"Case Basse" wird man lange suchen müssen auf diesem klassisch verspielten Etikett der 70er Jahre, wo Schnörkel noch Qualität symbolisierten. Dieses Veraltete hebt sich nun gut von den Modeweinen der letzten 20 Jahre ab. Endlich wieder ein alter Wein, ein Handwerkswein, ein Ausnahmewein.
"Riserva" steht drauf. Und "Brunello". "Soldera" dann sehr groß. Das reicht: We proudly present einen der teuersten Brunello, den es gibt. Den Casebasse 2003. Aus einem Hitzejahr. Derzeit gerade noch verfügbar. Der 2004er kommt demnächst. Wird aber schon wieder weg sein. Das Jahr gilt als halbwegs. Besser als 2005 allemal.
2003 ist ein Ausnahmejahr, in dem ein renommierter Sonderling wie Soldera punkten kann, denn er hat sich dem ökologisch korrekten Weinbau verschrieben. Spontanvergärung, keine Schönung, keine Filterung, keine Spritzmittel. Die Devise heißt: Der Natur ihren Lauf lassen.
Besser durch Bio? Authentischer sicher
Dass dies auch schief gehen kann, beweisen die unterschiedlichen Ergebnisse des ökologischen Prestigewinzers Nicholas Joly. Einmal Top, einmal Flop. Doch Joly keltert in einer kalten und feuchten Region, da kann es spannend, aber auch lähmend sein. Soldera werkt in der südlichen Toskana, seine höheren Lagen liegen kaum im Einflussgebiet der Feuchtigkeit von Ombrone und Orcia, der beiden Flüsse der Region. Und wenn Fäulnis droht, dann streut Soldera nur Kupfersulfat, die "Ökomedizin" Nummer 1 (Kupfersulfat und Öko? Darüber sollte man auch mal reden).

Solderas Felder sind von einer Pflanzenvielfalt (Rosmarinsträucher, Olivenbäume, etc.) umgeben, die andere Winzer als geschmacksbeeinflussend ansehen würden. Soldera hält diese Einwände für Unsinn, er will mit der Natur leben.
Der Captain hat erlebt, dass manche Weinenthusiasten ihre erste Fasche Case Basse öffneten und dann vom Inhalt enttäuscht waren. Das hat zwei Gründe. Erstens: Der Casebasse sollte mindestens 10 Jahre im Keller liegen, dann dafür ist diese Riserva ja gemacht. Zweitens: Der Casebasse erfüllt keinerlei Kritierien eines Supertuscan. Wer also Freude durch Kraft erwartet hat muss sich eine Kraft durch Freude einreden. Schluss jetzt mit den Nazispruch-Verballhornungen und den Soldera ins Glas.
Der Glanz des Eleganten
Im Glas ein mittleres Dunkelrot, näher am Cabernet als am Pinot (der Case Basse ist 100 % Sangiovese), dann wenig Schlieren, ein leicht anmutender Wein. Das weist auf eine frühe Ernte hin. Und auf grüne Töne.
Die sind nicht da, die grünen Töne. Ok, der Erste Offizier kann sie schmecken. Gut, dann wollen wir das mal ins Logbuch eintragen: "Grüne Töne, die nur der Erste Offizier schmecken kann". In der Nase eine Vielzahl reifer und gerade eben passierter Früchte: Himbeere, Weichsel, Kirsche. Mehr rote Beeren, kaum schwarze. Dann etwas Minze, ein bisschen Aschenbecher, Heu in der Scheune, Erde, nasser Beton eines Plattenbaus, etwas Tomate, dann etwas mehr Tomate (das heiße Jahr lässt grüßen), Kokosnuss (aha?), Backpulver, kurzer Alkoholstich (13,5 %), dann wieder Säure und Eleganz. Wie gesagt: Wohl früh gelesen.
Im Mund ein sehr eleganter, sehr finessenreicher aber auch komplizierter Wein, der auf der Zunge nicht so schwer wiegt, wie er die Nase zuvor verzaubert hat. Wieder rote Beeren, eine gut eingebundene Säure, keinerlei (!) Holzton (nein, sagt der Erste Offizier, doch ein Holzton, also bitte, dann doch ein Holzton), stark ausgeprägter Terroircharakter (soll heißen: man weiß gleich, wo man zu Hause ist), belgisches Himbeerbier, der Geschmack eines Messers aus Solingen, Kälte, die in Wärme aufgeht. Nach einer Stunde dramatisch vielschichtiger. Nach drei Stunden sehr flach. Am Tag darauf hervorragend. Mehr kann man über die Vielfältigkeit dieses Winzerweins nicht sagen. Außer: Kaufen! Liegen lassen! Trinken ab 2015. Ab und zu in den Keller gehen und streicheln. Gaaanz lieeeeb...
- Brunello di Montalcino Case Basse 2003 von Gianfranco Soldera für 171,00 Euro (ums gleiche Geld auch noch der hervorragende 2001er) bei Enoteca Ronchi (schicken überall hin) und für 225,00 Sfr bei Caratello.
Morgen beim Captain: Ein weiterer italienischer Ausnahmewein und was er nach 10 Jahren noch kann. Eine wirkliche Überraschung.

Hier das legendäre Bestellbuch von Soldera, weiter oben trinkt der "Scheffe" in gemütlicher Runde mit dem Captain und ein paar Matrosen...
Der Captain rät außerdem zu weiteren Weinen der Woche und auch zu anderen italienischen Tropfen.







Die Gläser sind lächerlich, der Chef ist es nicht. 






Absoluter Traumstoff! Ich hatte vor 2 Jahren mal einen 83er Riserva im Glas, gehört mit zum Besten was ich je getrunken habe.
Alles Gute,
Martin "BerlinKitchen"