Der Captain hat sich verknallt! Ein bisschen, sagt er. Das darf ich schreiben, er hat es hier selbst zugegeben. Silvaner heißt die Angebetete. Und das ist gar keine Deutschland-sucht-Topmodel-Finalistin. Keins von diesen dürren Strapsmäuschen, sondern eine...
Lassen wir besser die Wein-mit-Frauen-Vergleicherei sein. Das kann nur schief gehen.
Besser ein Plädoyer, warum der Silvaner heute die spannendste deutsche Rebsorte ist. Und warum er trotzdem immer noch ein eher stiefmütterliches Dasein führt. Silvaner ist enorm vielseitig, vielleicht die deutsche Antwort auf die Allzweckwaffe unserer alpinen Nachbarn, den Grünen Veltliner. Vielleicht.
In Rheinhessen stehen über 2.500 Hektar Silvaner in Ertrag. Damit ist das Gebiet in Deutschland führend - weit vor Franken. Zwar gab es seit Mitte der 1980er Jahre ernstzunehmende Bestrebungen, den Silvaner zu fördern, allerdings muteten die Kampagnen um „RS-Rheinhessen Silvaner" und „Selection Rheinhessen" trotz Omnipräsenz in „Stern" und „Spiegel" eher altbacken an. Die Zeit war wohl noch nicht reif für eine neutrale Sorte ohne Reputation und Sex-Appeal.
Heute ist alles möglich
Heute hingegen ist in Rheinhessen alles möglich. Eine ganze Generation junger Winzer veränderte quasi über Nacht das angekratzte Image des größten deutschen Weinbaugebiets.
Das Weingut Hauck liegt in Bermersheim. Vor der Höhe, dem Geburtsort der Hildegard von Bingen. Hier ist das neue Rheinhessen noch nicht richtig angekommen, wie in den Nachbardörfern Westhofen und Flörsheim-Dalsheim. Und deshalb übersehen viele, dass auch in Bermersheim feine Weine wachsen. Weine, die mehr halten, als sie versprechen.
Charakterstarker Wein für wenig Geld. Jedenfalls um einen kleineren Preis, als dies etwa an Mosel und Saar möglich ist. Das ist das Credo der Familie Hauck: Penible Pflege der Reben, die auf tiefgründigem Kalkmergel wachsen, naturnaher Weinbau, gezügelt modernes Arbeiten im Keller. Und Preise, die weder Kunden noch Winzer in Bedrängnis bringen.
Ein Wein für die heilige Hldegard
Seit einigen Jahren füllen die Haucks einen trockenen Silvaner, den sie nach Hildegard von Bingen nennen. In den letzten Jahrgängen war dies immer ein zuverlässiger, manchmal sogar ein spannender Wein. 2009 hat die Familie einen „Hildegard" gekeltert, der einfach fabelhaft schmeckt.
Ein warmer, sommerlicher Samstagmorgen auf dem Markt. Von links duften die Cantaloupmelonen, von rechts der geräucherte Schinken. Direkt vor der Nase liegen Zuckerschoten und tropfnasse Küchenkräuter. Beim Bäcker besorgt man noch schnell ein halbes Kümmelbrot. Am Gaumen gibt der Wein ordentlich Gas. Hier herrscht satte, saftige Birne vor: das Mundgefühl von dickem, süßem Most. Kühle kräuterige Noten und eine nussige, grüne Strenge zügeln die Kraft, die dieser Wein zeigt. Eine ausgewogene, für die Substanz etwas zu runde Säure. Die gesunde Mitte zwischen einem auf Druck vinifizierten Kraftmeier und dem einfachen, schnell erfassbaren, ländlichen Tischwein, dessen Tradition in Deutschland nach langen Jahren der Ahnungslosigkeit erst wiederbelebt werden muss.
Über das VDP-Weingut Keller müsste man eigentlich nichts schreiben. Es gehört völlig zu recht zu den bekanntesten und besten deutschen Weingütern. Doch diesen Wein von Keller gibt es mit dem Jahrgang 2009 zum ersten Mal. Und vielleicht auch zum letzten Mal. Jedenfalls in dieser Qualität.
Er ist die Antwort auf die Frage, ob man aus dem Silvaner einen Wein machen kann, der ein Global Player werden will. Der VDP hat die Frage für Rheinhessen verneint, es gibt keine Großen Gewächse vom Silvaner. In Franken sieht es anders aus. Das soll einer verstehen. Ich nicht.
Für mich ist der „Feuervogel" (in Anlehnung an das mythische Fabelwesen, das aus seiner Asche immer neu entsteht) ein großer, kompletter und durch und durch beeindruckender Wein. Von uralten Reben (60 Jahre und älter - eine Seltenheit in diesem Landstrich) und im großen Doppelstück-Holzfass (2.400 Liter) gereift, vereint er Fülle mit Struktur und Noblesse.
Silvaner als Kraftlackl
Kellers Silvaner Feuervogel riecht nach einem Waldspaziergang im späten Herbst. Am Wegrand werden Bäume gefällt. Spindeldürre Fichten kippen, es riecht nach Harz und Spänen. Nebenan - der Rauch vom offenen Feuer. Ein zweites Frühstück wird vorbereitet: Kaffee, dazu Speck und frisches Nussbrot. Wir müssen leider weiter, nur eine Ahnung der Gerüche bleibt dabei hängen. Ein Berg von Wein mit unaufdringlicher Frucht von weißen Pfirsich und weißen Johannisbeeren. Neben der spürbaren, enorm fokussierten Säure, ist der Feuervogel ungeheuer schmelzig. Eine fast sahnige Fülle erinnert entfernt an Karamellbonbon. Silvaner, der das Zeug zum Weltwein hat. Sollte das Konzept aufgehen, ist der Phönix aus der Asche kein ganz schiefes Bild.
Eine Region, eine Rebsorte, zwei Winzer, zwei Preislagen: Zwei grundverschiedene und dennoch sehr ähnliche Weine - Silvaner hat viele Gesichter. Hoffentlich kommt das mal an.
- 2009 „Hildegard" Silvaner trocken, Weingut Hauck für 4,95 Euro zu beziehen über Rindchens Weinkontor
- 2009 „Feuervogel" Silvaner trocken, Weingut Keller für 19,50 Euro erhältlich bei Pinard-de-Picard
Der Captain rät seinen Matrosen, sich auch andere Weine aus Deutschland anzusehen. Oder möchten die Matrosen lieber mehr über VDP-Weingüter erfahren?







Herr Keller gärtnert... 





Silvaner ist ne geile Traube. Ich bin auch seit einigen Wochen dabei mich zu verlieben. Gestern nacht noch war es ein Silvaner, wenn auch typisch fränkischer, der die sonderbaren zuvor getrunkenen Chinaweine reparieren musste.