Die Rieslingwoche beim Captain. Lange vernachlässigt, jetzt steht die deutscheste aller deutschen Trauben wieder im Mittelpunkt, also am Holztisch in der Kombüse des Schiffs. Der Captain trank bei zwei Verkostungen viele kleine Gläser dutzender ausgesuchter Rieslinge. Und schrieb seine Favoriten auf. Großartige Weine großartiger Winzer. Aber es sind immer die gleichen Weinmacher, die bei der Kultivierung des Riesling hervorstechen.
Im gestrigen ersten Teil trank der Captain Rieslinge von Diel, St. Antony und Dottore Loosen. Heute folgen die Weine der VDP-Weingüter Egon Müller, Van Volxem, Tschäj Tschäj Prüm und Markus Molitor (dieser Name verpflichtet quasi zu einer Karriere).
Zuerst zu einer kleinen Enttäuschung. Die Rieslinge von Egon Müller konnten den Captain diesmal nicht überzeugen. Bis auf einen. Die Scharzhofberger Spätlese 2006 beispielsweise wirkte erstaunlich unbalanciert, in der Nase schon fortgeschritten, doch am Gaumen sperrig. Viel Hefe (?). Und teilweise völlig verhalten. Das war auch bei den anderen beiden Flaschen gleicher Lage und gleichen Jahrgangs so. Also keine Ausnahme. Da muss man wohl noch warten. Wenn das Warten was bringt.
Müllers Esel, der bin ich
Grandios dafür die Scharzhofberger Spätlese 2005. Preislich unter der Auslese, schmeckt die Spätlese dramatisch ähnlich und bietet das gleiche perfekt balancierte Verhältnis zwischen Zucker und Säure, das der Captain immer als "Egon-Müller-Balance" beschreibt. Hier war sie wieder.
In der Nase Malz, nasser klarer und kalter Stein, großartig frische, eher dunkle Kräuter, Pfirsich, heller polierter Auspuffstahl. Im Mund ein Gletscherdrops mit eleganter und sich nicht in den Vordergrund drängender Süße. Eine geschliffene Arbeit, wie man das von einem Winzer mit dieser Reputation erwartet.
Sei Volxem (weiterhin)
Nachbar an der Saar ist das relativ neue und zuletzt dynamisch aufstrebende Weingut Van Volxem. Eigentümer, Weinmacher und Betrieb sind beim Captain schon oft genug beschrieben worden. Nur kurz: Hier geht man eigene Wege.
Auffällig bei Van Volxem ist, dass die Weine trotz Spontanvergärung und freier Wildbahn alle einen deutlich festmachbaren Stil zeigen, der sich nicht in der Breite dehnt, sondern sehr stabil in einer eher engen Bandbreite seine Möglichkeiten beweisen kann. Das hat der Captain bei dieser Verkostung so deutlich wie nie erfahren.
Sein absoluter Liebling aller gekosteten Volxem-Rieslinge war diesmal der 2007er Kanzemer Altenberg Alte Reben, ein Hammer von einem Wein, heftig, herausfordernd, dann aber doch sehr willens zu gefallen. Ribisl- und Bleistifttöne in der Nase, im Mund kräftige und deutliche Schiefernoten (also das, was der Captain als solches identifiziert), dann auch Apfel, Kräuter, Ton und Pfirsich. Ein Wein, der sich gerade im Wandel befindet.
Es prüme, wer sich ewig bindet
Danach dann die Rieslinge von Katharina und Manfred Prüm (Tschäj Tschäj), einer der ersten deutschen Winzer den der Captain (ein Österreicher) kennen und lieben lernte. Völlig zu Recht, wie die Weine beweisen.
Das Weingut Prüm sorgt generell vor, hat Menge, und kann heute eine ausreichende Anzahl alter Rieslinge liefern, die eine Art Leistungsschau der Vielfalt und Jahre sind. So etwas ist selten.
Grandios der Riesling Wehlener Sonnenuhr 1994, 26 Jahre alt und kaum morbid, elegant, kräftig, mit extremer Länge, unglaublich frisch, in der Nase viel Erbse und Chicorée, etwas Rotkraut sogar. Erstaunlich vielfältig. Ebenso gigantisch der Riesling Auslese Goldkapsel 1982 aus gleicher Lage. Kaum Alterstöne, in der Nase sofort jede Menge gelber Paprika, wieder Erbse, dann Bisquit, Vanille, Mango und auch Salz. Perfekt der gleiche Wein aus dem Jahr 1990, sehr exotisch, ein wenig Blütenhonig, und auch nur wenig Botrytis. Groß auch 1995. Was für ein Erlebnis.
Am Monitor der Molitor
Zum Schluss Markus Molitor. Unglaublich gut und im ersten Eindruck eher ein Burgunder, als ein Resling (von 6 Matrosen im gleichen Augenblick bestätigt), war der Riesling trocken 2001 Auslese Zeltinger Sonnenuhr ***. Ein dramatischer Eindruck von Leflaive und Coche Dury, mineralisch, perfekte Balance, lecker, lecker, lecker. In der Nase noch Salz und Steinobst; im Mund viel Pfirsich.
Die 2007er Sonnenuhr Auslese ** (wieder die trockene Variante) ist ein absoluter Lagerwein. Kräftig, gewaltig, fett. Aber jetzt noch sperrig und nur wenig zugänglich. Wieder (wie schon 2001) fällt die hohe Mineralität auf, die Molitor hier bringt. Wieder eine Handschrift. Groß.
Nüchtern in Berlin
Und dann fuhr der Captain nach Berlin. Zu einer zweiten Riesling-Verkostung. Im Spiel: Winzer der zweiten Reihe. Von Mosel, Rheinhessen, Rheingau und Pfalz. Keine großen Namen. Aber bekannte darunter. Und solche, die nach oben wollen.
Der Captain kostete 60 Rieslinge und war von keinem überzeugt. Kein Wunder nach dieser Premium-Trinkerei am Attersee. Aber trotzdem, auch nach der Gehirnwäsche, war kein Riesling hervorstechend, zeigte kein Riesling eine klare und besonders eigen erscheinende Handschrift. Ist es so, dass hinter den 150 bedeutenden und bestätigten Spitzenproduzenten nichts Interessantes nachkommt? Der Captain hätte sich wenigstens mehr Unterschied erwartet, mehr Individualität. Denn: auch wenn da was schiefgeht, so belegt es zumindest Mut. Und den Mutigen kann geholfen werden. Aber so?
Aber so? Der Captain lässt mal etwas Zeit verstreichen. Und wagt sich dann nochmal in die zweite Reihe. Denn das Land braucht neue Rieslinge. Die etwas hermachen. Es kann nicht immer Kaviar sein. Doch es soll.
- Riesling Scharzhofberger Spätlese 2005 von Egon Müller für 72,50 Euro bei Dallmayer
- Riesling Kanzemer Altenberg Alte Reben 2007 von Van Volxem für 31,90 Euro bei Weinhandel Diehl
- Riesling Wehlener Sonnenuhr Auslese 2007 von J.J. Prüm für 35,00 Euro bei WeinArt
- Riesling Zeltinger Sonnenuhr Spätlese trocken 2007 von Markus Molitor (gekostet wurde die offenbar nicht mehr im Handel befindliche Auslese) für 16,50 Euro bei Weinspürnase
Das hausinterne Sternesystem von Markus Molitor wird in diesem Link erklärt.
Der Captain empfiehlt außerdem noch weitere hervorragende Deutsche Weine. Oder möchten die Matrosen lieber mehr über VDP-Winzer erfahren?







Deutsche Rieslinge wachsen lebensbedrohlich (alle Fotos: Van Volxem) 





Hört sich gut an. Schön, dass die 05er Scharzhofberger Spätlese so gut angekommen ist.
Nur das Urteil über die "zweite Reihe" macht etwas Bauchschmerzen. Die verkosteten Weine scheinen eher aus der dritten und vierten Reihe gekommen zu sein.
Da ist schon noch viel mehr in Deutschland als E. Müller und J.J. Prüm. Auch unter den 150 Namen, die Z.B. im Gault Millau oder Eichelmann stehen sind einige spannende Jungwinzer.