24.06.11 MEINUNG 13 Einem Freund senden

Würtzig: keine falsche Scheu

Das Weingut Weegmüller. Bitte mal das Unkraut vorne wegmachen! (Fotos: www.weinkaiser.de und www.weegmueller-weine.de)Das Weingut Weegmüller. Bitte mal das Unkraut vorne wegmachen! (Fotos: www.weinkaiser.de und www.weegmueller-weine.de)

Sauvignon Blanc ist im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Die ganze Welt trinkt ihn, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich finde das gut, ich mag das Zeug auch. Insbesondere wenn es grasig und grün ist und aus Südafrika kommt. Ich muss nur rein riechen und schwelge in Erinnerungen an das Kap.

Mit Sauvignon Blanc, der aus Deutschland kommt, habe ich dagegen so meine Probleme. Sicher, es gibt ganz gute Vertreter dieser Gattung, aber das meiste, was ich bisher getrunken habe, fand ich eher belanglos und untypisch. Ich gebe es gerne zu, ich bin nicht objektiv. Warum auch? Ich habe eine ganz bestimmte Vorstellung vom Geruch und Geschmack eines Sauvignons. Und die wird - zumindest in Deutschland - in den seltensten Fällen erfüllt.

Natürlich gibt es sie, die guten und typischen Sauvignons aus Deutschland - keine Frage. Aber warum sollte ich mich für diese Weine interessieren? Ich trinke Riesling, Silvaner, Weissburgunder und im Zweifel auch Müller-Thurgau. Alles das, was wir können - gut können!

Es ist Fakt, dass immer mehr deutsche Winzer Sauvignon Blanc anbauen. Manche „Experten" reden gar von der Rebsorte der Zukunft. Von wegen Klimawandel und so. Alles Quatsch. Unsere Leitrebsorte ist und bleibt der Riesling. Sollte sich irgendwann einmal das Klima tatsächlich ganz drastisch verändern, dann wird der Riesling eben anders schmecken. Alles halb so wild. Das gab es schon immer. Vor einhundert Jahren war das typische Geschmacksbild des Rieslings ganz anders. Woher ich das weiss? Ganz einfach: ich hatte das große Glück schon einige dieser Weine trinken zu dürfen.

Riesling ist Deutschland und Deutschland ist Riesling. Auf der königlichsten aller Rebsorten beruht unsere Reputation. Riesling ist DAS Alleinstellungsmerkmal des deutschen Weinbaus. Wie um Himmels Willen, sollen wir mit Sauvignon Blanc eine derartige Reputation aufbauen? Sollen wir jetzt über einhundert Jahre Arbeit und „Markenbildung" über Bord werfen, nur weil einige selbsternannte Trendsetter glauben, den deutschen Weinbau missionieren zu wollen. Da wird mit offenbar hellseherischen Fähigkeiten der Rebenstandort Deutschland mal eben für die kommenden Generationen umstrukturiert. Ich halte das für unnötig, bedenklich und gefährlich. Sauvignon Blanc ist eine Mode und keine Notwendigkeit zum Überleben. Sauvignon Blanc kann (wenn überhaupt) nur eine Sortimentsabrundung darstellen. Und selbst da bin ich skeptisch. Schließlich haben wir ja auch noch die Scheurebe. Eine dankbare Rebsorte, die - macht man alles richtig - dem Sauvignon Blanc geschmacklich sehr nahe kommt.

Ein solcher Vertreter, nahezu in Perfektion, ist die Scheurebe vom Weingut Weegmüller in Haardt in der Pfalz. Frisch, knackig und präzise. Nicht aufdringlich und immer auf der Höhe. So wie die Weegmüller-Mädels, die das Weingut managen. Allen voran die Chefin, Steffi Weegmüller. Eine gestandene Winzerin, eine Bilderbuch-Pfälzerin, immer authentisch, immer geradeaus. Ihre Scheurebe ist Jahr für Jahr herausragend. Die 2010er geradezu phänomenal! Und für ganz wenig Geld. Übrigens: die Frau kann tanzen wie einst Olivia Newton John. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, ich habe gerade kürzlich den John Travolta dazu gegeben.

  • Scheurebe 2010 vom Weingut Weegmüller für 8,00 Euro ab Hof

Für das Protokoll: Die Scheurebe ist übrigens die einzige entnazifizierte Rebsorte. Urspünglich sollte sie „Scheus Liebling" heißen. Ein Name, der gerade in unserer Gegend und in unserem Dialekt unglücklich gewesen wäre. Das „eu" spricht man in Reinhessen und in der Pfalz meistens als „ei". Also beschloss man sie „Dr. Wagner Rebe" zu nennen. Wagner war Reichsbauernführer. Nach dem Krieg hieß sie dann zunächst „Sämling 88" (das ist die ursprüngliche Bezeichnung), bis man sich dazu durchrang, sie dann doch nach ihrem Züchter Georg Scheu zu benennen.

Unser Rettungslotse Dirk Würtz ist Weinmacher und der führende deutsche Weinblogger. Dieser Artikel erscheint auch hier.



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Kommentare 13

Kommentare

pivu

Da würd' ich schon differenzieren wollen: Deutschland ist nicht gleich Deutschland und nicht überall gilt Riesling als die Leitsorte. Im Württembergischen z.B. gab's schon immer Muskat-Sylvaner und genau dort wachsen einige der ganz ganz wenigen empfehlenswerten Sauvignons aus D (Beurer, Schnaitmann). Ebenso gefallen mir die Ergebnisse von von Winning in der Pfalz. Das war's aber auch schon.

Der momentane Sauvignon-Boom ist eindeutig dem kommerziellen Erfolg geschuldet und dagegen ist nichts einzuwenden. Deutscher Sauvignon (wie auch die Scheu) lebt von seiner Aromatik und kaum von seinem Boden. Wer wirklich klassisch-mineralische Sauvignons sucht, ist an der oberen Loire, tw. im Bordelais oder bei einigen Steirern bei Leutschach besser aufgehoben.

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Iris Rutz-Rudel (via Facebook)

wie soll man das jetzt verstehen: ist die geheime Botschaft, dass jetzt der Rettungslotse Dirk Würtz das Steuer bei CaptainCork übernimmt;-)? Das wäre ja ein chter scoop nach dem Vinocamp Deutschland;-)...

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Dirk Würtz (via Facebook)

@Iris Ganz sicher nicht! Das ist so wie bereits zweimal zuvor unter Klimek passiert. Ich poste etwas und das Ganze kommt dann auch bei "CC".

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Iris Rutz-Rudel (via Facebook)

Dirk - hast ja die Zwinker wohl auch gesehen (und liest sie jetzt,wo wir uns live auf dem Vinocamp Deutschland gesehen haben, hoffentlich auch immer mit, wenn sie auftauchen).

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Dirk Würtz ...Bandscheiben geschädigt

@Pivu Ich sehe das anders. Für mich ist Deutschland Riesling, auch wenn es regional nicht überall gleich ist, in der Summe und in der Wahrnehmung ist es für mich so! Und wir tun gut daran, daran nicht zu kratzen. Das war schon schwierig genug...

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pivu

und das ist genau das problem einiger regionen, wenn sie zugunsten des rieslings teile ihrer identität aufgeben.

darüber hinaus ist ahr wohl eher spätburgunder, baden burgunder allgemein und württemberg trollinger. diese traditionen sollten weiter gepflegt werden als dort den besseren riesling machen zu wollen. franken scheint's langsam zu kapieren mit ihrem silvaner.

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Dirk Würtz

@Pivu
Das will dioch auch keiner. Es lebe die Vielfalt, auch die Vielfalt der einzelnen wichtigen Rebsorten. Franken ist Silvaner, klar. Aber eben auch Riesling. Und Baden ist auch Riesling und an der Ahr gibt es auch welchen. Wo gibt denn da einer seine Identität für den Riesling auf??? Kann ich nicht sehen. Ich habe eher das Gefühl, dass einige für den SB ihre Identität aufgeben!
Und Fakt ist auch, dass wir gerade international am Riesling gemessen werden. In Skandinavien interessiert deutschen SB niemanden, in den USA auch nicht und schon gar nicht in Asien. Warum auch.

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pivu

also komm, diejenigen die wirklich guten riesling machen, opfern nicht die besten lagen für den sauvignon. im gegenteil, der wird vermehrt dort ausgepflanzt, wo früher kartoffeln geerntet wurden!

ich probier's nochmal, deutschland ist nicht gleich deutschland, wie ich oben geschrieben habe. deutschland macht genügend guten wein, um nicht nur als deutschland wahrgenommen zu werden. mosel oder rheingau genießen mitunter höhere reputation als deutschland. diese regionalität mit lokalen spezialitäten (wie z.B. Württemberger Sauvignon blanc) sollte gefördert werden. schau' nach in frankreich, schau nach in österreich, die machen's genauso, mit erfolg. d ist eben nicht vergleichbar mit südafrika, wo's überall das gleiche gibt.

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Gast

Auf der (eigenwilligen) homepage des Gutes wird die Scheurebe nicht als trocken bezeichnet, sondern ihr ein "trockenes Geschmacksbild" bescheinigt - d.h. sie hat mehr als 8 gr RZ. Wirkt sie dadurch nicht ziemlich gefällig und unpräzise?

Lässt sich etwas zu den Rieslingen von Weegmüller sagen (habe das Gut seit Jahren aus den Augen verloren - wer nicht im VdP und im Handel kaum verbreitet ist bzw. keine Internet-Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermag, wird halt leicht unsichtbar)?

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Dirk Würtz

@Gast
"Eigenwillig" ist das falsche Wort. Die Seite ist gruselig... Die Scheu ist alles andere als unpräzise: Isch schwör ;)
In der Tat sind die Weegmüller-Weine LEIDER nicht so im Focus, was sehr, sehr schade ist. Ich mag nicht nur die Chefin, ich mag auch die Weine. Und ich kann trennen und würde es sagen, wenn die Weine nix wären. Ich mag veinige Winzer, aber deren Weine nicht... nDie Riesling, insbesondere der "Herrenletten" sind ganz große klasse. Sie hat auch eine Grünen Veltliner, der sich vor keinem verstecken muss. Und wer es einmal ganz anders mag, dem empfehle ich das "Cuvée Fleur". Ein gemischter Satz mit Restzucker. Ganz klar sind aber die Rieslinge meine Favoriten. Man darf nie vergessen, dass Weegmüllers nicht nur baulich Nachbarn von Müller-Cartoir sind... Das Preisgefüge ist halt ein anderes!

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Dirk Würtz (via Facebook)

Und ich bin nicht der König der Weinblogger...eher der Hofnarr...

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Gast

Gratulation an das Schiff. Dirk Würtz ist ein würdiger Nachfolger für den Captain!

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Tim

Ich muss Dirk Würtz definitiv zustimmen, was die Internationale Reputation angeht. Diese Woche auf der VinExpo in Bordeaux gabs bei der vom DWI (leider relativ chaotischen) Weinprobe für die Öffentlichkeit nach einem Lemberger, einem Spätburgunder als 3. Wein einen Sauvignon bl., der trotz 6g/l RZ eher nach halbtrocken schmeckte. Ich denke, der allgemeine Händler würde sich danach recht schnell wieder auf die "altbekannten" Länder konzentrieren, wenn er denn S.Bl. sucht. Die letzten 3 Weine in der Probe waren zum Glück wieder trockene Rieslinge. Allerdings störte mich die allgemeine Präsentation sehr. Die Moderatorin erwähnte, dass in Deutschland jetzt sogar Cabernet Sauvignon angebaut wird, dass ein G-Max sogar für über 100 Euro verkauft wird, bei dem 1. Riesling in der Probe von der Hessischen Bergstraße die Chefin erst 26 ist, bei dieser Probe kein Süßwein ausgeschenkt wird, denn süßen Riesling kenne ja schon jeder, außerdem sei das Etikett heutzutage nicht mehr so kompliziert zu lesen, wie früher, da viele (aber nicht alle) schon auf einen Teil der Lagen- oder Prädikatsbezeichnungen verzichten.
Meiner Erfahrung nach mit internationalen Kunden in Asien und mit französischen oenologie Kommilitonen ist die Begeisterung für trockene Rieslinge, die es in Deutschland gibt bei weitem noch nicht ausreichend in die Weinwelt vorgedrungen. Deutscher Wein gilt bei Gelegenheitstrinkern sowie offenen Oeno Studenten weiterhin als süß. Hugh Johnson schreibt in seinem Weinatlas über Deutschland :" Deutschlands Weine sind die am meisten missverstandenen der Welt"
Ich denke, man muss sich, ähnlich wie es Dirk Würtz vorschlägt, ganz klar fokussieren und ganz besonders auf international wichtigen Weinmessen nicht als komplizierten Gemischtwarenladen anpreisen und andere Länder kopieren (schaut her, wir können das auch) sondern die Stärken, die kein anderes Weinland weltweit hat glasklar hervorheben.

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