Wechselwetter, nicht nur an Bord. Oben ziehen dunkle Wolken über die Spree, unter Deck ist die Stimmung angespannt. Seit Wochen leben der Captain und sein Erster Offizier in Frieden zusammen. Doch die Ruhe hat ein Ende, schon seit Tagen wächst die Streitlust. Zudem muss das Schiff für eine lange Fahrt nach Italien startklar gemacht werden. Morgen segelt der Captain mit der Mannschaft los. Der Erste Offizier aber muss aus familiären Gründen (neue Freundin) in Berlin bleiben. Das macht seine Laune nicht besser.
Erster: Wie lange geruhen ihro Gnaden noch am Apple herumzuhämmern? Ich muss auf e-bay.
Captain: Der Herr wird sich noch etwas gedulden müssen, ich muss erst den Beitrag schneiden.
Erster: Der Blaufränkisch-Film aus dem Burgenland?
Captain: Genau. Das Filmchen mit Thomas Schwarz vom Kloster am Spitz.
Erster: Ich kann ja keinen Blaufränkisch mehr sehen...
Captain: Auf einmal? Letztes Monat waren dir die Flaschenkäufe noch sehr recht. Der Herr Offizier hat richtiggehend gejubelt, so weit ich mich erinnere. Stimmts?
Erster: Ja. Aber letztes Monat war letztes Monat.
Captain: Und jetzt ist alles anders, oder was?
Erster: Ja, denn ich habe in deiner Abwesenheit ein Sakrileg begangen.
Captain: Welches?
Erster: Ich war mit meiner neuen Freundin aus und habe im Grill Royal eine ganz banale Flasche chilenischen Cabernet geordert. Die normale Linie, 18 Monate im Fass und so. Von Santa Rita. Und ich muss sagen, es hat mir besser geschmeckt, als diese Blaufränkischen aus dem Burgenland. Und auch besser, als deine Pinots aus dem Burgund. Ich hatte Lust auf lecker Wein. Und habe lecker Wein getrunken.
Captain: Ich gratuliere. War der chilenische Cabernet nicht eben erst der böse Wein aus der bösen Weinindustrie?
Erster: Mir egal. Was geb ich auf mein Geschwätz von gestern?
Captain: Und war das nicht eben erst die Ausgeburt der antiindividualistischen Globalisierung?
Erster: Komm mir jetzt nicht mit dem altlinken Diskurs, dazu habe ich heute keine Laune, ich hatte die ganze Nacht Liebe und muss jetzt in deine sarkasmusverzerrte Fresse glotzen. Das brauch ich echt nicht.
Captain: Mein Lieber, sag er uns doch, was ihn auf einmal an den Blaufränkischen anwidert.
Erster: Erstens das Getue. Mich nervt es, dass auf einmal jeder autochthone Scheiß als Kulturgut eingestuft wird. Wenn das so weitergeht, wird noch jede Pomeranzen-Plörre für die vernachlässigte Vielfalt herangezogen...
Captain: Bevor die Polemik mit dir durchgeht: Was weiter?
Erster: Und dann kann ich im Blaufränkischen nicht dieses tägliche Trinkvergnügen finden. Ab und zu eine Flasche, kein Problem. Aber dass wir das nun täglich trinken, das nervt mich ungeheuer. Und wenn es kein Blaufränkischer ist, dann eben eine slownische Sondersorte. Oder was aus Ungarn. Oder ein Südfranzose, ein Mittelitaliener. Und so weiter. Bei all dem Kosten habe ich gemerkt, dass ich mich nach dem guten alten Cabernet zurücksehne. Und nach Merlot. Und auch ein bisschen nach Syrah. Und nach echt fettem, gut verholzten Chardonnay. Ich bin Teil des Massengeschmacks. Manchmal zumindest. Und gerne auch noch. Das geb ich zu.
Captain: Du also auch, mein Sohn Brutus. Ich habe diese Beschwerde auf dem Schiff zuletzt schon öfter vernehmen müssen.
Erster: Und?
Captain: Na, was soll ich sagen? Manchmal packt mich auch die Lust nach so einem gut gemachten Standardwein. Doch je mehr Autochthones ich trinke, um so mehr schwindet diese Sehnsucht. Aber ich gebe zu, ich habe erst neulich einen ganz normalen Juan-Leon-Cabernet zu einem Steak aufgerissen. Viel Frucht, viel Holz, viel Alkohol. Hat aber gepasst.
Erster: Na eben..
Captain: Nix na eben. So einfach ist das nicht. Es ist eben auch Tatsache, dass sich der Weingeschmack der Massen verändert hat. Und mit den Massen auch unser Weingeschmack, weil wir Teil der Masse sind. Und ich erinnere dich gerne an den Dreck, den man vor 25 Jahren im Supermarkt zu kaufen bekommen hat. Da wird heute viel in Verklärung gebadet. Nein, stimmt schon, manchmal ist so eine Holz-Frucht-Alkoholbombe ganz passend. So wie ein guter One-Night-Stand.
Erster: Was für ein verzogener Vergleich.
Captain: Nein, gar nicht. Und ich bestätige dir gerne, dass ich die nackte tiefbraune Kubanerin einer bleichen, aber mit Reizwäsche aufgefetteten Mitteleuropäerin vorziehe.
Erster: Was heißt das nun wieder?
Captain: Wenn es einfach sein soll, trinke ich auch lieber einen geilen chilenischen Cabernet aus dem Barrique. Und keine hippe Marke aus Österreich, die sowieso nur dünnen Zweigelt oder dünnen Blaufränkischen zur Exzellenz verklärt. Das gleiche gilt für deutsche Rotweine.
Erster: Eben. Dann sind wir ja einer Meinung.
Captain: Nein. Denn in der Oberklasse fegt alles Autochthone, alles regional Geerdete, das gut und mit Idee gemacht ist, all das fegt die Massenware hinweg. Und für mich gehört inzwischen schon manch prominenter Bordeaux zur Massenware, damit wir uns richtig verstehen.
Erster: Das sehe ich anders. Und ich sage dir gleich im Vorfeld, dass ich in deiner Abwesenheit jede Menge fetter Cabernets aus neuer und alter Welt einkaufen werde. Da habe ich Lust drauf.
Captain: Saufen musst du es aber selber.
Erster: Da kannst du Gift drauf nehmen. Ausserdem ist das wahrscheinlich die neue Avantgarde am Weinmarkt. Fett saufen wird wieder modern. Das Schlanke ist jetzt schon Mainstream. Schlanke und elegante Weine gibt´s demnächst bei Aldi und Lidl. Wollen wir wetten? Und dann werden alle sparen und nur noch Weine aus großen und gebrauchten Fässern abfüllen, wie du am Montag passend geschrieben hast. Da ist der Oberholzer wieder angesagt. Fette Eiche ist der Beat des Übermorgen.
Captain: Glaub das mal nur. Ich sage, es wird nicht so kommen.
Erster: Fette Eiche sag ich. Ich will den guten alten Scheiß-Cabernet wieder haben. Bäng Boom Tschak.
Der Captain setzt die Segel und macht sich auf den Weg in die Toskana. Er hört Boards of Canada







Ein Sprung über die Fässer... 





In die Toskana fährter? wohin genau?
Ich möcht nämlich ein paar Tips abgrapschen...