22.04.10 WEINE 22 Einem Freund senden

"Ich will den Scheiß-Cabernet zurück!"

Ein Sprung über die Fässer...Ein Sprung über die Fässer...

Wechselwetter, nicht nur an Bord. Oben ziehen dunkle Wolken über die Spree, unter Deck ist die Stimmung angespannt. Seit Wochen leben der Captain und sein Erster Offizier in Frieden zusammen. Doch die Ruhe hat ein Ende, schon seit Tagen wächst die Streitlust. Zudem muss das Schiff für eine lange Fahrt nach Italien startklar gemacht werden. Morgen segelt der Captain mit der Mannschaft los. Der Erste Offizier aber muss aus familiären Gründen (neue Freundin) in Berlin bleiben. Das macht seine Laune nicht besser.

Erster: Wie lange geruhen ihro Gnaden noch am Apple herumzuhämmern? Ich muss auf e-bay.

Captain: Der Herr wird sich noch etwas gedulden müssen, ich muss erst den Beitrag schneiden.

Erster: Der Blaufränkisch-Film aus dem Burgenland?

Captain: Genau. Das Filmchen mit Thomas Schwarz vom Kloster am Spitz.

Erster: Ich kann ja keinen Blaufränkisch mehr sehen...

Captain: Auf einmal? Letztes Monat waren dir die Flaschenkäufe noch sehr recht. Der Herr Offizier hat richtiggehend gejubelt, so weit ich mich erinnere. Stimmts?

Erster: Ja. Aber letztes Monat war letztes Monat.

Captain: Und jetzt ist alles anders, oder was?

Erster: Ja, denn ich habe in deiner Abwesenheit ein Sakrileg begangen.

Captain: Welches?

Erster: Ich war mit meiner neuen Freundin aus und habe im Grill Royal eine ganz banale Flasche chilenischen Cabernet geordert. Die normale Linie, 18 Monate im Fass und so. Von Santa Rita. Und ich muss sagen, es hat mir besser geschmeckt, als diese Blaufränkischen aus dem Burgenland. Und auch besser, als deine Pinots aus dem Burgund. Ich hatte Lust auf lecker Wein. Und habe lecker Wein getrunken.

Captain: Ich gratuliere. War der chilenische Cabernet nicht eben erst der böse Wein aus der bösen Weinindustrie?

Erster: Mir egal. Was geb ich auf mein Geschwätz von gestern?

Captain: Und war das nicht eben erst die Ausgeburt der antiindividualistischen Globalisierung?

Erster: Komm mir jetzt nicht mit dem altlinken Diskurs, dazu habe ich heute keine Laune, ich hatte die ganze Nacht Liebe und muss jetzt in deine sarkasmusverzerrte Fresse glotzen. Das brauch ich echt nicht.

Captain: Mein Lieber, sag er uns doch, was ihn auf einmal an den Blaufränkischen anwidert.

Erster: Erstens das Getue. Mich nervt es, dass auf einmal jeder autochthone Scheiß als Kulturgut eingestuft wird. Wenn das so weitergeht, wird noch jede Pomeranzen-Plörre für die vernachlässigte Vielfalt herangezogen...

Captain: Bevor die Polemik mit dir durchgeht: Was weiter?

Erster: Und dann kann ich im Blaufränkischen nicht dieses tägliche Trinkvergnügen finden. Ab und zu eine Flasche, kein Problem. Aber dass wir das nun täglich trinken, das nervt mich ungeheuer. Und wenn es kein Blaufränkischer ist, dann eben eine slownische Sondersorte. Oder was aus Ungarn. Oder ein Südfranzose, ein Mittelitaliener. Und so weiter. Bei all dem Kosten habe ich gemerkt, dass ich mich nach dem guten alten Cabernet zurücksehne. Und nach Merlot. Und auch ein bisschen nach Syrah. Und nach echt fettem, gut verholzten Chardonnay. Ich bin Teil des Massengeschmacks. Manchmal zumindest. Und gerne auch noch. Das geb ich zu.

Captain: Du also auch, mein Sohn Brutus. Ich habe diese Beschwerde auf dem Schiff zuletzt schon öfter vernehmen müssen.

Erster: Und?

Captain: Na, was soll ich sagen? Manchmal packt mich auch die Lust nach so einem gut gemachten Standardwein. Doch je mehr Autochthones ich trinke, um so mehr schwindet diese Sehnsucht. Aber ich gebe zu, ich habe erst neulich einen ganz normalen Juan-Leon-Cabernet zu einem Steak aufgerissen. Viel Frucht, viel Holz, viel Alkohol. Hat aber gepasst.

Erster: Na eben..

Captain: Nix na eben. So einfach ist das nicht. Es ist eben auch Tatsache, dass sich der Weingeschmack der Massen verändert hat. Und mit den Massen auch unser Weingeschmack, weil wir Teil der Masse sind. Und ich erinnere dich gerne an den Dreck, den man vor 25 Jahren im Supermarkt zu kaufen bekommen hat. Da wird heute viel in Verklärung gebadet. Nein, stimmt schon, manchmal ist so eine Holz-Frucht-Alkoholbombe ganz passend. So wie ein guter One-Night-Stand.

Erster: Was für ein verzogener Vergleich.

Captain: Nein, gar nicht. Und ich bestätige dir gerne, dass ich die nackte tiefbraune Kubanerin einer bleichen, aber mit Reizwäsche aufgefetteten Mitteleuropäerin vorziehe.

Erster: Was heißt das nun wieder?

Captain: Wenn es einfach sein soll, trinke ich auch lieber einen geilen chilenischen Cabernet aus dem Barrique. Und keine hippe Marke aus Österreich, die sowieso nur dünnen Zweigelt oder dünnen Blaufränkischen zur Exzellenz verklärt. Das gleiche gilt für deutsche Rotweine.

Erster: Eben. Dann sind wir ja einer Meinung.

Captain: Nein. Denn in der Oberklasse fegt alles Autochthone, alles regional Geerdete, das gut und mit Idee gemacht ist, all das fegt die Massenware hinweg. Und für mich gehört inzwischen schon manch prominenter Bordeaux zur Massenware, damit wir uns richtig verstehen.

Erster: Das sehe ich anders. Und ich sage dir gleich im Vorfeld, dass ich in deiner Abwesenheit jede Menge fetter Cabernets aus neuer und alter Welt einkaufen werde. Da habe ich Lust drauf.

Captain: Saufen musst du es aber selber.

Erster: Da kannst du Gift drauf nehmen. Ausserdem ist das wahrscheinlich die neue Avantgarde am Weinmarkt. Fett saufen wird wieder modern. Das Schlanke ist jetzt schon Mainstream. Schlanke und elegante Weine gibt´s demnächst bei Aldi und Lidl. Wollen wir wetten? Und dann werden alle sparen und nur noch Weine aus großen und gebrauchten Fässern abfüllen, wie du am Montag passend geschrieben hast. Da ist der Oberholzer wieder angesagt. Fette Eiche ist der Beat des Übermorgen.

Captain: Glaub das mal nur. Ich sage, es wird nicht so kommen.

Erster: Fette Eiche sag ich. Ich will den guten alten Scheiß-Cabernet wieder haben. Bäng Boom Tschak.

Der Captain setzt die Segel und macht sich auf den Weg in die Toskana. Er hört Boards of Canada

 



DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 22

Kommentare

el hottino ...neugierdsnasig...

In die Toskana fährter? wohin genau?
Ich möcht nämlich ein paar Tips abgrapschen...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Erster Offizier

Der alte Sack fährt auf sein Weingut. Die Cuvée 2009 machen. Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen. Ich leite das Büro während der Abwesenheit des Captain.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
el hottino ...bösig...

Gott zum Grusse, Nummer 1.

Möglicherweise fahr ich in den nächsten Tagen durch die Toskana. Da könnt ich doch glatt einen Überaschungsbesuch....

Wo issn das Capitanale Weingut?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Erster Offizier

In Bolgheri. Aber das bitte mit ihm direkt abklären.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
el hottino ...zufrieden...

Gut. Werd ich machen.

Na, das wär ja nicht weit vom Parco Naturale di Maremma...

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Eckhard Supp ...wundert sich

>>Der Erste Offizier aber muss aus familiären Gründen (neue Freundin) in Berlin bleiben. Das macht seine Laune nicht besser<<

Da fehlen mir die Worte: neue Freundin und trotzdem (oder gar deshalb) schlechte Laune?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Erster Offizier

Ich hätte die Freundin gerne mitgenommen. Doch dazu reicht das Geld nicht.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain ...soso..

Von Belang ist, wenn ich anmerken darf, dass sich jede Mode schnell wieder einer Gegenströmung ausgesetzt sehen darf. Das wollten der Erste und ich in unserem Diskurs andeuten. Alles schreit nach der Region, doch kann die Region dem von Parker und Konsorten veränderten Weingeschmack Paroli bieten?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Eckhard Supp

>>Alles schreit nach der Region, doch kann die Region dem von Parker und Konsorten veränderten Weingeschmack Paroli bieten?>>

Ziemlich akademischer Diskurs mit derselben dogmatischen Anlage wie alle Moden in der Weinwelt (Barrique, nicht Barrique, Chardonnay, ABC, opulent, elegant, international, regional etc.). The proof of the pudding is by the eating. Macht einen wirklich guten regionalen/Terroir/authentischen Wein auf und schaut, was passiert. Schmeckt er besser, auch wenn man nicht weiß, was im Glas ist.

Mehr trinken, weniger theoretisieren! Schreib der Hegelianer!

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Der Captain

Der Bassena-Intellektuelle hat daraufhin eine Flasche Chassagne Montrachet Les Vergers von Bernard Moreau gekippt. Und fällt jetzt betrunken in die Hängematte. Morgen geht´s gen Italien. Autochthones wird in Bolgheri selten getrunken werden. Das kann ich versprechen..

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
el hottino ...zustimmend...

Ganz Ihrer Meinung, Herr Supp.
Oder, ewas anders formuliert: Es is wohl Platz für beides. Es gibt hervorragende "Autochthone", aber auch im Mainstream gips Dinge, die ich zumindest auch sehr gerne trinke...

lg

el hottino

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Master of Arms

...und außerdem muss ja nicht alles was autochton ist, automatisch unsexy sein. Beim ungarischen Furmint z.B. gibt es ganz schöne Klopper, denen schwer zu wiederstehen ist. Ich sehe da, ähnlich wie Herr Supp keinen wirklichen Gegensatz. Aber: nett geschrieben.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Klaus Wider (via facebook)

Chile nein danke, diese Reise geht nicht wei(n)t

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Eckhard Supp

Was spricht gegen Chile? Kenne herrliche Weine, zu oft sehr günstigen Preisen, für die ich vieles andere stehen lassen würde. Man sollte nicht von der Discounter- oder LEH-Plörre auf die Weine des Landes generell schließen.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
el hottino ...miesmuschelig...und leicht betrünkt..

Irgenwie vermisse ich die "grade Linie". Einerseits wird der "Einheitswein" verteufelt, andererseits wird das Autochthone vermiesmuschelt...

also: was nu?
Für meinen Geschmack fehlt da die Linie...

In Wahrheit ist mE Platz für Beides. Sowohl der "internationale Stil" als auch das "Autochthone" hat seinen Platz in meinem Weineben.

Z.B. hab ich grad den Gabarinza 2007 gekostet... gekostet... na ja.. eine Flasche halt getrunken... .
Und im Anschluss dran kipp ich grad an Pertimali 1995. Völlig unterschiedlicher Stil...
dennoch: beides irgendwie genial...

Also: es is immer Platz für beides, nur der richtige Zeitpunkt zählt.
oder: ... der Eine liebt abgöttisch, wovor dem Anderen bloss graut... (c) Dr. Georg Ringsgwandl.

lg el hottino

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Erster Offizier

Eine Linie? Das Schiff ist ja keine Bundespartei.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
el hottino ...naseweis...

Nö, isses nich. Aber ein Schiff.

...und ein Schiff ohne Kurs landet über kurz oder lang am Felsen, im Riff oder die Mannschaft verdurstet.

Oder?

*grins*

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Zahlmeister ... ganz nüchtern

Ich gebe aus dem Schiffskontor zu bedenken, dass es auch einen ganz gezielten Schlingerkurs geben kann. Etwa, wenn man durch ein messerscharfes Riff manövriert oder ganz vorsichtig Seeminen ausweichen muss. Das ist auch ein Kurs. So, ich gehe jetzt wieder die Schulden des Captain verwalten.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
el hottino ...belustigt...

gute antwort, wenngleich auch ein zick-zack-kurs ans ziel führt - das man vorher anvisieren muss.

btw: will der erste nicht auch gleich meine schulden mitverwalten? ginge gleich in einem aufwaschen... *ggg*

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Zahlmeister ... muss mal was klarstellen

Matrose Hottino: Der Zahlmeister ist nicht identisch mit dem ersten Offizier. Erste Offiziere werden bei Sturm schnell über Bord gespült, manchmal in einer Spelunke erschlagen oder sie verlieben sich leichtfertig in irgendeine Braut und bleiben an Land. Erste Offiziere sind austauschbar, nicht jedoch der Zahlmeister auf diesem Schiff. Er ist da, solange es das Schiff gibt oder es an einen neuen Reeder übergeben wird. Was Ihre Schulden betrifft: Falls Sie auf einem ähnlich potenziell-lukrativen Schiff angeheuert haben und beteiligt sind, wie wir, dann her damit. Aus Schulden kann man vielleicht sehr viel Gewinn machen.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
electronic balanced [as always :(]

"Der Weg ist das Ziel" ?

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld