Ja. Ich mag Champagner. Und ja, ich halte ihn für kein überhebliches Getränk ausgebuffter Eliten, keine Trinksignatur der Finanzmarktjongleure. Und ja, ich halte es für falsch, dass Champagner vor dreißig Jahren in den Massenmarkt ging. Er hätte Luxus bleiben sollen.
Denn der Massenmarkt hat den großen Häusern nicht viel eingebracht. Das kann man freilich auch völlig anders sehen, denn die Gewinne von Moet-Hennesy oder Veuve-Clicquot haben sich in den letzten zwanzig Jahren nahezu vervierfacht. Da werden sie die aktuelle Krise schon überstehen. Doch war es früher so, dass das Geld in den Häusern verblieb, ist es heute längst an die Aktionäre ausbezahlt. Oder am Kapitalmarkt verloren. Nein, es war nicht gut, dass Champagner Massenware wurde.
Ich bin alt genug, mich an viele "einfache" Champagner zu erinnern, die noch den exklusiven Champagner-Geschmack hatten, der den Abstand zu einfachen Sekten, aber auch zu Schaumweinen nach Champagnermethode ausmachte. Champagner war einfach einzigartig. Das hat sich in den letzten Dekaden auffällig geändert.
Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Viele Winzerhäuser und Schaumweinhersteller setzen vermehrt auf Qualität und Diversifikation, was vor allem auch mit den höhren Verdienstmöglichkeiten zu erklären ist. Und zweitens: Die Champagnerhäuser haben in der Massenproduktion zunehmend auf Qualität verzichtet. Man darf inzwischen vermuten, dass sehr große Häuser zwei bis vier Qualitäten abfüllten. Und für die neuen Märkte (Russland, China) gibt es eventuell (bitte beachten, dass es sich hier nur um kolportierte Vermutungen handelt) minderwertigere Ware.
Den Abstand mit dem ersten Schluck klar machen
Das bedeutet, dass man heute von den großen Häusern nicht mehr jene Champagner erwarten darf, die einen großen Abstand zu anderen Schaumweinen schon beim ersten Schluck klar machen. Denn trotz der Krise bleibt die Qualität - gelinde gesagt - mangelhaft. Trotz der Krise wird immer noch viel zu viel Champagner produziert. Und trotz der Krise, die nun auch die mittlerweile fast bedeutungslosen Häuser Heidsieck torkeln lässt, versucht man den Markt weiter zu stabilisieren. Besser Schieflage als Untergang. Ich glaube aber, Untergang wäre besser.
Ich glaube, es sinken nur die unsinkbaren Schiffe. Und übrig bleiben jene kleinen Häuser, die immer schon akzeptable und einwandfreie Ware geliefert haben. Wobei wir unter "kleine Häuser" auch Kellereien verstehen müssen, die jährlich zwischen 700.000 und zwei Millionen Flaschen füllen. Wenn nicht sogar mehr.
Und von diesem Mittelstand der Champagnerfüller kommen seit Jahren schon die besten einfachen Champagner, die man Novizen vorsetzen muss, damit sie verstehen, wie Champagner einst schmeckte. Und unter Novizen verstehe ich auch jene Leute, die den billigen Champanger der letzten Jahre schlürften. Sie dürfen von vorne beginnen.
Selbstredend sind die drei relevanten Häuser in Familienbesitz. Hier gilt die eiserne Regel: "Wenn man eine Bank braucht, ist es meistens schon zu spät". Soll heißen: Man hat die Knete für Expansion oder Durchhaltephase auf der Seite. Und ist dementsprechend gelassen. Dementsprechend gelassen kann man sich auch der Stabilität der Champagner widmen. Und wenn es sein muss auf ein paar tausend Flaschen verzichten. Hauptsache ein Pol-Roger erinnert immer an einen Pol-Roger.
Die großen drei
Zum Beispiel Pol Roger. Man kann zum zweitausendsten Male erzählen, dass Sir Winston Churchill (nach dem auch eine Jahrgangscuvée des Hauses benannt ist) jeden seiner Siege mit Pol-Roger begoss; man kann wiederholt erwähnen, dass Pol-Roger der britischste aller französischen Schaumweine ist (trotz komplett fehlender Oxiation). Alles schönes Geschwätz, doch jedes Glas Pol-Roger Brut macht für mich die Welt der Champagner wieder klar.
Denn kein anderer Champagner erklärt so viel von Champagner, wie der ganz einfache Pol-Roger Brut. Sicher, das Haus hat auch andere hervorragende Weine; etwa den Blanc de Blancs 1999. Doch der Brut ist derartig feinperlig, fruchtig, cremig, blütenduftig und elegant, wie kein anderer einfacher Champagnger. Er ist die (zugegeben kostspielige) Einstiegsdroge in die Welt der Champagnger.
Ihm folgt meiner Meinung nach nur noch der Bollinger Brut Special Cuvée, der einfachste Champagner dieses recht großen Traditionshauses. Auch dieser sehr feinperlig und auf Eleganz gebaut, jedoch mit mehr Körper und einem etwas aufdringlicheren (nicht negativ konnotiert) Stil. Ein muskulöser Vertreter, der meiner Meinung nach deutlich von der hohen Qualtät der hierfür verwendeten Pinot-Noir Trauben zehrt, die mehr als 50 % der Cuvée ausmachen. Saftig, fleischig. Und extrem tauglich, um ein Essen zu begleiten.
Extra dry
Dritter im Bunde - und da weiß ich mich einer Meinung mit dem Captain - ist der Gosset Gand Reserve. Nicht der einfachste Wein des Hauses, der nach wie vor nicht aus dem besseren Durschschnitt herausragen kann, sondern schon eine Stufe darüber, ein Niveau höher. Dieser Wein, so hat es auch der Captain erst letztes Jahr beschrieben, hat den suchtmachenden Charakter einer Himbeerlimonade, wie wir sie aus unserer Kindheit kennen. Und er ist richtig trocken. Und hat eine fantastische und animierende Säure.
Das vor allem deswegen, weil Gosset auf den biologischen Säureabbau verzichtet. Das macht die Weine strahliger, intensiver, grüner, säurebetonter, noch eleganter und auch haltbarer. Aber auch fragil. Da kommt es dann auf das Können des Kellermeisters an. Und auf seine Beobachtungsgabe. Denn ohne biologischem Säureabbau muss man ein paar Stunden öfter im Keller stehen. Und alles unter Kontrolle haben.
Erwähnt sei noch, dass dieses Jahr ein paar sehr gute Grundweine in die Champagner einfließen. Das macht dieses Jahr zum Jahr der guten einfachen Champagner. Und ein paar davon kann man auch noch weglegen.
- Pol Roger Brut in Deutschland für 34.90 Euro bei Karstadt , für unsere Schweizer Leser für 48,00 Franken bei Mövenpick
- Bollinger Brut Special Cuvée für 34,15 Euro bei Decantalo
- Gosset Grand Réserve für 57, 65 Euro ebenda
Der Captain betont, dass weder er, noch seine Maate an einer der empfohlenen Flaschen auch nur einen Cent verdienen. Der Captain trinkt Champagner nie zu kalt. Und vor allem aus einem Weißweinglas (Chardonnay).
Außerdem kann der Captain seinen Matrosen auch noch weitere hervorragende französische Weine empfehlen.







Zis Bottles must noch wait... 





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