29.04.10 WEINE 2 Einem Freund senden

Bericht aus Bolgheri (2): Ornella Aia

Es gibt viel abzugehen am Land des Captain...Es gibt viel abzugehen am Land des Captain...

Griechenland pleite. Portugal vor dem Bankrott. Und Spanien? Ein armes Kind, das erst lernen muss, mit Geld umzugehen. Der Captain kann diesen Staaten kein Vorbild sein, denn er hat gestern einen vierstelligen Betrag für Weine ausgegeben, die er gemeinsam mit der Mannschaft getrunken hat. Nach dieser Orgie haben die (selber nicht ganz koscheren) Ratingagenturen die Banken gewarnt, dem Captain noch Kredit zu gewähren.

Wie der Erste Offizier immer sagt: "Wir schrammen stets am Schiffsbankrott vorbei."

Egal: Es musste aufgerissen werden, was aufgerissen gehört. Und nach den Enttäuschungen des Vortags war es hoch an der Zeit, dass auch etwas Anständiges ins Glas kommt. Hier, in Bolgheri, wo angeblich Anständiges wächst.

Anständig zum Beispiel war der Castello di Bolgheri 2006 (eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot). In der Nase ein astreiner Bordeaux vom linken Ufer, mehr St. Estephe, weniger Pauillac, doch etwas wärmer, kaum kalte Töne, doch viel weißer Pfeffer und Eukalyptus. Mit der Zeit das Ufer wechselnd, Richtung Pomerol, den Charakter des Merlot in den Vordergrund spielend. Bevor das Weingeschwätz überhand nimmt: Der Wein duftet warm und würzig. Auch etwas nach einem alten italienischen Männerduft, den Großväter sich noch gerne an den Hals stäuben.

Am Gaumen dann Kraft und Struktur, massive Tannine, die sich erst im Laufe von Stunden zurückziehen, ein Lagerwein, ein Langstreckenläufer (weglegen), mit viel Mineralität und reduzierter Frucht. Aber auch am Ende der Flasche ein Bordeaux bleibend, eine Kopie, die nicht aus der Gegend zu stammen scheint. Gefällig.

Danach eine Überraschung, der Caiarossa 2006. Er wird von Eric Albada Jelgersma gemacht, ein waschechter Italiener, der sich als Holländer ausgibt. Jelgersma ist kein unbekannter, er besitzt auch Chateau du Tertre und Chateau Giscours im Bordeaux. Folglich könnte man erwarten, Jelgersma würde, ähnlich wie Castello di Bolgheri, einen Wein im Stile der Franzosen keltern. Weit gefehlt.

Denn der Caiarossa hat neben Cabernet Sauvignon, Merlot und Petit Verdot auch Grenache, Syrah. Mouvédre und ein paar Spritzer der weißen Sorte Viognier im Gepäck - Jelgersma beweist also, dass Bolgheri das experimentfreudigste Gebiet Italiens ist. Und auch das antiregionalste in einem regionsversessenen Land. Nichts ist so Neunziger, wie dieser Caiarossa. Und er gefällt dem Captain, denn der Captain keltert ähnlich daneben. So völlig gegen den Zeitgeist. Herrlich.

In der Nase ist der Caiarossa extrem elegant, fruchtig, gekonnt stark auftretend. Aber auch gekonnt anonym. Man weiß sofort, dies ist ein italienischer Wein. Man weiß Toskana, man ahnt Maremma. Aber mehr nicht. Dann denkt man, der kann auch aus Chile sein. Oder ein völlig fremder Franzose.

Der Caia riecht nach Zuckermelone und Heidelbeere, nach etwas Vanille und auch ganz wenig nach heißem Teer, den eine Pflastermannschaft auf den Straßenboden gießt. Im Mund ist er kräftig und stabil, ohne zu stark auf das Gaspedal zu steigen. Viel Frucht, hohe Eleganz, doch auch hoher Alkohol (14 %), der sich stets bemerkbar macht und die Freude etwas trübt. Also weglegen. Wahnsinnig teuer ist der Caia auch nicht. Das macht es möglich ("Zwei Kisten für den Schiffsbauch bitte").

Am Ende der Rotweinstrecke folgt der alte Favorit des Captain, der Ornellaia (eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot), in diesem Fall noch der 2006er, denn der Null-Siebener kommt erst in zwei Wochen in die Vinotheken. Selbstredend ist auch dieser Wein viel zu früh ermordet worden.

In der Nase ein dominanter, sehr populistischer Beerencharakter, dann Eisen, Blut, Brennnessel, Melisse, Zitrone, Salz, Weichseln in Rum, Waldboden, Eukalyptus. Nur geringe Alkoholschärfe (bei sicher gelogenen 13,5 %). Immer wieder an eine Fleischtheke eines guten Metzgers erinnernd. Im Mund dann Orangenzeste, kandierte exotische Früchte, Struktur und hohe Eleganz. Freilich noch unreife grüne Töne vom Cabernet. Gesamt betrachtet aber sehr eigenwillig, sehr gekonnt gemacht. Und wie immer der beste aller Supertuscans für den Captain. Eine Offenbarung, der Beweis von Größe. Kotau.

Danach hat des Captains Önologe ein paar italienische Weißweine hervorgeholt, die nun wirklich eine Überraschung waren. Davon, und vom bisher schönsten Wein des Jahres, mehr am Anfang der nächsten Woche.

  1. Castello di Bolgheri 2006 für 35,00 Euro bei Superiore
  2. Caia Rossa 2006 für 35,00 Euro, leider nur in den örtlichen Vinotheken in und um Bolgheri
  3. Ornellaia 2006 für 150 Euro bei CB-Weinhandel, den nicht verkosteten...
  4. Ornellaia 2007 gibt es jetzt schon für 119 Euro (bei Abnahme einer Kiste) bei Wein&Co (auch Deutschland)

Der Captain verweist auch noch auf weitere hervorragende italienische Weine.



DruckversionPDF-VersionEinem Freund senden Share this
Kommentare 2

Kommentare

Gast

2006 Ornellaia ist dem 2007 vorzuziehen.

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  
Birgit Höttges (via facebook)

Guido Westerwelle: "Es darf kein Fass ohne Boden aufgemacht werden." Berlin 27. April 2010

Missbrauch melden!   Bitte einloggen, um zu bewerten!  

Kommentar hinzufügen


Neuen Kommentar schreiben
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Sicherheitsabfrage
Matrose, beantworten Sie bitte die unten stehende Frage. Ihre korrekte Antwort behindert automatische Störporgramme gegen das Schiff.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
* = Pflichtfeld