29.09.11 WEINE 2 Einem Freund senden

Abruzzen: Trebbiano im Klappstuhl

Das alte Fürstenschloss Castello di Semivicoli der Winzer-Familie Masciarelli. (Foto: HPR)Das alte Fürstenschloss Castello di Semivicoli der Winzer-Familie Masciarelli. (Foto: HPR)

Im Jahre 1996, ich kam gerade zurück von einem längeren Aufenthalt in Kalifornien, galt meine erste Aufmerksamkeit einem Kaffeeröster, dessen Marke ich gelegentlich drüben in Kalifornien wahrgenommen hatte. Eine Firma, die Foschi hieß und in Montecchio, nahe Pesaro in den Marken, zu Hause war. Ein paar Tage Urlaub waren bei mir noch drin, also nix wie hin nach Italien. An die Adriaküste.

Voller Naivität war ich davon überzeugt, dort in den Marken auch einige tolle Rotweine zu finden. Was sich auch erfüllen sollte, nur brachte ich eine Erkenntnis mit, die ich so nicht erwartet hätte - Weißwein ist dort wesentlicher Bestandteil der Trinkkultur. Allen voran der Verdicchio. Er gehört fest zu den Marken. Aber der Reihe nach.

Die kleine Kafferösterei war schnell abgehakt und gehört bis heute zu meinen Lieblingen, was dieses heiße Brühgetränk anbelangt. Abends ging es auf zur Nahrungsaufnahme, was laut Gambero Rosso und anderer Fressjournaille mich ein paar Kilometer südlicher nach Senigallia brachte, in ein Restaurant Namens Madonnina del Pescatore. In diesem wunderbaren Fischrestaurant, das heute zu den besten fünf in Italien gehört, erlebte ich einen merkwürdigen Abend. Vergleichbares hatte ich vorher noch nicht gesehen.

Ein merkwürdiges Fischrestaurant

Moderne, Labor-Zubereitung der Gänge, oft auch vor dem Gast, mit bisher nie gesehenen Geräten und Stoffen. Dazu eine Weinbegleitung, die durch die Bank aus dem weißen Verdicchio bestand. Die Weinkarte war rund 30 Seiten dick, 15 Seiten waren alleine dem Verdicchio gewidmet, den ich bis dahin nur als Bruder vom „Capsula Viola" Galestro von Antinori kannte - mitnichten ein simpler, leichter Alltagswein, der doch relativ viel Geld kostet.

Ich mache es kurz. Am nächsten Tag blickte ich auf einen überwältigender Abend zurück, der mir eine völlig neue Sichtweise auf italienische Weißeine eröffnete. Und eine neue Lebensaufgabe stellte.

Natürlich führte mich seitdem der Weg immer wieder nach Senigallia zu Moreno Cedroni vom Restaurant Madonnina del Pescatore. Dabei lernte ich im Jahr 2000 auch seine neueste Unternehmung kennen, denn Müßiggang ist Mist und die zwei Ruhetage im Restaurant gehören genutzt. Also machte er ein paar Kilometer weiter südlich von Ancona eine kleine, entzückende Sushi Bar auf - in Portonova direkt am Meer.

Man sitzt auf Klappstühlen an einem Klapptisch. Der erste Gang besteht aus einer Dose Fisch (Trippa di Codo di Rospo). Dies natürlich selbstgemacht in einer Hütte, die wir hier in Österreich als „Würstelstand" bezeichnen würden. In der arbeiten allerdings drei voll ausgebildete Köche. Dazu schenkt der umsichtige Kellner einen Trebbiano D'Abruzzo von Masciarelli ein, Villa Gemma genannt, der mich damals in eine Art Trancezustand versetzte. Völlig überraschend entpuppt sich genau dieses reduzierte Ambiente an der beginnenden Steilküste in den Abruzzen als Paradies für den fortgeschrittenen Weißweinsäufer.

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Kommentare 2

Kommentare

Günther R. zustimmend

Wirklich tolle Sachen macht der Herr Masciarelli. Meine Zustimmung. Das Fischrestaurant kannte ich noch nicht. Ich werde es nächstes Jahr besuchen, wenn ich dort bin. Danke!

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Gast

Schöne Geschichte, schön geschrieben. Guter Weintipp. So macht Captain Cork Spaß! Gerne mehr Italien (und meinetwegen weniger Südafrika und andere Übersee sowie Österreich).

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