21.06.10 WEINE 7 Einem Freund senden

Wein der Woche: Mega Spätburgunder

Birkweiler im Gegenlicht... Birkweiler im Gegenlicht...

"Modischen Trends folgen wir nicht". Steht da. Auf der Homepage des Weinguts Dr. Wehrheim. Aus Birkweiler. In der Pfalz. Modischen Trends folgen wir nicht. Wie wahr. Aber man folgt der Moderne.

Der Spätburgunder 2005 Kastanienbusch vom VDP-Weingut Dr. Wehrheim ist ein hervorragendes Beispiel wie weit Deutschland als Rotweinland gekommen ist. Nahe dem Olymp. Noch vor Jahren wurden deutsche Rotweine auch im eigenen Land verlacht. Das oft nicht ohne Grund, es waren meist säuerliche und kraftlose Plörren, die von jedem Italiener mühelos vom Spielfeld geschossen wurden. Deutscher Weißwein war in dieser Epoche schon ganz schön weiter, der Riesling feierte gerade seine Auferstehung. Doch deutscher Rotwein? Undenkbar.

Ein solches Pauschalurteil war freilich schon damals Unsinn. Deutscher Rotwein war immer für Überraschungen gut. Es kam auf den Winzer an. Und wie weit er in der önologischen Moderne verankert war. Die meisten Weinbauern waren jedoch weit davon entfernt, internationalen Standards zu genügen. Gestern.

Deutscher Rotwein ist Weltspitze. Wenn der Winzer will

Heute kann deutscher Rotwein mühelos mit der Weltspitze mithalten. Das ist nicht nur bloß Gerede, das ist Teil einer neuen Wahrheit. Und wahr ist auch, dass man in Deutschland für wenig Geld gute deutsche Rotweine bekommt. Bessere Rotweine, als aus Italien. Oder Frankreich. Ja, Frankreich, das Land, dessen Winzer sich auf Nation und Tradition berufen. Und jede Investition scheuen. Frankreichs Winzer sind die großen Verlierer (darüber morgen mehr beim Captain).

Doch kommen wir zum Wein der Woche, zu diesem Kastanienbusch 2005 von Dr. Wehrheim, ein Wein, der manchen teuren Burgunder in den Schatten stellt.

Ein Spätburgunder der neuen Zeit. Tradition. Hart attackiert von der Moderne.

Im Glas ein dunkler Saft, sehr dunkel für einen Spätburgunder. An den Rändern eine leichte Aufhellung hin zur Kirsche. Kaum Schlieren, der Wein findet nach der Glasbewegung ohne Umwege in das Gefäß zurück. Mit 14 % Alkohol aber kein dünner Wein, kein Mittagsgetränk (außer man will danach in die Waagrechte fallen).

In der Nase Cassis, Kirsche, Heinz-Ketchup, Rauch (vom Holz, der Wein lag drei Wochen auf der Maische und danach lange Monate im Barrique). Dann etwas Teer, etwas Reisekoffer aus Metall (das Innere eines neuen Rimowa oder Halliburton), etwas Blue-Jean-Stoff (Mineralik). Dann auch das Innere eines neuen Crockett & Jones-Stiefel, Rindsleder, Schuhpolitur.

Weglegen. Und alt werden lassen. Aber vorher nicht sterben bitte

Jetzt dekantieren. Nach dreißig Minuten ein voller Schub Früchte. Cassis überwiegt, dann Brombeere, Schwarzbeere, etwas feuchte Wiese, etwas Rauch. Immer noch. Das Holz verzeiht sich nicht, bleibt aber stets elegant. Klares Anzeichen für ein langes Lagerpotential. Feste Tannine, stabile Säure, große Nase, schon jetzt ist klar: Ein Bombenwein.

Im Mund dann die Bestätigung. Dicht, voll, rund, perfekt. Einzig das kleine bisschen Überholzung stört. Aber, wie gesagt, das ist ein Wein zum Weglegen, ein Wein mit gewaltigen Potential, der Capain schätzt jenes weit höher, als die vom Weingut angegebenen 15 Jahre. Dieser Wein muss in einem Evidence-Sack (CSI) in den Keller gelegt werden. In zwanzig Jahren öffnen. Und schon deswegen so lange am Leben bleiben. So lange leben, umn den Wein in seiner Perfektion zu erleben. Das ist unsere Aufgabe. Die Partei verlangt das.

  • Spätburgunder Kastanienbusch 2005 Großes Gewächs vom VDP-Weingut Dr. Wehrheim (noch mehr Infos: hier) für 44,90 Euro bei Belvini (nicht billig, aber jeden Tropfen wert).

 Der Captain hört: Hier ist der Beweis von Tocotronic



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Kommentare 7

Kommentare

Thomas Faschingeder halb off-topic

gibts in österreich auch weingüter, die den 'doktor' im namen führen? ing hab ich schon gesehen, aber dr ?

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Wolfgang G

so auf die schnelle fällt mir eigentlich nur der Dr. unger ein, ich glaub aus furth... und die haben soviel ich weiß, seitdem die tochter den betrieb übernommen hat, den Dr. aus dem namen gekillt. bei der silvia prieler würde es sich anbieten, aber wir in österreich legen ja keinen wert auf titel... ?!?!

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Thomas Faschingeder

...keinen Wert auf erarbeitete Titel, nur auf verliehene!

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riesling|blog

Freut mich aufrichtig für Wehrheim, dass nun auch seine Roten als Spitzenweine wahrgenommen werden. Ich bin ein großer Freund seiner Weissburgunder (Mandelberg GG ist seit Jahren der für mich feinste deutsche WB), die Rieslinge gehen nicht so an mich - sie teilen damit das Schicksal der meisten Rieslinge aus der Südpfalz.
Was die Evolution der deutschen Rotweine angeht: klar wurden die verlacht, in einer Zeit, als Tinte und Beerenkompott für Komplexität und Ausdruck standen. Dabei wurden bereits seit Anfang der 90er wieder (!) große Rotweine erzeugt (August Kesseler, Huber, Stodden, Paul Fürst, Domäne Assmannshausen, Krone, Dr. Heger, Philippi, Franz Keller).
| http://riesling.blogg.de |

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Matthias Martens (via facebook)

L.O.V.E.

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Stephan Reinhardt (via facebook)

Sage ich doch schon lange, dass Wehrheims roter KB ein grosser, geradliniger, säurefreudiger und stets lebendiger Spätburgunder mit Mut zur Expression ist. Es war im frühen Teil des Jahres 2006, als mir KHW von diesem Wein eine große Vertikale hingestellt hatte: Es wurde eine der eindrücklichsten Spätburgunderproben, die ich je hatte, kein einziger müder oder ästhetisch vermeintlich Burgund nacheifernder (brettverseuchter) Geselle war dabei. (Übrigens stellte er mir bei dieser Gelegenheit auch sämtliche Mandelberg WB hin, ebenso sämtliche Kastanienbusch Rieslinge – und alles war vital, kraftvoll, groß. Wehrheims Weine mögen in der Jugend Krallen haben, aber sie sollen ja auch nicht vorschnell altern. Zudem umrauscht sie Wald, echter grimm'scher Wald mit Wildschweinen und anderem Wild. Er gibt genügend zahme, dropsige Weine für den schnellen Verzehr. Aber bitte nicht Wehrheim. Man bringt sich um den besten Genuss. 5-8 Jahre, egal ob weiß oder rot, sollte man schon warten können, denn erst dann wird Wehrheim zu Wehrheim. Und dann hat er auch nicht mehr sonderlich viele Konkurrenten im trockenen Bereich.

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Mutlu Aslan (via facebook)

bombe darf man nimmer schreiben, daher bitte "mumbenwein" wenn schon...

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