuheben. Auch von der breiten Masse der eigenen Kollektion.
Heute hat jedes Weingut mindestens einen einfachen Wein pro Rebsorte, der nur unter dem Gutsnamen vermarktet wird. Etwa: "Riesling 2009 von Toni Jost". Keine Lage, kein Prädikat. Diese Gutsweine sind im besten Sinne die Visitenkarte der Winzer. Und trotzdem tummelt sich unter diesem Label auch Mittelmaß. Unter den Weinen der Spitzengüter sind diese Weine aber meist die größten Schnäppchen. Und in einem großen Jahr wie 2009, wo allerorten Moste mit hohem Zuckergehalt eingefahren wurden, stehen die meisten Gutsrieslinge auf dem Niveau von Großen Gewächsen aus einem kleinen Jahr. Das klingt dick aufgetragen. Ist aber wahr.
2009 Gutsriesling wie manch Großes Gewächs 2008
Man könnte entgegnen, es müsse bei solchen in Massen produzierten Weinen doch der letzte Schliff fehlen, die echte Komplexität. Das ist nur zum Teil wahr. Die Antwort darauf sind drei Weine aus der Fülle sehr guter 2009er Gutsrieslinge, die angetreten sind, das Gegenteil zu beweisen.
Zum Beispiel Stephan Attmann vom VDP-Weingut Von Winning (ehemals Dr. Deinhard), der weiß, wie ein Riesling von der Mittelhaardt schmecken soll. Schon sein einfachster Wein, der allerdings auf den albernen Namen ‚Win Win‘ hört, zeigt ernsthafte Würze und beste Struktur. Der Saft stammt überwiegend aus der Deidesheimer Spitzenlage "Mäushöhle" und ist zum Großteil im Stahltank und zu einem Viertel im großen Holzfass ausgebaut. Das bringt auf der einen Seite glasklaren Trinkspaß und saftige Frucht, auf der anderen Seite eine sahnige Cremigkeit und mehr Struktur. Herzhafte Säure, Kräuternoten und viel Saftigkeit bei knappen 12 Volumenprozenten Alkohol. Genug Substanz, um auch im Herbst zu schmecken. Zum Kastanien-Saumagen oder zur Pfälzer Leberwurst. Ein Blick auf den Preis, ein Schluck aus dem Glas: der Win-Win ist tatsächlich ein Doppelsieg. Der Name ist trotzdem ein Schmarrn!
Ein Riesling von Emrich-Schönleber (auch VDP) ist immer eine sichere Karte. Neben Wittmann ist Schönleber - meiner Meinung nach - der größte Könner in Deutschland, was eine konstante Höchstleistung bei den trockenen Rieslingen angeht. Sein Gutsriesling kann sogar reifen. Eine Flasche 2005er war vor ein paar Tagen ein gut getarnter Pirat in einer Serie Großer Gewächse. Kein Riese, aber einer, der mithalten konnte.
Gutsriesling 2009: Viel Wein für wenig Geld
Emrich-Schönlebers 2009er zeigt in Ansätzen schon die steinige, kühle Würze des Riesling Halenberg - der Paradelage der Schönlebers. Hier liegt der Vergleich mit kühlem, scharfen Stahl nahe. Limette und blühender Weißdorn, eine erdige Würze, warmer Stein im Weinberg. Am Gaumen ausholend, saftig mit ausgereifter und sehr griffiger Säure. Ein junger, kühler, sehniger Riesling, der ohne jeden Fruchtkitsch auskommt. Lüften schadet nicht.
Schloss Lieser, ebenfalls ein VDP-Weingut, ist für seine rest- und edelsüßen Rieslinge bekannt, die man in den Toplagen von Brauneberg und Lieser erntet. Dass Thomas Haags Weingut seit Jahren auch eine der verlässlichsten Adressen für trockenen Riesling ist, lässt sich daran erkennen, dass Haags Gutsriesling immer die erste Position ist, die gleich wieder vom Markt kommt. Ausverkauft. Binnen weniger Wochen.
Doch das überrascht. Ist der Stil doch wenig massenkompatibel. Die Nase zeigt noch viel jugendliche Hefe, auch dunkle, erdige Würze des Schiefers und roten, reifen Apfel. Ein weiterer Eindruck: Der Duft von kräftiger Brühe, der Suppenknochen schwimmt noch im goldgelben, heißen Saft. Saftiger Pfirsich kleidet den Mund aus. Glasklare, saftintensive Frucht mit einer Ahnung von Mineralität, die zwischen salzig und rauchig changiert. Eine rassige, fast stahlige Säure fährt Karussell am Gaumen. Wilder Riesling, ungeheurer Trinkfluss. Außergewöhnlich.
- 2009 Riesling trocken, Schloss Lieser für 7,95 Euro
- 2009 Riesling trocken, Emrich-Schönleber für 8,95 Euro
- 2009 ‚Win Win‘ Riesling trocken von Winning für 9,90 Euro
- Alle drei Weine können über Gute Weine Lobenberg bezogen werden. Lobenberg liefert auch nach Österreich ab 12 Flaschen frei Haus.
Der Captain betont, dass weder er noch seine Maate an dem Verkauf der angeführten Weine auch nur einen Cent verdienen. Auch gibt der Captain nur Hinweise und keine Bestpreisgarantie oder Ähnliches.
Empfohlen werden außerdem auch diese deutschen Weine und diese Weinschnäppchen.







Die Weinernte ist im Gange. 2010 wird es nicht so lustig... 





Hallo,
eine ganz pfiffige Auswahl. Ich werde zwar trotzdem keinen wertvollen Kellerplatz durch Gutsrieslinge belegen. Aber ich bin ja auch nichtdie Zielgruppe ;-)
Bei "Name de Weinguts als Marke für den Gutswein" hätte ich eher an Robert Weil gedacht. Den FH-Riesling findet man seltener. Kann mich auch nicht dran erinnern, dass der in den 90ern jemanden vom Hocker gerissen hat. Sei's drum.