Sonne scheint, Boote fahren. Villa rechts, Strand links. Der Captain ist auf Urlaub. Ligurische Küste: Varigotti. Altes maurisches Dorf, hier macht die italienische B-Prominenz Urlaub. September wäre besser gewesen, aber September, wo man noch gut baden kann, September steht nicht mehr auf der Speisekarte der erfolgsverwöhnten ligurischen Tourismusindustrie. Ende August wirft man hier das Handtuch. Schade.
Oben in den Bergen liegt eine kleines Restaurant, das der Captain nicht verraten wird, denn er will dort weiterhin alleine und in ausgewählter Begleitung unter italienischen Neureichen dinieren, die ihre Maserati und Porsches einen Kilometer weit weg abstellen, nur um auf dem Balkon dieses versteckten Speisezimmers Platz zu nehmen. Intimer geht kaum.
Der Captain hält die italienischen Angeber gut aus. Erstens pflegen sie ihr Äußeres, zweitens kann er immer noch das unsinnige Geschwätz ausblenden, wenn er seinen Sprachmodus wieder auf Deutsch stellt. Da können die dann reden, was sie wollen (Berlusconi = super, Lega Nord = megasuper, etc.), dem Captain ist es egal. Er blättert im Weinbuch.
Sollen die Neureichen doch das Teure trinken, wir trinken das Besondere
Und weil die Neureichen auch in Italien die gleichen Markenweine trinken, wie überall in der Welt, bleiben dem Captain die außergewöhnlichen Weine. Und weil der Wirt ein Weinenthusiast ist, kalkuliert er die seltenen Weine aus aller Welt sehr moderat. Und schlägt bei Tignanello, Sassicaia und Cervaro das Doppelte drauf. Das sind dann Weine für die Deppen. Inklusive Deppensteuer.
Nach dem Essen (Scampi aus Küstenfang) und einer Flasche des Querciabella-Absurdprojektes "Batár" ließ der Captain nach Süßwein fragen. Und der Sommelier trottete mit einem Sauternes herbei, einem Rieussec 2003, ein Wein, den die Welt nicht braucht.
Süßweine sind Kassengift. Weiß jeder Vinothekar. Süßweine bleiben in Restaurantkellern liegen wie Blei. Wenn man sie nicht glasweise ausschenkt. Das hat zur Folge, dass der teuerste Süßwein der Welt, der Chateau Yquem, zu relativ vernünftigen Preisen bunkerbar ist. Gegenteilig zu Petrus und Le Pin.
Noch dazu hält Süßwein lange. Der Captain empfiehlt folglich allen Eltern Neugeborener aus dem Geburtsjahr nur Süßweine (wenn es ein gutes Süßweinjahr war) einzulagern. Die Flaschen machen meist auch nach 30 Jahren noch Freude. Was bei manchen schnell vinifizierten Supertuscans oder Superbordeaux nicht der Fall sein wird.

Zurück zum Rieussec. Das Weingut gehört jenen von Lafite-Rothschild, ein Weinkonzern, der einige Spitzenweine keltert (und auch - das sei mal unverblümt gesagt - einigen Dreck). Rieussec ist unter den Sauternes-Weinen im Hochpreissegment eingebunkert. Also Luxus. Der Captain sagt dies auch, weil er bei jedem Wein, der mehr als zwanzig Euro kostet, eine gewisse Anzahl Leserbriefe bekommt, die sich darüber beschweren, dass kein Schnäppchen vorgestellt wurde. Es kann halt nicht immer Schnäppchen sein. Und außerdem gibt es heir am Schiff einen ganzen Laderaum voller Weine unter 10 Euro. Noch nicht gesehen, hä?
2003, ein verdammt schwieriges Jahr
2003 war ein schwieriges Jahr, heiß, trocken, frühe Ernte. Das Bordeaux ist halbwegs glimpflich davongekommen, im Sauternes gab es sogar ordentlich Botrytis, also jenen Schimmelpilz, der den Trauben die Feuchtigkeit entzieht und den Zuckergehalt der Beere steigen lässt.
Die Cuvée des Rieussec 2003 besteht vor allem aus Semillon. Die zweite wichtige Taube im Sauternes, der Sauvignon, darf sich bei diesem Wein nur zur Abrundung wichtig machen. Ebenso die dritte Traube, die Muscadelle. 2003 war ein Semillon-Jahr. Das merkt man, wenn man den Rieussec mit einem anderen Sauternes verlgeicht, der auf Sauvignon baut. Der Rieussec 2003 ist ein Weltwein aus einem mehr als komplizierten Jahr.
Im Glas dramatisch goldfarben, der hohe Alkohol (14 %) lässt den Rieussec schwer im Glas schlingern. Oh je, denkt man, das wird fett. Aber nicht elegant. Irrtum.
We proudly present: Ein Weltwein
In der Nase sofort sehr metallisch mit dem Geruch eines nassen Aschenbechers, dann gleich Gemüsenoten, Erbse, Erbsenschoten, Rauke, Löwenzahn, dunkle Kräuter. Später dann der Geruch eines neuen Schuhs. Im Schuhgeschäft, wenn man in den Schuh hineinriecht.
Wenig später noch ein bisschen Waldhonig und weißer Pfeffer, dann wieder nur florale Töne, Kamille, Gras; dann wieder Metall, wieder Eisenbahnschiene in der Sonne. Nach einer Stunde kommt ein wenig vom Holz durch (26 Monate im Barrique), eher Karamel, wenig Vanille.
Am Gaumen schwer, voll, konzentriert. Wenig Säure (kein Wunder bei der Hitze von 2003), diese aber sehr stabilisierend eingesetzt. Deutliche Botrytis. Aber trotzdem elegant. Ein ungeheures Trinkvergnügen. Und sicher zu früh geöffnet: Der Wein kann erst in drei bis fünf Jahren wirklich zeigen, was er kann. Und wird dann auch zum nahezu perfekten Rieussec 2001 aufschließen, ein Jahrhundertwein, der in diesem Jahr alle anderen Sauternes hinter sich ließ. Auch den Yquem.
- Chateau Rieussec 2003 für 66,27 Euro bei 1855. Captains Tipp: Kaufen und gut lagern. Ist ein sicheres Investment und hält gut und gerne 20 Jahre
Außerdem empfiehlt der Captain seinen Matrosen auch noch weitere Weine aus Frankreich.







Die hässliche Edelfäule. So gut... 





Wunderbare Intro für diesen wunderbaren Wein, werde sofort meine Sachen packen und ebenfalls auf Entdeckungstour gehen.