12.01.11 WEINE 6 Einem Freund senden

Weiter Weinkrise: Die spanische Grippe

Neue Keller, alle voll. Was wird aus Spanien?Neue Keller, alle voll. Was wird aus Spanien?

Man hat dem Captain schon viel vorgeworfen. Unter anderem Deutschtümelei. Nun wird der Captain gleich als Spanienkämpfer geehrt werden. Denn er sieht Spanien in einer gigantischen Krise. Und vor allem die spanischen Weinbaubetriebe. Und er findet, das ist eine halbe Tragödie.

Ein Beispiel: Der Weinjournalist Helmut Knall war in Barcelona und hat im Supermarkt eine Flasche guten Rotwein erstanden, der offenbar unter einem seltsamen Etikett auf den Markt gebracht wird. Der Wein heißt "Franquel" und kostet 1,89 Euro. Also nichts. Das Seltsame an diesem Wein aber war, dass er recht passabel schmeckte. Knall beschrieb ihn als: "erstaunlich guter Stoff, richtig süffiger Tischwein, relativ kraftvoll aber sehr trinkig, dunkelbeerig, gut balanciert mit lebendiger frische im Finish, passte wunderbar zu Jamon, Salami & Käse." Das klingt doch sehr gut.

Der Captain sprach danach mit seinem Experten für spanische Weine, einem Händler, der nicht genannt werden will. Den stimmt das eher traurig, denn er sagt: "Hier handelt es sich wahrscheinlich um einen Wein eines anderen Weinguts mit besserer Reputation, der jetzt um den Herstellungspreis losgeschlagen wird. Du brauchst nur auf das ärmliche Etikett zu schauen, das ist wie ein Signal, ein Code. Solche Weine findet man in Spanien jetzt in Massen."

Und es sind ja auch Massen da. Kein anderes Weinland in Europa hat sich in den letzten zwanzig Jahren derart neu erfunden und so perfekt etabliert, wie Spanien. Was mit dem Rioja Roda 1993 begann, fand mit unzähligen sehr hippen und teilweise dramatisch autochthonen Kreationen letztes Jahr ein Ende. Viel zu früh.

Nach Parker-Punkten schielen

Vieles war richtig, doch einiges falsch. Das Schielen nach Parker und seinen Wertungen beispielsweise. Das Speichellecken in seine Richtung mit einer Überbordung autochthoner und neuartiger Kreationen. All das beantwortete Parkers Tester für Spanien mit hohen Wertungen, die sogar manche Burgunder in den Schatten stellten. Doch es hat alles nichts genützt: Viele neue spanische Weingüter stehen vor dem Ruin. Und viele reiche spanische Investoren, oft Latifundisten, denn der Großgrundbesitz ist in Spanien noch immer wirtschaftlich relevant, verlieren die Lust am prestigeträchtigen Weinbau. Zudem auch der Inlandsmarkt zusammenbricht.

Spanien steht also exemplarisch für die Krise im Weinbau. Die an manchen Orten dramatisch ist (unter anderem auch in Teilen Italiens, in Australien und auch in Portugal). Und anderswo (Deutschland, Österreich) in wesentlich geringerem Ausmaß stattfindet. Es ist keine falsche Sicht, wenn man meint, dass man nun eben dem Markt die Rolle überlässt, hier reinigend einzugreifen. Doch im Falle Spaniens verschwinden nach der Bereinigung auch einige sehr tolle Kreationen vom Markt, die gleichzeitig mit dem enormen Aufschwung der spanischen Kulinarik entstanden sind. Das Dilemma wird verschärft, da sich die Konsumenten anderer importierender Weinbauländer zunehmend nationaler Kreszenzen zuwenden.

Ein Blick auf Spanien

Deswegen wird sich der Captain ein paar spanische Weine ansehen, die es in drei Jahren durchaus nicht mehr geben kann. Ohne zu dramatisieren: Der spanische Weinbau fokussiert die größten Veränderungen, die ein Weinbauland seit der österreichischen Krise von 1985 hinnehmen musste. Bei den Österreichern hat dies zu einer Wiedergeburt geführt, die man sich besser nicht vorstellen kann. Bei den Spaniern ist der Ausgang ungewiss. Auch ein Niedergang ist möglich.

Deswegen trinken wir auch gleich einen typischen Vertreter des neuen Spanien, den Aalto 2007 aus der Region Ribera del Duero, die ihre Rebfläche in den letzten zehn Jahren quasi verdoppelt hat. Auch hier wird alles richtig gemacht: Man kultiviert uralte Spitzenlangen, gibt dem Wein ein Jahr länger zur Reife als in anderen Ländern, setzt auf Boden und Region, auf Kraft und Eleganz. Und produziert leider zu viele Flaschen davon, die man jetzt billiger abgeben muss.

In der Nase Kirsche und Brombeere. Und die leichte Säure des Tempranillo (100 %), dann auch Tinte, Graphit, Tabak, etwas Schleifpapier, Oblaten, Bisquit, und auch Gummiabrieb. Also tief und dunkel. Im Mund kräftig mit noch verhaltener Frucht, verträgliche Tannine und eine gute Säurebalance. Der Wein ist eine Fall für den Keller, er wird erst in fünf Jahren so richtig trinkbar sein und dann für richtig viel Glück sorgen. Ob es die Marke dann noch gibt, ist nicht sicher. Gegen diese unsichere Prognose helfen auch die 95 Parker-Punkte nichts.



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Kommentare 6

Kommentare

Bernd Klingenbrunn Schlecht, Zug lässt auf sich warten

Und gerade der Wein wurde vor Wochen in der Metro verramscht. Ich habe 2 Tage an der Flasche rumgenuckelt und fand den extrem langweilig

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mendez

zu früh getrunken

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BerlinKitchen wartet auf Frühling......

Mich langweilen die span. Frucht-Holz-Alkoholbomben auch ungemein. Zur Feier des Tages sollte man einen 1991 López de Heredia-Vina Tondonia Gran Reserva aufmachen.

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Michael Liebert zustimmend...

Im Grunde volle Zustimmung. Man könnte noch ergänzen, dass wir alle diesen extremen Aufschwung des spanischen Weins mitfinanziert haben. Die vielen hippen neuen Weingüter sind mit gewaltigen Zuschüssen der EU gefördert worden. Und viele dieser Projekte waren mehr Hobby. Es fehlte von Anfang an, ein wirtschaftliches Konzept. Jetzt geht den Herrn der Bauwirtschaft das Geld aus, mit den von Dir beschriebenen Folgen... Andererseits wurde in manchen Fällen allerdings auch eine gigantische Überheblichkeit an den Tag gelegt. Da freut es mich durchaus, dass die "Herrn" vom Markt auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden...

Der Aalto ist allerdings ein sehr solides Projekt und ist bestens auf dem Markt positioniert. Der Jahrgang 2007 steht halt ein wenig im Schatten der großen Jahrgänge 2004, 2005 und 2006... 2004 kommt langsam in die Genussphase und der 2007er heute zu einem günstigen Preis gekauft, ist in einigen Jahren auf alle Fälle ein Schnäppchen...

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SinZin

bin mehr ein weissweinfan, egal ob albarino oder lopez de heredia, sind allesamt immer ziemlich eigenständig und solide. die rotweine - modernisten gibts halt überall, in jedem land. da der markus schneider, hier der scheiblhofer, dort als beispiel fonterutoli. alle berechtigt, weil die kunden dafür da sind (waren).

je mehr geniesser ihrem geschmack vertrauen (und nicht parkers oder allein captains) desto schwieriger wirds für diese faserschmeichler. ich finde der markt regelt sich da sicher von selbst.

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Gast Och, gar nicht so schlecht

Also, ich teile die Ansicht des Capitano nicht. Der Bär ist noch lange nicht erlegt und es gibt schon Leutz die das Fell verteilen wollen. Naja ...
Die Zeit wird zeigen was passiert und nicht Leute die schon heute Wissen was morgen passiert. Sicherlich, es wird viel viel Wein produziert in Spanien, aber bisher habe ich mich an Spaniern noch nicht satt getrunken, im Gegenteil!
Meine Stellungnahme: Immer locker bleiben und kühl durch den Wollschlüpfer atmen. Nichts ist so schlimm wie die Posse von morgen.

Prost!

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