Der Postkarten-Rheingau. Das Dorf Assmannshausen, ein schmaler Schlauch zwischen Rhein und Weinbergen, hat etwa 1.000 Einwohner, eine gotische Kirche und ein prachtvolles Hotel an der Uferpromenade. Letzeres, die "Krone", hat schon Clemens Brentano und Robert Schumann als Gäste gesehen. Vor etwa 130 Jahren. Verwehte Jahre, stets präsent.
Die wachsende Begeisterung für die raue und wilde Gegend am Rhein wurde im 19. Jahrhundert vor allem von den Eindrücken August Schlegels genährt. Und von den Bildern des Engländers William Turner. Kunst und Kultur machten aus dem engen und schon damals verkehrsreichen Tal das Reiseziel der besseren Gesellschaft dieser Tage. Unter Glyzinien auf der Terrasse am Rhein, oder in holzgetäfelten Sälen hinter brokatschweren Vorhängen: Getrunken wird in Assmanshausen seit jeher lokal. Und zwar Weine vom Assmannshäuser Höllenberg. Rotwein. Spätburgunder.
Im Rieslingland Rheingau ist Assmannshausen die Ausnahme schlechthin, denn auf über vierzig Hektar wächst hier auf Phyllit-Schieferböden einer der feinsten und auffälligsten Rotweine Deutschlands. Und das seit mehr als 600 Jahren. Ein Sonderfall, den man sich näher ansehen muss.
Hölle, nicht von Hölle
Der Höllenberg ist grau, steil und flurbereinigt. Jede einzelne Parzelle glänzt penibel gepflegt. Das Land ist teuer und begehrt. Der Name "Höllenberg" ist keine Anleihe an die Unterwelt, auch nicht an die „höllische" Hitze, die sommers dank Klimaerwärmung nun öfter am Berg steht; nein, der Name ist bloß Hinweis auf einen besonders steilen Hang, mittelhochdeutsch "Helde". Unser Wort Halde - ein Überrest. Aus Helde wurde mit den Jahren Hölle.
Bis in die späten 1980er beherrschten viele kleine Winzer und ein paar großen Güter das Geschehen vor Ort. Allen voran: die Domäne der Hessischen Staatsweingüter. Und nur jene kelterte damals die denkwürdige Weine. Ein rubinroter, feuriger, ungeheuer würziger und immer noch saftiger 1959er Höllenberg Cabinet zum Beispiel, der auch nach über 45 Jahren Kellerreife ein faszinierender, gar nicht anstrengender Genuss ist. Aber vor vierzig Jahren tranken die Deutschen nur Franzosen und Italiener, tiefdunkel, fruchtig und schwer. Da war kein Platz für die duftigen und eher hellen Spätburgunder vom Rhein. Zugegeben, auch die Qualität war mehr als dürftig. Und Marketing war ein Fremdwort.
Dann kam die önologische Revolution ins beschauliche Assmannshausen. In Baden und in der Pfalz kannte man das Holzfass schon, das neue, kleine Gebinde namens Barrique. Die ersten Gehversuchte am Rhein schmeckten stark nach Schreinerei. Aber August Kesseler, Winzer am Assmannshäuser Höllenberg, konnte den deutschen Rotweinpreis 1988 trotz ungelenkem Holzeinsatz gewinnen.
Der Ausbau wurde schnell perfektioniert. Heute findet man kaum vergleichbare Barrique-Burgunder in Deutschland. Und die Preise und Auszeichnungen sprechen dafür, dass Kesseler (und seine Mitstreiter am Berg) wohl mehr verkaufen könnte, als im Keller liegt.
Man hat Kesseler vorgeworfen, dass die Duftigkeit eines typischen Pinots vom Höllenberg im neuen Fass verloren geht. Das ist ein Einwurf, der nicht von der Hand zu weisen ist. Doch Kesselers Weine sind immer noch typische Burgunder, denn sie bleiben bei aller Kraft überzeugend elegant und enorm saftig. Und sie duften nach Cassis und frischen Kräutern. Das Holz macht die Frucht nicht spröde. Und die Weine können reifen, haben Potential: 1997 und 1999 stehen gerade am Anfang ihrer Möglichkeiten.
Stück und Doppelstück statt Barrique
Pinot-Puristen der Region bestehen inzwischen auf den Ausbau im großen Holzfass, im Stück (1.200 Liter) oder Doppelstück (2.400 Liter), den althergebrachten Rheingauer Hohlmaßen.
So macht man es bei Schloss Schönborn, ein geschichtsträchtiges Weingut am Rhein. Großer Landbesitz, der in den letzten 700 Jahren angehäuft wurde. Lange Jahre ruhte man sich hier auf den Lorbeeren vergangener Epochen aus. Diese Phase der Starre ist vorbei, denn seit etwa vier Jahren erzeugt man auf dem Gut wieder vollmundige und spannende Rheinweine, die ihre Herkunft deutlich machen und Unikate sein wollen.
Schuld daran ist Peter Barth, der Mann, der bei Schönborn im Keller steht. Mit dem Jahrgang 2008 gibt es auch bei Schönborn einen Spätburgunder aus dem Assmannshäuser Berg: Der Wein zeigt sich abgerundet und ist trotz seiner Jugend von einer eleganten Reife gezeichnet. Dunkle Beeren und eine Ahnung von frischem Marmorkuchen und Schokoladenguss. Am Gaumen entwickelt sich die mineralische Würze des Schiefers. Ein seltener, trinkfreudiger Stil, der kaum noch gepflegt wird. Sauerbraten mit Rosinen und Lebkuchen. Sonntags. Dieser Wein scheint dafür gemacht.
Außerhalb von Johannisberg ist ein Raumschiff gelandet, ein mit einem Touch extravaganter Architektur versehener Weinkeller, der zur Hälfte aus dem Weinberg ragt. Das junge Weingut Chat Sauvage von Günter Schulz setzt beim Ausbau ganz auf Holz aus Meursault. Wie bei den Weinen von Kesseler macht auch hier die Reife im neuen Fass (18 Monate) nichts kaputt. Das Gebinde stützt die Frucht und verschafft dem Wein die nötige Balance. Auch diese modernen Burgunder mit viel Schmelz zeigen die fruchtige Eigenart des Höllenbergs: Sie duften frappierend nach Cassis. Ihr Bukett erinnert auch entfernt, je nach Jahrgang, an Stachelbeere, Minze und gehackte Petersilie.
Rotwein für Sommerhitze
Diese Unreife hat etwas animierendes, sie lässt die hellroten Pinots auch bei größter Sommerhitze schmecken. Eine straffe Säure sorgt für jene Spannung, die viele auf Konzentration vinifizierte Spätburgunder vermissen lassen. Auch dafür ist wohl der Höllenberg verantwortlich, der Boden, der Hang.
So unterschiedli
ch die Assmannshäuser gemacht sind, eines haben alle gemeinsam: Höllenberg kosten richtig Geld. Das ist für eine einzigartige Lage leider selbstverständlich. Aber es lohnt sich. Man wird einen Wein entdecken, der ganz viel von seiner Herkunft erzählt. Egal, ob er im kleinen oder im großen Holz erzogen wurde.
- 2008 Assmannshäuser Höllenberg Pinot Noir Erstes Gewächs, Chat Sauvage für 35,00 Euro bei Weinwelt Rheingau.
- 2008 Assmannshäuer Höllenberg Spätburgunder, Schloss Schönborn für 25,60 Euro ab Weingut.
- 2007 Pinot Noir, August Kesseler für
19,00 Euro bei Gute Weine Lobenberg. Nicht ausschließlich aus dem Höllenberg, aber dennoch sehr gut und preiswert.
Der Captain rät seinen Matrosen außerdem, sich noch weitere hervorragende Weine aus Deutschland anzusehen.







Schön ist´s. Am Rhein... 





‎....besuch da doch auch mal den " FREISTAAT FLASCHENHALS " !