Eine Stadt in Deutschland. Ein Wohnzimmer. Ein Abend. Eine Runde durstiger Weintrinker. Eine Batterie Weinflaschen. Keine Flasche ist jünger als 15 Jahre, die ältesten stammen aus den 50er Jahren. Und die immer gleiche Frage: Kann man diese Weine noch trinken? Die Frage erübrigt sich nach dem ersten Schluck. Doch die Frage wird oft gestellt, die Frage nach der Trinkbarkeit. Und erschreckend häufig von jenem Schlag Menschen, den die Altvorderen als „echte" Kenner bezeichnet hätten. Jene, die alles schon getrunken haben. Und alles zu wissen glauben. Aber das Wissen ist gering. Über die eigentlichen Schätze der Weinkultur. Diese liegen ungehoben in tiefen Kellern und dämmern vor sich hin. Unerkannt.
Abseits der großen Namen und der ausgetrampelten Pfade, findet man Rieslinge aus der schönsten Epoche, die diese Rebsorte je hatte. Die Rede ist von den 1990er Jahren. Jener Dekade, die Jahrgänge voll satter Traubenreife und rassiger Säure brachte. Eine Zeit, in der Riesling noch Riesling sein durfte. Eine Zeit, in der Rieslinge gekeltert wurden, die jetzt erst ihre ganze Pracht entfalten.
Wer hat diese Weine noch im Keller? Man muss bei jenen suchen, deren Gewächse in der Jugend oft sperrig und unnahbar sind, bei den Traditionalisten und den Lordsiegelbewahrern der reinen Lehre. Auf der Suche nach dem vergessenen Stil, führt ein Eingeweihter die Eleven in zwei unscheinbare Dörfchen an der Mosel.
Ein grober, blanker Holztisch: darauf das geschliffene Treveris-Glas, ein Laib Landbrot und ein ganzer Schinken aus dem Rauch. Wollte man diesen Riesling in Szene setzen, dann hätte er dieses Stillleben verdient. Aber die 1992er Wehlener Sonnenuhr Auslese vom Weingut Jos. Christoffel jr. kommt in einer Karaffe auf den Tisch. Die Farbe: ein jugendliches Gelb mit, doch ja, mit fast noch grünlichen Reflexen. Der Duft? Wie Weißdorn vor dem Verblühen. Nein, eher wie wilde Heckenrosen und glänzende Brotkruste. Malzig. Auch etwas Ananas drängt sich in den Vordergrund. Ananas! Diese tropische Fülle - und das aus einem Jahr, das schwierig zu nennen ein derber Euphemismus ist.
Am Gaumen unerhört voll und würzig. Viel von dem, was man Spiel nennt - Süße und Säure in Widerstreit. Ausgewogen, gerundet, gefasst. Der Wein strahlt die ruhige Gelassenheit eines schon älteren Advokaten aus, den abends, im Kreise seiner Saufkumpane, der jugendliche Übermut packt.
1992 und 1993 sind Nachbarn. Und trotzdem trennen Welten die beiden Jahre. Der Wehlener von Christoffel war ein Sonderfall, derart feine 1992er sind rar. 1993 allerdings gehört zu den wirklich großen Jahrgängen des Jahrzehnts und die 1993er Kröver Steffensberg Auslese aus dem Hause Martin Müllen wäre sicher schon ausgetrunken, hätte der Winzer den Stoff nicht bewusst zurückgehalten. Und wäre er nicht im schlecht beleumundeten Kröv gewachsen. Wer Kröv hört, denkt auch Nacktarsch! Und wendet sich ab.
Setzt man sich mit der 1993er Auslese von Müllen auseinander, verfliegen die Gedanken an alles Banale. Ein erster Eindruck: Der Steffensberg, der Boden, auf dem die Reben wachsen, schlägt hier voll durch. Die eher tiefgründigen und vom Rotliegenden geprägten Böden, bringen diese runden, reifen Aromen nach fleischigem Steinobst in den Wein. Trotz des vollreifen Leseguts zeigt der 93er einen feinen Säurenerv. Auch dafür ist die Lage bekannt.
Das Bukett entwickelt sich mit viel Luft von primärer Frucht hin zu einer petroligen Würze. Ein Tag im Weinberg, vom Sommerregen nasser Schiefer und die erste kühle Brise Ende August. Der Korb ist umgekippt, überreife Mirabellen fallen auf den Boden, beim ersten Biss mischen sich erdige Würze und die Ahnung von Kräutern in den süßen gelben Saft. Langsam verziehen sich die Regenwolken, der Himmel reißt auf, gibt helles Blau frei. Im aufkommenden Wind ahnt man einen nahen Herbst, noch ein Biss in die Frucht. Die Säure, die Süße, die Würze - der Herbst ist dann doch noch weit.
- 1993 Kröver Steffensberg Auslese, Weingut Martin Müllen für 14,90 Euro ab Weingut. Ebenfalls empfehlenswert: 1994 Kröver Letterlay Spätlese (12,90 Euro); 1994 Auslese (25,00 Euro).
- 1992 Wehlener Sonnenuhr Auslese, Weingut Jos. Christoffel jr. für 13,00 Euro ab Weingut, Telefon +49 6532 2113 (keine Website, keine E-Mail). Ebenfalls empfehlenswert: 1993 Erdener Prälat Auslese*** (16,50 Euro).
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Alte Flaschen - wer hat die noch? 





Hallo,
übrigens auch klasse ist die 1993er Wolfer Goldgrube Auslese von Müllen. Ich muß bei dem Wein immer an Grünhäuser Rieslinge aus dem selben Jahr denken.
Viele Grüße
Marc