29.07.10 WEINE 16 Einem Freund senden

Mein Leben, mein Riesling (2)

Deutsche Rieslinge wachsen lebensbedrohlich (alle Fotos: Van Volxem)Deutsche Rieslinge wachsen lebensbedrohlich (alle Fotos: Van Volxem)

Die Rieslingwoche beim Captain. Lange vernachlässigt, jetzt steht die deutscheste aller deutschen Trauben wieder im Mittelpunkt, also am Holztisch in der Kombüse des Schiffs. Der Captain trank bei zwei Verkostungen viele kleine Gläser dutzender ausgesuchter Rieslinge. Und schrieb seine Favoriten auf. Großartige Weine großartiger Winzer. Aber es sind immer die gleichen Weinmacher, die bei der Kultivierung des Riesling hervorstechen.

Im gestrigen ersten Teil trank der Captain Rieslinge von Diel, St. Antony und Dottore Loosen. Heute folgen die Weine der VDP-Weingüter Egon Müller, Van Volxem, Tschäj Tschäj Prüm und Markus Molitor (dieser Name verpflichtet quasi zu einer Karriere).

Zuerst zu einer kleinen Enttäuschung. Die Rieslinge von Egon Müller konnten den Captain diesmal nicht überzeugen. Bis auf einen. Die Scharzhofberger Spätlese 2006 beispielsweise wirkte erstaunlich unbalanciert, in der Nase schon fortgeschritten, doch am Gaumen sperrig. Viel Hefe (?). Und teilweise völlig verhalten. Das war auch bei den anderen beiden Flaschen gleicher Lage und gleichen Jahrgangs so. Also keine Ausnahme. Da muss man wohl noch warten. Wenn das Warten was bringt.

Müllers Esel, der bin ich

Grandios dafür die Scharzhofberger Spätlese 2005. Preislich unter der Auslese, schmeckt die Spätlese dramatisch ähnlich und bietet das gleiche perfekt balancierte Verhältnis zwischen Zucker und Säure, das der Captain immer als "Egon-Müller-Balance" beschreibt. Hier war sie wieder.

In der Nase Malz, nasser klarer und kalter Stein, großartig frische, eher dunkle Kräuter, Pfirsich, heller polierter Auspuffstahl. Im Mund ein Gletscherdrops mit eleganter und sich nicht in den Vordergrund drängender Süße. Eine geschliffene Arbeit, wie man das von einem Winzer mit dieser Reputation erwartet.

Sei Volxem (weiterhin)

Nachbar an der Saar ist das relativ neue und zuletzt dynamisch aufstrebende Weingut Van Volxem. Eigentümer, Weinmacher und Betrieb sind beim Captain schon oft genug beschrieben worden. Nur kurz: Hier geht man eigene Wege.

Auffällig bei Van Volxem ist, dass die Weine trotz Spontanvergärung und freier Wildbahn alle einen deutlich festmachbaren Stil zeigen, der sich nicht in der Breite dehnt, sondern sehr stabil in einer eher engen Bandbreite seine Möglichkeiten beweisen kann. Das hat der Captain bei dieser Verkostung so deutlich wie nie erfahren.

Sein absoluter Liebling aller gekosteten Volxem-Rieslinge war diesmal der 2007er Kanzemer Altenberg Alte Reben, ein Hammer von einem Wein, heftig, herausfordernd, dann aber doch sehr willens zu gefallen. Ribisl- und Bleistifttöne in der Nase, im Mund kräftige und deutliche Schiefernoten (also das, was der Captain als solches identifiziert), dann auch Apfel, Kräuter, Ton und Pfirsich. Ein Wein, der sich gerade im Wandel befindet.

Es prüme, wer sich ewig bindet

Danach dann die Rieslinge von Katharina und Manfred Prüm (Tschäj Tschäj), einer der ersten deutschen Winzer den der Captain (ein Österreicher) kennen und lieben lernte. Völlig zu Recht, wie die Weine beweisen.

Das Weingut Prüm sorgt generell vor, hat Menge, und kann heute eine ausreichende Anzahl alter Rieslinge liefern, die eine Art Leistungsschau der Vielfalt und Jahre sind. So etwas ist selten.

Grandios der Riesling Wehlener Sonnenuhr 1994, 26 Jahre alt und kaum morbid, elegant, kräftig, mit extremer Länge, unglaublich frisch, in der Nase viel Erbse und Chicorée, etwas Rotkraut sogar. Erstaunlich vielfältig. Ebenso gigantisch der Riesling Auslese Goldkapsel 1982 aus gleicher Lage. Kaum Alterstöne, in der Nase sofort jede Menge gelber Paprika, wieder Erbse, dann Bisquit, Vanille, Mango und auch Salz. Perfekt der gleiche Wein aus dem Jahr 1990, sehr exotisch, ein wenig Blütenhonig, und auch nur wenig Botrytis. Groß auch 1995. Was für ein Erlebnis.

Am Monitor der Molitor

Zum Schluss Markus Molitor. Unglaublich gut und im ersten Eindruck eher ein Burgunder, als ein Resling (von 6 Matrosen im gleichen Augenblick bestätigt), war der Riesling trocken 2001 Auslese Zeltinger Sonnenuhr ***. Ein dramatischer Eindruck von Leflaive und Coche Dury, mineralisch, perfekte Balance, lecker, lecker, lecker. In der Nase noch Salz und Steinobst; im Mund viel Pfirsich.

Die 2007er Sonnenuhr Auslese ** (wieder die trockene Variante) ist ein absoluter Lagerwein. Kräftig, gewaltig, fett. Aber jetzt noch sperrig und nur wenig zugänglich. Wieder (wie schon 2001) fällt die hohe Mineralität auf, die Molitor hier bringt. Wieder eine Handschrift. Groß.

Nüchtern in Berlin

Und dann fuhr der Captain nach Berlin. Zu einer zweiten Riesling-Verkostung. Im Spiel: Winzer der zweiten Reihe. Von Mosel, Rheinhessen, Rheingau und Pfalz. Keine großen Namen. Aber bekannte darunter. Und solche, die nach oben wollen.

Der Captain kostete 60 Rieslinge und war von keinem überzeugt. Kein Wunder nach dieser Premium-Trinkerei am Attersee. Aber trotzdem, auch nach der Gehirnwäsche, war kein Riesling hervorstechend, zeigte kein Riesling eine klare und besonders eigen erscheinende Handschrift. Ist es so, dass hinter den 150 bedeutenden und bestätigten Spitzenproduzenten nichts Interessantes nachkommt? Der Captain hätte sich wenigstens mehr Unterschied erwartet, mehr Individualität. Denn: auch wenn da was schiefgeht, so belegt es zumindest Mut. Und den Mutigen kann geholfen werden. Aber so?

Aber so? Der Captain lässt mal etwas Zeit verstreichen. Und wagt sich dann nochmal in die zweite Reihe. Denn das Land braucht neue Rieslinge. Die etwas hermachen. Es kann nicht immer Kaviar sein. Doch es soll.

  • Riesling Scharzhofberger Spätlese 2005 von Egon Müller für 72,50 Euro bei Dallmayer
  • Riesling Kanzemer Altenberg Alte Reben 2007 von Van Volxem für 31,90 Euro bei Weinhandel Diehl
  • Riesling Wehlener Sonnenuhr Auslese 2007 von J.J. Prüm für 35,00 Euro bei WeinArt
  • Riesling Zeltinger Sonnenuhr Spätlese trocken 2007 von Markus Molitor (gekostet wurde die offenbar nicht mehr im Handel befindliche Auslese) für 16,50 Euro bei Weinspürnase

Das hausinterne Sternesystem von Markus Molitor wird in diesem Link erklärt.

Der Captain empfiehlt außerdem noch weitere hervorragende Deutsche Weine. Oder möchten die Matrosen lieber mehr über VDP-Winzer erfahren?



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Kommentare 16

Kommentare

Master at Arms

Hört sich gut an. Schön, dass die 05er Scharzhofberger Spätlese so gut angekommen ist.
Nur das Urteil über die "zweite Reihe" macht etwas Bauchschmerzen. Die verkosteten Weine scheinen eher aus der dritten und vierten Reihe gekommen zu sein.
Da ist schon noch viel mehr in Deutschland als E. Müller und J.J. Prüm. Auch unter den 150 Namen, die Z.B. im Gault Millau oder Eichelmann stehen sind einige spannende Jungwinzer.

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Der Captain

Ich würde mich freuen, ein paar Ihrer Tipps zu hören. Um auch zu wissen, ob die bei mir in Berlin dabei waren..

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wuerzgarten ...noch was

weingut vollenweider natürlich

und

Weingut Pohl-Botzet - echter Geheimtipp aus Graach
mit einigen Schätzen im Fass ...
Claudia heißt die junge Winzerin - mit genug 'Sturheit' und Eigensinn bewaffnet, auch mal 3 Jahre zu warten, bis sie mit einem Wein zufrieden ist und dann liebt man sie )

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Der Captain (auswärts)

So viele Monate danach. Und auch noch so früh...

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wuerzgarten ...naja

Also lieber um diese Zeit und so lange danach keinen Kommentar?

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Master at Arms

Bitte sehr:

Weinhof Herrenberg
A. J. Adam
Weingut O
Weiser Künstler
Weinbau Hausen (Projekt 156)
Van Elkan
Weingut Vols
Deutschherrenhof
Lubentiushof

Länger dabei aber immer noch interessant:
Weingut Flick (Wicker)
Georg Mosbacher
Weingot von Racknitz
Martin Müllen

Zugegeben, die Liste ist sehr Mosel-Saar-Ruwer lastig, (ich würde mich auch über ein paar aufstrebende Talente im Rheingau abseits von Kühn, Flick und George freuen, die wirklich was wagen)

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Der Captain (auswärts)

3 waren mit dabei. 2008er und junge 09er..

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Gast

Ich würde bei den Moselbetrieben noch folgende hinzufügen:
-Günther Steinmetz
- Dr.Siemens, vor allem die 07er u.09er
- Weinhof Herrenberg
- Weingut Lauer
- .....

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Master at Arms

welche denn?

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Der Captain (auswärts)

Ich schweige lieber über schlechte Erfahrungen..

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Sanders

Ein wirklich talentierter Jungwinzer, der vielleicht mangels großer Lagen nicht ganz hoch aufsteigen wird, aber seit 2006 bis heute immer sehr saubere Weine zu exzellenten Preisen macht, ist m.E. Christian Heußler. Der 2006 Cabernet Sauvignon zum Beispiel ist große Klasse, ebenso die Rieslinge aus 2008. 2009 habe ich im Keller, aber noch nicht probiert.

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Master at Arms

*gähn*

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Master at Arms

---> war auf die vorherige mail bezogen

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Der Captain (auswärts)

Auf meine also, wenn ichs richtig verstehe..

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Master at Arms

Wenn der Captain schon so ein großes Segel aufzieht, sollte da auch Luft dahinter sein. Sonst sieht das vom Ufer ziemlich unelegant aus.

Ist doch auch kein Beinbruch Ross und Reiter zu nennen, das passiert in andren Foren täglich. Wenn es begründet ist, sehe ich da kein Problem. In Weinführen stehen auch nicht nur die 90+ Weine drin.

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Juppi berechnend

Bitte korriegieren: Ein Riesling von 1994 ist heut keine 26 sondern 16 Jahre alt. Oder war es ein Wein aus 1984 ??? das wäre dann ne überraschung, da das ein extrem schwaches jahr war.
Hat man eigentlich was von den 11 Monaten bei Fritz Becker gehört?

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