Da stehen sie nun. Die Flaschen vom Weingut Dötsch-Haupt aus Kobern-Gondorf an der Terrassen-Mosel. Unter anderem mit dem 2007er Koberner Uhlen Riesling Spätlese trocken. Allgemeine Prüfnummer 1 649 097 08 11, also die AP-Nummer, die meistens am Etikett komplett überlesen wird. Normalerweise kümmern mich solche Ziffern wenig, weil ich als Jurist beruflich genug mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu tun habe. Kleingedrucktes möchte ich nach Feierabend lieber ausblenden.
Doch bei diesen Weinen lohnt sich genaueres Hinschauen, denn da stimmt nämlich irgendetwas nicht. Nein, nicht mit dem Wein, sondern mit der AP-Nummer. Ich tauche ein in die Zahlenwelt der deutschen Weinbürokratie und will Antworten.
Boah - Nachhilfe in deutscher Weinbürokratie
Die Allgemeine Prüfnummer (kurz: A.P.-Nr.) gehört zu den langweiligsten Bestandteilen eines deutschen Weinetiketts. Sie ist quasi die lebenslange Steuernummer eines jeden Qualitäts- oder Prädikatsweines, der in Deutschland auf den Markt kommt. Sie besteht in der Regel aus elf Ziffern, gedruckt aufs Etikett. Die erste („1") steht für die Prüfstelle bei der Landwirtschaftskammer (hier Koblenz). Die nächsten drei Ziffern („649") kennzeichnen die Gemeinde, in welcher der Betrieb seinen Sitz hat (also hier Kobern-Gondorf). Die nächsten drei Ziffern („097") sind die Betriebsnummer des Abfüllers (also Weingut Dötsch-Haupt). Ist doch alles ganz einfach - wenn man es weiß.
Die darauf folgenden zwei Ziffern sind die Nummer der Prüfcharge des Abfüllers (hier also Füllung 08). Die werden dann interessant, wenn ein Erzeuger zwei oder mehrere Weine unter ein und derselben Bezeichnung vermarktet. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Manche Erzeuger füllen beispielsweise jedes Gebinde traditionell einzeln ab. Andere bringen einzelne Partien je nach Nachfrage unter unterschiedlichen Bezeichnungen in den Verkehr. Etwa als Kabinett oder als Literschoppen - je nachdem, was gerade gefragt ist. Das ist nicht gerade transparent, aber auch nicht unseriös. Es sei denn, es wird damit Schindluder getrieben. Sonderabfüllungen für Kritiker und Wettbewerbe zum Beispiel, unterscheidbar nur an den AP-Nummern. Aber das ist ein anderes Thema.
Das Zeug kam vier Jahre (!) nach der Lese auf den Markt
Die letzten beiden Ziffern bei der AP-Nummer sind die Jahresangabe. Nicht des Weinjahrgangs, sondern der Prüfung. Bei Weißweinen erwartet man das Lesejahr oder - in der Regel - das Jahr danach. Bei meiner Flasche war das die 11, also erfolgte die Prüfung im Jahr 2011. Und damit kommen wir zu dem Punkt, der mich verstört. Die Prüfung erfolgte im vierten Jahr nach der Lese! Das ist bei trockenen Rieslingen wirklich ungewöhnlich. Also was ist hier los?
Die Lösung: Martin Dötsch ist kein Anhänger des Jugendwahns. Nein, keine Sorge, so alt ist er nun auch wieder nicht. Aber er mag halt keine unterentwickelten und trinkunfertigen Weine. Er mag seine Weine, die außer einer neutralen Reinzuchthefe und reichlich Schwefel keine weiteren Zusatzstoffe enthalten. Keine Kohle, keine Enzyme, kein Bentonit und schon gar keine Mittelchen aus Frankensteins Labor. Dafür liegen sie gerne jahrelang im Edelstahltank auf der Feinhefe. Das sind die leichten Trübstoffe, die nach dem ersten Fassabstich nach Ende der Gärung im Jungwein bleiben, bis dieser vor der Füllung in aller Regel sterilfiltriert wird. Was im Falle des oben erwähnten Weines fast vier Jahre (!) gedauert hat.
Frischmaat Golenia kapituliert
Das Ergebnis sind Weine, die polarisieren. „Dötsch-Wein mag man - oder eben nicht", urteilt Weinkritiker Wolfgang Fassbender im Eichelmann 2006. Und Frischmaat Golenia klinkt sich spätenstens nach der dritten Flasche von Dötsch-Haupt aus. "Übernimm Du den!", war seine persönliche Kapitulation vor diesem Stil. Ich erwarte nun den ultimativen Rock'n'Roll des Moselweins!
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Besten Dank für diesen Artikel. Dötsch-Haupt hatte ich bis jetzt nocht nicht verkostet. Ein für mich bisher unbeschriebenes Blatt aus dieser Gegend. Bitte mehr Artikel mit diesem Informationsgehalt!