Es ist vier Uhr früh am Schiff. Der Captain kommt von einem Umtrunk nach Hause. Er trank mit jenen von St. Antony, die bei der VDP-Präsentation in Berlin ihre 2009er Weine der Öffentlichkeit vorstellen. Und auch die Weine von Heyl zu Herrnsheim, das zweite Weingut des Großinvestors, der hinter den Antonianern steht. Der Captain durfte eine Heyl-Trockenbeerenauslese aus dem Jahre 1921 verkosten, die eine gewaltig stabile Struktur aufwies. Und auch nach einer Stunde nicht schlapp machte. Was für ein Erlebnis.
Jetzt sitzt der Captain am Kombüsentisch und raucht eine. Eine Filterlose. Sein Kommen hat den Ersten Offizier aufgeweckt, der in der Küche am Boden vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen war. "Mit dem muss ich auch mal ein ernstes Wort reden", denkt der Kaptain, als er den Schiffsschlüssel auf den Tisch krachen lässt.
Captain: Aufwachen Alter!
Erster: ... Weißt Du was? Leck mich am Arsch.
Captain: Ich kann noch nicht schlafen. Komm, geh runter und hol uns noch ne Flasche Reparaturwein.
Erster: Jetzt? Er ist vier Uhr früh! Spinnst Du? Jetzt noch Wein?
Captain: Klar. Jetzt Wein. Jetzt funktioniert mein Gaumen noch. Hol uns doch diesen Auxerrois, den ich aus Luxemburg mitgebracht habe.
Erster: In Luxusburg wird Wein angebaut?
Captain: Ja, an der Moselle beispielsweise.
Erster: Und? Ist das was?
Captain: Hol ihn rauf, wir testen.
Erster: Soll ich auch den Auxerrois von Odinstal aus der Pfalz mitnehmen, den wir unten im Schiffsbauch haben?
Captain: Nee, den heben wir uns für ein anderes mal auf. Ich möchte den Auxerrois von Odinstal mit dem Gewürztraminer gemeinsam trinken, den die mir eingepackt haben.
Erster: Du bist mir nicht mehr egal. Um vier Uhr früh einen Wein aufmachen und ihn testen. Gehts noch? (Geht in den Schiffskeller)
Der Captain holt zwei Gläser aus der Spüle und lässt das Berliner Wasser oberflächliche Reinigungsarbeit tun. Die Gläser riechen nach Riesling. Das passt ganz gut.
Erster: So, da ist die Flasche. Sunnen-Hoffmann. Lage Hommelsberg. 2009. Nie gehört.
Captain: Den macht die Biowinzerin Corrinna Cox-Sunnen. Und die soll eine der besten Weinmacherinnen Luxenburgs sein. Ich hab ehrlich gesagt auch wenig Ahnung. Das Land ging mir bisher am Arsch vorbei.
Erster: Wie war es dort?
Captain: Schön. Mir gefallen ja in den Fels gestellt Städte mit aufregenden Lagen. Luxemburg, die Stadt meine ich jetzt, ist perfekt für eine Modelleisenbahnanlage. Da hast du alle landschaftlichen Ausprägungen. Bis auf Meer und Hochgebirge.
Erster: Und sonst?
Captain: Schweineteuer. Wie die Schweiz. Und nur halb so schön.
Erster: Plopp. Schon ist er raus, der Kork.
Captain: Quatsch nicht, schenk lieber ein.
Erster: Helles Goldgelb, wenig Alkohol, 12 % steht da. Mir scheint das noch ein bisschen übertrieben.
Captain: Nee, das wird schon stimmen. Hat aber ordentlich Restzucker, wie es scheint. So zwischen 10 und 13 Gramm. Und eine stabilisierende Säure. Sehr schönes Gerüst.
Erster: Was habe ich da in der Nase? Blumen, Stiefmütterchen, Veilchen, Nelken...
Captain: Kirsche, Apfel, Honig, Granit, Quitte, Zitrus, Granatapfel, Gummibärchen und kandierte Ananas.
Erster: Hallo, was Du wieder riechst. Fehlt nur noch der Aschenbecher.
Captain: Der kommt hier nicht vor. Dafür aber gewaschene Wäsche. Auf der Leine.
Erster: Im Mund ziemlich fett. Aber ohne spitzen Alkohol. Schwergewichtig, also das Gegenteil von einem Reparaturwein. Will ich nur sagen...
Captain: Jaja, ist schon gut, sehe ich genauso. Aber er bringt es voll. Sehr seltene Traube, ich hätte das für einen Chardonnay gehalten. Und aus einer Gegend, die ich nicht auf Anhieb weiß.
Erster: Tu nicht so, als wärst Du ein Weinkenner.
Captain: Und wie schmeckt er? Ein Fazit?
Erster: Ja, ein seltener Wein, ein ausgewogener und kräftiger Wein mit Lagerpotential. Sehr eigentümlich. Schmeckt wie ein Weißburgunder, der in einer Gegend wächst, die Botrytis hat...
Captain: Ja, die habe ich auch. Hier tut sie dem Wein aber gut. Langstrecke. Zehn Jahre mindestens.
Erster: Die Botrytis tut ihm sogar sehr gut, glaube ich. Wenn ein Winzer die Botrytis beherrscht.
Captain: Ich sage also, wir trinken hier einen aussergewöhnlich gut konsumierbaren Exoten aus einem Nachbarland, wo man gut Steuer hinterziehen kann. Als Ausländer.
Erster: Mir schmeckt jeder Schluck. Doch ich würde uns raten, noch etwas für später über zu lassen. Eventuell verändert sich der Wein noch.
Captain: Ganz sicher verändert er sich noch. Das tu ich wetten.
Erster: Geschenkt. Komm, erzähl mir, wie Du die Sarrazin Geschichte anlegen willst. Am Sonntag.
Captain: Ich sag´s Dir. Ein Wort: Hintergründig
- Auxerrois 2009 Hommelsberg für etwa 12,00 Euro (die Auskunftskraft konnte uns nur einen ungefähren Preis sagen) ab Weingut direkt.







Ein seltenes Gläschen vom Seltenen... 





Wir waren denn die anderen Weine von St. Antony und Heyl wenn ich fragen darf - oder wird man dann gleich wieder auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen...;-)