Noch immer sieht der Captain keine Veranlassung auf das Schiff zurückzukehren. In der Mannschaft macht sich Verwirrung breit. Warum bleibt der Captain so lange in Wien? Hat er eine Freundin? Verheimlicht uns der Captain womöglich gleich mehrere neue Liaisonen? Oder führt er Gespräche um die Zukunft des Schiffs? Noch nie war der Captain so lange von Bord. Und er macht auch keine Anstalten, schnell zurückzukehren.
Also werden Deck gefegt und alte Installationen poliert. Heute scheint auch ausnahmsweise die Sonne, da kann das Schiff auch wieder mal die Anker einholen und eine Runde drehen. Der Captain hingegen war im Burgenland. Und macht sich jetzt Richtung Salzburg auf, wo er am Wochenende mehrere Weine kosten wird. Was? Das hat er nicht verraten.
Doch die Burgenland-Reise hat sich gelohnt, so heißt es in der Depesche, die der Captain geschickt hat. Der Captain war bei der Winzerfamilie Kirnbauer zu Gast, ein österreichischer Mittelbetrieb, exportfreudig, modern, ein Herz des Weinbaus. Die Kirnbauers sind für ihren großen Barrique-Keller bekannt, sie verlassen sich auf ihre Assemblage verschiedener Fässer mit verschiedenen Toastings von verschiedenen Produzenten. Auch wenn das kleine Holzfass (vor allem aus Kostengründen) gerade aus der Mode kommt, die Kirnbauers beeindruckt das wenig. Was im Bordeaux seit Jahrzehnten Tradition hat, kann im warmen Deutschkreuz nicht falsch sein. Egal, welche Wege der Trend einschlägt.
Festes Fass gegen den Trend. Aber auch ein Blaufränkischer aus dem Stahl, der zehn Jahre hält.
Der Captain mag Blaufränkisch (in Deutschland als Lemberger bekannt). Er mag die österreichischen Blaufränkischen, weil sie tatsächlich eigen sind, etwas sehr Spezielles, würzig, säurebetont, kräftig und delikat. Egal, wie man sie ausbaut, ob im Stahltank, oder im Barrique. Der Blaufränkische ist (wie der Grüne Veltliner) die Vorzeigetraube des österreichischen Weinbaus. Und seitdem Herr Parker auch die authochthonen Sorten entdeckt hat, bekommen manchen Blaufränkische sogar über 95 Punkte. Womit? Mit Recht.

Auch die Kirnbauers machen in Blaufränkisch, kein Wunder. Doch die Kirnbauers haben noch Blaifränkische im Keller, die keiner sammeln würde. Ganz normale Blaufränkische, im Stahl vergorene und relativ schnell gefüllte Blaufränkische. Ware, weit unter zehn Euro. Was wurde aus diesen Weinen?
Um das zu erfahren, haben die Kirnbauers für den Captain eine Flasche eines stinknormalen 2000er Blaufränkisch aufgerissen. Ein Wein, der vor zehn Jahren nicht einmal 4 Euro kostete. Und was soll der Captain sagen? Er war baff.
Alt gereift. Aber beeindruckend präsent.
Im Glas ein dunkelroter Wein mit Rost an den Rändern, ein optisch deutlich alter Wein, den man gerne 15 Jahre und mehr geben würde. In der Nase aber erstaunlich jung, Kalk, Kiesel, Himbeere, Dörrpflaume, ein schöner Selchkammerton, kaum oxidativ (perfekter Korken), ein frisch aufgeschnittenes Entrecote auf Raukenblättern, auch Töne von Senfkorn und älterer Walnuss. Ein Wein im Herbst seines Lebens, der auch Herbst vermittelt (passend zum endlich verschwindenden Scheißwetter). Laub, Erde. Kastanie, getrocknete Tomate, auch Mandel. Sehr vielschichtig, erstaunlich präsent.
Im Mund dann eine wunderbar stabile und präsente Säure, eine abklingende, aber nach wie vor eindrucksvolle Frucht, viel Würze, Pfeffer, etwas Gemüse, Kohlrabi, Sellerie, auch Orangenzesten, aber diese im Schmorgemüse eingesetzt. Dann auch ein bisschen wie an einer Mignonbatterie lecken. Oder die Zunge an einem Bachbett in den Kiesel tauchen. Muss man auch mal gemacht haben...
Erstaunlich auch der Nachhall, die Kraft und der Druck, den dieser zehn Jahre alte, so simpel gemachte Wein heute noch hat. Selbstredend hat ihm das keiner zugetraut, selbstredend ist alles ausgetrunken.
Deswegen der Tipp des Captain: Einige Flaschen aus dem guten Jahrgang 2009 in den Keller räumen und fünf Jahre anglotzen. Dann Jahr für Jahr wegtrinken. Der simple 2000er Blaufränkisch von Kirnbauer beweist dem Captain einmal mehr: Auch Einfaches wird zu schnell getrunken.
- Blaufränkisch 2009 Classic von Kirnbauer demnächst in der Burgenland-Vinothek (derzeit noch der etwas kurzlebige 2008er). Kostenlose Lieferung nach Deutschland ab 200,00 Euro. Erwarteter Preis: etwa 8,00 Euro.
Der Captain betont einmal mehr, dass er an keiner Flasche verkauften Weins auch nur einen Cent verdient.
Außerdem wird den Matrosen geraten, sich auch diese günstigen Weine anzusehen. Oder aber noch mehr Weine aus Österreich.







Gut, wenn man die Krafkammer gratis im Keller hat... 






ist erfreut über die vielen Weinempfehlungen des Captain und denkt, bei der Vielzahl kanns eigentlich keine Heckenklescher und Rabiatperlen mehr geben ;-)